30. Die Deutschnationale Sache in Österreich Die parlamentarische Vertretung der Deutschen
Immer weniger ist bei uns die Budgetdebatte das, was sie nach einer alten Gewohnheit in Österreich sein will und sein soll: ein getreues Abbild der im Staate herrschenden Anschauungen, der mannigfaltigen politischen, nationalen und wirtschaftlichen Kräfte. Heuer mehr denn je mußten wir den Mangel großer politischer Ideen bei unseren Parteien und das Verbergen dieses Mangels durch die ausschließliche Ausgabe politischen Kleingeldes beklagen. Am schlimmsten sind dabei wir Deutsche daran. Während unsere Gegner im Besitze der Macht sind und so ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen wissen, auch ohne daß sie dieselben auf gediegene politische Prinzipien stützen, sind wir darauf angewiesen, durch die Art, wie wir unsere Sache vertreten, uns den uns gebührenden Einfluß zu verschaffen.
Die Deutschen in Österreich haben eben in der letzten Zeit ein eigentümliches Schicksal erfahren. Die Zeit ist noch nicht so weit hinter uns, in der es eine nationaldeutsche Partei so gut wie nicht gab. Die Deutschen sannen, so lange die Leitung des Staates in ihren Händen war, ein abstraktes Staatsideal aus, dem einfach die liberale Schablone zugrunde lag. Über die tatsächlichen Verhältnisse sah man dabei hinweg. Man glaubte, man könne den Volksgeist nach der Idee richten, und vergaß, daß die leitende Staatsraison vielmehr umgekehrt dem Volksgeiste entspringen müsse. Von einer Bevorzugung des deutschen Elements konnte dabei schon deshalb nicht die Rede sein, weil man an eine Volksindividualität überhaupt nicht dachte. Sprach ja ein Abgeordneter damals sogar davon, für den österreichischen Staat sei die deutsche und überhaupt jede bestehende Nationalität ohne Bedeutung, derselbe müsse sich eine rein österreichische Nationalität(!) heranziehen. Als aber die Regierung in andere Hände überging, da mußte denn das deutsche Volk bald finden, daß der Liberalismus nicht die geeignete Wafle sein könne, um dem Ansturm von allen Seiten wirksam zu begegnen. Es mußte der nationale Gedanke zu Hilfe gerufen werden, von dem eben sehr wenig in die Grundsätze der liberalen Partei eingeflossen war. Man mißverstehe uns nicht. Wir wollen nicht in den Fehler vieler unserer jüngeren Politiker verfallen, die am liebsten die Bedeutung dieser Partei ganz hinwegleugneten. Wir verkennen nicht, welche Summe von Geist in dieser Partei ruht, wir wissen ganz gut, daß die sachliche Arbeit des Parlaments zumeist von ihr besorgt wird; aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie die Kulturmission, die dem deutschen Volke in Österreich obliegt, nie begriffen hat. Um nur eines anzuführen: wie kläglich ist es, wenn für die deutsche Staatssprache immer und immer wieder nichts anderes als reine Nützlichkeitsgründe (für den amtlichen Verkehr usw.) vorgebracht werden. Für den Umstand, daß die nicht-deutschen Völker Österreichs, um zu jener Bildungshöhe zu kommen, die eine notwendige Forderung der Neuzeit ist, das in sich aufnehmen müssen, was deutscher Geist und deutsche Arbeit geschaffen haben, und daß die Bildungshöhe eines Volkes in keiner andern als in der Sprache des betreffenden Volkes erreicht werden kann, dafür fehlt dieser Partei das Verständnis. Was keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft. Wenn die Völker Österreichs wetteifern wollen mit den Deutschen, dann müssen sie vor allem den Entwicklungsprozeß nachholen, den jene durchgemacht haben, sie müssen sich die deutsche Kultur in deutscher Sprache ebenso aneignen, wie es die Römer mit der griechischen Bildung in griechischer, die Deutschen mit der lateinischen in lateinischer Sprache getan haben. Der aus der Geschichte mit Notwendigkeit sich ergebende Entwicklungsprozeß der Volker sollte die Gesichtspunkte abgeben, von denen aus zum Beispiel der Kampf um die Errichtung slavischer Bildungsstätten geführt wird. Wie kleinlich sind diese Kämpfe aber oft von der liberalen Partei geführt worden! Die Liberalen betrachteten eben die nationale Sache nur als das Mittel zur Beförderung des Liberalismus. Das zwang das deutsche Volk dazu, eine Partei zu bilden, bei der der nationale Gedanke obenan stand, die ihre ganze Kraft in der Wurzel des Volkstums suchte. Groß waren die Hoffnungen, die wir alle auf die Männer setzten, die als Verkörperung dieses Gedankens in das Abgeordnetenhaus einzogen und den Deutschen Klub bildeten. Jetzt muß, so dachten wir, es sich einmal zeigen, was der Deutsche vermag, wenn er sich ganz auf sein Deutschtum, aber auch nur auf dieses stützt. Und wer konnte zweifeln, daß dies Vermögen ein großes sein werde, wenn es nur in der rechten Weise zum Ausdruck kommt? Wenn wir uns aber jetzt, nachdem die Vertreter dieses Gedankens eine Reihe von Jahren Gelegenheit gehabt hätten, ihre Kraft zu zeigen, fragen: entspricht der Erfolg auch nur einigermaßen unseren Erwartungen?, so müssen wir antworten: nein, entschieden nicht. Der Grund dieser Erscheinung ist darin zu suchen, daß mit den Männern nicht zugleich die deutsche Idee in das Parlament eingezogen ist. Wäre sie das, dann hätten sich ihre Vertreter, nachdem sie sich einmal zu einem engeren Verbande geeinigt, nicht so leichten Herzens wieder trennen dürfen. Die deutsche Idee in ihrer wahren Gestalt muß sich stark genug erweisen, um alle persönlichen Sonderinteressen, ja auch um alle untergeordneten politischen Interessen, endlich um die oft kleinlichen Interessen bestimmter Wahlkreise in den Hintergrund zu drängen. Daß sie es beim Deutschen Klub nicht vermochte, zeigt einfach, daß die dort vertretene Gestalt derselben nicht die rechte war. Und wo ist sie denn im Hause auch je ausgesprochen worden, wo eine bedeutendere Staatsaktion in ihren Gesichtswinkel gerückt worden? Wir haben zum Beispiel auf den Abgeordneten Steinwender die größten Hoffnungen gesetzt. Wann hat er sie erfüllt? Man verweist uns auf den Fall Pino. Was da Steinwender getan, mag recht verdienstlich sein: eine nationale Tat war es nicht; für die nationale Sache war es sogar ganz gleichgültig. Ja, uns scheint, als wenn gar vieles, was dieser Abgeordnete vorbringt, überallhin, nur nicht ins Parlament gehörte. Ein gleiches gilt von der bekanntesten Aktion des Abgeordneten Pernerstorfer, von dessen Krankenhausgeschichte. Wir haben das männliche Auftreten dieses Abgeordneten auch sonst oft bewundert; die höchsten nationalen Interessen der Deutschen hat aber auch er kaum je gestreift. Knotz behandelt die nationale Frage, als wenn die böhmische Statthalterei der einzige Punkt wäre, der hierbei in Frage kommt. Das ist nach unserer Ansicht denn doch nicht nationale Politik, das ist einfach Kirchturmpolitik, und daß damit das herrschende System nicht wankend gemacht werden kann, darüber braucht man sich gar nicht zu wundern. Wir fanden es am Deutschen Klub vom Anfang an nicht glücklich, daß er sich, statt auf die positive nationale Idee fast auf lauter Negationen stützte. Man verlegte sich viel zu sehr auf die Bekämpfung der vorher gemachten Fehler, statt die Sache selbst besser zu machen. Die Bekämpfung des Andersdenkenden wurde nach und nach zur Hauptsache, und das Verfechten eigener Gedanken trat in den Hintergrund. Statt in dem, was man gemeinsam hat, sich zu vereinigen und sich mit den Sonderinteressen innerhalb des durch eine große Sache notwendig gemachten Rahmens zu bewegen, ließ man sich durch Gegensätze, die mit der Hauptsache gar nichts zu tun hatten, möglichst weit auseinandertreiben.
Wir haben heute Herbstianer, Plenerianer, Sturmianer, Steinwendianer, Schönerianer usw., die alle wohl wissen, was sie trennt, die aber gar nicht beachten, was sie eint. Das kommt daher, weil man es durchaus nicht versteht, die persönlichen den sachlichen Interessen unterzuordnen. Man weiß nicht, daß man ein Staatsmann nicht wird durch die Aufstellung von rein subjektiven, willkürlichen Ansichten, sondern dadurch, daß man sich in den Dienst einer großen Idee stellt, die wohl geeignet ist, die Zeit zu beherrschen. Der Mann hat der Idee, nicht die Idee dem Manne zu dienen. Sonst wird man einfach von der geschichtlichen Entwicklung als eine Null hinweggefegt, denn zuletzt erweisen sich die Ideen doch immer stärker als die Menschen. Der deutschen Partei fehlt jener große Zug, der allein auf den Gegner die rechte Wirkung ausüben könnte. Leider fehlt es uns dazu auch noch an einer publizistischen Vertretung der nationalen Sache in dem angedeuteten Sinne. Außer den schwachen Mitteln, mit denen wir uns der Sache widmen, ist heute kein Organ, das in dieser Richtung wirkte. Gerade aber ein Journal, das allen parlamentarischen Parteien gegenüber unabhängig dasteht, könnte der Sache am meisten nützen. Ein solches, ja nur ein solches könnte sich eine ungebundene Kritik aller Parteien erlauben.