31. Die Deutschnationale Sache in Österreich Die deutschen Klerikalen und ihre Freunde

Von deutschnationaler Seite ist in letzterer Zeit vielfach die Ansicht ausgesprochen worden, man solle sich mit den klerikalen Deutschen verständigen, um mit ihnen da, wo nationale Fragen in Betracht kommen, gegen die slavischen Gegner gemeinsam vorzugehen. Man hielt sich dabei die Parteibildung eben dieser Gegner vor Augen, bei denen ja auch starke politische und religiöse Gegensätze durch das Band gemeinsamer Nationalität zusammengehalten werden. Sollte die Ansicht weitere Verbreitung gewinnen, daß wir uns im Kampfe um unsere nationale Sache der Kampfesweise unserer nationalen Gegner bedienen sollen, so erschiene uns das denn doch sehr bedenklich. Denn es würde zeigen, wie wenig noch der tiefe Gegensatz erfaßt wird, der zwischen der nationalen Idee der deutschen und jener der nichtdeutschen Nationalitäten in Cisleithanien besteht.

Die Deutschen kämpfen für eine Kulturaufgabe, die ihnen durch ihre nationale Entwicklung aufgegeben wurde, und was ihnen in diesem Kampfe gegenübersteht, ist nationaler Chauvinismus. Nicht unser liebes nationales Ich, nicht den Namen, der uns durch den Zufall der Geburt zuteil geworden ist, haben wir zu verteidigen, sondern den Inhalt, der mit diesem Ich verknüpft, der mit diesem Namen ausgedrückt ist. Nicht als was wir geboren sind, wollen wir uns unseren Gegnern gegenüberstellen, sondern als das, was wir im Verlauf einer vielhundertjährigen Entwicklung geworden sind. Was haben uns unsere Gegner gegenüberzusetzen? Nichts, als daß sie auch eine Nation sind. Das leere nationale «Ich», das möglichst anspruchsvoll auftritt und dabei nichts für sich vorbringt, als daß es da ist. Das ist so ganz das Kennzeichen des Chauvinismus, wie ihn das deutsche Volk nie gekannt hat. Was verschlägt es diesem bornierten nationalen Ich, das nur seine eigene Leerheit möglichst geltend machen und dabei von der ganzen Welt nichts wissen will, wenn es sich mit Parteien verbündet, die die Errungenschaften unserer europäischen Kultur der letzten Jahrhunderte am liebsten vernichten möchten? Es kommt ja bei den nur nationalen Parteien nicht darauf an, wie das nationale Selbst existiert, ob es auf der Bildungshöhe der Zeit steht oder nicht, es kommt nur darauf an, daß es für seine Nichtigkeit möglichst viel Raum, für seine geistige Unfruchtbarkeit die möglichste Geltung hat. Wer wird sich den Deutschen anschließen, sagen die Slovenen, wenn sie zur Bedingung machen, daß wir uns der durch sie erreichten Bildungshöhe nicht verschließen und in ihrer Bildung eine Schranke für unsere nationale Eigenart aufstellen sollen? Da sind uns die Klerikalen bequemer, die nichts verlangen denn Unterwerfung unter die Kirche, unseren nationalen Prätensionen dabei aber völlig freien Spielraum lassen.

Die Feindseligkeit der slavischen Nationen gegenüber der deutschen Bildung fällt zusammen mit der Feindseligkeit, mit der die römische Kirche der hauptsächlich von den Deutschen getragenen modernen Kultur sich entgegenstemmt. Nur wer den Boden geschichtlicher Betrachtung nie betreten, kann sich einer Täuschung darüber hingeben, daß es eine Versöhnung zwischen deutschem Wesen, deutscher Kultur und römischer Kirche gibt. Mögen die Verhältnisse immerhin notwendig machen, daß in gewissen Zeiten Waffenstillstände eintreten, stets werden die Gegensätze die Waflen wieder schärfen. Der tiefe Zug des deutschen Wesens wird es nie unterlassen, mit seiner Kultur zugleich die religiöse Mission aus seinem eigenen Innern hervorzubringen. Ja, man möchte sagen, alles, was der Deutsche tut, hat das tief religiöse Gepräge, das in seinem Charakter liegt, und das sich mächtig aufbäumt, wenn von außen her seinem Gewissen, seinem Herzen die Richtung vorgezeichnet werden soll. Der Deutsche tritt stets als Totalität auf, und wie seine übrige Bildung es ist, so will er auch, daß seine religiöse Überzeugung aus seinem eigenen Innern entspringt. Der Deutsche kann keine internationale Religion brauchen, er versteht nur seine Nationalreligion. Das ist der Grund, warum der Deutsche immer und immer wieder gegen die Fesseln Roms protestiert. Man glaube nur nicht, daß dieser Geist des Protestes nur bei den Protestanten, Deutschkatholiken und Altkatholiken lebt, er besteht bei allen aufgeklärten Deutschen, wenn er auch äußerlich nicht zur Schau getragen wird. Denn es ist der Protest des deutschen Herzens gegen fremdes Wesen. Nur wem das Deutschtum gleichgültig geworden, zum leeren Namen herabgesunken ist, der kann sich ganz in den Dienst dieses fremden Wesens stellen. Da nützt es nichts, wenn bäuerliche Abgeordnete sich von Zeit zu Zeit ihrer deutschen Abstammung erinnern, wenn sie dabei keine Ahnung haben von den geistigen Banden, die jeden echten Deutschen mit seinem Volke verbinden. Mit einer solchen Partei ist ein Zusammengehen nicht möglich, solange wir uns selbst nicht verlieren wollen, solange wir das nicht aufgeben wollen, wodurch wir ganz allein verdienen, den deutschen Namen zu tragen. Wir wollen, was wir erreichen, nicht durch faule Kompromisse, wir wollen es ganz allein im Zeichen der deutschen Idee erreichen. Wir wollen unsere hundertjährigen Traditionen nicht aufgeben, wir wollen nicht unserer ganzen nationalen Entwicklung ins Gesicht schlagen, um im Verein mit einer aus geborenen Deutschen bestehenden undeutschen Partei ein paar fragwürdige Konzessionen von einer Regierung zu erringen, die nach ihrem eigenen Ausspruche auch ohne die Deutschen regieren kann. So sehr aber die Idee eines solchen Zusammenlebens einer gesunden Entwicklung des deutschen Parteilebens und unserer nationalen Organisation widerspricht, sie scheint doch in fortwährender Verbreitung begriffen zu sein. Der Weg, der für unsere nationalen Gegner recht fruchtbringend sein mag, der Weg, durch gegenseitige Zugeständnisse für jeden einzelnen möglichst viel herauszuschlagen, kann uns Deutschen nimmer frommen. Denn es kann ja keinem, der die Verhältnisse bei uns objektiv erwägt, zweifelhaft sein, daß die politische Basis, auf der die Regierung des Grafen Taaffe ruht, für die Aufgaben des deutschen Volkes nie ein Verständnis haben kann. Glaubt man denn, daß ein wirkliches Regierungsprogramm ohne die Deutschen in Österreich gemacht werden kann? Es gibt eben ein zweifaches Regieren. Ein solches mit einem politischen Programm, das den Verhältnissen die Richtung vorzeichnet, und ein solches von Fall zu Fall, das sich durch diplomatische Benützung der sich gerade darbietenden politischen Konstellationen um jeden Preis an der Oberfläche erhalten will. Was man im gewöhnlichen Leben einen Politiker nennt, der ist entschieden auch für das Regieren im letzteren Sinne. Und Graf Taaffe ist in diesem Sinne ein nicht unbedeutender Politiker. Und weil er es ist, und weil seiner äußeren Regierungskunst die Deutschen nur ungenügenden Widerstand entgegenzusetzen vermögen, daher ihre erbärmliche Lage. Es fällt uns nicht ein, den Deutschen zuzumuten, daß sie die Regungen ihres Herzens für die Kunst des Diplomatisierens hingeben, aber ein wenig mehr politischer Sinn täte wohl not. Wir müssen vor allem wissen, welche Parteien mit uns gemeinsame Sache machen können, und uns nicht wesenlosen politischen Chimären hingeben. In der Abwendung der nichtdeutschen Nationalitäten Österreichs von der deutschen Bildung liegt so viel, was den Klerikalen gelegen kommt, daß an ein Abschwenken der letzteren nicht zu denken ist.

Das «Sich-ober-Wasser-halten» durch Diplomatenkünste ohne leitenden Staatsgedanken kann ja doch nicht ohne Ende sein; was nicht getragen ist von innerer Notwendigkeit, son- dern nur von dem Ehrgeize, das muß sich selbst auflösen. Es tauchen immer wieder Gerüchte von der Ausarbeitung eines Reichs-Volksschulgesetzes durch das Unterrichtsministerium auf, das so sein soll, daß Fürst Liechtenstein auf seinen Antrag mit gutem Gewissen verzichten kann. Dazu muß sich Herr v. Gautsch verstehen, der noch vor kurzem in der selbstbewußtesten Sprache jeden Einfluß von links und rechts zurückwies. Bestimmtes Wollen wird ja in diesem Regime bald gebrochen, und Männer aus demselben, die noch im vorigen Jahre durch ihre Energie imponiert haben, sind heute bereits ziemlich farblos geworden. Den Deutschen obliegt es, in der Zwischenzeit an ihrer nationalen Organisation zu arbeiten, falschen Freuden die Tür zu weisen und gegen faule Kompromisse, wenn solche innerhalb ihrer eigenen Partei vertreten werden, Protest zu erheben.

German original of The German National Cause in Austria The German Clerics and Their Friends · ← Previous · Next →