32. Das Deutsche Unterrichtswesen (In Österreich) und Herr von Gautsch

An den durch den klerikalen Ansturm gegen die Volksschule, sowie durch einige Regierungsmaßregeln wieder in Fluß gekommenen öffentlichen Diskussionen über unser Unterrichtswesen kann man so recht die vollständige Einsichtslosigkeit und Oberflächlichkeit ersehen, die in der Beurteilung von Fragen der Volkserziehung zutage tritt. Nirgends fast ist ein Bewußtsein davon vorhanden, worauf es hiebei ankommt. Was die Publizistik betrifft, so ist Gründlichkeit ja in keiner Sache eine sie auszeichnende Eigenschaft, aber so dilettantenhaft wie dem Unterrichtswesen stehen die Vertreter unserer öffentlichen Meinung wohl kaum einer Angelegenheit gegenüber. Aber auch im Parlamente bekommen wir kaum ei» den Nagel auf den Kopf treffendes Wort zu hören, wenn von Schule und Schulgesetzgebung die Rede ist. Und diesem Mangel an tieferem Verständnis der Sache ist es zuzuschreiben, wenn unser Schulwesen, auf das seit zwei Dezennien so viel guter Wille von Seite der gesetzgebenden Faktoren angewandt worden ist, sich heute keineswegs in Bahnen bewegt, die vom pädagogisch-didaktischen Standpunkte aus betrachtet befriedigen können. Am entschiedensten aber mußte man die Irrtümer, in denen sich die öffentliche Meinung in dieser Richtung befindet, an der Aufnahme ersehen, die das Wirken des gegenwärtigen Unterrichtsministers gefunden hat. Bald nach den ersten Kundgebungen des Herrn von Gautsch konnte man von allen Seiten laute Stimmen der Befriedigung darüber vernehmen, daß nun ein tatkräftiger Mann das Unterrichtswesen lenke, der unbeirrt von links und rechts rein nach Maßgabe sachlicher Erwägungen die Regierung führen werde. Man bewunderte die Energie, mit der er zu Werke ging. Eine Verordnung löste die andere ab. Dieser Erscheinung lag ein Doppeltes zu Grund: erstens das allgemeine Gefühl, daß es in unserem Unterrichtswesen sehr viel zu bessern gibt, und daß uns ein «Mann der Tat» nottut, zweitens aber der Wunsch, in dem sich heute fast alle die verschiedenen Parteigruppen der Deutschen vereinigen: die gegenwärtige Regierung durch ein Beamtenministerium ersetzt zu sehen. In Herrn von Gautsch sah man ungefähr einen Mann jener Tendenzen, mit denen man am liebsten auch alle anderen Ministerstühle besetzt haben möchte. Es hat die Ansicht allgemein um sich gegriffen, daß es unter den heutigen Verhältnissen unmöglich sei, aus irgendeiner Partei ein Ministerium zu bilden. Die in nationaler Beziehung farblose Bürokratie hält man einzig für geeignet, in der nächsten Zeit die Regierung zu führen, ja man hält sie für die einzige Rettung. Nun ist ja nicht zu leugnen, daß ein solches reines Verwaltungsministerium, das jede Initiative in politischen und nationalen Dingen dem Parlamente überläßt, wenig schaden kann, weil es in der Regel eigentlich nicht regiert, sondern von Verhältnissen und andern Machtfaktoren regiert wird. Ja, man muß es als ein besonderes Glück betrachten, wenn eine solche Regierung möglichst wenig positive Maßnahmen trifft, denn es kann nichts den Fortschritt eines Volkes mehr hemmen, als wenn bürokratischer Geist das lebendige Leben des Staates der Verknöcherung zuführt. Am schlimmsten ist es aber, wenn dieser Geist der Verknöcherung da sich geltend macht, wo eine lebensvolle Auffassung der Sache am meisten nottut: im Unterrichtswesen. Und leider hat sich gerade bei uns in Österreich in den letzten zwanzig Jahren zu dem guten Willen, von dem wir sprachen, jener bürokratische Geist selbst unter jenen Regierungen gesellt, denen er auf anderen Gebieten ganz fremd war. Vor allem sprach sich dieser Geist darinnen aus, daß er auf die Reform des Lehrerstandes zu wenig, auf jene des Unterrichtsstoffes zu viel Sorgfalt verwendete. Ein bis in die geringsten Einzelheiten abgezirkelter Lehrplan, ein Verordnungswesen, das dem Lehrer jede einzelne seiner Handlungen bis ins kleinste vorschreibt, ertötet den Unterricht. Man verordnet heute nicht nur, was man von jedem Uhterrichtsstoffe zu nehmen hat, sondern auch wie man vorzugehen hat. Und, um möglichst vollständig in dieser Richtung des Irrtums zu sein, ist man immer mehr bestrebt, unsere Lehrerbildungsanstalten zu einer Art methodischer Drill-Institute für angehende Volksbildner zu machen. Da soll dem Kandidaten in einer Reihe methodischer Kunstbegriffe beigebracht werden, wie er der ihm anvertrauten Jugend beikommen muß. Ein solches Vorgehen macht jede Entwicklung der Individualität unmöglich, und doch hängt das Gedeihen des Unterrichtswesens einzig und allein von der Pflege der Individualitäten der künftigen Lehrer ab. Diesen muß man Spielraum lassen, sich möglichst frei zu entfalten, dann werden sie am günstigsten wirken.

Und wenn nun noch gar der Lehrer, dessen Denken durch die sogenannte «Methodik» genugsam eingeschnürt worden ist, bei jedem Schritte, den er in der Schule macht, auf eine Verordnung trifft, dann muß es ihm eine Last sein, in einem Berufskreise zu wirken, der seinem eigenen Denken keinen Raum übrigläßt. Wir haben in Österreich eine Periode gehabt, wo man in der Heranziehung guter Lehrer-Individualitäten die Hauptaufgabe der Unterrichtsverwaltung sah. Damals erstreckte sich die Fürsorge freilich mehr auf das höhere Schulwesen, das aber einen Aufschwung nahm, der in der Geschichte des österreichischen Unterrichtswesens nicht seinesgleichen hat. Und merkwürdigerweise fällt diese Periode in die Regierungszeit des — klerikalen Ministers Thun. Es ist noch in aller Erinnerung, welcher Geist damals in unser Gymnasialwesen drang, und wie Thun, selbst mit Außerachtlassung seiner persönlichen Meinungen und seines klerikalen Standpunktes, es sich angelegen sein ließ, das höhere Unterrichtswesen dadurch zu heben, daß er die Individualität, wo er sie finden konnte, heranzog. Wir glauben uns um so freimütiger über diesen Punkt aussprechen zu können, als wir durch unsere Haltung gewiß keiner Voreingenommenheit für die politischen Tendenzen des Grafen Thun beschuldigt werden können. Aber es ist eine unumstößliche Wahrheit, daß Thun das Individuum, die liberale Schulgesetzgebung der letzten Dezennien aber den Paragraph in den Vordergrund stellte, Statt die Zeit auf diese Paragraphensammlung zu verschwenden, die dem unfähigen Lehrer nichts hilft, weil ihm durch sie ja nicht die Kunst des Erziehens und Unterrichtens eingepfropft werden kann, wenn sie ihm einmal abgeht, die aber den fähigen, begabten nur einengt und ihm jede Lust an seinem Berufe nimmt, hätte man an eine eingreifende Reform des Lehrerbildungswesens gehen sollen. Und dies nicht in der Richtung methodischer Abrichterei, sondern durch Aufnahme solcher Wissenschaften in den Lehrplan der Lehrerbildungsanstalten, die dem Lehrer eine höhere Auffassung seiner Aufgabe ermöglichen. Der künftige Lehrer soll die Ziele der Kulturentwicklung seines Volkes, die Richtung, in der sie sich bewegt, kennen. Historische und ästhetische Bildung soll den Mittelpunkt hiebei bilden. Er soll eingeführt werden in die Geistesentwicklung der Menschheit, an der er ja mitarbeiten soll. Blind nach eingelernten Kunstgriffen und ministeriellen Verordnungen zu wirken, geziemt diesem Stande am allerwenigsten. Nur wenn er selbst in Zusammenhang gebracht wird mit der Wissenschaft, wenn er eingeführt wird in die Geheimnisse der Kunst, kurz, wenn man ihm einen Einblick verschafft in die verschiedenen Richtungen des menschlichen Geistes, wird er auf eine Höhe gebracht werden können, die eine lebensvolle Erfassung seines Berufes möglich macht. Wir können an unseren Schulen das Unglaublichste erleben, wozu es die schablonenhafte Behandlung unseres Unterrichtswesens gebracht hat. Die geistlose, nur aufs Fertigwerden bedachte Durcharbeitung des Lehrstoffes, die wir oft an unseren Volks- und Mittelschulen treffen, ist allein auf die von uns angedeuteten Mängel unseres Unterrichtswesens zurückzuführen. Wir müssen es erfahren, daß es Lehrer gibt, die den Unterricht zu einer wahren Qual der Jugend machen, indem sie bei schier unbezwinglichen Forderungen den Geist der Jugend eher ertöten als fördern. Ein Lehrer, der in lebendigen Zusammenhang mit seiner Wissenschaft gebracht worden ist, der mit einem gewissen Idealismus an seinem Berufe hängt, wird je nach seiner größeren oder geringeren Erzieheranlage mehr oder weniger bei seinen Schülern erreichen, nie aber wird dieses Maß des Erreichbaren durch einen eingelernten methodischen Kunstgriff oder durch eine Verordnung um das geringste gehoben werden können. Daß dieses aber von denen, die an unserer neueren Schulgesetzgebung teilgenommen haben, von jeher geglaubt wurde, ist ein Irrtum, der mitunter schwere Folgen nach sich gezogen hat. Was hat man nicht alles in Paragraphen zwängen wollen? Man hat ja doch eine eigene österreichische Schulorthographie durch ministerielle Verfügungen festzustellen im Sinne gehabt, ja man hat es zum Teil getan. Was hat man damit erreicht? Nichts anderes, als daß, wenn der die Schule Verlassende in eine Berufsstellung eintritt, er so schnell wie möglich seine Schulorthographie verlernen und sich der allgemein üblichen Schreibung anbequemen muß.

So lange die hier angedeuteten Irrtümer in maßgebenden Kreisen nicht eingesehen werden, so lange werden unsere Neuschule und ihre Vertreter nicht stark genug sein, um den freiheitfeindlichen Parteien wirksam zu begegnen. Wenn wir uns nun fragen, in welcher Weise hat Herr von Gautsch in diese Entwicklung unseres Schulwesens eingegriffen, so können wir nur sagen, seine Maßregeln sind in dem, was bürokratischer Geist zu bieten vermag, am weitesten gegangen. Obwohl alle seine Verordnungen mit den Worten beginnen: Aus pädagogisch-didaktischen Gründen erscheint es nötig anzuordnen, usw. ..., so tragen sie doch alle die eine Tendenz in sich: den Lehrer in der Freiheit seines Wirkens einzuengen. Der Lehrer soll immer mehr zum gefügigen Beamten werden, der nur die Anordnungen seiner Oberbehörden auszuführen hat. Daß in den Taten des Unterrichtswesens Energie und der beste Wille liegt, wer kann es leugnen? Aber es kommt bei irgendeiner Kraftentfaltung immer darauf an, was sie vollbringt. Wenn sich die Energie auf eine falsche Richtung wirft und dann alles daran setzt, was sie vermag, um diese Richtung beizubehalten, dann wird diese Energie viel weniger günstig wirken als die Tatenlosigkeit, die alles beim alten läßt. Das reine Beamtentum mag durch eine Richtung, wie sie Herr von Gautsch einschlägt, für die Zwecke einer geordneten Staatsverwaltung im guten Sinne umgestaltet werden, der Lehrerstand und das Unterrichtswesen wird durch solche Potenzierung der Fehler, die bei uns seit langem gemacht werden, gewiß nicht verbessert. Die Kulturentwicklung kann ja doch nicht auf Gesetze und Verordnungen, sie muß auf die Menschen gestützt werden. In dieser Richtung hätte ein österreichischer Unterrichtsminister sehr viel zu tun. Und gerade er könnte es, denn hier eröffnet sich ihm ein Gebiet seiner Tätigkeit, auf dem er von den übrigen Tendenzen der Regierung, der er angehört, am allerwenigsten beeinflußt zu werden braucht. Das wäre das Ziel, das er unverwandt im Auge behalten sollte, und von dem ihn weder die Rufe von rechts noch links ablenken sollten.

An dem Verhalten unserer liberalen Parteien dem Untertichtsminister gegenüber hat sich eben einmal wieder so recht gezeigt, wie wenig wahrhaft freiheitlicher Geist die Anschauungen dieser Partei durchdringt, und wie oft gerade der Scheinliberalismus der Hemmschuh einer wirklichen Entwicklung im Sinne der Freiheit und des Fortschrittes ist.

German original of The German Education System (In Austria) and Mr. von Gautsch · ← Previous · Next →