33. Monsignore Greuter

Am 22. Juni starb in Innsbruck Monsignore Greuter, unstreitig der bedeutendste Vertreter des Klerikalismus im Österreichischen Abgeordnetenhause. Seit dem Jahre 1864, also fast seit dem Bestande unseres Parlamentes, gehörte er demselben an, und nur in den letzten Jahren trat er — wohl auch infolge seiner angegriffenen Gesundheit — in den Hintergrund; in den liberalen Regierungsperioden dagegen, namentlich zur Zeit des ersten Bürgerministeriums, war er einer der vordersten Streiter in den damals die Geister so sehr aufwühlenden parlamentarischen Kämpfen. Greuter bildete eine Macht, mit der die Volksvertretung, mit der die öffentliche Meinung in Österreich rechnen mußte. Er verfügte über eine große Summe von Geist, den er in angemessener Weise ins Feld zu führen wußte, wenn er im Namen des jesuitischen Prinzips gegen die Ideen und Richtungen der Zeit sprach. Allem, was moderne Kultur und moderne Wissenschaft heißt, stand er in der denkbar feindlichsten Weise gegenüber. Das einzige Heil der Menschheit fand er in der Erhaltung der christlichen Weltordnung und in der Wiederherstellung dessen, was die letzten Jahre von ihr abgebrochen haben. Dabei hatte er einen feinen Blick für die Schwächen und Auswüchse der gegenwärtigen Geistesrichtung; sie waren es, wovon seine immer geistreichen Angriffe ausgingen. Und man muß sagen, daß er gegen jeden ungeschickten Wortführer des Liberalismus stets die Oberhand behielt. Nur mit der vollen inneren Kraft der Ideen der Gegenwart kann man gegen solche Streiter etwas ausrichten; es stehen ihnen ja doch die Erzeugnisse tausendjähriger Geistesbestrebungen, wie sie innerhalb der Kirche gepflegt wurden, zu Gebote, und sie benützen sie sehr geschickt, um das moderne Denken als den Feind einer ungestörten Entwicklung der Menschheit hinzustellen. Wir stehen da eben vor einer geistigen Macht, mit der wir zwar theoretisch längst fertig sind, über die die Gebildeten vollständig hinausgewachsen sind, mit der wir aber im politischen Leben entschieden rechnen müssen, weil sie zum Teile volkstümlich ist, während —- man braucht sich da ja keiner Täuschung hinzugeben — die Gedankenrichtung der Gegenwart in den Massen des Volkes sogar unpopulär ist. Das ist ein Umstand, den Greuter zu benützen wußte. Es ist in dieser Hinsicht jedenfalls eine typische Erscheinung, daß es Greuters Wühlarbeit gelang, die Weiber seines Bezirkes dazu zu vermögen, die weltlichen Schulinspektoren am Eintritt in die Schule zu verhindern. Leute seiner Art finden eben immer den rechten Ton, in dem man das Volk zu fanatisieren vermag, weil sie ihre geistigen Mittel in jener klugen Weise zu verwerten wissen, die dem Unaufgeklärten schmeichelt und ihm für sein Leben vorteilbringend erscheint. Sie wissen die Sache so zu drehen, daß es scheint, als wenn von dem, was sie christliche Weltordnung nennen, das geistige und leibliche Wohl des Volkes abhinge, sie wissen in geschickter Weise das in ihre Rechnung einzusetzen, was den unteren Volksschichten als das Notwendigste erscheint: die unmittelbaren Lebensbedürfnisse. Daher das Bündnis des Klerikalismus mit dem Sozialismus, das in neuester Zeit wieder an die Oberfläche der katholischen Bestrebungen tritt.

Greuter konnte sich in den letzten Jahren mit gutem Gewissen zurückziehen, denn er sah ja, wie ein Stern am politischen Himmel aufging, der in vollem Maße als sein geistiger Erbe angesehen werden kann. Vielleicht hätte sich die Natur Greuters doch schwerer in die gegenwärtigen Verhältnisse unseres parlamentarischen Lebens eingefügt als die seines Nachfolgers, des Prinzen. Liechtenstein. Die jetzige Lage fordert von einem Klerikalen, wenn auch nicht einen anderen Geist, so doch eine andere Kampfesmethode. Nur einmal trat Greuter in den letzten Jahren noch auf den Plan; er griff den Minister Conrad wegen der Zustände an der Wiener Universität an. Damals sahen wir ein Zweifaches: erstens, wie leicht sich seine Worte in Taten umsetzten: Conrad trat bald darnach zurück, und dann, wie scharf die Waffen sind, welche der Jesuitismus noch immer gegen die moderne Wissenschaft zu führen vermag. Im Volke mag wohl Greuters Angriff auf die gegenwärtige Kultur ungleich mehr Eindruck gemacht haben als Sueß’ treffliche Verteidigung derselben.

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