34. Des Kaisers Worte

Konnte man gegen die Proklamation Kaiser Wilhelms II. an das preußische Volk einwenden, daß sie zu allgemein gehalten war, daß ihr jenes individuelle Gepräge fehle, das mit vollständiger Bestimmtheit die Regierungsprinzipien des neuen Herrschers dem Volke vor Augen geführt hätte, so muß von den inhaltschweren Worten, die montags vom Throne herab an das deutsche Volk gerichtet wurden, gerade das Gegenteil gesagt werden. Sie lassen uns über keine wichtigere Frage im unklaren, sie zeigen auf das allerbestimmteste, welche Wege der Lenker Deutschlands wandeln will. Der Kaiser sprach nicht ein Zukunftsprogramm aus, sondern er wies auf schon Vorhandenes hin, um zu sagen, daß er an dem mit so großem Glücke und mit solchem Segen von seinen unmittelbaren Vorfahren begonnenen Baue weiterzuarbeiten bestrebt sein wird. Und in diesem Sinne ist die im Deutschen Reichstage gehaltene 'Thronrede eine wahrhaft großartige Botschaft an das deutsche Volk zu nennen. Ein anerkennenswerter, befriedigender historischer Zug geht durch sie, der für den tiefen Einblick des neuen Herrschers in die unumstößliche Wahrheit zeugt, daß nur jene Regierung wahrhaft segensreich sein kann, die sich in den Dienst der geschichtlichen Notwendigkeit stellt. Der Faden der Geschichte darf nirgends abgerissen werden, und es ist ein schwerer Fehler, wenn von oben herab Reformen ins Blaue hinein mit Umgehung der sachgemäßen Entwicklung in Szene gesetzt werden. Da muß denn doch die individuelle Neigung in den Hintergrund treten gegenüber der höheren Pflicht, die dem Herrscher von der Geschichte gestellt wird. Der neue Herrscher besitzt jene Selbstlosigkeit, die nötig ist, um im angegebenen Sinne zu regieren. Er will ganz in der Weise weiter wirken, die seinen Großvater zu solchen Erfolgen geführt hat und die auch sein erhabener Vater als die richtige bezeichnet hat. Die Vorgänge der letzten Jahre sind eine Gewähr dafür, daß das deutsche Volk diesen Anschauungen seines Kaisers volles Verständnis entgegenbringen wird. Die Deutschen besitzen jenen wahrhaft konservativen Sinn, der, hohlem Radikalismus abgeneigt, auf die gesunde, im Bereiche der Möglichkeit liegende Weiterentwicklung des Bestehenden geht. Sie wissen, daß mit Übereilungen im Bereiche der Politik am wenigsten etwas anzufangen ist. Nicht doktrinäre Maßnahmen, die schablonenhaft der Reichsgesetzgebung aufgepfropft werden, können dem Reiche in Zukunft etwas nützen, sondern nur die Konsolidierung der staatlichen Verhältnisse im Sinne des deutschen Volksgeistes. Das ist die von Kaiser Wilhelm I. in weiser Erkenntnis des gewaltigen staatsmännischen Genies Bismarcks angenommene Staatsraison, und sein von den besten Absichten geleiteter Enkel ist wohl groß genug angelegt, um die Notwendigkeit des Staatsgedankens seines großen Kanzlers für das Reich einzusehen. — Und darinnen müssen ihm die Angehörigen aller Parteien zustimmen, ganz in dem Sinne, der den Worten des Kaisers zukommt: «Es wird mein Bestreben sein, das Werk der Reichsgesetzgebung in dem gleichen Sinne fortzuführen, wie mein hochseliger Herr Großvater es begonnen hat.»

Von noch größerer Bedeutung scheinen uns aber die Worte des Kaisers über das Deutsch-Österreichische Bündnis zu sein: «Unser Bündnis mit Österreich-Ungarn ist öffentlich bekannt. Ich halte an demselben in deutscher Treue fest, nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern weil ich in diesem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichgewichtes erblicke sowie ein Vermächtnis der deutschen Geschichte, dessen Inhalt heute von der öffentlichen Meinung des gesamten deutschen Volkes getragen wird und dem herkömmlichen europäischen Völkerrechte entspricht, wie es bis 1866 in unbestrittener Geltung war.» Das sind Sätze, die jeden Deutschen mit innigster Freude erfüllen müssen. Daß das einheitliche Fühlen aller Deutschen vom Throne herab mit solcher Bestimmtheit ausgesprochen wird, hätten wir nicht zu hoffen gewagt. Die Deutschen in Österreich mußten laut aufjauchzen, als sie auf diese Stelle stießen. Mehr können sie nimmer wollen, als daß das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit der beiden mitteleuropäischen Reiche in solchem Maße bis an die Throne hinaufreicht. Dank dem neuen Herrscher, daß er es verstanden, solche wahrhaft balsamischen Worte zu seinem Volke zu sprechen!

Aus jedem Satze dieser Rede klingt etwas, das wie der Weltgeschichte abgelauscht erscheint. «Gleiche geschichtliche Beziehungen und gleiche nationale Bedürfnisse der Gegenwart verbinden uns mit Italien. Beide Länder (Österreich-Ungarn und Italien) wollen die Segnungen des Friedens festhalten, um in Ruhe der Befestigung ihrer neu gewonnenen Einheit, der Ausbildung ihrer nationalen Institutionen und der Förderung ihrer Wohlfahrt zu leben.» So sprach der Kaiser über das Bündnis der drei Monarchien, auch hier wieder die in der Entwicklung der Verhältnisse liegende Notwendigkeit betonend und den Strebungen des Volksgeistes und nationalen Sinnes im vollsten Maße Rechnung tragend.

Und wenn es wahr ist, was von so vielen Seiten behauptet wird, daß der neue Herrscher vorzüglich dem militärischen Berufe zugeneigt ist, dann zeigte er erst recht, wie er seine persönlichen Neigungen seiner Pflicht unterzuordnen weiß. «Unser Heer soll uns den Frieden sichern und, wenn er uns dennoch gebrochen wird, imstande sein, ihn mit Ehren zu erkämpfen. Das wird es mit Gottes Hilfe vermögen nach der Stärke, die es durch das von Ihnen einmütig beschlossene jüngste Wehrgesetz erhalten hat. Diese Stärke zu Angriffskriegen zu benützen, liegt meinem Herzen ferne. Deutschland bedarf weder neuen Kriegsruhmes, noch irgendwelcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung, als einige "und unabhängige Nation zu bestehen, endgültig erkämpft hat.»

Wem an der gedeihlichen Entwicklung des deutschen Volkes liegt, den mußte das unwürdige Parteigezänke der letzten Wochen mit tiefem Abscheu erfüllen. Friedrich hie — Wilhelm hie, so glaubte man den Kaiser und den damaligen Thronfolger in die selbstsüchtigen Bestrebungen der Parteien herabzerten zu können. Man vergaß bei dem ersteren nur, daß er eine viel zu vornehme Natur war, als daß die Schmeicheleien von der einen, die Lästerungen von der anderen Seite ihn hätten berühren können. Wäre er gesund auf den deutschen Thron gekommen, er hätte eine ethische Macht bedeutet, die bald den hadernden Parteien den Standpunkt klargemacht hätte. Leider war es ihm nicht vergönnt, dem Mißbrauch zu steuern, der mit seinem Namen getrieben wurde. Und Kaiser Wilhelm II.? Nun, er hat am letzten Montag vor aller Welt verkündet, daß seine Bestrebungen nichts gemein haben mit den Anschauungen der Partei, die ihn so gerne als einen der ihren darstellen möchte. Er hat gezeigt, daß er sich in den Dienst ganz anderer Ideen stellt, als es die engherzigen Ziele des Muckertums sind. Hoffentlich wird jetzt dem Volke klar werden, wie sehr der Partei-Egoismus die Wahrheit fälscht, und wie von allen Seiten das als wahr in die Welt hinausposaunt wird, von dem man gerne hätte, daß es wahr sei.

Ein deutscher Herrscher, der sich in den Dienst einer Partei stellte, würde bald gewahren müssen, wie er gegen die Notwendigkeit der Entwicklung nichts vermag. Die Verhältnisse würden ihn herauszwingen aus dem Parteirahmen, der, mag er welcher immer sein, für die Reichsregierung zu enge ist. Es sind Bismarcks große Gesichtspunkte, in die sich der neue Herrscher von Jugend auf eingelebt hat, die er von dem Bestande des Deutschen Reiches nicht trennen kann. In des deutschen Kaisers Geist muß der Volkswille zum Regierungsgrundsatze werden, nicht der Parteigeist. Das tiefe Verständnis, das der Kaiser dafür bekundet hat, sichert die Erfüllung seines Wunsches, wie er sich aus den Schlußworten der Thronrede ergibt: «Im Vertrauen auf Gott und auf die Wehrhaftigkeit unseres Volkes hege ich die Zuversicht, daß es uns für absehbare Zeit vergönnt sein werde, in friedlicher Arbeit zu wahren und zu festigen, was unter der Leitung meiner beiden in Gott ruhenden Vorgänger auf dem Throne kämpfend erstritten wurde!»

German original of The Emperor's Words · ← Previous · Next →