37. Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft

Die diesjährige Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft 8. Mai 1891 gestaltete sich zu einer besonders feierlichen, da sie mitten in der Festwoche stattfand, die dem Andenken jenes für die deutsche Kunst bedeutungsvollen Augenblicks geweiht war, da vor hundert Jahren unter Goethes Leitung das Weimarer Hoftheater eröffnet wurde. Die Zusammengehörigkeit beider Feste fand auch noch darinnen einen besonderen Ausdruck, daß Prof. Suphan, der Direktor des Goethe-Archivs, in der Lage war, über einen wichtigen Aktenfund Bericht zu erstatten, der sich auf Goethes Theaterleitung bezieht. Die Versammlung war ungemein zahlreich besucht. Ihre königlichen Hoheiten, der Großherzog, die Großherzogin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin sowie die Prinzessinnen Auguste und Olga von Sachsen-Weimar beehrten die Versammlung mit ihrem Besuche. Von auswärtigen Gästen waren anwesend: Minister von Goßler, Geheimrat von Loeper, Wildenbruch, Bodenstedt, Spielhagen, Julius Wolff, W. Freiherr von Biedermann, Geheimrat Freiherr von Bezecny, Lud. Aug. von Frankl, Erich Schmidt, Jul. Rodenberg und viele andere. Den Vorsitz führte Geheimrat von Loeper, der die Gesellschaft begrüßte und sein Bedauern darüber aussprach, daß der Präsident von Simson aus Gesundheitsrücksichten am Erscheinen verhindert war. Hierauf erstattete Geheimrat Hofrat Dr. Ruland den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß die Mitgliederzahl am 31. Dezember 1890 sich auf 2988 belief; das Vermögen der Gesellschaft betrug an diesem Tag 37 289 Mark, wovon 21396 Mark als Reservefonds dienen. Als Weihnachtsgabe wurde für die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft eine Publikation über Goethes Verhältnis zum Weimarer Theater auf Grund des oben erwähnten Aktenfundes von Dr. C. A. H. Burkhardt und Dr. Julius Wahle in Aussicht gestellt. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Valentin aus Frankfurt a.M. «Über die klassische Walpurgisnacht». Der Vortragende war bestrebt, jene Ansichten zu widerlegen, die in Goethes «Faust» überall Widersprüche und Mängel in der einheitlichen Komposition desselben sehen wollen. «Faust» sei trotz mancher Lücken und Unebenheiten im Fortgang der Handlung eine in sich widerspruchslose, einheitliche Dichtung. Er sei das Gegenstück zu Wilhelm Meister. Während aber der Dichter in dem letzteren Werke seinen Helden in der realen Welt das Ziel seines Strebens finden läßt, legt er in Fausts Seele einen so gewaltigen Drang nach menschlicher Vollendung, daß es unmöglich wird, demselben in dieser endlichen Welt Befriedigung zu gewähren. Fausts Streben geht nach einem Unendlichen, Ewigen. Aber nach einem solchen, das nicht nur die Summe alles Endlichen darstellt, sondern in die Tiefe aller Wesenheit geht. Mephistopheles kann das letztere nicht verstehen. Er kennt nur jene erstere Unendlichkeit. Daher führt er Faust von Genuß zu Genuß. Aber was Faust sucht, kann er ihm nicht gewähren. Deshalb verändert sich im Verlaufe des Stückes die Rolle des Mephistopheles. Er wird aus dem Führer Fausts, der er im ersten Teile war, im zweiten Teile der Handlanger, der die äußeren Mittel zu Fausts höheren Zwecken herbeischafft, welch letztere er gar nicht mehr ahnt. Er gibt Faust den Schlüssel zu den Wohnungen der Mütter, bleibt aber über dessen Schicksal in diesem Geisterreiche völlig im Ungewissen. Faust findet in Mephistopheles’ «Nichts» das Sinnbild aller Schönheit, Helena, und bringt sie an die Oberwelt, aber zunächst nur als Traumbild, als Schatten. Sie bedarf der Verkörperung, des leiblichen Daseins. Dies kann nur erreicht werden, wenn aus den Kräften der Natur ein Menschheitskeim hergestellt wird, der geeignet ist, den Schatten der Schönheit mit wirklichem Leben zu umkleiden. Dieses ist der Homunkulus. Er wird der Führer Fausts in das klassische Altertum, löst sich dort auf, um als jene Kraft weiterzuwirken, welche aus den Elementen der Natur um den Geist der Helena deren Körper formt. So ist Faust im Besitz dieser einzigen der Frauen; allein befriedigt kann er noch immer nicht sein, denn kein Endliches, ob es in der Vergangenheit oder der Gegenwart gelegen ist, kann ihn befriedigen. Erst als er alle Magie von seinem Lebenswege verbannen will, als er auf jeden endlichen, selbstischen Genuß verzichtet und nur im Vorgefühl eines Glückes lebt, das er wohl geschaffen hat, aber nicht mehr genießt, da hat er jenen höchsten Augenblick erreicht, zu dem er sagen möchte: «Verweile doch, du bist so schön». Fausts Seele ist für Mephistopheles verloren, der glaubte, sie im endlichen Genusse festhalten zu können.

Auf diesen Festvortrag folgten Prof. Suphans Mitteilungen über die aufgefundenen Akten. Dieselben stellen einen großen Teil des alten Theater-Archivs dar. Sie wurden in einem kaum zugänglichen Winkel des in Weimar unter dem Namen der «Bastille» bekannten Teiles des Schlosses vorgefunden und durch $S. königl. Hoheit den Großherzog am 24. Dezember 1890 dem Goethe- und Schiller-Archiv zum Geschenke gemacht. Es sind achtundsiebzig Bände und Faszikel. Der eine Teil besteht aus den sogenannten DirektionsAkten, das ist jenen Schriftstücken, die aus der Geschäftsführung der seit 1797 eingesetzten Hoftheaterkommission vorhanden sind. Diese Kommission bestand aus Goethe, von Luck und Kirms, später Goethe, Kirms und Rat Kruse. Der zweite Teil sind die Akten der Filialbühnen, an denen zur Sommerszeit von den Mitgliedern des Weimarer Theaters gespielt wurde. 35 hieher gehörige Bände beziehen sich auf das Lauchstädter Theater und sind aus den Jahren 1791 bis 1814. In dieser Reihe sind die auf das berühmte Leipziger Gastspiel von 1807 bezüglichen Schriftstücke enthalten. Drei Bände betreffen das Theater in Halle seit 1811, sieben Erfurt (1791-95 und 1815), zehn Rudolstadt (1794-1805), einer Jena, drei Naumburg. Ein großer Teil dieser Aktenstücke ist von Goethe diktiert und durchgesehen. Eine Handschrift des Vorspiels «Was wir bringen» (von der Hand des Schreibers Geist) ist inmitten der Akten, ferner 44 Briefe Goethes an Kirms, 34 an andere Personen. Die ersteren behandeln neben dem rein Geschäftlichen auch Gegenstände von literarischem und künstlerischem Interesse. Auch Briefe Schillers gehören der Sammlung an, so einer, in dem er seine Zustimmung zur Wallensteinaufführung in Lauchstädt ausspricht. Das Verhältnis Karl Augusts zum Theater ist aus vielen Schriftstücken ersichtlich. Von besonderer Bedeutung sind jene Blätter, die zeigen, mit welcher Sorgfalt Goethe das Theater leitete und wie ihm nichts zu gering war, um sich damit zu beschäftigen.1

Nach diesen Mitteilungen erstattete Prof. Suphan den speziellen Bericht über das Goethe-Archiv und die Goethe-Bibliothek. In bezug auf das erstere wurde hervorgehoben, daß in der letzten Zeit auch der naturwissenschaftliche Nachlaß Goethes gesichtet und für die Ausgabe verarbeitet wurde. Die Arbeiten Prof. Bardelebens aus Jena und des Schreibers dieser Zeilen sind soweit fortgeschritten, daß wohl noch im Laufe dieses Jahres die Leser der Weimarer Goethe-Ausgabe einen größeren Teil des aufgefundenen Nachlasses zu sehen bekommen werden. Er wird wesentlich dazu beitragen, die bahnbrechende Tätigkeit Goethes auf wissenschaftlichem Gebiete endlich einmal auch den größten Zweiflern klar vor Augen zu führen. Die Morphologie nahm Goethe in einer Weise in Angriff, daß er bis heute von der Fachwissenschaft noch nicht eingeholt worden ist; auf osteologischem Gebiete liegen Arbeiten über den Schädel der Säugetiere und die Gestalt der Tiere vor, mit denen eine Methode in die Anatomie eingeführt wird, die erst Dezennien später von Merkel und anderen als die richtige erkannt worden ist.

Die Bibliothek wurde durch Ankäufe wertvoller Stücke besonders der älteren Literatur und durch zahlreiche Schenkungen vermehrt. Seitens des Großherzogs sind dem Archive 106 Briefe Wielands geschenkt worden, Eine bedeutsame Bereicherung hat dasselbe durch die Erwerbung des handschriftlichen Nachlasses Otto Ludwigs erfahren, der von Erich Schmidt herausgegeben wird.

Geheimrat Hofrat Ruland erstattete nunmehr den Bericht über das Goethe-National-Museum. In demselben wird mit Ordnung der Sammlungen, namentlich der Goetheschen Bibliothek fortgefahren.

An die Generalversammlung schloß sich ein gemeinschaftliches Mittagessen, bei welchem Minister Groß auf den Kaiser, Geheimrat von Loeper auf den Großherzog und die Großherzogin, Erich Schmidt auf das Weimarer Theater und Minister von Goßler auf die Goethe-Gesellschaft Trinksprüche ausbrachten. Ludw. Aug. von Frankl überbrachte einen Festgruß aus Wien. Das Fest schloß mit einer Vorstellung von Paul Heyses neuem Stück «Die schlimmen Brüder» im Hoftheater.



  1. Die erwähnte Publikation der Goethe-Gesellschaft, die den Mitgliedern als diesjährige Weihnachtsgabe zugehen wird, soll den Titel führen: «Urkunden zur Geschichte von Goethes Theaterleitung 1791 bis 1817», von C. A. H. Burkhardt und J. Wahle. ↩

German original of General Assembly of the Goethe Society · ← Previous · Next →