38. Moltke Als Philosoph
Es ist immer von ganz besonderem Interesse, bedeutende Menschen, deren Lebens- und Wirkenssphäre weit abliegt von dem Gebiete theoretischer Weltbetrachtung, sprechen zu hören über die großen Rätselfragen unseres Daseins und über die letzten Gründe der Weltentwicklung. Und gar einen Mann wie Moltke, der mehrmals in der Lage war, des Schicksals Lauf für ganze Staaten durch seine Persönlichkeit bestimmt zu sehen. Die Bedeutung eines solchen Verhältnisses erkennt nur, wer es versteht, was große, tief eingreifende Erlebnisse für unser ganzes Sein zu bedeuten haben, wie sie plötzlich über eine große Reihe unserer Vorstellungen einen andern Farbenton ausbreiten. Wie viele Menschen werden durch eine Erfahrung von überwältigender Wirkung plötzlich in ihrem ganzen Charakter verändert! Und wertlos sind die doktrinären Gedankenkreise derjenigen Menschen, in deren Lebenslauf niemals Schicksalsschläge, hohe Freuden und tiefe Enttäuschungen eingegriffen haben.
Was mag wohl in der Seele des Generalstabschefs Moltke vorgegangen sein in Stunden vor den wichtigen Entscheidungsschlachten mit Österreich und später mit Frankreich! In solchen Augenblicken wird dem Menschen von dem Weltengeiste offenbar etwas ganz Besonderes ins Ohr gesptochen; Worte, die nur schwer verständlich sind für Menschen mit Werkeltagserfahrungen.
Es liegt nun gedruckt der deutschen Leserwelt vor, wie Moltke über Weltzusammenhang und Menschenbestimmung dachte.
Suchen wir uns die Grundzüge seiner Weltanschauung klarzumachen. Moltke ist überzeugt von der durchgängigen Gesetzmäßigkeit des ganzen Weltalls. Er glaubt auch behaupten zu dürfen, daß die Gesetze, welche hier auf unserer Erde das kleinste und größte Geschehen bewirken, in jedem Teile des Universums Geltung haben. Was auf dem Sirius geschieht, soll nicht minder wesentlich denselben Gründen unterliegen wie die Phänomene, die sich vor unseren Augen täglich abspielen. Und alles menschliche Tun und Lassen denkt sich Moltke innerhalb des Kreises dieser Gesetzmäßigkeit eingeschlossen. Unsere Vernunft muß diese Weltgesetzlichkeit aber auch in sich haben; denn nur unter dieser Voraussetzung kann sie die Vernünftigkeit in der Welt draußen überall finden. Zusammenstimmen von Vernunft und Wirklichkeit ist für Moltke ein Postulat seiner Anschauungen.
Letzten Endes sieht unser philosophierender Feldherr die ganze Weltharmonie als einen Ausfluß des göttlichen Geistes an, der es auch eingerichtet hat, daß Welt und Menschenvernunft zusammenstimmen.
Obwohl nun diese Ansichten genau übereinstimmen mit der in den Kreisen gegenwärtiger Naturgelehrten herrschenden mathematisch-mechanischen Weltanschauung — Du Bois-Reymond muß entzückt sein über diese Bundesgenossen schaft -, so erscheint der Gedanke doch richtig, daß bei Moltke in seinem Berufe als Heerführer der Grund zum Entstehen derselben gesucht werden muß.
Die Entschließungen des Feldherrn sind im strengsten Sinne des Wortes Resultate von Erwägungen, denen mathematische und dynamische Voraussetzungen zugrunde liegen. So wie es für den Mathematiker und Mechaniker nur ein Rechnungstesultat aus gegebenen Rechnungsansätzen gibt, so kann auch für den Heerführer nur eine ganz bestimmte Handlung als die notwendige Folge gegebener Tatsachen erscheinen. Diese führt er aus mit einer Notwendigkeit, gleich jener, mit der ein Stein zu Boden fällt. Die Tätigkeit des Menschengeistes erscheint hier vollständig eingegliedert in das mathematisch-mechanische Weltgeschehen, als eine bloße Fortsetzung desselben. Und der Mensch ergibt sich als der Vollstrecker ewiger, eherner Weltgesetze.
Was aber notwendig unter einer solchen Auffassung leiden muß, ist das Gefühl für die Individualität und für die persönliche Freiheit des Menschen. In der Heeresführung muß ohne Frage das Individuelle in den: Hintergrund treten, erstens gegenüber den Gesetzen militärischen Wissens und zweitens gegenüber der Organisation eines vielgliedrigen Körpers. Wer von einem solchen Gebiete aus einen Schluß zieht auf die allgemeine Wesenheit alles Seins, dessen Überzeugungen müssen einseitig ausfallen. Der Psychologe aber weiß, daß jeder Mensch, der einen bestimmten Beruf hat, diesen letzteren zum Zentrum seiner Weltbeurteilung macht. Jedermann hat ja das Bedürfnis, zu den seinen Geist ausfüllenden allgemeinen Ansichten fortwährend konkrete Beispiele aus seiner Erfahrung heranzuziehen. Dieselben sollen ihm das Allgemeine nicht bloß bestätigen, sondern vor allen andern Dingen erst recht augenscheinlich machen. Es ist nun natürlich, daß der Feldherr diejenigen Gesetze als die allgemeinen betrachtet, für die er innerhalb seiner Erfahrungswelt Beispiele findet. Das sind aber eben die mathematisch-mechanischen.
Was aber bei solcher Schlußfolgerung entschieden zu kurz kommt, ist die Welt der Freiheit. Innerhalb der Moltkeschen Ansichten ist für diese letztere ebensowenig Raum wie innerhalb der mechanischen Weltanschauung der gegenwärtigen Naturlehre. Was bei dem ersteren das Einleben in militärisches Leben und Treiben, das bewirkt bei der letzteren die einseitige Blickrichtung auf das äußere Geschehen und die mathematische Seite des Naturdaseins. Moltke betrachtet das Weltall wie einen großartigen Truppenkörper, die Naturlehrer der Gegenwart wie eine vielgliedrige Maschine. Jener verallgemeinert die Gesetze der Kriegskunst, diese die Regeln der Mechanik. Auf beide Arten kommt eine Einseitigkeit im vollsten Wortsinne heraus, die psychologisch begreiflich, aber doch vor dem Forum einer allseitigen Welt- und Lebensanschauung nicht bestehen kann. Wie notwendig es ist, jegliches Ding mit seinem eigenen Maßstabe zu messen und nirgends die Erfahrungen aus einem anderen Gebiete hineinzutragen, das gehört zu den höchsten Erkenntnissen des menschlichen Geistes. Theoretisch einsehen, begreiflich finden, werden es ja viele Menschen, aber von da aus bis zum Übergehen in das innerste Wesen unseres psychischen Organismus ist noch ein weiter Weg. Ehe man dazu gelangt, muß man auch viele Erlebnisse haben. Erlebnisse, die sich allerdings nicht auf dem Schauplatz des großen Weltgeschehens abspielen, sondern in den Tiefen unseres Innern. Ein Philosoph ist nicht derjenige, der die Summe der bestehenden philosophischen Lehren kennt und sie vielleicht um einige neue vermehrt hat, sondern allein der, der die schweren Seelenkämpfe durchgemacht hat, durch die man Wahrheiten nicht erlernt, auch nicht erdenkt, sondern erlebt. Was nun am wenigsten erlernt und erdacht werden kann, sondern was erlebt sein muß, das ist der Grundsatz, daß ein jedes Ding nach der ihm eingeborenen Individualität zu betrachten ist. Diese letztere Betrachtung ist die notwendige Gegenseite zu der Moltkeschen Auffassung, daß eine Gesetzmäßigkeit durch alle Weltwesen gehe. Innerhalb dieser einen Gesetzmäßigkeit sind aber unzählige Gesetzesarten möglich, die sorgfältig im besonderen angeschaut sein wollen.
So interessant also auch die Anschauungen des großen Feldherrn für den Psychologen sind: sie zeigen doch, wie strenges Einleben in eine Sphäre die Grundeigentümlichkeiten dieser letzteren als Leitmotive eines ganzen Menschenlebens wieder erkennen lassen, und daß zu einer allseitig befriedigenden Lebenserfassung keine andere Betätigung führen kann als ein für Einzelheiten nicht besonders engagiertes, für alles gleich warmes und gleich kühles, betrachtendes Leben des Denkers.