44. Alte und Neue Moralbegriffe

Das Wort «modern» ist heute in aller Munde. Jeden Augenblick wird auf diesem oder jenem Gebiete des menschlichen Schaffens ein «Allerneuestes» entdeckt oder doch wenigstens ein vielversprechender Anlauf dazu bemerkt. Die meisten dieser Entdeckungen führen den Einsichtigen, der der Sache nachgeht, allerdings nicht auf etwas wirklich Neues, sondern einfach auf — die mangelhafte historische Bildung der Entdecker. Wären bei denen, die gegenwärtig durch Rede und Schrift die öffentliche Meinung beeinflussen, Kenntnisse und Urteilsschärfe in demselben Grade vorhanden wie Selbstüberschätzung und Keckheit im Behaupten, so würden sie in achtundneunzig von hundert Fällen da, wo jetzt die Worte «neu» und «modern» aushelfen müssen, Begriffe setzen, die mit der Sache selbst etwas zu tun haben.

In das wüste Geschrei der urteillosen und unreifen Bannerträger der «Moderne» will ich nicht einstimmen, wenn ich hier von einer «neuen» Moral im Gegensatze zur alten spreche. Aber ich habe die Überzeugung, daß unsere Zeit gebieterisch von uns eine Beschleunigung des Umschwunges in den Anschauungen und Lebensformen erheischt, der sich seit langer Zeit ganz langsam vollzieht. Manche Zweige der Kultur sind bereits mit dem Geiste, der sich in dieser Forderung ausspricht, durchtränkt; ein klares Bewußtsein von den Hauptkennzeichen des Umschwunges ist nicht häufig anzutreffen.

Einen einfachen Ausdruck für den Grundzug eines wahrhaft zukunftwürdigen Strebens finde ich in dem folgenden Satze: Wir suchen heute alle jenseitigen und außerweltlichen Triebfedern durch solche zu ersetzen, die innerhalb der Welt liegen. Früher suchte man nach transzendenten Mächten, um die Daseinserscheinungen zu erklären. Offenbarung, mystisches Schauen, oder metaphysische Spekulation sollten zur Erkenntnis höherer Wesenheiten führen. Gegenwärtig bestreben wir uns, die Mittel zur Erklärung der Welt in dieser selbst zu finden.

Man braucht diese Sätze immer nur in der rechten Weise zu deuten, und man wird finden, daß sie den charakteristischen Grundzug einer geistigen Revolution andeuten, die im vollen Gange ist. Die Wissenschaft wendet sich immer mehr und mehr von der metaphysischen Betrachtungsweise ab und sucht ihre Erklärungsprinzipien innerhalb des Bereiches der Wirklichkeit. Die Kunst strebt danach, in ihren Schöpfungen nur das zu bieten, was der Natur abgelauscht ist und verzichtet auf das Verkörpern übernatürlicher Ideen. Mit diesem Bestreben ist allerdings in der Wissenschaft wie in der Kunst die Gefahr eines Abweges verknüpft. Manche unserer Zeitgenossen sind dieser Gefahr nicht entgangen. Statt die Spuren des Geistes, die man ehedem irrtümlich außerhalb der Wirklichkeit gesucht hat, nunmehr innerhalb zu verfolgen, haben sie alles Ideelle aus den Augen verloren; und wir müssen sehen, wie sich die Wissenschaft mit einem geistlosen Beobachten und Registrieren von Tatsachen, die Kunst oft mit bloßer Nachahmung der Natur begnügt.

Doch das sind Auswüchse, die von dem Gesunden, das in der ganzen Richtung liegt, überwunden werden müssen. Das Bedeutungsvolle der Bewegung liegt in der Abkehr von jener Weltanschauung, die Geist und Natur als zwei vollständig voneinander getrennte Wesenheiten ansah, und in der Anerkennung des Satzes, daß beides nur zwei Seiten, zwei Erscheinungsarten einer Wesenheit sind. Ersatz der Zweiweltentheorie durch die einheitliche Weltanschauung, das ist die Signatur der neuen Zeit.

Das Gebiet, wo diese Auffassung den schwersten Vorurteilen zu begegnen scheint, ist das des menschlichen Handelns. Während manche Naturforscher sich bereits rückhaltlos zu ihr bekennen, manche Ästhetiker und Kunstkritiker von ihr mehr oder weniger durchdrungen sind, wollen die Ethiker nichts davon wissen. Hier herrscht noch immer der Glaube an Normen, die wie eine außerweltliche Macht das Leben beherrschen sollen, an Gesetze, die nicht innerhalb der menschlichen Natur erzeugt sind, sondern die als fertige Richtschnur unserem Handeln gegeben sind. Wenn man weit geht, so gibt man zu, daß wir diese Gesetze nicht der Offenbarung einer überirdischen Macht verdanken, sondern daß sie unserer Seele eingeboren sind. Man nennt sie dann nicht göttliche Gebote, sondern kategorischen Imperativ. Jedenfalls aber denkt man sich die menschliche Persönlichkeit aus zwei selbständigen Wesenheiten bestehend: aus der sinnlichen Natur mit einer Summe von Trieben und Leidenschaften und aus dem geistigen Prinzip, das zur Erkenntnis der moralischen Ideen vordringt, durch die dann das sinnliche Element beherrscht, gezügelt werden soll. Den schroffsten Ausdruck hat diese ethische Grundanschauung in der Kantischen Philosophie gefunden. Man denke nur an die bekannte Apostrophe an die Pflicht! «Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken». In diesen Worten liegt eine Verselbständigung der sittlichen Gebote zu einer besonderen Macht, der sich alles Individuelle im Menschen einfach zu unterwerfen hat. Wenn diese Macht sich auch innerhalb der menschlichen Persönlichkeit ankündigt, so hat sie ihren Ursprung doch außerhalb. Die Gebote dieser Macht sind die sittlichen Ideale, die als ein System von Pflichten kodifiziert werden können. Von den Anhängern dieser Richtung wird der als ein guter Mensch angesehen, der jene Ideale als Motive seinen Handlungen zugrunde legt. Man kann diese Lehre die Ethik der Motive nennen. Sie hat unter den deutschen Philosophen zahlreiche Anhänger. In sehr verwässerter Form tritt sie uns bei den Amerikanern Coit und Salter entgegen. Coit sagt («Die ethische Bewegung in der Religion», übersetzt von G. von Gizycki, S.7): «Jede Pflicht ist mit der Inbrunst der Begeisterung, mit dem Gefühl ihres absoluten und höchsten Wertes zu tun»; und Salter («Die Religion der Moral», übersetzt von G. von Gizycki, S. 79): «Eine moralische Handlung muß aus Grundsatz geschehen sein». Neben dieser Ethik gibt es noch eine andere, die nicht so sehr die Motive als vielmehr die Ergebnisse unserer Handlungen berücksichtigt. Ihre Anhänger fragen nach dem größeren oder geringeren Nutzen, den eine Handlung bringt, und bezeichnen sie demgemäß als eine bessere oder schlechtere. Dabei sehen sie entweder auf den Nutzen für das Individuum oder für das soziale Ganze. Demgemäß unterscheidet man zwischen individualistischen oder sozialistischen Utilitariern. Wenn die zuerst genannten von der Aufstellung allgemeiner Grundsätze absehen, deren Befolgung den Einzelnen glücklich machen soll, so stellen sie sich als einseitige Vertreter der individualistischen Ethik dar. Einseitig müssen sie genannt werden, weil der eigene Nutzen durchaus nicht das einzige Ziel der sich betätigenden menschlichen Individualität ist. In deren Natur kann es auch liegen, durchaus selbstlos zu handeln. Wenn aber diese individualistischen oder sozialistischen Utilitarier aus dem Wesen des Einzelnen oder einer Gesamtheit Normen ableiten, die zu befolgen sind, dann begehen sie denselben Fehler wie die Bekenner des Pflichtbegriffes: sie übersehen, daß sich alle allgemeinen Regeln und Gesetze sogleich als ein wertloses Phantom erweisen, wenn sich der Mensch innerhalb der lebendigen Wirklichkeit befindet. Gesetze sind Abstraktionen, Handlungen vollziehen sich aber immer unter ganz bestimmten konkreten Voraussetzungen. Die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen und die im gegebenen Falle praktischste auszuwählen, das geziemt uns, wenn es ans Handeln geht. Eine individuelle Persönlichkeit steht immer einer ganz bestimmten Situation gegenüber und wird nach Maßgabe der Sache eine Entscheidung treffen. Da wird in diesem Falle eine egoistische, in jenem eine selbstlose Handlung sich als das Richtige ergeben; bald wird das Interesse des Einzelnen, bald das einer Gesamtheit zu berücksichtigen sein. Diejenigen, welche einseitig dem Egoismus huldigen, haben ebenso unrecht wie die Lobredner des Mitgefühles. Denn was höher steht als die Wahrnehmung des eigenen oder des fremden Wohles, das ist die Erwägung, ob das eine oder das andere unter gegebenen Voraussetzungen das Wichtigere ist. Es kommt überhaupt beim Handeln in erster Linie gar nicht auf Gefühle, nicht auf selbstische, nicht auf selbstlose an, sondern auf das richtige Urteil über das, was zu tun ist. Es kann vorkommen, daß jemand eine Handlung als richtig ansieht und sie ausführt und dabei die stärksten Regungen seines Mitgefühls unterdrückt. Da es nun aber ein absolut richtiges Urteil nicht gibt, sondern alle Wahrheit nur bedingte Gültigkeit hat, die abhängig ist von dem Standpunkte dessen, der sie ausspricht, so ist auch das Urteil einer Persönlichkeit über das, was sie in einem bestimmten Falle zu tun hat, entsprechend ihrem besonderen Verhältnisse zur Welt. In genau derselben Situation werden zwei Menschen verschieden handeln, weil sie sich, je nach Charakter, Erfahrung und Bildung, verschiedene Begriffe davon machen, was im gegebenen Falle ihre Aufgabe ist.

Wer einsieht, daß das Urteil über einen konkreten Fall das Maßgebende einer Handlung ist, der kann nur einer individualistischen Auffassung in der Ethik das Wort reden. Zur Bildung eines solchen Urteils verhilft allein der richtige Blick in einer gegebenen Lage und keine festbestimmte Norm. Allgemeine Gesetze können erst von den Tatsachen abgeleitet werden, durch das Handeln des Menschen werden aber erst Tatsachen geschaffen. Diese sind die Voraussetzungen abstrakter Regeln.

Wenn wir aus dem gemeinsamen und gesetzmäßigen des menschlichen Tuns gewisse allgemeine Merkmale bei Individuen, Völkern und Zeitaltern ableiten, so erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von den sittlichen Normen, sondern als Naturlehre der Sittlichkeit. Die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum individuellen menschlichen Handeln genau so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung in der Natur.

Die Ethik als Normwissenschaft hinstellen, zeugt von einem vollständigen Verkennen des Charakters einer Wissenschaft. Die Naturwissenschaft sieht ihren Fortschritt darin, daß sie die Ansicht überwunden hat, wonach in den Einzelerscheinungen sich allgemeine Normen, Typen, gemäß dem Prinzip der Zweckmäßigkeit realisieren. Sie forscht nach den realen Grundlagen der Erscheinungen. Erst wenn die Ethik ebenso weit ist, daß sie nicht nach allgemein sittlichen Idealen, sondern nach den wirklichen Tatbeständen des Handelns fragt, die in der konkreten Individualität des Menschen liegen, erst dann darf sie als eine der Naturlehre ebenbürtige Wissenschaft angesehen werden.

German original of Old and New Moral Concepts · ← Previous · Next →