45. Grossherzogin Sophie von Sachsen

In der Geschichte der deutschen Literaturforschung gebührt der am 23. März 1897 verstorbenen Großherzogin Sophie von Sachsen ein Ehrenplatz. Der letzte Enkel Goethes setzte sie zur Erbin des gesamten handschriftlichen Nachlasses seines Großvaters ein. Er hätte die wertvollen Schätze keiner besseren Obhut anvertrauen können als der ihrigen. Im April 1885 gingen die Papiere Goethes in ihren Besitz über. Von diesem Zeitpunkt an betrachtete sie die Verwaltung des Vermächtnisses als eine heilige und liebe Pflicht. Sie wollte es für die Wissenschaft so fruchtbar wie möglich machen. Sorgsam besprach sie mit Männern, die ihr als gute Goethekenner galten, mit Herman Grimm, Wilhelm Scherer, Gustav von Loeper und Erich Schmidt, wie das ihr anvertraute Gut der literarhistorischen Forschung zugeführt werden soll. Sie begründete das «Goethe-Archiv» und stellte Erich Schmidt als Direktor desselben an. Durch Herausgabe einer allen wissenschaftlichen Anforderungen der Zeit entsprechenden Goethe-Ausgabe glaubte sie der Erkenntnis Goethes und seiner Zeit am besten dienen zu können. Eine große Zahl von Gelehrten lud sie zur Mitarbeit an dieser Ausgabe ein. Es war ihr Herzenswunsch, die Vollendung des monumentalen Werkes zu erleben. Er ist ihr leider nicht in Erfüllung gegangen. Nur die Hälfte der in Aussicht genommenen Zahl der Bände liegt bis heute vor. An den Arbeiten ihres Archivs nahm die Großherzogin den regsten Anteil. Der gegenwärtige Direktor dieser Anstalt, Bernhard Suphan, konnte stets nur in Ausdrücken der höchsten Begeisterung sprechen, wenn er von dieser Anteilnahme erzählte. Auf alle Einzelheiten der Arbeiten ging sie ein.

Der Goethesche Nachlaß wirkte wie ein Magnet auf die hinterlassenen Papiere anderer deutscher Dichter und Schriftsteller. Die Nachkommen Schillers machten im Mai 1889 die Handschriften ihres Ahnen der Großherzogin zum Geschenke. Das «Goethe-Archiv» erweiterte sich dadurch zum «Goetheund Schiller-Archiv».

Der Plan entstand, dieses allmählich zum deutschen Literaturarchiv auszugestalten. Viel ist bereits zur Verwirklichung dieses Planes geschehen. Die Nachlässe Otto Ludwigs, Friedrich Hebbels, Eduard Mörikes u.a. liegen schon jetzt im Goethe- und Schiller-Archiv. Um ihre Schöpfung vollkommen zu machen, faßte die Großherzogin den Entschluß, ein eigenes Haus zur Unterbringung der Schätze zu bauen, Am 28. Juni 1896 schon konnte das prächtige Gebäude an der Ilm, in der Nähe des Residenzschlosses, seiner Bestimmung übergeben werden. Wer bei der feierlichen Eröffnung dieses Literaturarchivs zugegen war, konnte beobachten, mit welchem Ernste und mit welcher Liebe die Großherzogin von ihrer Schöpfung sprach. Man sah, wie glücklich sie sich fühlte, der Wissenschaft Dienste leisten zu können.

Ein klarer Blick, ein sicheres Gefühl für das Große und Bedeutende warten der Großherzogin Sophie eigen. Sie besaß eine scharfe Urteilskraft, die sie in den schwierigsten Fragen das Richtige treffen ließ. Eine unbeugsame Tatkraft und eine seltene Umsicht befähigten sie, ihre Sorgfalt auch den geringsten Kleinigkeiten zuzuwenden, die mit ihrem Wirken zusammenhingen. Was sie für die Kunstpflege, für die Erziehung der Jugend in Weimar, für die materielle Wohlfahrt ihres Landes getan hat, ist heute noch gar nicht zu übersehen. Schöne Aufgaben sich zu stellen und sie mit starkem Willen durchzuführen, lag in ihrer Natur. Groß ist die Verehrung, die sie in Weimar genießt. Hoch wird sie geschätzt von den Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft, der Shakespeare-Gesellschaft, der Schillerstiftung, die bei ihren Versammlungen in Weimar sehen konnten, wie groß das Interesse war, das diese Frau geistigen Bestrebungen entgegenbrachte, und wie groß das Verständnis, das sie für Kulturaufgaben hatte. Ihr Wunsch war, daß jeder in Weimar schöne Tage verleben solle, wenn er diesen Ort aufsucht, um das Andenken an große Zeiten der Vergangenheit neu zu beleben. Es ist in der letzten Zeit oft gesagt worden, daß man in Weimar vom Vergangenen lebt. Das ist richtig. Aber man versteht dieses Leben in großen Erinnerungen aufs beste. Und daß es einen solchen Ort gibt, an dem von Zeit zu Zeit Menschen sich versammeln, die sonst nur in der Gegenwart leben, ist kaum zu bedauern. Es ist schön, ab und zu die Vergangenheit wie im Traume vor sich lebendig zu sehen. Daß Weimar heute ein solcher Ort ist, den zahlreiche Menschen immer und immer wieder gern aufsuchen, um großen Toten Feste zu bereiten, und daß sie gute Eindrücke von ihren Besuchen mit nach Hause nehmen, dazu hat die eben verstorbene Großherzogin viel, sehr viel beigetragen.

German original of Grand Duchess Sophie of Saxony · ← Previous · Next →