46. Katholizismus und Fortschritt

Der Würzburger Professor der Theologie Dr. Herman Schell hat eine Schrift erscheinen lassen: «Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts» (Würzburg 1897). Dieser Titel wirkte auf mich wie ein Protest gegen Vorstellungen, an die ich mich seit vielen Jahren gewöhnt habe. Ich erinnere mich, daß in meinen Jünglingsjahren einen nachhaltigen Eindruck auf mich ein Satz gemacht hat, den der berühmte Kardinal Rauscher im österreichischen Herrenhaus ausgesprochen hat. Er sagte: «Die Kirche kennt keinen Fortschritt». Mir schien dieser Satz immer von einem wahrhaft religiösen Geiste eingegeben zu sein. Und das scheint er mir noch heute. Wenn ich gläubiger Katholik wäre, würde ich wahrscheinlich jede Gelegenheit ergreifen, um diesen Satz zu beweisen und zu verteidigen. Ich würde dann sagen wie der Kirchenvater Tertullian, daß dem Menschen Wißbegierde nicht mehr nötig ist, nachdem ihm durch Jesus Christus die göttliche Wahrheit offenbart worden ist. Ich würde auf die Worte des heiligen Thomas von Aquino schwören, daß in der Heiligen Schrift die Heilslehre enthalten ist, und daß die Vernunft nichts tun kann, als ihre Kräfte dazu verwenden, für diese ewigen Wahrheiten der Schrift auch menschliche Beweise zu finden. Die Freiheit des Denkens hielte ich für eine paradoxe Idee, denn ich könnte kaum einen Sinn mit der Idee eines freien Denkens verbinden, wenn ich annehmen müßte, daß die Vernunft doch zuletzt in der Offenbarung landen müsse. Ich muß gestehen, daß mir ein gläubiger Katholik, der es anders macht, zunächst als Problem, als ein großes Fragezeichen erscheint. Ein solches Fragezeichen war mir zuerst auch der Professor Herman Schell. Während ich sein Buch las, nahm das Problem eine bestimmtere Gestalt an. Es wurde zu einer psychologischen Aufgabe. Ich fand, daß im Kopfe des Herrn Professors Ideen in einer vollkommenen Harmonie stehen, von denen ich bisher angenommen hatte, daß sie einen vollkommenen Widerspruch darstellen. So sagt unser Autor: «Freiheit des Denkens ist wirklich ein Ideal, insofern es die Freiheit von allen Vorurteilen bedeutet, und bleibt ein Ideal, solange die größte Gefahr für das Urteil und für den Fortschritt die Befangenheit durch Vorurteile ist. Freiheit des Denkens bedeutet nichts anderes als das Bestreben, alle jene Einflüsse auf das Denken zu brechen und fernzuhalten, welche kein Wahrheitsrecht haben, weil sie nicht Tatsachen oder nicht tatsächlich begründet sind, weil sie nur Einbildungen, Denkgewöhnungen, falsche und oberflächliche Deutungen der Sinneseindrücke oder anderer Mitteilungen, wie zum Beispiel geschichtlicher Urkunden oder religiöser Quellenschriften sind.» Der Herr Professor weiß ganz gut, was aus diesem seinem Satz für Folgerungen gezogen werden müssen, wenn es sich um verschiedene moderne Weltanschauungen handelt. Er weist dem Materialismus, dem Monismus nach, daß sie auf Urteilen beruhen, die das Denken nicht prüft, weil es sich an sie gewöhnt hat, weil es durch das Einleben in sie befangen geworden ist. «Der Materialismus hat keinen Sinn für die Tatsachenwelt der innern Erfahrung und des Geistes; nur das Greifbare gilt ihm als Tatsache. Der Monismus will keine Ursache der Welt annehmen, die von der Welt unterschieden und überweltliche Persönlichkeit ist: Das ist sein Dogma.»

Ich möchte aber nun den katholischen Professor fragen, was er sagte, wenn es sich vor dem Forum eines freien Denkens herausstellte, daß irgendeines der christlichen Grunddogmen fallen gelassen werden muß? Es erscheint mir, wenn ich mir den Inhalt des Buches noch einmal ins Gedächtnis rufe, als ob der Verfasser gar keinen Sinn für eine solche Möglichkeit hätte. Es ist, als ob er der Meinung wäre, das Denken könne gar nicht anders als zuletzt bei den christlichen Heilswahrheiten ankommen. Er will die Förderung der Erkenntnis, aber er ist der Überzeugung, daß diese Förderung nicht in der Preisgabe der wesentlichen Glaubenslehren der Kirche bestehen kann, «angefangen von der Persönlichkeit des Schöpfers und der persönlichen Unsterblichkeit der Seele bis zur geschichtlichen Offenbarung Gottes». Soll das Denken wirklich frei tätig sein, so muß ihm auch die Möglichkeit offenstehen, zu einer Weltanschauung vorzudringen, welche die Ordnung der Dinge von andern Mächten ableitet als von einem persönlichen Gott, und die von einer persönlichen Unsterblichkeit und einer geschichtlichen Offenbarung nichts weiß. Wer diese Glaubenslehren von vornherein als Ziele hinstellt, zu denen das Denken kommen muß, der spricht zwar als Katholik; er kann sich aber unmöglich zum Verteidiger des freien Denkens machen. Dieses kann sich nur selbst Richtschnur sein und selbst das Ziel setzen. Denn wenn es auch durch die Anerkennung der Tatsachen an einem willkürlichen Fluge ins Phantastische gehemmt wird, so hängt doch die Auslegung, die Erklärung der Tatsachen von ihm ab. Das Denken ist das zuletzt Maßgebende. Der christlichen Theologie muß es aber darauf ankommen, die Erscheinungen der Welt so zu deuten, daß die Deutung mit dem Inhalt der Offenbarung übereinstimmt. Sagt doch auch unser Autor: «Das Ideal, das die theologische Forschung leitet, ist die Überzeugung, daß die Gleichung zwischen richtig erfaßter Offenbarung und richtig gedeuteter Wirklichkeit herzustellen sei.» Das freie Denken segelt ins Ungewisse hinaus, wenn es sich auf die Suche nach der Wahrheit macht. Wohin der Kahn treibt, weiß es nicht. Es fühlt nur in sich die Kraft und den Mut, aus eigenem Vermögen zu einer befriedigenden Anschauung zu kommen. Die katholische Theologie weiß ganz genau, wie die Erkenntnis aussieht, zu welcher das Denken gelangen muß. Das weiß Schell, denn er sagt: «Die Zurückführung des Glaubens auf nachweisbare Tatsachen und auf überzeugende Grundsätze und Beweisgründe ist das Ideal der theologischen Wissenschaft.»

Für mich entsteht nun die Frage: Wie ist es möglich, daß ein logisch geschulter Mensch wie Herman Schell die beiden Behauptungen vereinigen kann: das Denken muß frei sein, und: dieses freie Denken muß den Beweis liefern, daß dem katholischen Offenbarungsglauben unbedingte Wahrheit zukomme? Diese Frage scheint mir eine psychologische zu sein. Ich möchte sie in folgender Weise lösen. Der moderne Theologe wird in dem Glauben an die göttliche Offenbarung erzogen. Durch seine Erziehung wird es für ihn eine Unmöglichkeit, an der Wahrheit der Offenbarung zu zweifeln. Aber neben der göttlichen Heilswahrheit lernt er auch die moderne Wissenschaft mit ihren fruchtbaren Forschungsmethoden kennen. Er bekommt Respekt vor dieser Fruchtbarkeit. Zugleich regt sich in ihm ein Gefühl der Schwäche gegenüber den Errungenschaften des modernen Geistes. Nur starke Geister werden sich vermessen, gegen dieses Gefühl anzukämpfen; und ihnen wird es auch gelingen, es zu unterdrücken. Sie werden dem wahren Glauben, der echten Gesinnung ihrer Väter, nämlich der Kirchenväter, treu bleiben und mutig aussprechen: Die Kirche kennt keinen Fortschritt. Die andern werden Schwarz und Weiß vereinigen und wie Schell sagen: «Der Katholizismus bedeutet den Friedensbund von Vernunft und Glauben, von Forschung und Offenbarung ohne Herabwürdigung und Demütigung des Logos: Denn das Christentum ist die Religion des Geistes und des Logos! Der wahre Geist der Religion und der Heiligkeit ist nur jener Geist, der vom Wort der Wahrheit ausgeht.» So.spricht, wer ein — vielleicht im Unbewußten schlummerndes — Gefühl der Beschämung empfindet, wenn man ihn für einen Gegner des Fortschrittes ansieht.

Suggestiv wirkt das Wort «Fortschritt» auf die heutigen Gebildeten, seien sie nun Theologen, Gelehrte, Politiker usw. Wie selten sind die Menschen, die stolz darauf sind, «antifortschrittlich» zu denken. Friedrich Nietzsche gehörte zu den Gegnern des Fortschritts: «Der «Fortschritb ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.» Diese Sätze stehen in einem der antichristlichsten Bücher, die geschrieben worden sind. Aber sie stehen in dem Buche, das ein wirklich unabhängiger Geist geschrieben hat. Die Schrift «Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts» hat aber ein Kopf ausgedacht, der von zwei Seiten her abhängig ist: von dem Geiste des wahren Katholizismus und von einer falschen Scham, die hindert, die Ansprüche der antikatholischen Wissenschaft zu verleugnen. Als katholisch im echten Sinne des Wortes muß bezeichnet werden, wenn der Verfasser sagt: «Katholisch ist ein Name, der nicht bloß aus altehrwürdiger Überlieferung die zentrale Kirche und das konservative Christentum in seinem festorganisierten Weltbestand bezeichnet, sondern ein Name, der ein hohes Prinzip, eine gottgestellte Aufgabe ausspricht: Das Reich Gottes im Geist und in der Wahrheit bei allen Völkern, und zwar durch alle Völker und Nationalcharaktere zu verwirklichen und so das Christentum in der Kirche wirklich ganz und voll,echt und wahr durchzuführen.» Unkatholisch aber und nur aus Ehrfurcht vor derantikatholischen Wissenschaft istesgesagt: «Der Gottesbegriff der Willkürallmacht, die ihre höchste Herrschermacht gerade in einer möglichst häufigen Durchbrechung der Naturgesetze und dem tollen Chaos unkontrollierbarer Kräfte bekundet, hat in der Vernunft keine Grundlage und läßt sich nicht wissenschaftlich erweisen. Nur Gott als die allmächtige Verwirklichung des vollkommenen Geisteslebens, als die ewige Allmacht der unendlichen Weisheit und Heiligkeit selber, ist dem Unglauben gegenüber als unentbehrliche Wahrheit erweisbar und macht von Grund aus allen Aberglauben unannehmbar.» Dieser Satz wirkt auf mich, wie wenn ihn ein Haeckelianer gesprochen hätte, nicht ein Professor der katholischen Theologie in Würzburg. Ein Gott als Verwirklichung des vollkommenen Geisteslebens, als Inbegriff der Weisheit und Heiligkeit, ist etwas ganz anderes als der persönliche Gott des Katholiken, der allerdings die Naturgesetze durchbrechen kann. Dies lehren die Evangelien. Und vollkommen antikatholischer Geist spricht aus den Worten: «Bedarf es denn eines eigenen Prinzips, daß alles bei dem vernünftigen Menschen durch seine persönliche Vernunft und Freiheit, durch seine ernstliche Gewissensprüfung vermittelt sein muß, was Glauben und Lebensziel betrifft? Das ist doch selbstverständlich!» Jawohl, es ist selbstverständlich. Aber für ein unchristliches Denken. Wer Ernst mit diesen Worten macht, der muß es ablehnen, das Denken durch die von vornherein feststehenden Glaubenslehren zu fesseln. Er hört damit aber auf, katholisch zu denken.

Für den modernen Denker haben Geister wie Professor Schell nur ein psychologisches Interesse. An ihnen kann man lernen, wie die widerspruchvollsten Ideen in einem Kopfe nebeneinander wohnen können. Das angeführte Beispiel ist deshalb besonders lehrreich, weil es typisch für eine große Anzahl moderner Theologen ist, und weil es zeigt, wie wenig die logische Schulung gegen die Macht der menschlichen Empfindungen anzukämpfen vermag. Logisch geschult wird der Geist des katholischen Theologen gewiß. Aber was hilft alle Logik, wenn von zwei Seiten widersprechende Empfindungen und Gefühle ihre Macht entwickeln. Das logische Denken wird dann zur Sophistik, die dem Denker vorgaukelt, Dinge, die sich ewig feindlich gegenüberstehen werden, könnten in tiefstem Frieden nebeneinander leben.

German original of Catholicism and Progress · ← Previous · Next →