48. Die Goethetage In Weimar
Bericht über die 13. Mitgliederversammlung der Deutschen Goethe-Gesellschaft
Am 8. Oktober fanden sich, zum dreizehnten Mal die Mitglieder der Deutschen Goethe-Gesellschaft in Weimar ein, um das ihnen liebgewordene Goethe-Fest zu feiern. Zum ersten Mal mußten sie dieses Fest begehen, ohne die Persönlichkeit in ihrer Mitte zu sehen, welcher die Goethe-Gemeinde Unermeßliches zu verdanken hat: Die Großherzogin Sophie von Sachsen. Am 23. März dieses Jahres ist diese Frau, deren Name durch die Begründung des Goethe- und Schiller-Archivs mit der deutschen Literaturwissenschaft für alle Zeiten verknüpft ist, aus dem Leben geschieden.
Ihre Gegenwart gab dem Fest in den verflossenen Jahren einen besonderen Glanz; die Erinnerung an sie, die Trauer um sie, gab ihm diesmal seinen Charakter. Im Zusammenhang mit einer Gedächtnisfeier für die verstorbene Frau sollte deshalb der Goethe-Tag begangen werden. Die beiden Gesellschaften, die ihre Blüte der Verstorbenen zu danken haben, die Goethe- und die Shakespeare-Gesellschaft, haben das beschlossen. Und die Leitung des Goethe- und Schiller-Archivs, der Schillerstiftung und des Großherzoglichen Hoftheaters haben sich mit den genannten Gesellschaften vereinigt, um ein Fest zur Erinnerung an ihre Pflegerin und Beschützerin zu veranstalten. Kuno Fischer wurde berufen, dem Andenken der Hingeschiedenen eine Gedächtnisrede zu widmen. Er ist durch Bande der Freundschaft mit dem Weimarischen Hofe verbunden. Die Treue und Hingebung an das Fürstenhaus, die seine Beziehungen zu diesem in ihm gezeitigt haben, kamen in seiner Erinnerungsrede am 8. Oktober zum Ausdruck. Seine Lebens- und Weltauffassung, seine Gesinnung und Empfindungsweise befähigen ihn, die Denkweise der Großherzogin wie wenige zu verstehen. Eine Fürstin im allereigentlichsten Sinne des Wortes war die Verstorbene, dabei eine Persönlichkeit, welche sich große Aufgaben stellte, weil sie eine hohe Auffassung von ihrem fürstlichen Berufe hatte, und weil ihr eine seltene Energie aus dieser Aufgabe erwuchs. Es liegt Größe in dieser Auffassung; und die Art dieser Größe zu schildern, hatte Kuno Fischer übernommen. Wieviel in dieser Kraft, die ihr eigen war, auf Rechnung ihrer Abstammung aus dem zielbewußten und energischen Geschlecht der Oranier zu schreiben ist, wollte der Redner klarlegen. In dem Wahlspruch des Oranischen Hauses: «Je maintiendrai» kommt diese Energie zum Ausdruck. Die Großherzogin Sophie hat ihn auch zu dem ihrigen gemacht und in die deutschen Worte umgesetzt: «Die Herrschaft über sich selbst ist die Vorbedingung für jegliche Tätigkeit und für ernsthafte, gewissenhafte Ausführungen übernommener Pflichten.» Aus dem Studium der Geschichte des Hauses erwuchs der Fürstin die Herrschaft über sich selbst und ein starkes Pflichtbewußtsein. Inwiefern die Geschicke dieses Hauses besonders geeignet sind, ein solches Bewußtsein zu erzeugen, suchte der Redner durch eine historische Darstellung klarzulegen. Was eine verfehlte Kindererziehung und eine günstige Lebensschule dazu beigetragen haben, um diese Frau auf die Höhe ihrer Anschauungen zu heben, setzte er deutlich auseinander. Die holländische Art in ihrem Charakter schilderte er. Ihre Liebe für die deutsche Literatur leitete er von dem Umstand ab, daß sie in dieser Literatur die Taten der ihr so nahestehenden Helden gefeiert fand. Schiller und Goethe haben niederländische Größe zum Vorwurf ihrer Dichtungen und Werke gemacht. In der deutschen Literatur fand die Großherzogin ihre Heimat wieder. Die Geschichte ihres Vaterlandes trat ihr in der deutschen Kunst entgegen.
Über den musikalischen Teil dieser Feier ist schon betichtet worden. Auch ist dort schon erwähnt, daß das Hoftheater am Abend desselben Tages eine stimmungsvolle Aufführung der Gluckschen Oper «Orpheus und Eurydike» den Festteilnehmern bot. Wir fügen hier nur noch hinzu, daß man unter Bernhard Stavenhagens ausgezeichneter Leitung eine höchstgelungene Vorstellung erlebte. Fräulein Hofmann (Orpheus) und Frau Stavenhagen (Eurydike) haben auf die Gäste einen starken Eindruck gemacht.
Der 9. Oktober war der eigentlichen Goethe-Versammlung gewidmet. Eine bleibende Erinnerung nehmen die Teilnehmer dieser Versammlung mit nach Hause. Der Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, Professor Suphan, teilte das Stück des Testamentes der Großherzogin Sophie mit, in dem sie die Zukunft des Goetheschen Nachlasses für alle Zeiten gesichert hat. Eine stärkere Bekräftigung hätten die Worte Kuno Fischers nicht finden können, als ihnen durch dieses Testament zuteil geworden ist. Die Pflege des Goetheschen Nachlasses, der ihr durch die Verfügung des letzten Enkels Goethes zum Geschenk gemacht worden ist, war dieser Frau bei Lebzeiten eine Herzensangelegenheit und eine hohe Pflicht. Ihr hat sie materielle Opfer gebracht, ihr hat sie viel Zeit und Mühe gewidmet. Für sie hat sie mütterlich gesorgt. Ihre schönen Worte sprechen für sich selbst. Im Testament heißt es: «Ich, Sophie von Sachsen, Königliche Prinzessin der Niederlande, beurkunde hiermit Folgendes: Mit Annahme des Vermächtnisses des Freiherrn Walter von Goethe habe ich zugleich für alle Zeiten die Verantwortlichkeit für eine pietätvolle Bewahrung der Schätze aus dem Nachlasse Goethes übernommen. Die gleiche Verantwortung trage ich gegenüber dem Nachlasse von Schiller, sowie allen durch Schenkung und Ankauf erworbenen Handschriften anderer hervorragender deutscher Dichter. Zugleich gereicht es mir zur besonderen Freude, nicht nur für die Vollendung der Goethe-Ausgabe und der Goethe-Biographie, sondern auch dafür Sorge getragen zu haben, daß die in meinem Besitze befindlichen Schätze nutzbringend erschlossen werden und Weimar erhalten bleiben, damit es auch ferner der geistige Mittelpunkt Deutschlands bleibe. Deshalb habe ich angeordnet, daß zur Erhaltung dieser Schätze ein Familienfideikommiß errichtet wird, das unveräußerlich sein soll. Indem ich dieses Familienfideikommiß hiermit beurkunde, bitte ich meinen Herrn Gemahl, in Form einer hausgesetzlichen Bestimmung die landesherrliche Bestätigung zu geben.» Das Goethe- und Schiller-Archiv wird dem jeweiligen Chef des Großherzoglichen Hauses eigentümlich gehören. Derselbe ist verpflichtet, für die Erhaltung und Verwaltung des Schatzes entsprechend Sorge zu tragen.
An diese bedeutsame Mitteilung Suphans schloß der Vorsitzende, Dr. Ruland, den Bericht über das Goethe-Nationalmuseum. Er wies auf ein Bild hin, das von diesem Museum neu erworben und in dem Junozimmer des Goethe-Hauses ausgestellt ist. Die dargestellte Persönlichkeit und der Maler sind unbekannt. Es stammt aus dem Ende des vorigen oder dem Anfang dieses Jahrhunderts. Wer sich das Bild angesehen hat, wird der Meinung Rulands beistimmen müssen, daß es die Frau Rat im höheren Alter darstelle. Ihre und auch Goethes Züge sind unverkennbar. Das Bild war früher im Besitze von William Candidus in Cronberg. Noch einen anderen Zuwachs des Museums erwähnte Ruland. Die Gräfin Vaudreuil, die Frau des französischen Gesandten, hat während ihres Aufenthaltes in Weimar in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Goetheschen Hause gestanden. In ihrem Nachlasse haben sich Handzeichnungen Goethes vorgefunden. Ihre Nachkommen haben diese zu den Weimarischen Schätzen hinzugefügt.
Leider mußten wir dieses Jahr die Gegenwart des verdienstvollen Schatzmeisters, Dr. Moritz, entbehren. Er wußte sonst stets den trockenen Kassenbericht durch allerlei launige Zwischenbemerkungen zu würzen. Sein Bericht, der verlesen wutde, zeigte, daß die Gesellschaft finanziell gut steht und in der letzten Zeit eine Zunahme der Mitgliederzahl zu ver zeichnen hat.
In den Nachmittagsstunden vereinigten sich die Festgäste zu dem üblichen Mittagessen. Die greisen Häupter der Goethe-Gemeinde und die jungen Stürmer, die trotz Naturalismus und «Moderne» verehrend zu Goethe emporblicken, saßen da nebeneinander. Julius Rodenberg, Karl Frenzel, Marie von Bunsen, Lina Schneider, Freiligraths Tochter, waren anwesend. Der Unterrichtsminister unter dem zweiten Ministerium Auersperg, Dr. von Stremayr, der Gießener Professor Oncken waren in unserer Mitte. Einer der «Jüngsten», Otto Erich Hartleben, der bei dieser Gelegenheit schon wiederholt in Weimar erschienen ist, fehlte auch diesmal nicht. Die Festtoaste trugen diesmal einen ernsten Charakter. Man stand unter dem Eindruck des erlittenen VerJustes. Ruland toastete auf das Großherzogliche Haus; Stremayr brachte Grüße aus Deutsch-Österreich. Wohltuend wirkten seine lieben Worte, die aus einem gut deutschösterreichischen Herzen kommen. Daß noch deutscher Geist und deutsche Gesinnung in Österreich lebt, konnte man aus seinem Trinkspruch hören. Oncken brachte einen Trinkspruch auf die Damen aus.
Das Goethe- und Schiller-Archiv, das in den Goethe-Tagen den Besuchern der Versammlung seine Räume öffnet, stellte Manuskripte von Freiligrath und Gustav Freytag aus, neben anderen der klassischen und nachklassischen Zeit entstammenden Papieren.
Wie alljährlich versammelten sich in den Abendstunden die Goethe-Gäste auch diesmal in dem Weimarischen Künstlerverein. Die stimmungsvollen Räume, die der Großherzog den Künstlern Weimars zu ihrem gemütlichen Zusammensein zur Verfügung gestellt hat, werden von den Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft gerne aufgesucht. Ein freies ungebundenes Leben herrschte da bis zum hellen Morgen. Und Künstler wie Burmester und Stavenhagen, dann die ausgezeichneten Sänger Heinrich Zeller und Gmür erfreuten die Gäste mit mancher künstlerischen Gabe, die oft mit größerem Enthusiasmus entgegengenommen wurde als die offhziellen Darbietungen. Was man im Verlauf des Tages schwer finden konnte: den. zwanglosen Genuß, das gegenseitige offene Entgegenkommen, hier genoß man es viele Stunden lang.
Den Beschluß der Feier bildete eine Vorstellung im Großherzoglichen Hoftheater von Shakespeares « Wintermärchen» mit Fräulein Richard als Hermione und Karl Weiser als Leontes.