49. Kuno Fischer Über Die Grossherzogin Sophie Von Sachsen

Seit 1885 findet sich alljährlich für einige Tage ein Kreis von Goetheverehrern in Weimar ein. Es sind die Mitglieder der Goethe-Gesellschaft, die nach dem Tode des letzten Enkels Goethes gegründet worden ist. Goethes letzter Sprosse hat den Nachlaß seines Großvaters der Großherzogin Sophie vererbt. Diese Frau hatte Sinn und Verständnis genug, um den wertvollen Schatz, der in ihre Hände gelegt worden ist, für die Literaturwissenschaft so fruchtbar wie möglich zu machen. Sie gründete das Goethe-Archiv und machte es zur Pflegestätte der Goethewissenschaft. Sie erbaute später dem teuren Vermächtnis ein eigenes, stattliches Haus. Der prächtige Bau, eine Zierde Weimars, wird immer ein Denkmal der Blütezeit des deutschen Geistes bleiben. Still und mühevoll arbeitet in diesem Hause alltäglich eine kleine Zahl von Gelehrten an der Goethe-Ausgabe, die mit Hilfe des handschriftlichen Nachlasses hergestellt wird. Ab und zu kommt in diese Räume ein fremder Gast, der die Papiere Goethes aufsucht, um sie seinen besonderen wissenschaftlichen Studien dienstbar zu machen. Aber zur Pfingstzeit, da kommt alljährlich Leben in diese Räume. Die harmlosesten Genießer Goethescher Werke und die gelehrtesten Goetheforscher versammeln sich in der Ilmstadt, um das Andenken des Geistes zu feiern, auf den so viele Linien der neueren Kulturentwicklung zurückgehen. Ein Festvortrag und eine Theatervorstellung sind die geistigen Genüsse, die den «Goethegästen» geboten werden. Die Besichtigung des Goethe- und Schiller-Archivs und des Goethe-Nationalmuseums versetzt diese Gäste zurück in die große Zeit, in der Weimar der Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens war. Beim Festvortrag erschien bisher stets die Großherzogin Sophie, deren Wirken die ganze Festlichkeit zu verdanken war. Im Anschlusse an ihre Archivgründung und unter ihrer besonderen Fürsorge wurde die Goethe-Gesellschaft geschaffen. Die Gäste gruppierten sich um diese Frau. Die Beziehungen, in die sie sich zu der deutschen Literatur durch die Archivgründung gesetzt hat, fanden ihren lebendigen Ausdruck in der Goetheversammlung.

Seit dem Frühling dieses Jahres weilt Sophie von Sachsen nicht mehr unter den Lebenden. Die Goetheversammlung wird nunmehr ohne dieses ihr erstes Oberhaupt stattfinden müssen. Zum ersten Male nach dem Tode der Großherzogin versammelten sich die Goethegäste gestern, am 8. Oktober, wieder in Weimar. Sie versammelten sich, um zunächst das Andenken der Verstorbenen zu feiern.

Ein Bild der Geistesart und der Persönlichkeit dieser Frau sollte durch einen berufenen Mann den Versammelten vorgeführt werden. Keiner war berufener als der greise Philosoph Kuno Fischer, der durch seine langjährigen Beziehungen zum Weimarischen Hofe ein treuer Verehrer dieses Hofes und ein warmer Lobredner seiner Taten geworden ist. Zweifellos hätte Kuno Fischer die Wärme, mit der er an dem Weimarischen Fürstenhause hängt, den Zuhörern mitgeteilt, wenn er mit der Kraft der Rede, die ihm einst eigen war, heute noch wirken könnte. Man hörte es jedem Worte des Gedächtnisredners an, daß es aus dem tiefsten Innern kam; aber man fühlte es diesmal im eigenen Innern nicht mit. Der meist gefeierte akademische Redner hat die zündende Gewalt über die Zuhörer nicht mehr. Und deshalb konnte man durch seine Rede nicht in die Stimmung kommen, die zur Feier des Tages notwendig war. Den Hochsinn der verstorbenen Fürstin, ihre Freigiebigkeit, ihre Tatkraft und ihr Zielbewußtsein suchte der Redner aus ihrer Abstammung von dem Hause Oranien zu erklären. Die geistige Physiognomie der Verstorbenen zeichnete er mit den Strichen, die diesem geistreichen, an dem schönen Worte hängenden Philosophen zur Verfügung stehen. Ihre persönliche Entwicklung suchte er in das gebührende Licht zu rücken. Das Wohgefallen, das sie gerade an der deutschen klassischen Literatur finden mußte, suchte Kuno Fischer aus den Beziehungen zu erklären, welche diese Literatur zu dem Vaterlande der Fürstin hat. Holländische Helden und holländisches Leben ist durch unsere Geistesheroen künstlerisch dargestellt worden. Ihr eignes Empfinden, ihre eigene Gesinnung fand die Großherzogin, wenn sie sich in die Werke der Geister vertiefte, denen sie in Weimar ein Denkmal gesetzt hat.

Eine streng konservative Gesinnung, sogar etwas von dem Glauben an das Gottesgnadentum ging durch Kuno Fischers Rede. Er glaubt, daß ein besonderes Geschick die Wirkenskreise der Persönlichkeiten bestimmt, die walten wie die Großherzogin. Eine fast mystische Kraft der Persönlichkeit legte er in die Großherzogin hinein. Ein religiöser Zug durchdrang die ganze Rede. Die Frömmigkeit der Betrauerten stand in der richtigen Beleuchtung, weil Kuno Fischer verriet, daß in ihm selbst fromme Empfindungen leben. Ein Mann hat da über eine Fürstin gesprochen, der ein guter Anhänger des monarchischen Prinzips, der ein Verehrer der herrschenden Gewalten ist, ein Mann, der mit Liebe den Orden trägt, der uns von seiner Brust entgegenglänzte. Was von einem alten Philosophen gesagt wurde: Gleiches kann nur von Gleichem erkannt werden, in Kuno Fischers Rede hat es sich wieder bewährt. Im Kopfe dieses Redners spiegelt sich die Welt nicht anders als in dem eines Fürsten. Er versteht die Fürsten. Deshalb kann er gut über sie reden. Er stellt seinen Geist gern in den Dienst der fürstlichen Personen. Auf einen jüngeren Menschen der modernen Zeit machten diese Sätze manchmal den Eindruck, als ob sie einer Gesinnung entstammten, die einer abgelebten Zeit angehört. Den Jüngeren fehlen die Worte, wenn sie Fürsten loben sollen. Und wenn sie es tun, glaubt man ihnen nicht recht. Den greisen Geschichtsschreiber der Philosophie kleidet seine Gesinnung gut. Er hat sich seine Anschauungen in einer Zeit gebildet, die von dem Radikalismus unserer Gegenwart nichts ahnte. Mit diesen Anschauungen ist er zur Würdigung der klassischen Epoche Deutschlands und ihrer gegenwärtigen fürstlichen Pfleger berufen. Die andern Anschauungen der Gegenwart hätten wahrscheinlich niemals zu einer Gesinnung geführt, die zur Wahrung der Traditionen Weimars notwendig ist. Man muß seinen Frieden mit gewissen Strömungen geschlossen haben, wenn man bei der Pflege dieser Traditionen ganz dabei sein will. Mit einem Herzen, das an der Gegenwart hängt und das nach Zukunft lechzt, kann man es nicht. Kuno Fischer ließ ein Stück Vergangenheit vor uns auftauchen. Von vergangenen Taten redete er mit einer vergangenen Gesinnung.

Es gab Zuhörer im Saale, die mit der Rede nicht zufrieden waren. Ich glaube, diese Unzufriedenen haben unrecht. Die geistige Verwandtschaft, in der Kuno Fischer zu den Kreisen steht, denen die Verstorbene angehörte, befähigte ihn, ein echtes, glaubhaftes Bild zu malen. Ein wenig mehr von religiösem Freimut und etwas weniger Konservatismus hätte den Redner dazu geführt, ein verzerrtes Bild zu liefern. Hätte der Vortrag auf der Höhe des Gehaltes und der Gesinnung gestanden: die Zuhörer hätten in weihevoller Stimmung den Saal verlassen. Vor ihren Augen hätte das Bild der Verstorbenen in deutlichen, klaren und wahren Zügen gestanden. Weil Kuno Fischers Feuer der Rede heute schwächer ist, wirkte auch sein Bild matt und zum Teil sogar ermüdend. Waren aber auch die Farben nicht leuchtend genug; sie waren richtig aufgetragen. Sie waren so verwendet, wie es nur ein tiefer genauer Kenner der verstorbenen Fürstin kann. Aus intimer Kennerschaft heraus tönte manches Wort, das kein anderer gefunden hätte. Deshalb war Kuno Fischer der rechte Redner für diesen Tag.

Seine Rede soll im Novemberheft von «Cosmopolis» erscheinen. Sie wird ein Denkmal sein für die hingegangene Fürstin, das ihrer würdig ist.

German original of Kuno Fischer on the Grand Duchess Sophie of Saxony · ← Previous · Next →