50. Die Goethetage In Weimar

Bericht über die 13. Mitgliederversammlung der Deutschen Goethe-Gesellschaft

Über die Rede, welche Kuno Fischer zum Gedächtnisse der im März verstorbenen Großherzogin Sophie von Sachsen gehalten hat, habe ich in der vorigen Nummer gesprochen. Eine schöne Illustration haben die Ausführungen dieses Redners am folgenden Tage in der Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft gefunden. Prof. Bernhard Suphan, der Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, teilte mit, in welcher Weise die Verstorbene gesorgt hat für die Zukunft des handschriftlichen Nachlasses Goethes und der übrigen literarischen Schätze, die sich im Laufe der letzten Jahre den Papieren Goethes angegliedert haben. Sie hat die Sendung begriffen in des Wortes höchster Bedeutung, die ihr durch das Vermächtnis von Goethes letztem Nachkommen zugefallen ist. Für alle Zeiten ist dafür gesorgt, daß das Weimarische Literaturarchiv in würdiger Art erhalten bleibt und den Zwecken der deutschen Literaturwissenschaft dienstbar gemacht wird. Die Großherzogin hat ihr Archiv zu einem unveräußerlichen Familienfidekommiß des großherzoglichen Weimarischen Hauses gemacht. Der Chef der Familie wird in Zukunft immer der jeweilige Eigentümer des Vermächtnisses sein. Er wird dafür zu sorgen haben, daß die Wissenschaft aus demselben einen der Sache entsprechenden Nutzen zieht. Der nächste Erbe des Archivs ist der gegenwärtige Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. In Worten, die aus voller Erkenntnis der mit dem Archiv übernommenen Verpflichtungen entsprungen sind, spricht die Großherzogin in ihrem Testament. Suphans Mitteilungen machten einen tiefen Eindruck auf die Versammlung. Nunmehr weiß man, welches das Schicksal der in Weimar aufbewahrten Literaturschätze sein wird.

Anschließend an Suphans Äußerungen sprach der Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft von dem Zuwachs, den das Goethe-Nationalmuseum in der letzten Zeit erfahren hat. Zu erwähnen ist da vor allem ein Porträt von dem Anfange dieses Jahrhunderts oder dem Ende des vorigen. Weder der Maler des Bildes noch die dargestellte Persönlichkeit sind überliefert. Aber wer das Bild im Goethe-Hause sich angesehen hat, wird nicht daran zweifeln, daß Ruland recht hat mit der Ansicht, daß es die Frau Rat in höherem Alter darstellt. Die Züge der Mutter Goethes sind unverkennbar. Eine andere interessante Neuheit sind eine Anzahl Goethescher Handzeichnungen aus dem Nachlasse der französischen Gräfin Vaudreuil, die deren Enkel dem Goethe-Hause zum Geschenk gemacht haben. Die Gräfin lebte einst in Weimar und verkehrte freundschaftlich in Goethes Haus. Sie hat die Zeichnungen von dem Dichter erhalten.

Das Weimarische Hoftheater trug das Möglichste bei, um den Inhalt der diesjährigen Feier zu bereichern. Vor der Rede Kuno Fischers wurde unter der Leitung des greisen Generalmusikdirektors Ed. Lassen das Adagio aus Beethovens Trio (op. 96), das Franz Liszt für Orchester bearbeitet hat, nach derselben der Schlußsatz aus der Messe desselben Tondichters (in C, op. 86) von Mitgliedern der Hofoper vorgeführt. Am 8. fand eine Aufführung der Gluckschen Oper «Orpheus und Eurydike» unter Bernhard Stavenhagens ausgezeichneter Direktion und mit den Damen Fräulein Hofmann (Orpheus) und Frau Stavenhagen (Eurydike) statt, die auf die Zuschauer einen starken Eindruck machte. Am 9. bot das Theater den Besuchern Shakespeares « Wintermärchen» von Karl Weiser inszeniert und in den Hauptrollen von Fräulein Richard (Hermione) und Karl Weiser (Leontes) dargestellt.

Im folgenden werden Beitrag Rudolf Steiners abgedruckt, die versehentlich nicht in die erste Auflage dieses Bandes aufgenommen wurden.

Zu den Ereignissen, die in das stille Weimar alljährlich Leben bringen, gehört das seit 1885 alljährlich da stattfindende Goethefest. Die Mitglieder der Gemeinde, welche den Namen «Deutsche Goethegesellschaft» trägt, versammelten sich jedesmal, wenn die Pfingsttage verflossen waren, um das Andenken Goethes aufzufrischen. In diesem Jahre machte der am 23. März erfolgte Tod der Großherzogin Sophie von Sachsen die Abhaltung des Festes im Frühlinge zur Unmöglichkeit. Diese Frau war bisher die Seele des Goethetages. Sie betrachtete es als ernste Pflicht, in würdiger Weise die Erinnerung an Goethe zu pflegen, seit sie durch des Dichters Enkel Walter im Besitze des Goetheschen Nachlasses ist. Sie hat diesem Schatze ein prächtiges Haus erbaut; sie tat alles, was sie für notwendig hielt, um den Goethefreunden, die nach Weimar kamen, den Aufenthalt zu verschönern. Es mußten erst einige Monate verfließen, ehe sich die Leitung der Goethegesellschaft entschließen konnte, den Goethetag ohne diese Frau zu begehen. Im Zusammenhange mit einer würdigen Gedächtnisfeier für die Großherzogin sollte der erste Goethetag stattfinden, den sie nicht mehr mitmachen konnte. Die Vorstände der Goethegesellschaft, des Goethe- und Schiller-Archivs, der Schillerstiftung, der Shakespearegesellschaft und des Weimarischen Hoftheaters verbanden sich, um die Feier zu veranstalten. Sie hat am 8. und 9. Oktober stattgefunden.

Um den Trauergästen ein Bild der verstorbenen Frau vorzuführen, ist Kuno Fischer, der Philosoph der schönen Rede, berufen worden. Im gebührte das Wort an diesem Tage. Denn er steht seit Jahren in den freundschaftlichsten Beziehungen zu dem Hofe von Weimar. Er kennt die Geistesart der Großherzogin wie Wenige. Und ihm ist eine Gesinnung und eine Lebensanschauung eigen, die ihn befähigen, eine Frau zu würdıgen, die alle Kraft zu ihrem Schaffen aus ihrer Ansicht von dem Berufe einer Fürstin herleitete. Man muß so konservativ wie er sein, um in die Seele dieser Frau zu sehen; man muß ın sich so viel von religiöser Lebensauffassung haben wie er, wenn man zeigen will, wie die Taten der Verstorbenen aus einem frommen, gottergebenen Empfindungsleben geflossen sind. Etwas von dem Glauben an das Gottesgnadentum war in Kuno Fischers Rede zu spüren. Er glaubt in gewissem Sinne an Mächte, welche das Geschick solcher Personen lenken, die auf fürstliche Höhen gestellt sind. Der greise Geschichtsschreiber der Philosophie fühlt sich offenbar sehr wohl in der Luft des Hofes, er trägt mit Befriedigung den Titel Excellenz und er heftet sich gern die Orden an, die ihm fürstliche Gunst verliehen hat. Aus den Traditionen des Oranischen Hauses, dem die Fürstin entstammt, leitete er den Charakter her. Ein echtes Glied dieses Hauses ist sie, die den Wahrspruch der Oranier: «Je maintiendrai» in die deutschen Worte umgesetzt hat: «Die Herrschaft über sich selbst ist die Vorbedingung für jegliche Tätigkeit und für ernsthafte, gewissenhafte Ausführung übernommener Pflichten.» Holländerin ihrem ganzen Wesen nach war die Verstorbene. Und die deutsche Literatur der klassıschen Zeit war ihr teuer, weil sie in ihr so viel des ihr vertrauten holländischen Geistes fand. Haben doch Goethe und Schiller holländische Helden und ihre Taten zum Vorwurfe mehrerer ihrer Dichtungen gemacht. Aus einer verfehlten Jugenderziehung und einer guten Schule des Lebens erklärte Kuno Fischer die Eigenart der Großherzogin. In der Kindheit wurden ihr Dinge beigebracht, aus denen sie lernte, wie die Welt nicht ist und wie nicht auf sie gewirkt werden kann. Ihre Erziehung war zum großen Teile Selbsterziehung. Aus der Geschichte ihres Hauses erwuchs ihre Energie, ihr Zielbewußtsein.

Der große Reder von ehemals ist Kuno Fischer heute nicht mehr. Hätte er noch die oratorische Kraft zur Verfügung, die ihm einst eigen war: er hätte der Seele jedes Zuhörers die weihevolle Stimmung eingeflößt, aus der seine Rede entsprungen ist. Die Töne, die man hörte, erzählten nur von der innigen Zuneigung, die er zu der verstorbenen Frau hatte; sie klangen aber matt. Der Vortrag stand diesmal nicht im Einklange mit der Gesinnung und der Wärme der Empfindung.

Vorausgegangen ist der Rede das Adagio aus dem Trio Beethovens, das Liszt für Orchester bearbeitet hat (opus 96). Gefolgt ist ihr der Schlußsatz der Messe desselben Tondichters in C (op. 86). Unter Lassens Direktion fand die Wiedergabe dieser Tonstücke durch Mitglieder der Hofoper statt.

Am 9. Oktober fand die eigentliche Goetheversammlung statt. Das Interesse der Teilnehmer war vor allem in Anspruch genommen durch die Mitteilungen, die Prof. Bernhard Suphan über die Verfügung der Großherzogin Sophie machte. Sie hat für alle Zeiten den Bestand des von ihr gegründeten Goetheund Schiller-Archivs gesichert und dafür Sorge getragen, daß die Schätze desselben für die deutsche Literaturwissenschaft so fruchtbar wie möglich werden. Die wertvollen Handschriften. und das Haus, ın dem sie aufbewahrt sind, bilden ein unveräußerliches Familienfideikommiß des großherzoglichen weimarischen Hauses. Eigentümer wird in Zukunft immer der jeweilige Chef des Hauses sein. Zunächst geht das Archiv über in das Eigentum des Erbgroßherzogs Wilhelm Ernst. Der Eigentümer ist verpflichtet für die würdige Aufbewahrung und der Sache entsprechende Verwertung der Papiere zu sorgen. Eine bedeutsame Illustration hat Kuno Fischers Rede durch diese Mitteilungen Bernhard Suphans erfahren. Die Großherzogin hat gezeigt, daß sie die Sendung, die ihr durch Walter von Goethes Testament geworden ist, in der denkbar schönsten Weise zu erfüllen verstanden hat. Dr. Ruland machte interessante Mitteilungen über Zuwachse des Goethe-Nationalmuseums. Zunächst kommt da ein Bild in Betracht, das am Ende des vorigen oder am Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts entstanden ist. Es ist keine Überlieferung vorhanden, von wem das Bild gemalt ist und wen es darstellt. Wer es sich im Goethe-Hause angesehen hat, wird Ruland beistimmen müssen, daß es wahrscheinlich die Frau Rath, Goethes Mutter, im höheren Alter darstellt. Ihre Züge und auch die Goethes sprechen aus demselben zu uns. Eine andere Neuigkeit sind Handzeichnungen Goethes, welche die Enkel der französischen Gräfin Vaudreuil dem Goethe-Nationalmuseum zum Geschenke gemacht haben. Diese Frau, die einst in Weimar gelebt hat, verkehrte in dem Goetheschen Hause und hat die Zeichnungen von Goethe erhalten.

Am Nachmittage fand das übliche Mittagessen statt. Es war diesmal stiller als in den verflossenen Jahren. Man stand unter dem Eindrucke des erlittenen Verlustes. Geheimer Hofrath Dr. Ruland gab in seinem Trinkspruch auf das großherzogliche Haus den schmerzlichen Empfindungen über diesen Verlust Ausdruck. Schöne Worte sprach Karl von Stremayr, der Unterrichtsminister des östereichischen zweiten Ministeriums Auersperg. Wohltuend wirkte seine Rede, weil sie’aus einem Herzen floß, daß sich die alte gute deutsch-österreichische Gesinnung in den trüben Zeiten bewahrt hat, die jetzt über die Deutschen Österreichs hereingebrochen sind. In wenig taktvoller Weise berührte in einem folgenden Toaste auf die Damen der Gießener Professor Oncken politische Verhältnisse. Julius Rodenberg, Karl Frenzel, Erich Schmidt, die Tochter Freiligraths, Lina Schneider, Professor Minor, Otto Erich Hartleben waren bei dem Festmahle in unserer Mitte.

Das Hof-Theater erhöhte die Bedeutung der Feier durch zwei Aufführungen. Am 8. wurde Glucks «Orpheus und Euridike» unter Stavenhagens vorzüglicher Direktion und mit den Damen Hofmann (Orpheus) und Agnes Stavenhagen (Euridike) aufgeführt; am 9. Shakespeares «Wintermärchen» von Karl Weiser in Szene gesetzt und von Fräulein Richard (Hermione) und Weiser (Leontes) in den Hauptrollen dargestellt.

Wenn die offiziellen Festakte vorüber sind, pflegen sich die «Goethegäste» in der prächtigen «alten Schmiede» zu vereinigen, welche der Großherzog den Weimarischen Künstlern geschenkt hat, und in der sie sich ein behagliches Künstlerheim eingerichtet haben. Hier finden die längsten Goetheversammlungen statt. Die ältesten Herren verlassen diese gemütlichen Räume nicht vor Morgengrauen; und wenn diese dann doch müde geworden sind, bleibt die jüngere Goethe-Gemeinde noch lange beisammen. Unser lieber Freund Otto Erich Hartleben nimmt dann die Sache in die Hand; und er führt die Schar, die sich ihm anschließt, niemals in das Dunkel der Nacht hinaus.

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