51. Theodor Mommsens Brief An Die Deutschen Österreichs
Eine Kundgebung, deren Bedeutung weit über den Kreis desjenigen hinausreicht, was der bloßen Tagespolitik angehört, hat soeben Professor Theodor Mommsen der Öffentlichkeit übergeben. Auch diejenigen, die das Ohr rasch wegwenden, wenn sie hören, daß von Fragen der praktischen Politik gesprochen wird, müssen mit Interesse die Sätze verfolgen, die der berühmte Historiker an die Deutschen Österreichs gerichtet hat. Von «unerhörten Ehrlosigkeiten und Gewalttaten», die den Deutschen des Donaureiches angetan werden, redet Mommsen. Er spricht von der Angst, die jeder Deutsche empfinden muß, wenn er sieht, daß «die Apostel der Barbarisierung am Werke sind, die deutsche Arbeit eines halben Jahrtausends in dem Abgrunde ihrer Unkultur zu begraben». Die Slawen und Magyaren gefährden die Mission der Deutschen, drängen die deutsche Kultur zurück. Wie ist es nur möglich, fragt Mommsen, daß die Deutschen Österreichs augenblicklich nicht einig sind in dem einen Ziele, die Feinde ihrer Bildung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen? Wie kommt es, daß es deutsche Österreicher gibt, welchen der Rosenkranz über das Vaterland geht, und welche die nationalen Interessen preisgeben, weil sie glauben, daß die Herrschaft der nichtdeutschen Elemente dem Katholizismus Vorteile bringe? Wie ist es möglich, daß, «wo alles auf dem Spiele steht, eine relativ so nebensächliche Frage, wie die Stellung der Semiten im Staate, die Einigkeit gefährdet?» Seid einig und hart, ruft unser Historiker den Brüdern in Österreich zu. Einig in dem Kampfe gegen die Vorstöße der andern Nationalitäten und hart in der Wahl der Mittel, der ihr euch in diesem Kampfe bedient.
Wenn die Glieder einer Gemeinschaft einig sein sollen, dann müssen sie es in dem Inhalt ihrer Ziele sein, in den Gedanken, die ihrer Wirksamkeit zugrunde liegen. Über den Inhalt dieser Ziele, über die Gedanken, aus denen die Deutschen Österreichs die Kraft zu ihrem Vorgehen schöpfen sollen, steht in dem Mahnruf Mommsens nichts. Dies muß an ihm zunächst auffallen. Die Auslassungen Mommsens sind bemerkenswert durch das, was sie nicht sagen. Denn gerade dadurch sind die Deutschen Österreichs in der letzten Zeit aus ihrer bevorzugten Stellung innerhalb der Monarchie verdrängt worden, weil ihnen das fehlte, wovon auch Mommsen nicht redet: ein großer politischer fruchtbarer Gedankeninhalt. Wer in Österreich regieren will, muß imstande sein, dem Staate eine Aufgabe zu stellen und für die Lösung dieser Aufgabe inhaltvolle, wirksame Ideen mitbringen. Das Verfassungswesen Österreichs so zu regeln, daß die verschiedenen Nationen sich ihren Fähigkeiten und Wünschen gemäß entwickeln können; wirtschaftliche Reformen durchführen, nach denen das Volk schreit, und die Fragen zu lösen, die Österreich durch seine Weltstellung aufgegeben sind: dies muß derjenige verstehen, dem in Österreich die Führerrolle zukommen soll.
Es ist nun zweifellos, daß sich die bolitischen Verhältnisse in Österreich, so wie Mommsen andeutet, entwickelt haben, weil den Deutschen nach und nach die inhaltvollen politischen Ideen ausgegangen sind, und weil sie sich immer mehr der Aufgabe zugewendet haben, ihre Nationalität gegenüber den Ansprüchen der andern österreichischen Völker zu verteidigen und den «nationalen Gedanken» zu pflegen. Die Macht der Deutschen in Österreich wird immer in demselben Maße wachsen, in dem sich bei ihnen politische Ideen entwickeln, die den Lebensbedingungen dieses Staates entsprechen, in welchem eben viele Sprachen gesprochen werden. Und diese Macht wird geringer in dem Maße, in dem sie sich beschränken auf die Betonung und Pflege der nationalen Empfindungen.
Taaffes Stärke lag darinnen, daß er über die obenangedeuteten politischen Aufgaben Ansichten hatte. Seine Schwäche darinnen, daß diese Ansichten nicht bestimmt genug waren, weil sie nicht einer tieferen politischen Bildung, sondern einem in den wichtigsten Augenblicken versagenden Dilettantismus ihren Ursprung verdankten. Badeni kann nicht regieren, weil er keinen eigenen Gedanken hat, sondern nur die Taaffeschen Ideen in unwirksamer Weise nachahmt. Der Tag wird den Deutschen Österreichs wieder die ihrer Kulturhöhe entsprechende Machtstellung bringen, der ihnen poli- _ tische Führer bringt, welche die Frage beantworten können: was ist in Österreich zu tun? Die slawischen Nationen wollen dem Staate ein bestimmtes Gefüge geben. Sie wollen Einrichtungen, bei denen sich die nationalen Individualitäten frei entwickeln können. Diese freie Entwicklung kann durch Gewalt nicht verhindert werden. Warum sollte es nicht möglich sein, daß die Deutschen einen österreichischen Staat schaffen, in dem die andern Nationen sich wohlfühlen? Die alte Verfassungspartei hat es nicht gekonnt. Unter ihrem Regiment fühlten sich die Nicht-Deutschen vergewaltigt. Sie hatte politische Ideen. Aber diese bewegten sich nicht in der Richtung, in der sich der Staat entwickeln muß. Diese Verfassungspartei ist jetzt abgelöst worden von einer rein nationalen Partei. Diese scheint zunächst kein Interesse an der Gesamtgestaltung des Staates zu haben. Ihre Mitglieder sprechen nicht von spezifisch österreichischen politischen Ideen. Sie wollen bloß die deutsche Nationalität verteidigen. Diese Verteidigung wird am besten gelingen, wenn sie nicht mehr Selbstzweck ist.
Den Hinweis darauf, was die Deutschen in ihre gegenwärtige Lage gebracht hat, vermißt man in Mommsens Kundgebung. Diese wird daher auch in Österreich nichts beitragen können zur Wiedererlangung der verlorenen Zielbewußtheit bei den Deutschen. Die zwölf Stunden lang dauernde Rede des Abgeordneten Lecher, der durch seine Sprechmuskeln zur europäischen Berühmtheit gelangt ist, ist ein Symptom. Wenn man Gedanken hätte, brauchte man nicht so viel zu reden.