52. Das Tagesgespräch von Heute
Ein seltenes Ereignis haben wir in diesen Tagen erlebt. In Deutschland hat wieder einmal ein Buch Erfolg. Der Reichsgerichtsbeamte a. D. Otto Mittelstädt hat in seinem Ruhesitze Montreux seine politische Weisheit zu Papier gebracht. Alle Welt spricht heute von dieser Weisheit, die 146 Druckseiten anfüllt und unter dem Titel «Vor der Flut» der Öffentlichkeit übergeben worden ist. In wenigen Tagen haben diese 146 Seiten mehrere Auflagen erlebt. Augenblicklich ist es nicht leicht, in Berlin ein Exemplar aufzutreiben. Man wird in 8 bis 10 Buchhandlungen mit der Auskunft abgefertigt: «Momentan vergriffen». In der elften begegnet man Blicken von seiten des Buchhändlers, die besagen: Schätze dich glücklich, daß du hier das Büchlein noch erhältst; wärest du eine Viertelstunde später gekommen, du hättest lange nach der «sensationellen» Broschüre suchen können. So etwas war nicht da, seit der Rembrandtdeutsche die Öffentlichkeit mit seinem unermeßlichen Erziehungsbuche überrascht hat, und seit das Schriftchen «Caligula» mit wenig witzigem Bezug auf die Gegenwart römische Geschichten unter die Leute brachte, die man ohne den mißlungenen Witz in jedem Buch über römische Geschichte lesen kann.
Mit «Rembrandt als Erzieher» spielte sich ein sonderbares Schauspiel ab. Wenn man vierzehn Tage lang durch Gasthöfe zieht und sich in die Nähe «besserer» Stammtische setzt, so kann man die phrasenhafte Wissenschaft zu hören bekommen, die der Rembrandtdeutsche aufgetischt hat. Man braucht sich nur Zettelchen mitzunehmen und das Gehörte immer schnell nachzuschreiben. Auf jeden dieser Zettel schreibt man dann zu Hause noch einen passenden — oder noch besser einen unpassenden — Ausspruch eines bedeutenden Mannes. Dann schicke man diese Zettelchen in eine Druckerei und lasse sie hintereinander abdrucken. So wird ein Buch von dem Charakter, dem Wesen und der Bedeutung von «Rembrandt als Erzieher» entstehen. Ich habe mich nach der Lektüre des zusammengestoppelten, mit billiger Weisheit gefüllten Buches immer wieder gefragt: wie konnten kluge Leute ein solches Ding als europäisches Ereignis ausposaunen? Aber man muß sich gewöhnen, an das Absurde als Wirklichkeit zu glauben, wenn man über das Geheimnis eines literarischen Erfolges nachgrübeln will.
Und heute erleben wir mit den politischen Unbeträchtlichkeiten des Herrn Mittelstädt das gleiche Schauspiel. Wenn man davon absieht, daß Mittelstädt einen ziemlich guten Stil schreibt und seine Allerweltsweisheit geschmackvoll auszudrücken versteht, so ist in seinen 146 Druckseiten nichts zu finden, was auf irgendeine Beachtung Anspruch machen kann. Wahrheiten wie die folgenden bilden den Inhalt. «Des Parlamentarismus insbesondere ist man bis zum physischen Ekel satt geworden. In Deutschland müssen überdies schon die unitarischen Bedürfnisse der Nation eine gewisse Tendenz zur Alleinherrschaft begünstigen. Alledem gegenüber türmen sich gerade in der Gegenwart zahllose Schwierigkeiten und Gefahren auf, denen jedes persönliche Regiment gewachsen sein soll.» «In energischer Ausgestaltung des Reichsgedankens müssen wir dahin streben, den gefährlichen Übergangszustand von heute tunlichst schnell zu überwinden.» «Deutschland liegt nicht auf einer einsamen Insel, sondern im Herzen des alten Europa, allen Stürmen und Erschütterungen ausgesetzt, die hier und dort loszubrechen drohen.» Wenn es in Montreux keine Kaffeehäuser geben sollte, in denen man aus den Zeitungen derlei Wissenschaft jeden Tag lesen kann, so müßte sich Herr Mittelstädt eine und die andere Zeitung selbst halten, damit er wisse, wie unnötig es ist, solche Dinge in einer besonderen Schrift zu sagen. Noch schlimmer sind die Selbstverständlichkeiten, die der Broschürenschreiber mit einem Tone hinschreibt, als wären sie unerhörter Einsicht entsprossen. «Kaiser und Reich müssen sich entweder im Sinne der staatlichen Einheit vorwärts oder sie müssen sich auf dem Wege der Vielstaaterei rückwärts entwickeln, — einen Stillstand, ein Beharren auf dem Bestehenden gibt es, wie die Dinge in Deutschland einmal liegen, schlechterdings nicht.»
Man könnte die Kritik, die sich aus derlei Selbstverständlichem oder aus gangbaren Gemeinplätzen zusammensetzt, verzeihen, wenn der Verfasser etwas Vernünftiges darüber zu sagen hätte, was er an Stelle der von ihm so arg angefochtenen Verhältnisse der Gegenwart zu setzen wünscht. Aber mit seinen positiven Vorschlägen ist er nicht glücklicher als mit seinen Nörgeleien. «Überschaue ich die einmal gegebenen Verhältnisse deutscher Gegenwart, die allgemeinen und die individuellen Potenzen, auf die wir angewiesen sind, sehe ich völlig ab von allem Wünschenswerten und halte mich ausschließlich an das Ausführbare, so weiß ich heute nur noch ein heroisches Mittel, das die Monarchie und den monarchischen Einheitsstaat aus der demokratischen Versumpfung herauszureißen geeignet wäre: das ist der Krieg. Für und wider die Majestät des Krieges ist mit sittlicher Entrüstung und pathetischer Begeisterung viel Aufwand schöner Worte getrieben worden. ... Ich für meinen Teil meine mit dem großen Florentiner: jeder Krieg ist gerecht und heilig, der um gerechter und heiliger Ziele willen geführt wird. All unser Leben ist Kampf gegen die uns feindlichen Naturgewalten um uns und in uns. Auch die dumpfen, schweren, tierischen Massen elementarer Menschheit gehören zu den Naturkräften, deren Bändigung oder Vernichtung unabwendbare Voraussetzung sittlicher Fortentwicklung ist.» Also um die dumpfen, schweren, tierischen Massen elementarer demokratischer Menschen zu bändigen, soll freiwillig ein Krieg entfesselt werden? Es ist keine Fabel, es steht in der Schrift des Hetrn Mittelstädt. Was sagen die Friedenskämpfer zu solcher Weisheit? Man braucht ihr Anhänger nicht zu sein, um das Kriegsgeschrei Mittelstädts unvernünftiger zu finden als das utopistische Gezänke der Friedenskongtesse.
Es wäre betrübend, wenn der Erfolg des Buches Mittelstädts auf etwas anderes als auf Neugierde zurückzuführen wäre. Begreiflich ist, daß jeder lesen will, was unter merkwürdigen Bedingungen in die Welt gesetzt wird. Schlimm wäre es, wenn sich wieder Köpfe fänden, die Mittelstädts Schrift für hohe politische Weisheit halten, wie sich solche gefunden haben, welche die Phrasen des Rembrandtdeutschen als europäisches Ereignis hingestellt haben.