62. Friedrich Jodl «Wesen und Ziele der Ethischen Bewegung in Deutschland»

Oft habe ich in dieser Zeitschrift von der Revolutionierung der Geister im neunzehnten Jahrhundert gesprochen. Ich habe gesagt, daß wir auf dem Wege sind, durch Vertiefung in das Wesen der Natur und durch kühne, freie Selbsterkenntnis uns eine Weltanschauung aufzubauen, durch welche die in den verflossenen Jahrhunderten herrschenden religiösen Vorstellungen aus Köpfen und Herzen der Menschen vertrieben werden sollen. Aber ich habe auch stets betont, daß sich die moderne freie Weltanschauung nur langsam der Geister bemächtigt, und daß rückständige Ansichten immer wieder und wieder mit etwas neuer Schminke aufgeputzt, dem Siegeslauf dieser Weltanschauung sich hemmend in den Weg stellen. Nur wer in den Geist der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse dieses Jahrhunderts eindringt und mit dem durch dieses Eindringen gewonnenen freien Blick die Stellung des Menschen in der Welt zu erfassen imstande ist, ist berufen, über die Anforderungen der modernen Zeit zu sprechen. Es gibt aber Leute, die durchaus den erforderlichen freien Blick nicht gewinnen können. Sie versuchen dann alle möglichen Fetzen der alten Weltanschauung herüberzuretten in die neue Zeit und wollen mit solchen Erbstücken reformierend auf die Gegenwart einwirken. Zu ihnen gehören die Führer der sogenannten «Gesellschaft für ethische Kultur». Ich ersehe dies aufs neue aus einem Schriftchen, das soeben in zweiter Auflage erschienen ist und den Titel trägt: «Wesen und Ziele der ethischen Bewegung in Deutschland». Es hat den Wiener Philosophieprofessor Friedrich Jodl zum Verfasser. Von der Philosophie, die der gelehrte Herr vertritt, erhält man eine Vorstellung, wenn man seine Sätze (S. 15) liest: «Wir fußen auf der Überzeugung, daß es eine Wissenschaft vom sittlichen Leben gibt, wie es eine Naturwissenschaft, wie es eine Wissenschaft vom wirtschaftlichen Leben gibt; und daß die Zeit vorüber, unwiderbringlich vorüber ist, wo es Wissenschaft überhaupt nur im Dienste und als Bestandteil der Religion gab.» Das Gehirn sträubt sich, solche Sätze nachzudenken. Verehrtester Herr Professor! Es gibt nur eine Weltansicht, und aus dieser fließen unsere sittlichen Erkenntnisse, wie unsere wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen. Und bei demjenigen, bei dem sittliche, naturwissenschaftliche und wirtschaftliche Erkenntnisse nebeneinanderherlaufen, der hat es eben noch nicht zu einer einheitlichen Weltanschauung gebracht. Solange sich diese Weltanschauung auf der religiösen Offenbarung aufbaute, solange mußte sie eine sittliche Ansicht im Sinne dieser Offenbarung im Gefolge haben. Und wer seine Weltansicht nicht aus der Bibel, sondern aus der modernen Natur- und Menschheitserkenntnis schöpft, muß auch zu sittlichen Überzeugungen kommen, die im Sinne dieser Erkenntnis sind. Und eine Ethik, wie sie dieser Professor der Philosophie will, deren Ziel ist (S. 15): «harmonische Ausgestaltung der Persönlichkeit, innere Trefflichkeit des Willens und Charakters und Wohlfahrt und Entwicklungsfähigkeit des Geschlechtes» und die dieses Ziel ohne Zugrundelegung und Ausfluß irgendeiner Weltanschauung erreichen will, ist eine Summe leerer Redensarten. Die Gesellschaft aber, die zur Pflege solcher Ethik errichtet worden ist, ist eine inhaltlose Bildung, die eine auf nichts gebaute Sittlichkeit pflegen will, weil sie eine im Sinne moderner Erkenntnis gehaltene Ethik aufzubauen unfähig ist.

German original of Friedrich Jodl “The Nature and Aims of the Ethical Movement in Germany” · ← Previous · Next →