71. Zur Problematik des Journalisten und Kritikers
anläßlich des Todes von Emil Schiff am 23. Januar 1899
Eine für die Gegenwart bedeutsame Persönlichkeit ist uns vor einigen Tagen durch den Tod genommen worden. Kein schaffender Künstler oder Gelehrter, keine produktive Natur war Emil Schiff, der am 23. Januar gestorben ist. Er hat kein Gebiet des geistigen Lebens mit neuen Ideen befruchtet. Alles, was er schrieb, war bloße Berichterstattung; zumeist sogar reine Tagesschriftstellerei. Er war Journalist. Aber wenn man dies in bezug auf Emil Schiff ausspricht, muß man an das Goethesche Wort erinnern: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie. Er wirkte wie ein verkörperter Protest auf den Journalismus der Gegenwart. Wie stände es um den Journalismus: hätten wir viele seinesgleichen! Eine allgemein herrschende Ansicht der Gegenwart kann den Begriff des Journalisten nicht von dem der Oberflächlichkeit trennen. Wer möchte dieser Ansicht eine gewisse Berechtigung absprechen? Wie war dagegen Emil Schiff! Jedes Feuilleton, das er schrieb, roch nach Gründlichkeit. Mancher Gelehrte, der über ein entlegenes und wegen der Einseitigkeit leicht zu beherrschendes Thema schreibt, könnte sich diesen oder jenen Zeitungsartikel Schiffs zum Muster nehmen.
Der Journalist schreibt für den Tag. Wer das tut, muß den Tag verstehen. Aber der Tag, das «Heute» ist das Ergebnis der ganzen menschlichen Kulturarbeit. Und in der kleinsten Tageserscheinung können Dinge zum Vorschein kommen, die man nur auf der breitesten Basis einer ganz allgemeinen Bildung beurteilen kann. Man stelle sich einen Journalisten vor, der in würdiger Weise aus Anlaß von Helmholtz', du Bois-Reymonds oder Treitschkes Tod schreiben will! Es ist gewiß weniger schwierig, für eine gelehrteste Zeitschrift über das Gehirn der Nagetiere zu schreiben.
Es wird behauptet, daß in unserer Zeit eine gewisse Vielseitigkeit sich nicht mit Gründlichkeit paaren läßt. Der Reichtum dessen, was wir auf den einzelnen Gebieten heute wissen müssen, wenn wir «gründlich» sein wollen, ließe sich nicht vereinigen mit der universellen Beherrschung des Geistesinhaltes unserer Zeit. Wäre das richtig, so wäre es auch die Ansicht, daß der Tagesschriftsteller oberflächlich sein muß. Emil Schiff ist der lebendige Gegenbeweis dieser Behauptung. Wodurch ist er dieser Gegenbeweis geworden?
Man braucht nur ein paar Tatsachen zusammenzustellen, um diese Frage zu beantworten. Emil Schiff hat von seinem neunzehnten Jahre ab die Rechtswissenschaft studiert; dann wurde er Journalist. In seinem neunundzwanzigsten Jahre begann er Studien über höhere Mathematik, analytische Mechanik, in seinem zweiunddreißigsten über Medizin. Im siebenunddreißigsten konnte er eine Doktordissertation schreiben über «Cabanis», einen der vielseitigsten Menschen des vorigen Jahrhunderts. Schiffs Freunde erzählen, daß dieser sich in seinen letzten Lebenstagen mit englischer und römischer Geschichte beschäftigt hat, und daß am Bette des Sterbenden Cervantes zu sehen war. Man wird also wohl kein falsches Urteil fällen, wenn man sagt, daß der Unermüdliche noch vieles dem weiten Umkreis seines Wissens einverleibt hat, das sich urkundlich nicht nachweisen läßt.
Es wäre gewiß unrichtig, wenn man behaupten wollte, daß Schiff nur deshalb in solch emsiger Weise bemüht war, sein Wissen nach allen Seiten auszubilden, um ein vollkommener Journalist zu werden. Ihm war eine allseitige Bildung ein persönliches Bedürfnis. Etwas nicht zu wissen, schien seinen auf Universalität angelegten Geist zu beunruhigen. Aber gerade solche Menschen gehören in die Journalistik. Für diesen Beruf ist nichts zu gut. Und wenn man auch sagen muß, ein Mensch mit solchem Erkenntnisdrange müßte das Ideal eines Gelehrten geworden sein: bedauern darf man nicht, daß er Journalist geworden ist. Weil ein großer Teil unserer gebildeten Welt bloß die Tagesliteratur sich aneignet, braucht diese Persönlichkeiten, wie Emil Schiff eine war.
Nur durch Charaktere von seiner Art ist es möglich, die so viel besprochenen Schäden der Journalistik aus der Welt zu schaffen. Das menschliche Wissen bildet ein in sich geschlossenes Ganzes. Man kann allenfalls Spezialist sein und die allgemeine Bildung entbehren. Man muß dann über die Einflüsse Byrons auf die deutsche Literatur rein Tatsächliches zusammenstellen; oder über die Fortpflanzung der Moose berichten, was man mit den Augen gesehen hat. Aber man kann unmöglich über eine politische Erscheinung oder eine wissenschaftliche Entdeckung seinen Zeitgenossen berichten, wenn man diese nicht auf Grund einer umfassenden Bildung in das ganze Kulturgetriebe der Gegenwart einzugliedern weiß. Unsere Journalisten können das zumeist nicht. Leider wird der Mangel einer solchen Fähigkeit auch viel zu wenig bemerkt. Viel mehr Glück als die Schiffs haben jetzt diejenigen, die eine eitle Belesenheit in paradoxer Weise zur Schau zu tragen verstehen. Der Journalist kann so einseitig, ja so unwissend wie möglich sein, wenn er nur «amüsant» ist. Ja, amüsant! Man kann da eigentlich gar nicht widersprechen. Aber es kommt nur darauf an, für wen amüsant. Für diejenigen, die ein ernsthaftes Bedürfnis haben, an dem Kulturleben der Gegenwart teilzunehmen, oder für diejenigen, die durch inhaltlosen Witz die Zeit hinbringen wollen, die ihnen von ihren Berufsgeschäften übrig bleibt. Der Pamphletist gilt heute mehr als der kenntnisreiche, urteilsfähige Berichterstatter. In höchstem Ansehen stehen Artikelschreiber, die ein paar Phrasen aus dem Katechismus der Agrarier aufgenommen haben, und diese mit ein paar stilistischen Schnörkeln aus einer oberflächlichen Nietzschelektüre zu verbrämen wissen. Das Einseitige, Oberflächliche und Paradoxe beherrschen die Tagesschriftsteller. Von alledem das Gegenteil war Emil Schiff eigen. Er war ein sachgemäßer Journalist. Er hatte das dem Berichterstatter so notwendige Gewissen. Und er konnte dasjenige erfüllen, was dieses Gewissen ihm vorschrieb, denn er arbeitete unablässig an der Vervollkommnung seiner Urteilsfähigkeit.
Man kann der Ansicht sein, daß niemand als Tagesschriftsteller über ein Theaterstück schreiben soll, der nicht wenigstens die Grundzüge des Darwinismus kennt, und daß niemand über den Fürsten Bismarck schreiben soll, der nicht das Wesentliche der Soziologie versteht. Solch strenge Bedingungen erfüllte Emil Schiff. Er verband die Genauigkeit eines Gelehrten mit dem vielseitigen Interesse des Zeitungsschreibers. Die bloße Phrase war ihm ganz fremd.
Für produktive Naturen wird es wahrscheinlich gar nicht leicht sein, dem journalistischen Beruf in solch vollkommener Weise zu entsprechen, wie es Schiff tat. Sie werden zu sehr mit der Ausbildung des Eigenen beschäftigt sein, um sich das Fremde in solch ausgiebigem Maße anzueignen. Schiff konnte in solch einziger Art über andere und anderes berichten, weil ihn das Eigene nie störte.
Alles Reden über Reformen innerhalb gewisser Lebens- und Kulturverhältnisse ist wertlos, wenn man nicht erkennt, daß sich eine solche Reform auf Grund vollkommener menschlicher Auslese aufbauen muß. Wir wissen heute, daß man . den Menschen nicht gegen seine Anlagen entwickeln kann. Wer von Erziehung spricht und glaubt, daß es allgemeine Grundsätze gibt, nach denen sich die menschliche Natur formen läßt, versteht nichts von den modernen wissenschaftlichen Errungenschaften. Wir können nichts weiter tun, als die in einem Menschen gelegenen Anlagen zur Ausbildung bringen. Und wir müssen Bedingungen schaffen, daß diejenigen Menschen, die für irgendeine Lebenssphäre besonders geeignet sind, sich auch in diese stellen können. Eine Berufsklasse wird dann am besten versorgt sein, wenn die natürlichen Verhältnisse geeignet sind, diejenigen Menschen in sie zu führen, die ihrem Wesen gemäß am besten für sie taugen.
Um solche Bedingungen zu schaffen, muß allerdings die Erkenntnis und Würdigung der Persönlichkeiten vorhanden sein, die eine solche Tauglichkeit besitzen. Nach dieser Erkenntnis und Würdigung richten sich die Anforderungen, die man an gewisse Berufe stellt. Und diese Anforderungen entsprechen genau dem, was man auf dem Gebiete der Nationalökonomie die Nachfrage nennt. Nach dieser Nachfrage wird sich immer das Angebot richten. Wenn die Leser unserer Zeitungen nach Schwätzern fragen, so werden sich ihnen Kerrs anbieten; wenn sie nach allseitig gebildeten, gewissenhaften Schriftstellern verlangen, werden ihnen Schiffs entgegentreten. Das ist ein ehernes Gesetz in der geistigen Entwicklung der Menschheit. Deshalb darf nicht achtlos vorübergegangen werden an solch vorbildlichen, einzigen Persönlichkeiten, wie Emil Schiff eine war.
Jeder Leserkreis hat die Journalisten, die er verdient. Emil Schiff war nur für einen auserlesenen bestimmt. Das ist nicht gerade schmeichelhaft für unsere Zeit; denn dieser Mann wurde im Grunde doch wenig beachtet. Man hat in vielen Kreisen seinen Artikeln wohl kaum mehr Verständnis entgegengebracht als denen eines beliebigen Satzdrechslers mit spärlichem, literarhistorischen Wissen. Nur wenige Menschen haben bei seinen Lebzeiten den Wert dieses Mannes gekannt.