72. Professor Schell

«Der Katholizismus ist als solcher ein Prinzip des Fortschritts; was aber etwa bei den katholischen Völkern wirklich und wahrhaft dem geistigen Fortschritt im Wege steht, ist nicht wesenhaft katholisch. Man muß es rücksichtslos erforschen und bekämpfen, damit der Katholizismus sein eigenstes Wesen ungehindert entfalte!» ... «Das Ideal, das die theologische Forschung leitet, ist die Überzeugung, daß die Gleichung zwischen richtig erfaßter Offenbarung und richtig gedeuteter Wirklichkeit herzustellen sei. Wenn ungläubige Gelehrte, von anderen Idealen geleitet, anders urteilen, so verbinden sie eben mit den Worten Gott und Christentum eine ganz andere Vorstellung als der Theologe» . . . So schrieb vor einigen Jahren ein idealistisch gesinnter deutscher Theologe, der Würzburger Professor Hermann Schell. («Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts», Würzburg 1897. Die Schrift hat vor kurzem die 7. Auflage erlebt.) Vor einigen Tagen hat nun der Papst eine deutliche Meinung darüber abgegeben, ob er über das «Wahrhaft Katholische» ebenso denke wie dieser Würzburger Professor. Er hat Schells Schriften auf den Index der für Gläubige verbotenen Bücher gesetzt. Damit ist gesagt, daß die Lehren dieses Professors ketzerisch sind. Es wird nun erzählt, daß Professor Schell sich unterworfen habe. Wenn das wahr ist, dann hat Schell einfach als wahrhafter und echter Katholik gehandelt. Und wieder einmal haben diejenigen Recht behalten, die für den Katholizismus als einzig maßgebend das berühmte Wort des Kardinals Rauscher halten: «Die Kirche kennt keinen Fortschritt». Schell gehört zu jenen Bekennern des katholischen Glaubens, die sich der Macht der wissenschaftlichen Errungenschaften nicht entziehen können. Sie empfinden die Macht der Erkenntnisse, die sich der Mensch durch sein freies Denken erwirbt. Aber sie können aus ihrem Religionsbekenntnisse nicht heraus. Sie suchen nach einer Vereinigung ihres Glaubens mit der Wissenschaft. Ihnen gegenüber muß immer wieder betont werden, daß alle freie Wissenschaft sich aus der Kraft des menschlichen Geistes heraus entwickelt hat; und daß in Wahrheit der Katholizismus niemals irgendein Ergebnis der freien Forschung aus inneren Gründen zugegeben hat. Er ist stets nur so weit zurückgewichen, als er vor der Macht des menschlichen Geistes zurückweichen zußte. Er hat neben sich gelten lassen, was er nicht aus der Welt schaffen konnte. Es gibt innerhalb des Katholizismus nichts, was es ihm möglich machte, seine eigenen Lehren mit den Fortschritten des menschlichen Geistes in Einklang zu bringen. Es ist gut, wenn dies hüben und drüben zugestanden wird. Der wahre Katholik muß sich feindlich allem entgegenstellen, was der menschliche Geist aus sich selbst erzeugt. Und der moderne Geist muß sich feindlich gegenüberstellen dem, was die Kirche auf Grund ihres Offenbarungsglaubens lehrt. Alle Überbrückung dieses Gegensatzes ist eine — nicht notwendig subjektive, aber jedenfalls objektive - Verfälschung des Tatbestandes. Und diese Verfälschung ist schädlich. Denn sie verhindert, daß der Kampf zwischen zwei Weltanschauungen in ehrlicher Weise ausgefochten werde. Wenn Professor Schell sagt: «Warum soll es nun in unserer Gegenwart unkirchlich sein, die fortgeschrittene, vertiefte und erweiterte Philosophie der Neuzeit mit dem Offenbarungsglauben in eine fruchtbare Bundesgenossenschaft zu bringen?», so verhindert ein solcher Standpunkt den Fortgang der Entwicklung, der den tatsächlichen Faktoren entspricht. Er schafft zwischen ehrlichen Anhängern der Kirche und ehrlichen Gegnern eine Zwischengruppe, die das Aufeinanderprallen verhindert und die Entscheidung hinausdrängt. Den Bekennern des freien Denkens ist der Papst lieber als Professor Schell. Wo sie « Ja» sagen, sagt der Papst «Nein». Und das ist gut. Und der Papst hat sein gutes Recht dazu. Er ist in allen Dingen unfehlbar, die er ex cathedra verkündigt. Wer über den Katholizismus spricht, hat sich deswegen einzig an den Papst zu halten. Seit die Unfehlbarkeit Dogma geworden ist, muß das anerkannt werden. - Es gibt gewiß naive Gemüter, die es Gläubigen von der Art Professor Schells übelnehmen, daß sie sich unterwerfen. Sie möchten wir fragen: Wäre denn die Nicht-Unterwerfung nicht einfach sinnlos? Was soll der Professor Schell denn machen? Soll er weiter behaupten: seine Lehre sei richtiger Katholizismus und der römische Bischof habe Unrecht. Dann müßte aber doch der Professor Schell zugleich sagen: der Katholizismus schließt eben den Fortschritt aus. Also müßte er sich der Inkonsequenz zeihen. Entweder bleibt Schell Katholik, dann ist seine Lehre falsch - denn der Papst hat sie für falsch erklärt, und an diese Erklärung hat sich derjenige zu halten, der Katholik sein will -, oder Schell bleibt nicht Katholik: dann ist seine Lehre auch falsch, denn der Katholizismus kennt eben dann keinen Fortschritt. - Noch naivere Gemüter werden vielleicht sagen: Professor Schell könnte das Dogma der Unfehlbarkeit bekämpfen und sagen, daß er und nicht der Papst den richtigen Katholizismus vertrete. Doch mit Verlaub gesagt: das wäre das Allerschlimmste. Denn das hätte, wenn er es für notwendig hielte, Professor Schell längst tun müssen. Er ist ein echter Katholik bisher gewesen; also ein Bekenner des Unfehlbarkeitsdogmas. Wenn er nun durch seine eigenen Lehren in Gegensatz mit dem Papst kommt, dann kann er nur — abschwören.

So geht es allen, die sich einer Autorität preisgeben. Sie sind ihr verfallen. Wenn sie von ihr loswollen, dann müssen sie erst von ihren eigenen Anschauungen loskommen.

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