73. Über Den Lehrfreimut

In den weitesten Kreisen gehört zu werden verdienen die Sätze, die vor einigen Tagen der neugewählte Rektor der Heidelberger Universität zu den Studenten gesprochen hat, als sie ihm den üblichen Fackelzug darbrachten. Wir haben es ja in den letzten Wochen so oft hören müssen, daß die Professoren Beamte des Staates seien und daß die Regierungen sie demgemäß behandeln müßten. Was kann eine reaktionäre Regierung mit einer solchen Forderung alles machen? Jeder Universitätslehrer, der auf einem Standpunkt steht, welcher dem rückschrittlichen Sinn oder auch nur dem Unverstand der Machthaber zuwider ist, kann als widerspenstiger Beamter verfolgt werden. Die den Universitäten gewährleistete Lehrund Lernfreiheit kann durch diese Forderung einfach aus der Welt geschafft werden. Kürzlich hat Professor Paulsen in den «Preußischen Jahrbüchern» darauf hingewiesen, daß Professor von profiteri stammt, d.i. von «öffentlich bekennen». Mit ihm erklärt sich der Heidelberger Rektor, Professor Osthoff, einverstanden. Aller Fortschritt der Wissenschaft hängt an der Lehr- und Lernfreiheit. Nur wenn der Universitätslehrer öffentlich bekennen kann, was ihm seine Wissenschaft als Resultat geliefert hat, kann er seinen Beruf im höheren Sinne erfüllen. Läuft irgend eines dieser Resultate den Interessen eines Staates zuwider, so hat der Staat sich nach der Wissenschaft zu reformieren. Aus den Errungenschaften des geistigen Lebens müssen den gesellschaftlichen Einrichtungen immer neue Lebenssäfte zugeführt werden. Osthoff betont, daß das notwendige Gegenstück zur Lehrfreiheit der Lehrfreimut ist. Wohin soll dieser Lehrfreimut gelangen, wenn der Lehrer bei jedem Wort hinschielen muß nach den Machthabern? Wie ein heller Sonnenstrahl fiel die Rede Osthofts in unseren allseitig von den Mächten der Finsternis verdunkelten Gesichtskreis hinein. Wir hören aus ihr die Gesinnung heraus: Ihr sollt der freien Forschung mehr gehorchen als den staatlichen Interessen! Genossen in dieser Gesinnung muß man dem Heidelberger Rektor wünschen. Gegen den Freimut der Hochschullehrer, gegen den Unabhängigkeitssinn der freien Forscher werden die reaktionären Gewalten auf die Dauer nicht bestehen können. Auch die Kirchen haben die Lichter, die der geistige Fortschritt entzündet hat, niemals verlöschen können. Am allermeisten brauchen wir in den geistigen Berufen Männer, die die Freiheit bekennen, weil sie die Freiheit lieben. Von Ministerien des Geistes sprechen und der Reaktion dienen, das sollten unsere Professoren den «Staatsmännern» überlassen.

German original of On the Freedom of Teaching · ← Previous · Next →