74. Zur Literatur Über die Frauenfrage
Die Freunde des menschlichen Fortschrittes, die durch ihr Temperament und vielleicht auch dutch eine gewisse gesteigerte Urteilsfähigkeit zu Lobrednern einer radikalen Richtung werden, haben im wesentlichen zwei Arten von Gegnern. Die einen sind diejenigen, deren Gefühle an dem Hergebrachten hängen, weil sie in ihm das Gute zu erkennen glauben. Diese sehen in reformatorischen Ideen mehr oder weniger den Ausfluß eines intellektuellen oder sittlichen Mangels. Das sind die eigentlichen konservativen Naturen. Zu ihnen kommt eine zweite Art von Gegnern. Diejenigen, die reformatorischen Ideen an sich nicht feindlich gesinnt sind, die aber nicht müde werden, bei jeder auftauchenden konkreten Fortschrittsfrage, die in den «Verhältnissen liegenden entgegenstehenden Schwierigkeiten» zu betonen. Sie sehen ihre Aufgabe darin zu bremsen, auch wenn sie den Ideen der Radikaleren an sich durchaus nicht feindlich gegenüberstehen. Für die erste Art von Gegnern gibt es nur ein Heilmittel: die Zeit. Mit Vorstellungen kann man nicht unmittelbar an sie herankommen. Sie können für ein Neues nur dadurch gewonnen werden, daß es ihnen immerfort wieder vorgeführt wird und sich auf diese Weise ihre Gefühle seiner Macht anpassen.
Anders scheint die Sache bei denjenigen Gegnern, deren Gefühle mit dem Neuen sympathisieren, und die sich nun über die «gewissen Schwierigkeiten» nicht hinwegsetzen können. Sie müßten vor allem zu einer Erkenntnis kommen, nämlich zu derjenigen, daß die Hauptmasse dieser Schwierigkeiten weniger in der Macht der Verhältnisse liegt, die der Mensch nicht bändigen kann, als vielmehr in ihren eigenen vorgefaßten Meinungen. Sie können zu keinem Urteil über den menschlichen Fortschritt kommen, weil sie durch ihre Einbildungen über das, was nun einmal notwendig erscheint, sich selbst fortwährend alle möglichen Schwierigkeiten auftürmen. Wie viele der wichtigsten «Lebensfragen» leiden unter solchen eingebildeten Schwierigkeiten! Könnten wir nicht zum Beispiel in der Reform des höheren Schulwesens viel weiter sein, wenn die beteiligten Kreise nicht immerfort wieder alles mögliche vorbrächten über die Notwendigkeit, gewisse Einrichtungen des gegenwärtigen Unterrichtswesens beizubehalten? Und wieviel von dem, was da als Notwendigkeit betont wird, beruht nur auf Einbildung!
Es ist kein Zweifel, daß zu den «Fragen», die in unserer Zeit durch solche Bremsernaturen am meisten zu leiden haben, die sogenannte «Frauenfrage» gehört. Wenn über sie gesprochen wird, kann man wahrnehmen, wie die höchsten Berge solcher eingebildeten Schwierigkeiten aufgetürmt werden. Die Klarheit darüber, welches wirkliche Gewicht einzelnen in der Gegenwart bestehenden Verhältnissen zukommt, könnte manches Vorurteil in kürzester Zeit hinwegräumen. Man brauchte nur deutlich hinzusehen, um zu erkennen, wie die Dinge wirklich liegen.
Wenn die Zeitschrift, deren erstes Heft eben ausgegeben wird, das hält, was sie verspricht, und wozu sie in der besten Weise den Anfang macht, dann wird sie gerade im Sinne dieser Klärung in der denkbar günstigsten Weise wirken. Darstellungen der Lebens- und Existenzbedingungen der Frauen wollen die «Dokumente» bringen. «Unbeeinflußt von allen Parteiströmungen und Parteistandpunkten soll die Zeitschrift den Frauen unabhängige, sachliche, streng an die Tatsachen gebundene Belege - Dokumente — über die wirklichen Zustände des Lebens geben; sie soll den Frauen die Wege anzeigen, die sie einschlagen müssen, um ihre Interessen zu verteidigen, das heißt die Forderungen zum Ausdruck brinsen, die sie zu stellen gezwungen sind, um sich in dem Existenzkampfe zu behaupten, die Forderungen nach wirtschaftlicher, sozialer und politischer Gleichstellung.»
Welch dringende Forderungen dies sind, geht am besten aus einer statistischen Mitteilung hervor, die die Herausgeberinnen in ihrer Vorrede machen. «Bei der Berufszählung 1890 sing hervor, daß von den 9 Millionen über 10 Jahre alten Frauen in Österreich 6¼ Millionen in selbständigem Erwerb standen.» Auf 100 arbeitende Männer kommen in Österreich 79, in Deutschland 39, in England 26, in Amerika 15 selbständig erwerbende Frauen. Wer könnte leugnen, daß gegenüber diesen tatsächlichen Verhältnissen die Stellung, welche Gesellschaft und Staat den Frauen anweisen, geradezu wie ein Hohn sich ausnimmt? Gesellschaftliche Einrichtungen sind doch nur dann gesund, wenn sich in ihnen die tatsächlich bestehenden Verhältnisse ausdrücken. Die Aufgaben, welche diese tatsächlichen Verhältnisse der Frau stellen, fordern gebieterisch eine Reform ihrer öffentlichen Stellung.
Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten, die im Geistesleben der Gegenwart vorhanden sind, daß selbst naturwissenschaftlich denkende Köpfe sich den Forderungen der Frauen feindlich entgegenstellen. Was wird alles über das Wesen der Frau geredet, und was wird daraus gegen die Forderungen der Frau abgeleitet! Immerfort kann man es hören, wie die Frau gar nicht in der Lage sein soll, an dem öffentlichen Leben teilzunehmen. Von naturwissenschaftlich Denkenden sollte man solche Reden am wenigsten erwarten. Wie würden sie zetern, wenn man ein physikalisches Experiment deshalb verhinderte, weil man aus dem Wesen der mitwirkenden Kräfte erklären wollte, daß ein Ergebnis unmöglich sei. Über das, was möglich ist — würden sie mit Recht sagen -, kann allein die Erfahrung entscheiden. Und nur so kann ein im modernen Sinne denkender Mensch über die Frauenfrage urteilen. Wir wissen gar nichts über den Fortgang einer Kultur, an der die Frauen denjenigen Anteil nehmen, den ihnen eine völlig freie Entwicklung ihrer Fähigkeiten gibt. Uns steht es allein zu, die Möglichkeit einer solchen freien Entfaltung herbeizuführen. Und wer in dieser Weise denkt, der kann nur den Worten Björnstjerne Björnsons beistimmen, die er in einem im ersten Heft der «Dokumente» abgedruckten interessanten Brief an Fräulein Fickert schreibt: «Die Frauenfrage ist aus der harten Notwendigkeit geboren; ihre Ideale bergen neue Hoffnungen für die Menschheit. Wir stehen noch vor Aufgaben, die — es wird sich schon nach und nach erweisen nicht anders gelöst werden können als in dem Geiste, der vorzüglich der Geist der Frau ist. Wir warten darauf, daß er durch sie in unseren öffentlichen Verhandlungen der herrschende werde. Aber dann möge sie sich auch darauf vorbereiten! Ebenso in ihren Anlagen, wie in ihrem Charakter.»
Ein Aufsatz des österreichischen Rechtslehrers Anton Menger über «Die neue Zivilprozeßordnung und die Frauen» zeigt, wie wenig die gegenwärtige Gesetzgebung den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung trägt, und eine Auseinandersetzung über die soziale Lage der Unterlehrerinnen gibt ein Bild davon, welche wirtschaftlichen Kämpfe eine Frau zu bestehen hat, die in das Berufsleben eintritt.
Nur wenn sie völlige Freiheit in der Entwicklung ihrer Kräfte genießt, kann die Frau den Anteil zu der Kulturarbeit der Menschheit liefern, der ihr nach ihrer Natur möglich ist. Deswegen wird diejenige Lebensanschauung den Forderungen der Frau am meisten gerecht werden, welche der menschlichen Entwicklung überhaupt die Richtung nach der unbegrenzten Geltung der Freiheit zu geben sucht. Die unbegrenzte Freiheit des Menschen sucht der individualistische Anarchismus zu verwirklichen. Nur wer die Ziele und den Geist dieser Lebensauffassung nicht im geringsten kennt, kann sie in Zusammenhang bringen mit jenem Anarchismus, der in der «Propaganda der Tat» ein Mittel zur Verwirklichung der Freiheit erblickt. Man braucht nur mit klaren Worten auszusprechen, was der individualistische Anarchismus will: und sogleich ergibt sich, daß er der allergrößte Feind sein muß von jeder Propaganda der Tat. Was über den Unterschied von Anarchismus und dieser Propaganda zu sagen ist, haben J. H. Mackay und ich in Nr. 39 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift ausgeführt.
Der individualistische Anarchismus tritt bei jedem Menschen auf, der im Sinne der modernen Naturanschauung denkt - und zwar konsequent denkt. Diese Naturanschauung zeigt uns die Entwicklung des Menschen aus niederen Organismen in einer rein natürlichen Weise. Die Entwicklung kann heute nicht abgeschlossen sein. Sie muß fortgehen. Wie in den niederen Organismen die Kräfte lagen, die sie heraufführten bis zum Menschen, so liegen in diesem die Kräfte zur Weiterentwicklung. Alles, was wir unternehmen, um den Menschen in eine vorbestimmte Ordnung einzuzwängen, hindert diese Weiterentwicklung. Wer eine staatliche oder gesellschaftliche Ordnung festsetzt, kann dies nur auf Grund der bisherigen Entwicklung. Wenn man aber eine bestimmte Ordnung des menschlichen Zusammenlebens auf der Grundlage dieser bisherigen Entwicklung festlegt, so beschneidet man das Zukünftige durch das Vergangene. Wir können gar nicht wissen, welche Entwicklungskeime in dem Menschen noch verborgen zur Weiterentwicklung liegen. Deshalb können wir auch keine Ordnung festsetzen, in welcher sich der Mensch entwickeln soll. Er muß die volle Freiheit besitzen, alles zu entwickeln, was in ihm keimt. Die Ordnung, die er braucht, wird sich dann immer von selbst aus dieser Freiheit ergeben. Dies ist der Grund, warum die von einem der besten Freiheitsmänner gegründete Zeitschrift des individualistischen Anarchismus, die in Amerika erscheinende «Liberty» den Wahlspruch trägt: Freiheit ist nicht die Tochter, sondern die Mutter der Ordnung.
Aus der Denkweise, der diese Zeitschrift entsprungen ist, geht nun auch die Schrift « Die Frauenfrage, Eine Diskussion zwischen Victor Yarros und Sarah E. Holmes» hervor. (Die deutsche Übersetzung ist kürzlich im Verlag von A. Zack, Berlin, erschienen.) Man lese diese Schrift, wenn man eine wirklich unbefangene Aussprache über die «Frauenfrage» wünscht. Es wird viele geben, die durch eine solche Schrift erst erfahren müssen, was Vorurteilslosigkeit heißt. Sie werden sehen, wie klein der Kreis ist, den sie mit ihren staatlich großgezogenen Anschauungen zu übersehen vermögen. Zwei Menschen sprechen da mit- und zum Teil gegeneinander, denen die Freiheit wirklich Lebensbedürfnis ist, die eine Vorstellung von der Freiheit haben, gegen die das Freiheitsgefasel der «Liberalen» eine Kinderei ist. Man verlange von mir nicht, daß ich den Inhalt erzähle. Wer diesen Inhalt kennen will, der lese die Schrift, die nur 17 Seiten lang, und in der mehr enthalten ist als in den dicken Büchern des geistvollen, aber mit allen Vorurteilen gesalbten Treitschke. Reine, natürliche Geistesluft atmet man da, und ist froh, einmal ein Viertelstündchen heraus zu sein aus der Stickluft des Schrifttums, das nur Vergangenheit ausströmt. Wer sich aus der Knechtschaft unserer kirchlichen, staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen heraus noch eines bewahrt hat: Die Liebe zur Freiheit, der wird aufatmen, wenn er den Ausführungen dieser Schrift folgt.