76. Collegium Logicum
In der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 13. März (1899) hat der Abgeordnete Virchow gesagt, daß er als Examinator die traurige Wahrnehmung eines entschiedenen Niederganges der allgemeinen Bildung unserer höheren Schüler gemacht habe. Er vermißt namentlich die Fähigkeit logischen Denkens, das für einen richtigen Betrieb des wissenschaftlichen Studiums unbedingt erforderlich ist. Früher wurde z. B. von den Medizinern gefordert, daß sie im Beginne ihrer Fachstudien ein logisches Kolleg hörten. Heute hält man das nicht mehr für notwendig. Man glaubt, ein gesundes Denken bedürfe der Kenntnis logischer Regeln nicht. Sie gelten vielen als ein alter Zopf. Und in diesem Sinne hat der Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten auch dem Abgeordneten Virchow geantwortet. Er sagte, während seiner Studienzeit sei die Logik noch Zwangskolleg gewesen, und er erinnere sich, wie über dieses collegium logicum gespottet wurde. Denn das alles, was da als Logik zu hören war, hätten die Studenten schon aus dem deutschen Unterricht vom Gymnasium her gewußt; und dann sei auch die Behandlung sonderbar gewesen. Was stand da alles in den gebräuchlichen Lehrbüchern? meinte der Minister. Und er führte den bekannten Schluß an: «Alle Kretenser sind Lügner», sagt ein Kretenser; wenn das ein Kretenser sagt, so muß es aber selbst gelogen sein; folglich sind doch nicht alle Kretenser Lügner.» In des Herrn Ministers Kopf spukt des Mephistopheles Ausspruch im Goetheschen Faust: «Ich rat’ euch drum zuerst Collegium Logicum. — Da wird der Geist euch wohl dressiert, - in spanische Stiefel eingeschnürt, — daß er bedächtiger so - fortan — hinschleiche die Gedankenbahn. - Was ihr sonst auf einen Schlag — getrieben, wie Essen und Trinken frei, - eins, zwei, drei dazu nötig sei.» Es gibt aber noch einen Goetheschen Ausspruch, der dem Herrn Minister weniger gegenwättig gewesen zu sein scheint: «Dein Gutgedachtes, in fremden Adern, wird sogleich mit dir selber hadern.» — Wenn jemand die Erfahrung macht, daß ein Schuster schlechte Stiefel anfertigt, so wird er kaum für die Abschaffung der Stiefel und für das Barfußlaufen stimmen. Das wäre unlogisch. Was tut aber der Minister anderes mit der Logik? Ganz dasselbe, was der tut, der barfuß läuft, weil er einmal an einen schlechten Schuster geraten ist. Hat er mit solcher Unlogik nicht gerade den Beweis für die Notwendigkeit logischer Schulung erbracht? Man sehe sich nur einmal in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Literatur um. Der Mangel an logischer Schulung springt empörend in die Augen. Ja, man kann noch weiter gehen. Man kann heute die Wahrnehmung machen, daß Forscher, die in ihrem Spezialfach Meister sind, bei allen möglichen Anlässen Theorien und Ergebnisse ihrer Studien vorbringen, die einem logisch geschulten Denker physisches Unbehagen verursachen. Unser ganzes geistiges Leben leidet darunter. Ein wahres Mattyrium muß oft derjenige durchmachen, der auf irgend einem Gebiete die wissenschaftliche Literatur verfolgt. Er muß dicke Bücher lesen, weil er die tatsächlichen Resultate kennen muß, die sie enthalten. Er muß sich aber oft ein paar Brocken aus einem Wust nutzloser, weil unlogisch aufgebauter Theorien herauslösen.
Der Unterrichtsminister meinte, wenn die gesamte Ausbildung logisch ist, dann werde auch ohne logisches Kolleg ein logisches Denken erreicht. Eine solche Behauptung gleicht der, daß man Musiker werden könne durch das bloße musikalische Gefühl, ohne erst die Theorie der Musik zu lernen. Denken ist eine Kunst und hat eine Technik wie jede andere Kunst. Wenn in den alten Logiken diese Technik in zopfiger Weise gelehrt wird, dann suche man diese alten Logiken zu verbessern. Wer nur ein wenig den Gang des geistigen Lebens verfolgt, der weiß, daß gerade für die Logik in den letzten Jahren Ausgezeichnetes geleistet worden ist. Würden die neueren Ergebnisse dieser Wissenschaft für den allgemeinen Unterricht nutzbar gemacht, so könnte viel erreicht werden.
Es besteht eine dringende Notwendigkeit, daß jedermann, der sich mit irgend einem Zweige der Wissenschaft beschäftigt, dies auf dem Grunde einer ganz allgemeinen Bildung tue. Auf alles Einzelwissen fällt erst das rechte Licht, wenn es im Zusammenhange mit den gemeinsamen Zielen alles Erkennens betrachtet wird. Das kann nur derjenige, der sich eine allgemeine Bildung erworben hat. Und diese kann nur erlangt werden, wenn als Grundlage aller speziellen wissenschaftlichen Ausbildung eine Summe philosophischer Erkenntnisse geboten wird. Solche Erkenntnisse liefern die Logik, die Psychologie und gewisse allgemeine Zweige der Philosophie überhaupt. Ohne in sie eingeweiht zu sein, kann jemand die Methoden irgend einer Spezialwissenschaft zwar handhaben, er kann aber die Absichten des geistigen Strebens nicht verstehen. Er kann uns sein Wissen nicht so vermitteln, daß wir es im Zusammenhange mit der ganzen Kulturentwicklung sehen.
Es wäre traurig, wenn an den leitenden Stellen der Untertichtsverwaltungen gar kein Sinn für solch einfache Wahrheiten vorhanden wäre. Es sollte niemand auf dem Gymnasium oder auf einer andern höhern Lehranstalt unterrichten, der nicht weiß, was der Zweig des Wissens, den er lehrt, für die Gesamtheit des menschlichen Geisteslebens bedeutet. Der Geschichtslehrer müßte wissen, in welchem Verhältnis die geschichtlichen Erkenntnisse zu dem mathematischen, naturwissenschaftlichen Wissen in der menschlichen Seele stehen. Dazu muß er erstens die logischen Methoden kennen, nach denen alle Wissenschaften verfahren, und er muß Psychologie verstehen, damit er seine einzelne Wissenschaft in ein richtiges Verhältnis zur Gesamtausbildung der menschlichen Seele zu bringen weiß.
Diese Dinge sind wichtiger als eine lückenlose Bildung in einer Spezialwissenschaft. Denn Lücken in einzelnen Erkenntniszweigen lassen sich im Falle der Notwendigkeit ausfüllen. Bei der allgemeinen Grundlage aller wissenschaftlichen Bildung ist das nicht der Fall. Wenn ein Lehrer der Geschichte die Einzelheiten des Dreißigjährigen Krieges im Bedartfsfalle nicht gegenwärtig hat, so mag er sich hinsetzen und sie lernen. Aber die allgemeine Bildung muß sein ganzes Wesen durchdringen. Sie kann er nicht nachholen, wenn er sie sich zur rechten Zeit nicht angeeignet hat.
Virchow hat eine wichtige Frage berührt. Diese Frage hat gar nichts damit zu tun, welcher Ansicht man in der Frage der Gymnasialbildung sich zuwendet. Man kann der Meinung sein, daß die Einrichtung unserer Gymnasien eine veraltete ist. Die allgemeine Bildung hat in dem modernen Kulturleben Quellen genug. Man braucht heute, um sich eine solche Bildung anzueignen, durchaus nicht acht oder neun Jahre mit der Erlernung der griechischen und lateinischen Sprache gequält zu werden. Aber alle höheren Schulen müssen so eingerichtet werden, daß sie eine allgemeine Bildung bieten. Und die Spezialstudien auf den Universitäten und anderen Hochschulen müssen auf einer allgemeinen philosophischen Grundlage erbaut werden.