77. Gutenbergs Tat als Markstein der Kulturentwicklung
Man muß bis zur Gründung des Christentums zurückgehen, wenn man in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit auf einen Zeitpunkt stoßen will, der so bedeutsam erscheint wie die Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Allem, was in den letzten vier Jahrhunderten vor sich gegangen ist, stehen wir mit unserm ganzen Denken und Empfinden unermeßlich viel näher als dem, was sich vorher abgespielt hat. Wir fühlen, daß unser eigenes Kulturleben mit den Begebenheiten dieses Zeitalters ein Ganzes ausmacht, und daß alles Vorhergehende wie etwas Abgeschlossenes sich ausnimmt.
Gutenbergs Erfindung steht wie der große Markstein da, der dieses Abgeschlossene trennt von der Kulturepoche, die heute noch fortwirkt. Wenn wir näher zusehen, erscheint uns Gutenberg wie ein Mitwirkender bei allem, was in den letzten Jahrhunderten geschehen ist. Unser materielles und geistiges Leben bestätigt vollkommen, was Wimpheling bald nach Gutenberg ausgesprochen hat: «Auf keine Erfindung oder Geistesfrucht können wir Deutsche so stolz sein, wie auf die des Buchdrucks. Welch ein anderes Leben regt sich in allen Ständen des Volkes, und wer wollte nicht dankbar der ersten Begründer und Förderer dieser Kunst gedenken.» Man darf aber auch sagen, keine Kunst trat so in dem rechten Zeitpunkt in die Geschichte ein wie der Buchdruck. Es ist, als ob in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts alle Welt auf die Tat Gutenbergs gewartet hätte. Ein Umschwung in dem gesellschaftlichen Zusammenleben, in den Vorstellungen und Gefühlen der Menschen bereitete sich seit langem vor. Die deutsche Mystik, die das dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert brachte, ist die Vorherverkünderin der neuen Epoche. Die Mystiker wollten sich frei machen von den Ideen, die eine alte Tradition dem Menschen überliefert hat, und die nur auf das Zeugnis von Autoritäten hin geglaubt werden konnten. Im Innern der eigenen Seele wollte man den Quell alles geistigen Lebens suchen. Ein Drang nach Befreiung der Persönlichkeit, der Individualität griff Platz. Der einzelne Mensch wollte die Gedanken selbst prüfen, an die er sich bei seinen Kulturaufgaben zu halten hat. Aus einem solchen Drang heraus mußte das Bedürfnis nach einem neuen Mittel zur Aneignung des menschlichen Wissens erwachsen. Wer den Willen hat, sich schrankenlos der Autorität hinzugeben, der kann nicht anders, als hingehen und sich mündlich die Anschauungen dieser Autorität übermitteln lassen. Wer für sich, auf eigenes Denken bauend, die Wahrheit und das Wissen suchen will, der bedarf des Buches, das ihn unabhängig von der Autorität macht. Gutenberg hat den Menschen das Buch in die Hand gedrückt in einer Zeit, in der sie das lebhafteste Bedürfnis darnach hatten. Luther hat den Deutschen die Bibel in ihre Muttersprache übersetzt. Die Wege, auf denen diese nunmehr verständliche Bibel hinauswandern konnte in alle Welt, hat Gutenberg geebnet. Die Reformation ist nicht denkbar ohne die vorhergegangene Erfindung des Buchdrucks.
Die Art, wie die durch die Buchdruckerkunst allen Menschen zugänglichen Geistesschätze zunächst wirkten, beweist ganz augenscheinlich, welche ungeheure Bedeutung diese Kunst hat. Vor ihrer Erfindung war die Kenntnis naturwissenschaftlicher Gesetze ein Geheimnis weniger. Die großen Volksmassen waren auf den schlimmsten Aberglauben angewiesen, wenn sie sich natürliche Erscheinungen, die sich stündlich vor ihren Augen abspielten, erklären wollten. Das Buch brachte dieser Masse die Möglichkeit, sich Vorstellungen zu bilden über den natürlichen Verlauf dessen, was sich fort- während vor ihren Augen und Ohren abspielt. Aber die jahrhundertelang bloß auf Autoritätsglauben angewiesene Menge war wenig vorbeteitet, sich wirklich sachgemäße Vorstellungen zu bilden. In den Büchern wurden Vorstellungen vermittelt, von denen man vorher nie etwas gehört hatte. Man glaubte daher, es müsse doch noch mehr hinter solchen Vorstellungen stecken, als die einfachen, schlichten Buchstaben der neuen Kunst vermitteln. Durch solchen Glauben war der Boden geebnet für alle möglichen «geheimen Wissenschaften» und Künste, für die Charlatane, die sich als Besitzer eines besonderen höheren Wissens ausgaben, und denen das Volk willig Glauben entgegenbrachte, sich von ihnen betören lassend, weil es sich nur langsam an die Bildung eines eigenen, unabhängigen Urteils gewöhnen konnte.
Wir können die durch Jahrhunderte großgezogene Unfähigkeit, natürliche Tatsachen schlicht zu erklären, noch an den tiefsinnigen Büchern eines so auserlesenen Geistes wie Jacob Böhme (1575-1624) beobachten. Dieser einfache Mann ist wirklich groß in der Darstellung aller Dinge, die man durch Einkehr in das eigene Herz und Gemüt gewinnen kann. Er wird aber höchst abenteuerlich, wenn er physikalische oder andere natürliche Geschehnisse erklären will.
Solche Erscheinungen zeigen, welchen Anteil Gutenbergs Tat an der Erweiterung des Gesichtskreises der abendländischen Menschheit hat. Durch die Buchdruckerkunst wurde die Einsicht in die Natur dem größten Teil der Menschheit erst erobert.
Durch diese Eroberung des Naturwissens erlangte das Geistesleben der Neuzeit ein ganz anderes Gepräge. So weltfremd und naturfeindlich das in Klöster eingeschlossene Leben des Mittelalters ist, so weltfremd ist im Grunde auch die ganze Bildung vor dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Was konnte Gegenstand einer solchen Bildung sein? Nichts anderes, als was der Mensch aus sich selbst herausspann. Man ließ sich nicht durch die Naturerscheinungen belehren; man schärfte allein die logischen Waffen des Verstandes. Die Scholastik ist das Ergebnis eines solch weltfremden Bildungswesens. Man darf ruhig behaupten, die Scholastik konnte nur so lange maßgebend für das Geistesleben sein, als es bloß geschriebene, für die meisten unzugängliche Bücher gab. Der Bildungsweg, den jemand vorher durchmachen mußte, der an diese Bücher herangelangen wollte, war ein solcher, daß er den ganzen menschlichen Geist in eine Richtung brachte, die für die Scholastik empfänglich war. Der Buchdruck machte es möglich, ganz neue Kräfte zur Teilnahme an der Geisteskultur heranzuziehen. Menschen konnten an der Förderung der Bildung mitwirken, die nicht in eine besondere Bahn hineingezwängt worden waren. Dadurch wurde auch die ganze Physiognomie der Bildung eine andere. Statt sich bloß mit weltfremder Scholastik zu beschäftigen, wurde der Blick auf die Erfahrung, auf das wirkliche Leben gelenkt. Gutenberg darf auch als stiller Teilnehmer an all den Leistungen betrachtet werden, die sich an die Namen Kopernikus, Kepler, Galilei, Baco von Verulam knüpfen. Denn des Kopernikus’ wirkungsreiches Buch, das der Astronomie neue Wege wies, Keplers Entdeckungen von der Bewegung der Himmelskörper: sie konnten für die Welt nur recht fruchtbar werden, wenn sie auf ein Geschlecht trafen, das eine weltfreundliche, nicht eine weltfremde Bildung suchte.
Gutenberg hat den großen Pfadfindern der Wissenschaft und Kunst in der Neuzeit die Möglichkeit geschaffen, zu einem weiten Kreis von Menschen zu sprechen. Das Gedeihen einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung hängt an der Beteiligung möglichst vieler an der Bildung. Solange allein im Menschengeiste die Wahrheit gesucht wurde, genügte es, wenn wenige sich diesem Suchen hingaben und ihre Ergebnisse den andern mitteilten. Seit aber die Wahrheit in den unermeßlich vielen Tatsachen der äußern Welt gesucht wird, ist es notwendig, daß der Kreis derer ein möglichst großer ist, die an der Bereicherung der Bildung interessiert sind.
Aber nicht allein die geistige Kultur, auch das gesellschaft“liche und wirtschaftliche Leben wartete geradezu im fünfzehnten Jahrhundert auf das neue Mittel zur Verbreitung des menschlichen Gedankens, der festgestellten Tatsachen und Erfahrungen. Das Anwachsen und die sich entwickelnde Selbständigkeit des Kaufmannstandes stellten höhere Anfordetungen an die persönliche Tüchtigkeit des Einzelnen als frühere Verhältnisse. Vorher war die Betätigung des: Individuums durch die Gesamtheit, der es angehörte, durch den gesellschaftlichen Organismus, in den es eingegliedert war, streng bestimmt und innerhalb ganz enger Grenzen verlaufend. Im fünfzehnten Jahrhundert erfuhren alle diese Dinge eine Erweiterung. Das Individuum löste sich aus den Verbänden, die ihm seine Ziele früher vorgeschrieben hatten. Das ganze Leben wurde komplizierter. Die festen Genossenschaften hatten sich gelockert. Der Einzelne mußte sich seinen Weg durch das Leben selbst bahnen. Nicht die Gilde war nunmehr maßgebend für das, was zu geschehen hatte, sondern die Persönlichkeit. Der Großkaufmann konnte bei seinen Schreibern und Prokuristen nur mehr auf persönliche Tüchtigkeit sehen. Familienrücksichten, Standeszugehörigkeit, die früher den Ausschlag darüber gegeben hatten, wer an einem bestimmten Platz stehen sollte, fielen jetzt ganz weg. Es entstand das Bedürfnis nach einem weiten Weltblick bei dem Einzelnen. Der Mensch mußte sich orientieren über das, was in der Welt vorging. Wieder war es Gutenbergs Erfindung, die solches möglich machte. An die Stelle der primitiven Verständigungsmittel über die Weltverhältnisse, die das Mittelalter allein gekannt hat, trat die gedruckte Mitteilung. Die erste «Zeitung» erschien schon 1505. Sie brachte bereits Nachrichten über Brasilien.
Durch die gedruckte Mitteilung wurde erst das möglich, was man öffentliche Meinung nennt. Die ganze Menschheit wurde gleichsam herangezogen zu der großen Beratung, die den Gang der Weltereignisse lenkt. In Flugschriften, Traktaten, Pamphleten sprach der Einzelne zur Gesamtheit. Das siebzehnte Jahrhundert bildet das Zeitungswesen und mit diesem auch den Einfluß des Volksgeistes aus. Neben den Kabinetten und den einzelnen Staatsmännern tritt das Volk auf die Weltbühne und spricht mit, wenn es sich um die großen politischen und Kulturfragen handelt. Und der einzelne Staatsmann sieht sich gezwungen, sich der öffentlichen Meinung anzupassen, wenn er erfolgreich wirken will. Wir sehen, daß Staatsmänner die Motive für ihr Vorgehen durch die Presse verbreiten, um nicht machtlos zu sein; wir sehen die Achtung vor der öffentlichen Meinung bei den führenden Persönlichkeiten immer mehr wachsen. Wallensteins Offziere senden Berichte über ihre Waffentaten an die Münchener Zeitungen; die österreichische Regierung beklagt sich bei der brandenburgischen, daß die Berliner Zeitungen eine anti-österreichische Tendenz haben. Der Druckkunst ist es zu danken, daß allmählich mit dem Volksgeiste, als mit einem innerhalb des Weltgetriebes voll berechtigten Elemente, gerechnet werden mußte.
Es ist durchaus nicht zu weit gegangen, wenn man das Aufklärungszeitalter als wesentlich mitbedingt durch den Buchdruck ansieht. In Gutenbergs Mainzer Werkstätte wurde der Grund gelegt zu der Gesinnung, welcher der Philosoph Kant einen monumentalen Ausdruck verlieh durch die Worte: «Habe die Kühnheit, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.» Denn diese Vernunft mußte erst allmählich herangezogen werden zu solcher Kühnheit. Das konnte sie nur, wenn sie sich ständig Kunde zu verschaffen wußte von dem, was in der Welt vorgeht. Und wer einen Nutzen davon haben will, daß er sich seiner eigenen Vernunft bedient, der muß auch darauf rechnen können, daß auf sein Mitreden gehört wird. Das achtzehnte Jahrhundert durfte und konnte aufgeklärt sein, weil das siebzehnte eine öffentliche Meinung entwickelt und einen Wert derselben begründet hat.
Was die Öffentlichkeit der Meinung bedeutet, das lernten die machthabenden Faktoren, das lernten aber auch diejenigen bald kennen, welche ihr Scherflein zum Fortschritt des Geisteslebens beitragen wollten. Wir können es verfolgen, wie sich Macht und Bildung mit der Buchdruckerkunst verbanden, weil von ihr ein erfolgreiches Wirken abhing. Der Buchdruck findet seine besten Pflegestätten in der Nähe der Bildungsanstalten, und Gelehrte verbrüdern sich mit der neuen Kunst, ja werden selbst Buchdrucker, um ihren Werken Geltung in der Welt zu verschaffen. Die päpstlichen Gesandten senden nun nicht mehr bloß ihre eigenen Berichte wöchentlich nach Rom, sondern auch die Zeitungen, in denen die Volksstimme zum Ausdruck kam.
Es hat eine tief symbolische Bedeutung, daß der Buchdruckerkunst mit einem ähnlichen Mißtrauen begegnet wurde wie dem Wissen, der Erkenntnis selbst. Und es ist bezeichnend, daß Gutenbergs Genosse Fust oder Faust in Beziehung gebracht wurde mit der kulturhistorisch interessantesten Sage der neueren Zeit. Weil der Mensch des Wissens, der Erkenntnis sich bemächtigt habe, ist er von Gott abgefallen. Dies ist die Bedeutung des Sündenfalles. Nur dem Eingreifen des Teufels vermochte man den Erkenntnisdrang des Menschen zuzuschreiben. Und die «schwarze Kunst», die große Verbündete des Erkenntnisdranges, sie wurde nicht weniger als ein Werk der Hölle hingestellt. Von Faust wurde gesagt: «er wollte sich hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, ward ein Weltmensch, nannte sich ein Dr. Medicinae». Daß sich an Wissenschaft und Buchdruckerkunst eine ähnliche Sagenbildung anschloß, zeigt ihre tief innerliche Verwandtschaft. |
Mit der Ausbreitung der Buchdruckerkunst sehen wir zugleich die Dichtung, die ganze Literatur volkstümlich werden. Der gelehrte Anstrich, den bis dahin das geistige Leben hatte, machte einem ganz neuen Geiste Platz. Der fröhliche Schwank, der lustige Schelmenstreich zieht in die Erzählungskunst ein. Man weiß, daß man nunmehr zum Volke sprechen kann, und man ist daher bestrebt, diesem auch Dinge zu bieten, die mit seiner eigensten Gesinnung, mit seinem Fühlen und Vorstellen zusammenhängen. Und aus dem Volke selbst, das jetzt Anteil nimmt am geistigen Leben, wachsen diesem neue Kräfte zu. Man darf nicht unterschätzen, wieviel die Buchdruckerkunst dazu beigetragen hat, daß Persönlichkeiten wie zum Beispiel Hans Sachs sich zu einer bedeutenden Höhe des Schaffens emporschwingen konnten. Wie viel wäre wohl nie vor seine Augen getreten, wenn es ihm nicht der Buchdruck vermittelt hätte.
Durch Gutenberg wurde die Brücke geschaffen zwischen zwei Welten, die berufen sind, miteinander zu wirken, die nut durch ein stetiges Einwirken aufeinander einen gedeihlichen Entwicklungsprozeß der Menschheit herbeiführen können. Fichte hat es in seinen «Reden an die deutsche Nation» als einen schweren Schaden der Kultur bezeichnet, wenn ein Gelehrtenstand einem auf sich selbst angewiesenen Volke gegenübersteht, das ihn nicht versteht, und aus dem ihm nicht fortwährend neue, frische Triebkräfte zugeführt werden. In vollem Sinne des Wortes ist ein solches Urteil nur über die Kultur des Mittelalters zu fällen. Die letzten vier Jahrhunderte haben durch den Buchdruck einen vollständigen Wandel darin geschaffen. Die Teilnahme des Volkes an ihrer Arbeit hat auch auf die Gelehrten im allergünstigsten Sinne zurückgewirkt. Die letztern hatten alle Fühlung mit den andern Klassen verloren. Man kann das am besten an den ersten naturgeschichtlichen Büchern sehen, die man dem Volke überlieferte. Diese waren ganz durchsetzt mit allen möglichen Wundergeschichten. Man glaubte, daß das Volk nicht reif sei für wirkliche natürliche Wahrheiten. Auch darin lernte man gar bald um. Man wurde im Gegenteil dazu angetrieben, die eigenen Gedanken zu klären, ihnen eine bessere Form zu geben, weil man verstanden sein wollte. Die Notwendigkeit, das Wissen mitzuteilen, bewirkte so eine Klärung des Wissens selbst. Man fing an, über die Kunst nachzudenken, wie man der Bildung am besten Eingang in den weitesten Kreisen verschaffen könne. Die großen pädagogischen Gedanken des Cormenius über die Aufgaben der Volkserziehung setzen das Bedürfnis nach einer regen Wechselwirkung zwischen dem nach Wissen verlangenden Volke und den Trägern des ganzen Geisteslebens voraus.
So können wir den Einfluß von Gutenbergs Tat in das ganze moderne Leben hinein verfolgen. Wenn andere Geisteshelden den Inhalt für dieses Leben geschaffen haben, so hat er die Mittel geboten, um diesen Inhalt zur vollen Geltung und Wirkung zu bringen. Deshalb sind wir so heimisch in allem, was die vier letzten Jahrhunderte hervorgebracht haben; und deshalb ist uns auch alles so fremd, was wir uns geschichtlich aneignen über die Zeiten, die vor der Erfindung der Druckkunst liegen. Wie der Mensch denkt, das hängt mehr, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, von der Art ab, wie er mit seinem Mitmenschen zusammenhängt, wie er mit ihnen in Wechselwirkung tritt. Wie die Sprache selbst, die erst eine Brücke baut von Mensch zu Mensch, eine Schöpferin der Kultur ist, so ist das gedruckte Wort, dieses mächtige Vermittlungswesen, dieser berufene Stellvertreter des gesprochenen Worts, ein Mitschöpfer der modernen Kultur. Der Mensch hat sich dieses gedruckten Worts in dem Zeitalter bemächtigt, in dem er anfing, den höchsten Wert auf seine Individualität, auf die persönliche Tüchtigkeit zu legen. Er hat sich durch dieses Hervorkehren der Persönlichkeit abgewendet von den alten Genossenschaften, innerhalb deren ihm der Raum zu eng wurde. Die Druckunst hat ihm ein neues Mittel gegeben, um an der Stelle des alten beschränkten einen neuen Zusammenschluß zu suchen, welcher dem erweiterten Lebenshorizont entspricht. Je mehr sich der Mensch individualisierte, desto mehr brauchte er ein von seiner unmittelbaren Persönlichkeit abgelöstes Mittel, um wieder zur Gesamtheit zu gelangen. So erwies sich die Buchdruckerkunst als das einigende Band in dem Zeitpunkte der Geschichte, in dem das Leben die gebietende Forderung an den einzelnen Menschen und auch an das einzelne Volk gestellt hat, sich abzusondern, um sich für den großen Daseinskampf tüchtig zu machen.
Seit die Druckkunst erfunden ist, zeigt sie sich als die berufene Verbündete des menschlichen Fortschritts. Wo dieser eine gewisse Höhe erreicht, tritt jene begünstigend an seine Seite; wo der Fortschritt Hemmnisse findet, leidet auch die Buchdruckerkunst. Ein deutlich sprechendes Beispiel bietet die segensreiche Wirksamkeit, die von der niederländischen Vereinigung der «Brüder des gemeinsamen Lebens» ausging. Sie ist von Gerhard Groote (1340-1384) aus Deventer gegründet worden und hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Bildung aus einem gelehrten Monopol zu einem Quell der Volkswohlfahrt zu machen. Diese Vereinigung hat eine bedeutende pädagogische Tätigkeit entfaltet. Die Entstehung einer großen Anzahl von Schulen ist auf diese Wirksamkeit zurückzuführen. Mit dem Erscheinen der Buchdruckerkunst kommt ein ganz neues Leben in die Kulturarbeit der Brüder des gemeinsamen Lebens. Es wird ihnen möglich, für die weiteste Verbreitung guter Unterrichtsbücher zu sorgen. Sie nahmen selbst das Drucken dieser Bücher in die Hand und wurden dadurch zu Förderern der neuen Kunst in Holland und im ganzen nordwestlichen Deutschland. Zeigt diese Tatsache die Zusammengehörigkeit von Fortschritt und Buchdruck, so ist der Rückschritt, der in dieser Kunst nach einer ersten Zeit großer Blüte und rascher Verbreitung im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert eintrat, für diese Zusammengehötigkeit nicht minder bezeichnend. Die Bauernkriege, die unseligen religiösen Wirren mit ihrer blutigen, verwüstenden Folge, dem Dreißigjährigen Kriege, versetzten der Kultur, die im Beginne der Neuzeit eine wundervolle Höhe erreicht hatte, eine Reihe schwerer Schläge. Und an dem Niedergange der geistigen und materiellen Kultur nahm die Druckkunst nun ebenso teil, wie sie es früher an ihrem Gedeihen getan hatte.
Unverkennbar ist auch die Wechselwirkung eines niedern Standes der allgemeinen Volksbildung und der Druckkunst an den Schwierigkeiten, die diese in Spanien fand. Die geistliche Zensur und die Bevormundung des Volks von seiten der Geistlichkeit waren im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert hier größer als in Mitteleuropa. Daher verbreitete sich auch die Buchdruckerkunst nur langsam; und auch das Wenige, was sie hier leistete, ist auf den Einfluß wissenschaftlich interessierter Einzelpersönlichkeiten zurückzuführen. Und weil so diese Kunst in Spanien keinen rechten Boden hatte, wurde es in der Folgezeit möglich, daß hier die Unterjochung des Geisteslebens durch die Jesuiten, durch die Inquisition eine besondere Heimstätte fand. Am grellsten zeigt sich an der Türkei, daß nur derjenige im modernen Kulturleben eine Rolle spielen kann, der zugleich ein Förderer der Kunst Gutenbergs ist. Die Türken haben sich bis in das achtzehnte Jahrhundert herein als vollkommene Feinde dieser Kunst erwiesen. Der Sultan Bajazet hat 1483 das Drucken mit der Todesstrafe bedroht, und sein Sohn hat das Verbot erneuert. Dieses Volk hat solch kulturfeindliche Maßregeln damit bezahlen müssen, daß es jede Bedeutung innerhalb des geistigen Lebens Europas verloren hat. Interessant ist es, das Verhältnis von geistigem Leben und Buchdruckerkunst in Ungarn zu verfolgen. Dort herrschte in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts der König Matthias Corvinus. Er hatte für Wissenschaften und Künste ein tiefgehendes Interesse. Deshalb fand die Buchdruckerkunst schon von 1473 an in der Hauptstadt Ungarns eine eifrige Pflege. Ein reges geistiges Leben herrschte daher in diesem Lande, das in bezug auf Kultur wegen seiner geographischen Lage mit “den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
Der Mensch ist ein Wesen, das nur aus der Erkenntnis der Vergangenheit zu einem wahrhaft zweckvollen Wirken in der Zukunft gelangen kann. Die Geschichte ist seine große Lehrmeisterin. Man vergleiche nun, wieviel genauer, intimer wir die letzten vier Jahrhunderte kennen als die früheren Zeiten, in denen der Buchdruck noch nicht der Begleiter aller Kultur war. Bei den letztern sind wir nur zu oft auf bloße Mutmaßungen und kühne Hypothesen angewiesen, denn die historische Überlieferung läßt uns für große Gebiete im Stich. Die Buchdruckerkunst ist also nicht nur eine eifrige Mitarbeiterin an aller Kultur, sie ist auch die beste, die treueste Bewahrerin der Schätze der Vergangenheit, die der Mensch so notwendig für die Zukunft braucht.
Im neunzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der Technik, ist die Buchdruckerkunst mit ihren Fortschritten nicht hinter andern Kulturfaktoren zurückgeblieben. Sie kann sich mit ihren großen technischen Fortschritten würdig den andern Errungenschaften unserer Gegenwart an die Seite stellen. Und wenn wir heute nicht ohne Optimismus dem eben anbrechenden Jahrhundert entgegenleben und freudig in die Zukunft der menschlichen Entwicklung blicken, so verdanken wir zum nicht geringen Teil diese Stimmung dem Genie Johannes Gutenberg.