78. Die Druckkunst
Zur Feier des fünfhundertsten Geburtstages ihres Schöpfers
Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß die Physiognomie des geistigen Lebens, innerhalb dessen der moderne Mensch steht, eine Schöpfung der vier letzten Jahrhunderte ist. Wer in die Geschichte zurückblickt, fühlt an der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts einen Ruck der Kultur, der wenige seinesgleichen in der Entwicklung der Menschheit hat. Was auch Schulkonferenzen zugunsten des Studiums der Alten sagen mögen: jeder Unbefangene fühlt heute, wie unermeßlich viel näher ihm alles steht, was die Geistesentwicklung seit jener Zeitenwende hervorgebracht hat, als alles Frühere. Er fühlt das Zusammengehörige dieser Geistesentwicklung, und ihm erscheint das Vorhergehende wie eine fremdere, in sich abgeschlossene Welt. Diese Kultur der letzten Jahrhunderte, sie hat gegenüber ihren Vorgängerinnen etwas von Siegerzuversicht, von Siegerkraft, von Zukunftssicherheit in sich. Man braucht sich, um das zuzugeben, nicht den üblichen Verurteilern des mittelalterlichen Geisteslebens anzuschließen. Man kann sich den freien Blick wahren für die Höhe des Denkens, zu der sich zum Beispiel ein Thomas von Aquino gehoben hat. Aber hatte dieses Denken die Siegeskraft in sich, welche der Kultur der Neuzeit innewohnt? Thomas von Aquino war es doch gerade, der vor dem blindesten Aberglauben kapitulieren mußte. Sein Todesjahr ist zugleich dasjenige der ersten offiziellen Hexenverbrennung. Die Kirche hat sich gegen solchen Glauben lange gewehrt; ihre Wissenschaft hat nicht die Macht gehabt, ihn zu überwinden. Es gab vor dem sechzehnten Jahrhundert wirklich Naturforscher, die Methoden handhabten und Versuche anstellten, welche im Geiste der unsrigen gehalten sind. Man braucht sich nur an den genialischen Roger Bacon zu erinnern. Als was nahm das Volk die Ergebnisse ihrer physikalischen Versuche? Als Resultat von Zauberkünsten. Erst seit dem sechzehnten Jahrhundert vollführt der Glaube an die Natürlichkeit der Naturvorgänge seinen Eroberungszug durch die Welt. Erst seit dieser Zeit verspürt er die Kraft in sich, zum Siege zu kommen.
Die dem sechzehnten vorhergehenden Jahrhunderte bereiten diesen Glauben vor. Die deutsche Mystik eines Tauler, eines Meister Eckhart ringt danach, die Wahrheit nicht einer übernatürlichen Offenbarung verdanken zu müssen, sondern sie auf natürlichem Wege aus der menschlichen Seele ausströmen zu lassen. Und sobald der Glaube sich festsetzte, daß in dem Menschen selbst die Offenbarung zu suchen sei, mußte auch immer mehr das Bedürfnis des Einzelnen erwachen, unmittelbar tätigen Anteil an der Kulturentwicklung zu nehmen.
Der Boden war damit gewonnen für eine neue Art der Mitteilung gefundener Wahrheiten. Man mußte dazu kommen, Dinge mit sich selbst abzumachen, bezüglich derer man sich vorher den Rat besonders begnadeter Menschen gesucht hat. Der unmittelbare Einfluß solcher Menschen verlor an Kraft. Man wollte nicht mehr bloß hörend hinnehmen; man wollte mitdenken. Einer Art von Mitteilung bedurfte man, die losgelöst war von der unmittelbaren Gegenwart der Persönlichkeit.
Die Tatsache ist nicht hinwegzuleugnen, daß die Geschichtsschreiber des geistigen Lebens über die Jahrhunderte des Mittelalters wenig zu sagen wissen. Was da getrieben wutde, haben wenige miteinander abgemacht. Reichtum gewinnt das geistige Leben erst, als die Zahl derer, die sich an ihm beteiligen, eine große wird.
Zu solcher Teilnahme hat Johannes Gutenberg die Menschheit aufgerufen. Er hat der Welt überliefert, was vorher das Besitztum weniger war. Er hat an die Stelle einer künstlichen Auslese geistiger Führer eine natürliche gesetzt. Es war ein Zufall, wenn unter den wenigen, die im Mittelalter an dem Geistesleben teilnahmen, gerade ein Auserwählter war. Das wurde anders, als die Kunst erfunden war, Bildung in die weitesten Kreise zu tragen. Wie anders kann das billige Buch aus der Masse der Menschen diejenigen auslesen, die zur Kulturförderung berufen sind, als das künstliche Ausleseprinzip des Mittelalters!
Und solche Ausbreitung der Kultur war im sechzehnten Jahrhundert eine der denkbar größten geschichtlichen Notwendigkeiten. Der Schauplatz, auf dem sich die Menschengeschicke abspielten, wurde gewaltig vergrößert. Die Welt, auf der der Mensch seine Tätigkeit entwickeln mußte, wurde durch die Entdeckungen und durch die damit verbundene Vergrößerung aller Verkehrsbeziehungen eine ausgedehntere. Eine ungeheure Summe von menschlicher Kraft, die bis dahin brach gelegen hatte, mußte zur Mitarbeit an den Weltgeschicken herangezogen werden. Diese Kraft ruhte gebunden in den Menschen, in den Individuen. Das Individuum mußte mächtiger eingreifen in den Gang der Entwicklung. Dazu mußte sich sein Gesichtskreis vergrößern. Die Buchdruckkunst löste unzählige Kräfte, die in den Persönlichkeiten gebunden lagen.
Die anderen Entdeckungen und Erfindungen stellten dem Menschen größere Aufgaben, als er früher zu bezwingen hatte. Die Druckkunst gab ihm die Möglichkeit, diese Aufgaben zu lösen.
Es ist symbolisch tief bezeichnend, daß die neue Kunst nicht aus den Kreisen der gelehrten Bildung hervorgegangen ist. Ein Mann der Praxis ist zu ihr gelangt. Eine Persönlichkeit, die losgelöst ist von ihrem Stande, von ihrer Familie. Herausgewachsen war Johannes Gutenberg aus den Verhältnissen seiner Umgebung als ein einzelner Mann, rein auf sich gestellt. Nicht innerhalb einer Tradition wirkte er, wie die Vertreter des Gelehrtenstandes. Er ist der Typus des modernen Menschen, der erreichen will, wessen er bedarf, nicht durch die überlieferten Besitztümer eines Verbandes, aus dem er herausgewachsen ist, der vielmehr seine Sache auf sich selbst, auf seine eigene Tüchtigkeit stellen will.
Nicht die traditionellen Mächte, die aus der mittelalterlichen Kultur herausgewachsen sind, konnten die neue Kunst schaffen, sondern der neuzeitliche Mensch, das auf sich gestellte Individuum, das ein Ergebnis der an der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts umgewandelten sozialen Verhältnisse ist.
Welche Bedeutung hat im Grunde aller Streit um die Vaterstadt der Druckkunst? Gutenbergs Vaterland ist die moderne Kulturwelt. Er mußte herauswachsen aus allen Vaterschaften zur echten modernen Menschlichkeit, um der Menschheit die internationale Kunst des Druckens zu schaffen. Seit vor der Linde sein monumentales Werk über die Buchdruckkunst geschaffen hat, ist aller Streit über andere Anteile an der Erfindung aus der Welt geschafft. Und unserer Empfindung entspricht es, daß ein entwurzelter, ein typisch moderner Mensch der modernen Zeit ihr Gepräge geschaffen hat.
Die Gutenberg-Feiern wurden von Jahrhundert zu Jahrhundert glänzender. Nichts ist natürlicher als dies. Denn die Menschheit wird sich immer mehr bewußt, was sie Gutenberg zu verdanken hat. Jeder Tag verwirklicht Neues, was er möglich gemacht hat.
Eine außerordentlich verdienstvolle Arbeit zur Feier des fünfhundertsten Geburtstages Johann Gutenbergs haben Dr. Heinrich Meisner und Dr. Johannes Luther geliefert («Die Erfindung der Buchdruckerkunst»). In ansprechender, durchsichtig klarer Art werden die Verrichtungen und Vorstellungen des Altertums und Mittelalters geschildert, die als eine Art Vorbereitung der Menschheit auf Gutenbergs Kunst angesehen werden dürfen. Besonders fein ist die Kultur des Holztafeldrucks, des unmittelbaren Vorgängers der Typographie, geschildert. Man erkennt aus dieser Charakteristik, wie aus dem Lern- und Bildungsdrang der Volksmassen das Bedürfnis nach der Druckkunst geboren ist. Mit Freuden dürfen es diejenigen, welche die Signatur des Geisteslebens in den letzten vier Jahrhunderten als eine antikirchliche erkennen, begrüßen, daß von den Verfassern der Einfluß der Kirche auf die Verbreitung der Gutenbergschen Kunst nicht überschätzt wird. Die Kirche wich eben nur zurück vor der neuen Bildung, die ihr in den Lettern entgegenkam, und war klug genug, mit einem Kulturfaktor zu rechnen, dessen Wirkung sie nicht aufhalten konnte. In ihrem Geiste wäre es vielmehr gelegen gewesen, die Politik fortzusetzen, die auf dem Toulouser Konzil einen so krassen Ausdruck in dem Verbot des Bibellesens und des Besitzes der Bibel für Laien gefunden hat.
Gutenbergs Persönlichkeit, sein Leben und seine Taten werden klar gekennzeichnet, die Ausbreitung des Druckens in den ersten Jahrzehnten anschaulich geschildert. Die Verfasser haben eine glückliche Gabe erwiesen in der Gruppierung des eben nicht ganz leicht zu behandelnden Tatsachenmaterials. Daß ihre Darstellung auf dem Standpunkte der gegenwärtigen Kenntnisse über den Gegenstand vollkommen steht, und daß sich daher jedermann aus dem Buche in zeitgemäßer Weise unterrichten kann, scheint, gegenüber den Qualitäten der Autoren, eine überflüssige Bemerkung zu sein.
Die Mode der Zeit, Bücher mit Abbildungen zu überladen, kommt hier einmal einer Sache zugute. Es ist für denjenigen, der sich über die ersten Stadien des Druckens Vorstellungen machen will, im höchsten Grade wünschenswert, daß ihm die ersten Drucke in Abbildungen vor die Augen treten.
Es wird wenige Kulturtaten geben, an deren Geschichte so weite Kreise Interesse haben wie an der Druckkunst. Diesem Umstande trägt das Buch in jeder Beziehung Rechnung. Es verdient durchaus populär zu werden.