79. Ein Denkmal

Ein Politiker hat das Leben der österreichischen Deutschen in der Gegenwart einen Kirchhof genannt, auf dem eine Unzahl von Hoffnungen begraben liegen. Ein Außenstehender wird sich nur schwer eine Vorstellung von den Gründen machen können, durch die den Deutschen des Donau- und Alpenlandes ihr Schicksal in den letzten Jahrzehnten bestimmt worden ist. Wer aber, wie ich, die ersten dreißig Jahre seines Lebens in Österreich verbracht hat, wer namentlich seine akademische Lernzeit im Anfange der achtziger Jahre in Wien verlebt hat, für den gibt es in dem Gange der Entwicklung Österreichs kaum etwas Unbegreifliches. Denn er hat an zahlreichen einzelnen Persönlichkeiten individuelle Schicksale sich abspielen sehen, die nichts weiter sind, als eine Wiederholung jenes Entwicklungsganges im Kleinen. Und in diesen einzelnen Fällen ist alles verständlich, wenn man den Charakter, das Temperament des österreichischen Deutschen, und, im Verhältnisse dazu, die Eigentümlichkeiten des Geisteslebens in seinem Staate in Betracht zieht.

Ich möchte an dem Beispiele eines Studienfreundes zeigen, wie leicht gerade in Österreich Talente zugrunde gehen können, die unter anderen Umständen es wahrscheinlich zu einer ersprießlichen Wirksamkeit brächten. Ich begann in den achtziger Jahren meine Studien an der Wiener Technischen Hochschule. Es war eine Zeit, in der sich in Österreich viel entschied. Der Liberalismus, der nach der Niederlage von Königgrätz eine kurze Blütezeit erlebt hatte, weil maßgebende Kreise von ihm die Rettung des durch die Bureaukratie in die völlige Verwirrung gebrachten Staates erhofften, war in seinem Ansehen gesunken. Er hatte die Führung im Reiche verloren, teils aus Schwäche, teils weil man ihm eine allzu kurze Zeit zur Verwirklichung seiner Absichten gelassen hatte. Wir jungen Leute von damals erwarteten von ihm nichts Erhebliches mehr. Mit um so größerer Begeisterung verschrieben wir uns der aufstrebenden deutsch-nationalen Bewegung. Ihre Führer kümmerten sich wenig um das, was man vorher «österreichischen Staatsgedanken» genannt hatte. Sie sahen in diesem ein wirklichkeitfeindliches Abstraktum. Ein österreichischer Staat, der auf die Mannigfaltigkeit seiner Volkskulturen keine Rücksicht nimmt, sondern auf der Grundlage eines recht gemäßigten Fortschrittes sich mit einer allen möglichen ererbten Vorurteilen und Rechten Rechnung tragenden Demokratie abfinden will, erschien den Jüngeren ein Unding. Um so hoffnungsfreudiger glaubten die jüngeren Deutschen in die Zukunft blicken zu dürfen, wenn sie ihr eigenes Volkstum betonten, wenn sie sich in ihre Nationalkultur vertieften und den Zusammenhang mit dem Gange des Geisteslebens in Deutschland pflegten. In solche Ideale lebten sich die deutschen akademischen Jünglinge in den achtziger Jahren ein. Sie bemerkten nicht, daß die Entwicklung der wirklichen Vorgänge eine Richtung nahm, in der nur Bestrebungen Aussicht auf Erfolg hatten, die auf viel gröberen Voraussetzungen ruhten, als die ihrigen waren. Die große Wirkung, die bald darauf Georg von Schönerer erzielte, der an die Stelle der idealistischen deutsch-nationalen Tendenzen den Rassenstandpunkt des Antisemitismus setzte, konnte uns zu keiner Bekehrung veranlassen. Selten tun ja Idealisten in einem solchen Falle etwas anderes, als in Klagen ausbrechen über die Verkennung ihrer berechtigten Bestrebungen. Diesen Idealisten wurde damals in Österreich gewissermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen. Ihre Tätigkeit wurde gelähmt durch einen öffentlichen Geist, an dessen Bestrebungen sie keinen Anteil haben wollten. Mit diesen Worten könnte man das Schicksal einer großen Anzahl von Persönlichkeiten bezeichnen, die in der charakterisierten Zeit ihren Studien oblagen. Wenige nur haben sich aufgerafft, um in Lebensberufen Befriedigung zu suchen, die abseits lagen von dem öffentlichen Leben Österreichs; viele sind in unerfreulicher Resignation einem dumpfen Philisterleben verfallen; nicht wenige aber haben völlig Schiffbruch gelitten im Leben.

Einem von den letzteren möchte ich mit diesen Zeilen ein kleines Denkmal setzen. Er heißt Rudolf Ronsperger. In vollstem Sinne des Wortes war er einer der eben gekennzeichneten Idealisten. Eine vielversprechende poetische Begabung an ihm zeigte sich denen, die, wie ich, mit ihm während der Studienjahre befreundet wurden. Die deutschnationale Idee war der Boden, auf dem sich solche Talente entwickelten. Bei Ronsperger kam nun zu dem Schiffbruch, . den wir mit dieser Idee erlebten, noch etwas anderes, das aber nicht minder charakteristisch ist für österreichische Verhältnisse. Er hatte nicht ein Gymnasium, sondern eine Oberrealschule absolviert. Diese österreichischen Oberrealschulen sind in gewisser Beziehung Muster moderner Bildungsanstalten. Man wird da, ohne Latein und Griechisch, auf eine Bildungshöhe gebracht, die in jeder andern Richtung der des Gymnasiums vollkommen gleichkommt; nur entbehren ihre Träger eben der Kenntnis des Lateinischen und Griechischen. Deshalb ist ihnen der Zugang zur Universität versagt. Diese Realschulen sind ein lautsprechendes Zeugnis für die in Österreich auf allen Gebieten heimische Halbheit. Man bleibt fast überall in den Ansätzen zu berechtigten Zielen stecken. Zu den letzten Konsequenzen fehlt zumeist die Spannkraft. So war es mit - den Realschulen. Man richtete sie so ein, daß die Schüler eine modern-humanistische Bildung erhalten; und dann versperrte man den idealistischer veranlagten unter ihnen den Weg zu einem Berufe, den sie sich, nach ihrer Vorbildung, allein wünschen können. Dieser Halbheit in der Einrichtung des Bildungswesens fallen unzählige Persönlichkeiten zum Opfer. Ronsperger gehörte zu diesen. Er war durch die Art seiner Begabung und durch die Richtung, welche diese Begabung innerhalb der Realschule genommen hatte, für einen technischen Beruf ganz ungeeignet. Später das nachzuholen, was ihm die Pforten der Universität erschlossen hätte, dazu reichte seine Tatkraft nicht aus. Darin war er selbst ganz Österreichisch. Er blieb in Halbheiten stecken. Sein Lebensgang ist die begreifliche Folge seines österreichischen Charakters und der geschilderten österreichischen Verhältnisse. Er und ich haben als Studenten manches gemeinsam durchlebt; das spätere Leben führte uns auseinander. Er hat mir im freundschaftlichen Umgange manches erfreuliche Gedicht und einige dramatische Leistungen mitgeteilt; darunter auch ein Drama «Hannibal», über das sich später Heinrich Laube nicht ohne Anerkennung ausgesprochen hat. Ich hörte dann nur noch, daß er Eisenbahnbeamter geworden sei. - Vor wenigen Monaten nun übergab mir seine Schwester, die Frau eines angesehenen in Berlin lebenden Schriftstellers, den Nachlaß des Studienfreundes. Er hat, nachdem ihm alle Hoffnung geschwunden war, mit achtunddreißig Jahren seinem Leben ein Ende gemacht.

Aus dem Inhalte dieses Nachlasses, der Lyrisches und Dramatisches enthält, etwas mitzuteilen, fühle ich mich nicht veranlaßt, trotzdem er ein Lustspiel in vier Aufzügen enthält, das bei einer Preisbewerbung in Wien vor den Preisrichtern Lob gefunden hat wegen des sehr guten Dialogs und nur deshalb zurückgewiesen werden mußte, weil der vom Leben Mißhandelte dieses Leben allzu unwirklich gezeichnet hatte. Nicht diese Leistungen sind es, die für den Unglücklichen eine tiefe Anteilnahme herausfordern müssen, sondern sein Leben. Für dieses Leben fand sich in dem Nachlaß ein deutlich sprechendes Dokument. Es ist ein Brief an mich, mehrere Jahre vor Ronspergers Selbstmord geschrieben. Er schrieb in diesem Briefe von seinen zerstörten Hoffnungen, von den Leiden, die ihm auferlegt waren; er sucht unsere alte Freundschaft wiederzubeleben, um sich einigermaßen mit meiner Hilfe wieder zurechtzufinden. Er hat den Brief nicht abgesandt, weil — er meine Adresse nicht erfragen konnte. In dieser Tatsache spricht sich mir symbolisch sein ganzes Schicksal aus. Er ist ein Repräsentant der namentlich in Österreich so zahlreichen Charaktere, die mit allem ihrem Streben so weit gehen, bis die Wirklichkeit an sie herantritt. Und wenn diese Wirklichkeit auch Hindernisse von lächerlicher Kleinlichkeit bietet, wie in diesem Falle, - sie betreten diese Wirklichkeit nicht. Es ist meine Überzeugung, daß unzählige Altersgenossen Rudolf Ronspergers sich ebenso charakterisieren könnten, wie er es in diesem Briefe getan hat. Ich teile einiges daraus mit, weil ich es nicht für einen zufälligen einzelnen Fall, sondern für etwas Typisches halte. «In meinen äußeren Lebensumständen ist wenig Bemerkenswertes vorgegangen. Zuerst nach Leitmeritz, später nach Kostomlat, dann wieder nach Leitmeritz versetzt, endlich seit nunmehr fast zwei Jahren Verkehrsbeamter in Nimburg, bin ich jetzt in einer Stellung, wie sie sich ein Subalternbeamter angesehener und angenehmer nicht wünschen kann... Über die Schicksale, oder besser die Wandlungen, die mein Inneres in den letzten Jahren erfahren, gäbe es etwas mehr zu berichten. Es mag sich vieles, vielleicht alles, in meinen Anschauungen über Welt und Mensch geändert haben - eine feste Überzeugung ist mir selbst in den fünf Jahren bitterer Kämpfe nicht verlorengegangen: die Überzeugung von meinem dichterischen Berufe. Sie ist mir lebendig geblieben, trotzdem ich mich einem Lebensberufe ergeben, der sonst gewöhnlich den ganzen Menschen bei Tag und Nacht in Anspruch nimmt und ihm meist die Fähigkeit raubt, sich solchen von seinen Amtsgeschäften ganz abweichenden, mit ihnen beinahe unvereinbarenden Nebengedanken zu ergeben. Sie hat sich mir erhalten trotz des spöttischen Lächelns aller, die durch Zufall von ihr Kenntnis erhielten. Und wenn man auch in der großen Welt nichts hören wird von meinem Geschreibsel — ich glaube es kühn sagen zu dürfen: Ich bin doch ein Poet .. . Sie werden das vielleicht Selbstüberhebung nennen. Aber wem die Poesie so zum Lebensbedürfnis geworden wie mir, wer so wie ich sein ganzes Fühlen und Denken in Poesie umzusetzen gedrängt wird wie ich, der kann wohl mit Fug und Recht behaupten, daß er zum Dichter berufen. Ob auserwählt? — Das ist eine Frage, die ich nicht mit «nein» beantworten kann, weil ich mich dadurch selbst um ein gut Teil meiner Hoffnungen bringen würde - und das tut ein Sanguiniker erster Sorte nicht, wie ich einer bin. Aber ich bin nicht blind für all die Fehler, die ich besitze, und die dazu beigetragen, daß ich das bis jetzt nicht erreichte, was allein bestimmend und zwar endgültig bestimmend auf meine Berufsrichtung einwirken könnte: einen Erfolg. — Energielosigkeit ist der erste und größte all dieser Fehler; der Mangel an Kraft und Beharrlichkeit, jener eisernen Ausdauer, jener ziel- und siegesbewußten Zähigkeit in der Verfolgung einmal gefaßter Pläne, die immer die Begleiteigenschaften des Talentes sind und ihm unter den schwierigsten Umständen zum Durchbruch verhelfen. - Ohne unbescheiden zu sein, kann ich sagen: ich hätte Gutes geleistet, wenn das Glück mich gehätschelt und ein warmer Sonnenblick meine Fähigkeit aufblühen gemacht hätte, wenn meine Neigungen auf keinen Widerstand gestossen und meine Versuche vorm Schicksal begünstigt worden wären. In der Richtung des Windes wäre ich flott gesegelt; und ich hätte vielleicht viel erreicht, was andere unter gleich günstigen Umständen nie erlangt hätten. Gegen den Wind zu segeln, fehlte mir Mut und Kraft. - Ohnmächtige Versuche mache ich viele - und daß ich nicht ganz scheiterte und kopfüber in die Wogen stürzte, das allein gibt mir noch die Hoffnung, daß der Wind sich doch vielleicht noch einmal drehen werde und den ungeschickten Schiffer vorwärts treiben könnte, der es nicht lernen wollte, die Segel zu drehen.» Diese Drehung des Windes ist nun leider nicht eingetreten. Mehr Energie hätte Rudolf Ronsperger einen eigenen Weg suchen lassen, abseits von den durch österreichische Kulturverhältnisse vorgezeichneten Bahnen; weniger Idealismus und Gemüt hätte es bewirkt, daß er sich dem Berufe angepaßt hätte, in den ihn diese Verhältnisse gebracht haben. Er hätte dann die Überzeugung von seinem Dichterberufe im dumpfen Meere der Alltäglichkeit begraben.

German original of A Memorial · ← Previous · Next →