80. Thomas Babington Macaulay

Geboren am 25. Oktober 1800

Es gibt wenige Geschichtswerke, deren Lektüre ein so sicheres Gefühl erweckt, daß sie uns in den Geist der geschilderten - Epochen führen, wie Macaulays « Geschichte Englands». Zweifellos gibt es Historiker, die ihren Stoff kunstvoller zu gestalten, die Persönlichkeiten plastischer herauszuarbeiten verstehen, und solche, die im Zusammentragen von Einzelheiten einen noch größeren Fleiß aufzubringen vermögen als Macaulay. Das harmonische Zusammenwirken dieser drei Fähigkeiten, wie es bei ihm sich findet, kann man jedoch bei nur ganz wenigen Geschichtsschreibern in gleicher Weise antteffen. Die beiden ersten Bände des Werkes sind im November 1848 erschienen. Man hatte der Veröffentlichung in England mit den allergrößten Hoffnungen entgegengesehen. Das Außerordentlichste versprach man sich von dem Manne, dem man als Essayisten und als Politiker seit mehr als zwanzig Jahren die größte Hochachtung entgegengebracht hatte. Macaulay übertraf noch alles, was man erwartet hatte. In der denkbar kürzesten Zeit lagen Übersetzungen in die deutsche, französische, holländische, dänische, schwedische, russische, italienische, spanische, polnische, böhmische, ungarische und persische Sprache vor. Eine solch schnelle Verbreitung des Buches über die ganze gebildete Welt ist vollkommen verständlich, wenn man das erwähnte sichere Gefühl in Betracht zieht, das sein Studium erweckt. Es gehört zu den schriftstellerischen Leistungen, zu denen man sogleich nach dem ersten Bekanntwerden mit ihnen ein vollkommenes Vertrauen gewinnt. Die beiden ersten Bände umfassen den kurzen Zeitraum der englischen Geschichte von 1685 bis 1689; in den späteren Bänden gelang es Macaulay, die Ereignisse noch bis 1704 zu schildern. Zehnjährige sorgfältige Studien gingen dem Erscheinen voran. Auch wenn man sich über diese Sorgfalt nicht aus der Biographie Macaulays unterrichtet, lernt man sie aus dem Werke bald kennen. Jeder Satz spricht sie eindringlich aus. Die Schilderung der Tatsachen ist von einer Lebhaftigkeit, daß man fast einen Zeitgenossen zu hören glaubt, die Charakterzeichnung der dargestellten Persönlichkeiten wiegt uns oft in die Illusion, es erzähle jemand auf Grund persönlicher Bekanntschaft. Diese vollkommene Reife seines historischen Urteils ist ein Ergebnis des Lebensganges und der ganz einzigartigen Charakteranlage Macaulays. Er war fast stets in Lebenslagen, die ihm den denkbar größten Erfahrungshorizont darboten. Sein Vater wurde mit sechzehn Jahren von einem schottischen Handelshaus nach Jamaika geschickt. Er lernte dort die Schrecken der Sklaverei kennen. Das veranlaßte ihn, einen Teil seines Lebens ihrer Bekämpfung zu widmen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat beauftragte ihn eine zum Zwecke der Sklavenbefreiung gegründete Gesellschaft mit der Kolonisierung von frei gewordenen Sklaven an der Küste von Sierra Leone. Die Sinnesweise einer solchen an Kulturaufgaben großen Stils herangereiften Persönlichkeit mußte dazu beitragen, daß auch im Sohne ein großer, freier Geist heranwuchs. Der Vater beeinflußte den jungen Macaulay durchaus nach dieser Richtung hin. Das Elternhaus versammelte oft zahlreiche Männer, die in einer weitverzweigten Wirksamkeit standen. Der alte Macaulay tat alles, was des Sohnes Interesse an den Verhandlungen und Arbeiten dieser Männer erwecken konnte. — Als Macaulay fünfundzwanzig Jahre alt war, erschien seine erste bedeutende schriftstellerische Arbeit in der «Edinburger Revue» über Milton. Sie machte den Verfasser mit einem Schlage zum berühmten Mann. Eine Berühmtheit in solch jungen Jahren erhebt denjenigen, der die Vorbedingungen dazu hat, auf eine höhere Warte des Wirkens. Sie verleiht die Kraft, die dazu notwendig ist, das Talent zu den Dingen und zu den Zeitgenossen in das rechte Verhältnis zu bringen. Die Aufmerksamkeit derjenigen, die sich für das öffentliche Leben interessieren, mußte sich in einem Lande wie England bald auf den jungen Schriftsteller lenken. 1830 wurde er in Wiltshire zum Abgeordneten gewählt. Er war in einer aufgeregten Zeit Volksvertreter. Die französische Julirevolution entfachte überall den Ruf nach Erweiterung der Freiheit. Macaulay war es vergönnt, 1831 als Parlamentarier sich an der Debatte über den Reformentwurf Lord Russels zu beteiligen. Die Erhaltung der englischen Verfassungszustände stand in Frage. Macaulay trat in einer Weise auf, die ihm zu dem Ruf eines großen Schriftstellers auch den eines bedeutenden Politikers hinzufügte. Drei Jahre später stellte sich wieder eine Erweiterung seines Schaffensgebietes ein. Er wurde zum Mitglied . des hohen Rates von Indien gewählt. Er verwaltete sein Amt in Englands Kolonien auf der Grundlage einer hochsinnigen ethischen Lebensanschauung. Seine Tätigkeit in Indien dauerte bis 1837. Sie hat segensreiche Spuren sowohl in der materiellen wie in der geistigen Kultur des Landes zurückgelassen. — Bis zum Jahre 1847 führte Macaulay fortan ein ruhigeres Leben, fast ausschließlich den ausgedehnten Studien für seine «Geschichte Englands» obliegend. 1847 trat er nochmals ins Parlament ein. Wie groß sein Einfluß war, der sich auf nichts weiter stützte als auf die überzeugende Wirkung seiner Worte und Gründe, ersieht man daraus, daß es ihm 1853 gelang, einen auf die Ausschließung des Oberarchivars aus dem Parlament bezüglichen Gesetzesvorschlag, der vor seiner Rede so gut wie beschlossen war, mit einer Majorität von über hundert Stimmen zu Fall zu bringen.

Daß Macaulay die glücklichen Lagen, in die er kam, im Sinne einer umfassenden Wirksamkeit ausnützen konnte, das findet in den außerordentlichen Anlagen seines Geistes die Erklärung. Zu einem geradezu wunderbaren Gedächtnis kam eine seltene orientierende Kombinationsgabe, die ihn als Historiker ein Ereignis durch das andere, oft recht fernliegende, hell beleuchten ließ und die ihn auf dem Felde der praktischen Tätigkeit energisch überall die geeigneten Mittel zu den ihm vorschwebenden Zielen finden ließ. Ich möchte, um dieses sein Geistesvermögen zu kennzeichnen, eine seiner glänzenden geschichtlichen Analogien anführen. Sie findet sich in dem Aufsatze «Burleigh und seine Zeit»: «Das einzige Ereignis der neueren Zeit, welches man füglicherweise mit der Reformation vergleichen kann, ist die französische Revolution, oder, um es noch bestimmter auszudrücken, jene große Umwälzung in den politischen Anschauungen, welche sich während des achtzehnten Jahrhunderts in fast allen Ländern der zivilisierten Welt vollzog und in Frankreich ihren größten und schrecklichsten Triumph feierte. Jede dieser denkwürdigen Begebenheiten möchte am richtigsten als eine Empörung der menschlichen Vernunft gegen eine Kaste bezeichnet werden. Die eine war ein Kampf um die geistige Freiheit, von der Laienwelt gegen die Geistlichkeit geführt; die andere war ein Kampf um politische Freiheit, den das Volk gegen Fürsten und Adel führte. In beiden Fällen wurde der Geist der Neuerung anfangs von einer Gesellschaftsklasse ermutigt, die man in erster Reihe auf seiten des Vorurteils hätte erwarten sollen. Friedrich, Katharina, Joseph und die französischen Großen waren es, unter deren Schutz jene Philosophie, welche später alle Throne und Aristokratien Europas mit Vernichtung bedrohte, ihre furchtbare Entwicklung erhielt. Der gegen das Ende des fünfzehnten und zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts beginnende Eifer, mit welchem man sich gelehrten Studien widmete, fand eine warme Ermutigung bei den Häuptern derselben Kirche, welcher die wissenschaftliche Aufklärung so verderblich werden sollte. Als es zum Ausbruch kam, geschah es in beiden Fällen mit einer Heftigkeit, daß selbst manche von denen, welche sich anfänglich durch die Freiheit ihrer Ansichten ausgezeichnet hatten, mit Entsetzen und Ekel sich abwandten. Die Gewalttätigkeiten der demokratischen Partei verwandelten Burke in einen Tory und Alfieri in einen Hofmann. Die Leidenschaftlichkeit der in Deutschland an der Spitze der religiösen Bewegung stehenden Männer machte Erasmus zu einem Verteidiger der Mißbräuche und veranlaßte Thomas Morus, den Autor der Utopia, gegen die Anhänger der Neuerungen als Verfolger aufzutreten.»

Wenn man die Charakterzeichnungen historischer Persönlichkeiten liest, die Macaulay geliefert hat, wird man oft an die monumentale Art Emersons erinnert. Während dieser aber als Rhetor und Moralschriftsteller auf den fein ausgearbeiteten Gedanken hinarbeitet und der Trefllichkeit des Apergus vor der naturalistischen Wirklichkeitsdarstellung den Vorzug gibt, ist bei Macaulay das Umgekehrte der Fall. Aber seine Vertiefung in die Wirklichkeit ist eine so reife, so gründliche und gedankenvolle, daß sich die historische Treue bei ihm von selbst zum schlagenden Apergu umgestaltet. So, wenn er Burleigh, den Staatsmann der Königin Elisabeth, mit den Worten kennzeichnet: «Niemals verließ er seine Freunde, als bis es mißlich wurde, länger bei ihnen auszuhalten. Er war ein vortrefflicher Protestant, so lange es nicht mit großem Vorteil verbunden war, ein Papist zu sein. Er empfahl seiner Gebieterin so nachdrücklich, wie es möglich war, ohne ihre Gunst dabei aufs Spiel zu setzen, die Befolgung einer duldsamen Politik. Er ließ niemanden auf die Folter spannen, außer wenn die Wahrscheinlichkeit damit verbunden war, ein nützliches Geständnis zu erpressen. Er war so mäßig in seiner Begehrlichkeit, daß er nur dreihundert verschiedene Landgüter hinterließ, obgleich er, wie uns sein ehrlicher Diener berichtet, viel mehr hätte hinterlassen können, wenn er zu seinem eigenen Gebrauch aus der Staatskasse hätte Gelder entnehmen wollen, wie das von manchem Schatzmeister geschehen ist.»

Ein Vorbild geschichtlicher Darstellung ist in Macaulays «Geschichte Englands» das Kapital über den Zustand Englands im Jahte 1685. Es ist ein moderner Zug in der Geschichtsschreibung, die ehemalige, rein diplomatisch-politische Methode durch die kulturhistorische zu ersetzen. Macaulay wird in dem genannten Kapitel ein vollkommener Kulturhistoriker, weil ihn die innere Wahrheit seines Gegenstandes dazu veranlaßt und ihm es sein umfassender Sinn unmöglich macht, die Beziehungen, welche die Dinge verknüpfen, nicht in ihre fernsten Winkel hinein zu verfolgen. - Sein Geschichtswerk bis über das Jahr 1704 hinauszuführen, war dem Unermüdlichen nicht möglich. Ein Herzleiden raffte dies starke Leben im Jahre 1858 hinweg.

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