81. Max Müller
Am 28. Oktober 1900 ist einer der populärsten Gelehrten unserer Zeit gestorben. Die Art, wie man über Max Müller nach dem Eintreffen der Todesnachticht sprach, erinnerte an die Worte der Hochschätzung, die man vor einigen Jahren beim Ableben Hermann Helmholtz’ hören konnte. An die Namen beider Gelehrten knüpft derjenige heute ähnliche Vorstellungen, der auf eine gewisse allgemeine Bildung Anspruch macht. Und doch ist es nicht dasselbe, was sich in den ‘Köpfen der Zeitgenossen abspielt, wenn sie den einen Namen wie den anderen nennen. Bei Hermann Helmholtz wußten die Leute, daß er einer der größten Physiker ist. Er gehörte zu denen, die, nach einem alten Worte, mehr gerühmt als gelesen werden. Es ist wohl noch manchem im Gedächtnis, daß wir es erleben mußten, das Denkmal des großen Physikers auf der Potsdamer-Brücke in Berlin mit einem unrichtigen Titel eines seiner Bücher geziert zu sehen. Bei Max Müller liegt die Sache anders. Er wird wirklich gelesen. Unzählige der Vorstellungen, die er in seinen reizvoll geschriebenen Werken über die Entwicklung der Sprache, über Mythologie, über Religionen niedergelegt hat, sind ein Bestandteil der Zeitbildung geworden. Er hat die geistige Entwicklung der morgenländischen Völker der Allgemein-Bildung des Abendlandes vermittelt. Er verstand, dies in einer Weise zu tun, daß auch solche sich mit seinen Arbeiten beschäftigen, die nicht innerhalb eines gelehrten Berufes stehen. Er war einer der bedeutendsten geistigen Anreger der Gegenwart. Seine Fachgenossen, die Sprach- und Religionsforscher, schätzen seine Arbeiten nicht so hoch wie die anderen. Er gilt ihnen als Sanskrit-Forscher und Sanskrit-Mytholog gar nicht einmal als Gelehrter, der in allererster Linie genannt werden müßte. Sie sagen, kaum eine seiner Grundvorstellungen könne sich gegenüber dem heutigen Stande der Wissenschaft behaupten. Darüber irgendein Urteil abzugeben, darf sich nicht anmaßen, wer nicht Fachmann auf dem Gebiete der Sprachforschung ist.
Eines aber kann der Nichtfachmann von Max Müller behaupten: Was er für unser abendländisches Kulturleben geleistet hat, ist, rein dem Umfange der Arbeit nach, so bedeutend wie die Schöpfungen nur ganz weniger Schriftsteller. Er hat das älteste Denkmal des indischen Geisteslebens (Rigveda) in sechs großen Bänden (London 1849-1874) herausgegeben; er hat die Herausgabe eines der monumentalsten Werke unserer Zeit, der gesamten «Heiligen Bücher des Ostens» veranlaßt, an dem Gelehrte fast aller Kulturnationen arbeiten, und zu dem er selbst Wichtiges beigesteuert hat. Und während er so unablässig bemüht war, die Bildungsschätze des Orients den Europäern vor Augen zu führen, hat er in seinen Vorlesungen über «Die Wissenschaft der Sprache» (die 1875 deutsch erschienen sind), in seinen «Essays» und in einer großen Zahl anderer Werke und Abhandlungen die Gesetze der geistigen Entwicklung der Menschheit darzulegen gesucht.
Die Weise, wie Max Müller das alles getan hat, entsprach in hohem Maße den Bedürfnissen und Neigungen der zweiten Jahrhunderthälfte. Dieser Zeit ist die geschichtliche Betrachtungsweise sympathisch gewesen. Sie unterscheidet sich dadurch wesentlich von dem ihr vorangegangenen Zeitalter. Dieses glaubte zu Aufschlüssen über die menschliche Natur, über die Gesetze der Sprache, der Sittlichkeit, der Religion dadurch gelangen zu können, daß sie die Natur des gegerwärtigen Menschen, als fertigen Einzelwesens, beobachtete. Das wurde anders, je weiter das Jahrhundert vorschritt. Man wollte den Menschen der Gegenwart aus dem Menschen der Vergangenheit erklären. Man glaubte nicht mehr daran, daß die Betrachtung des vollentwickelten Menschen zum Beispiel darüber Auskunft geben könne, wie religiöse Bedürfnisse entstehen, woraus sittliche Vorstellungen entspringen.
Man wollte die ersten Anfänge solcher Vorstellungen kennenlernen und von dem Begreifen unentwickelterer Kulturen zu dem der Gegenwart allmählich aufsteigen. Man wollte auch kennenlernen, wie verschiedene Kulturvölker zu ihrer Bildung kommen, um durch Vergleichung die Gesetze der Menschheitsentwicklung ergründen zu können. Man kam immer mehr davon ab, den Menschen als Individuum zu betrachten; man lernte, ihn als Glied der ganzen Menschheit ansehen. Ganz innerhalb einer solchen Vorstellungsrichtung liegen die Gedanken Max Müllers. Er hat uns den Orient erschlossen, um das Übereinstimmende und Verschiedene der mannigfaltigen Kulturen zu zeigen und auf diese Weise zur Erkenntnis der in allen waltenden großen Gesetze zu gelangen.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts hat man einzusehen begonnen, daß auch in dieser Betrachtungsweise eine Einseitigkeit liegt. Eine der anregendsten Schriften Friedrich Nietzsches ist die «Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben». Er suchte zu zeigen, wie sich der Mensch das Leben in der Gegenwart verdirbt dadurch, daß er immer in das geschichtliche Werden blickt. Es ist Nietzsches Meinung, daß das Leben höher stehe als das Wissen vom Leben. Frage ich mich bei jeder meiner Vorstellungen, wie sie geworden ist, so lähme ich mein freies Drauf-los-Leben. Ich glaube bei jedem meiner Schritte erst nachdenken zu müssen, ob er denn auch im Sinne der bisherigen gesetzmäßigen Entwicklung liegt. Wir haben es so oft hören müssen, daß in den letzten Jahrzehnten, wenn irgendwo ein neuer Impuls sich geltend machen wollte, sofort die Bekenner der geschichtlichen Betrachtungsweise kamen und sagten: das sei unhistorisch. Über der geschichtlichen Betrachtungsweise ist uns die philosophische allmählich verlorengegangen. An der Philosophie selbst haben wir es in der schlimmsten Weise erfahren müssen. Unsere Zeit ist arm geworden an neuen philosophischen Gedanken. Ja, man sieht mit Verachtung auf diejenigen herab, die solche Gedanken noch vorbringen wollen. Man hat unserer Zeit sogar die Fähigkeit abgesprochen, neue Gesetze zu geben, bevor man vollständig in den Werdeprozeß der Rechtsentwicklung eingedrungen ist.
In der Verbreitung einer solchen Gesinnung liegen die Schattenseiten eines Wirkens wie dasjenige Max Müllers ist. Und hiermit sind wir an den Punkt gelangt, wo dieser bedeutende Schriftsteller die Vorwärtsstrebenden unter unseren Zeitgenossen unbefriedigt läßt. Inwieweit er von der Sprachwissenschaft und Religionsforschung der Gegenwart überholt ist, das können wir ruhig den Fachleuten zur Entscheidung anheimgeben. Daß seine philosophischen Anlagen keine sehr bedeutenden waren, das ist es, was diejenigen stören muß, welche in den schriftstellerischen Leistungen der Gegenwart nach Elementen suchen, die für die großen Weltanschauungsfragen in Betracht kommen. Max Müller hat nicht begreifen können, warum Ernest Renan es bedauert hat, daß er Historiker und nicht Naturforscher geworden ist. Dies hängt mit den gekennzeichneten philosophischen Anlagen Max Müllers zusammen. Er ist der Naturwissenschaft immer ganz ferne geblieben. Er hat sich nicht entschließen können, den «Rubikon des Geistes» zu überschreiten, der von dem Menschen zu der übrigen Natur führt. Er verfolgte geschichtlich das Werden der Sprache, soweit das die Geschichte, die Wissenschaft vom Menschen, eben tun kann. Will man das Hervorgehen der Sprache aus Fähigkeiten niederer Art kennenlernen, so muß man die geschichtliche Betrachtungsweise verlassen und zur naturwissenschaftlichen übergehen. Müller zählt 121 Sprachwutzeln auf, die der Sprache der Arier zugrunde liegen. Sie sollen ebenso viele ursprüngliche Begriffe ausdrücken. Soweit gelangt der Historiker. Der Naturforscher gelangt weiter. Er sucht in tierischen Fähigkeiten den Ursprung alles dessen, was beim Menschen auftritt. Wer alles ablehnt, was nicht der Geschichte zugänglich ist, kommt nie zu solchen Ursprüngen. Der Naturforscher untersucht die Naturgesetze der Gegenwart. Er beleuchtet von der Gegenwart aus die Vergangenheit. Die geschichtliche Betrachtungsweise wird sich allmählich zur naturwissenschaftlichen erweitern müssen, wenn sie für unsere Weltanschauung fruchtbar werden will. Wir können nie und nimmer das Gegenwärtige bloß aus seinem Werden verstehen; wir müssen vielmehr auch das Werden, die Entwicklung, aus der Gegenwart begreifen. Der Geologe forscht nach den Ursachen, die heute noch immer die Oberfläche der Erde verändern. Von da aus eröffnet sich für ihn die Perspektive in die Vergangenheit. Einen Umschwung nach dieser Richtung wird auch die Betrachtung über den Menschen erfahren müssen. In Max Müllers Schriften ist aber von einer solchen Erkenntnis wenig zu finden. Das trennte ihn von der Denkweise der Naturforscher. Es wird als ein Mangel seines Wirkens immer mehr und mehr erkannt werden.