82. Ahasver

Einer meiner Studienkollegen, ein energisch arbeitender, zielbewußter jüdischer Student, sagte mir — es war vor etwa zwanzig Jahren in Wien -, als wir auf den Antisemitismus zu sprechen kamen: «Es ist noch nicht lange her, da hätte ich es fast als selbstverständlich betrachtet, wenn wir liberalen Juden auch äußerlich durch Anschluß an eine christliche Konfession unsere Zugehörigkeit zu den Völkern, unter denen wir leben und mit denen wir uns eins fühlen, zum Ausdruck brächten. Heute aber, im Angesicht des Antisemitismus, würde ich mir lieber zwei Finger meiner Hände abschneiden lassen als einen derartigen Schritt unternehmen.»

Für mich hat es nie eine Judenfrage gegeben. Mein Entwicklungsgang war auch ein solcher, daß damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs antisemitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den individuellen, persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm kennenlerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. Ich darf wohl sagen: diese Stimmung ist mir auch bis jetzt geblieben. Und ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet.

Der Kulturhistoriker der letzten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts - ob auch der ersten des zwanzigsten? wird zu untersuchen haben, wie es möglich war, daß im Zeitalter des naturwissenschaftlichen Denkens eine Strömung entstehen konnte, die jeder gesunden Vorstellungsart ins Gesicht schlägt. Wir, die wir mitten in den Kämpfen leben und gelebt haben: wir können nur mit Schaudern Revue halten über eine Anzahl von Erfahrungen, die uns der Antisemitismus bereitet hat.

Ich habe ihn oft kennengelernt, den Typus des modernen Juden mit der Stimmung, die sich in den Worten meines obenerwähnten Studienkollegen ausdrückt. Robert Jaffé hat nun in Emil Zlotnicki, dem Helden seines Romanes « Ahasver», diesen Typus geschildert. Er hat ihn geschildert mit all der Wärme und Eindtinglichkeit, die aus den bittersten Lebenserfahrungen, aus trüben Enttäuschungen hervorquellen. Man empfindet auf jeder Seite des Romans die tiefe innere Wahrheit der Charakterzeichnung und der Schilderung der typischen Tatsachen. Ein Stück Zeitgeschichte entrollt sich vor unserer Seele, dargestellt von einem, der beim Ablaufen dieser Geschichte mit seiner ganzen Seele dabei war. Das macht, daß eine individuell empfundene Psychologie dem Roman eine im höchsten Grade interessante Färbung gibt.

Ein Roman aus dem sozialen Leben der Gegenwart ist daher «Ahasver». Gesellschaftliche Strömungen werden in satten Farben geschildert, Strömungen, die tief eingreifen in das Leben des Einzelnen. Das Schicksal eines interessanten Individuums erscheint in charakteristischer Weise auf dem Hintergrunde der Zeitkultur. In der Zeichnung des Einzellebens, das seine Lust und seinen Schmerz von den großen Menschheitsgegensätzen wie eine angeborene Gabe empfängt, liest die Kunst Jaffés. In diesem Sinne ist er Psychologe. Er ist es in dem guten Sinne, daß er Vollmenschen der Gegenwart schildert, die aber zugleich etwas Typisches in ihrem Dasein enthalten.

Der wird den Roman unbedingt mit dem allergrößten Interesse verfolgen müssen, der sich einmal vertiefen will in feine Verästelungen des Seelenlebens, wie es als Ergebnis vielfach unerfreulicher, beklagenswerter, aber darum um so beachtenswerterer Züge der Zeitkultur erscheint.

Vielleicht kann dem Antisemitismus keine herbere, aber wegen der sinnig künstlerischen Beweisführung überzeugendere Verurteilung zuteil werden, als es hier geschieht.

Dem künstlerischen Empfinden der individuell erlebten, innerlich so wahren Psychologie steht allerdings bei Jaffé noch nicht ein bedeutendes künstlerisches Vermögen zur Seite. Charaktere und Situationen sind unplastisch, und die Komposition des Romans läßt viel zu wünschen übrig. Ich glaube, daß es leichtfertig wäre, aus diesem Buche auf die künstlerische Zukunft des Verfassers Schlüsse zu ziehen. Im höchsten Sinne sympathisch muß das große Wollen berühren. Den Anfänger verrät die Arbeit allerdings auch auf jeder Seite. Die Leute treten auf und treten ab, die Situationen kommen und gehen ohne große \Wahrscheinlichkeit, ohne tiefere Motivierung. Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, treffen sich, weil der Autor sie zusammenführen muß, um das Aufeinanderplatzen der sozialen Gegensätze zu zeigen. Dann aber reden sie sofort, ohne sich irgend etwas Individuelles mitzuteilen, von sozialpolitischen, lebensphilosophischen Theorien.

Man mißverstehe mich nicht. Ich bin der letzte, der solche Gespräche aus der Literatur verbannen will. Ich habe sogar den Glauben, daß der ernste Mensch Gefallen haben muß an Kunstwerken, die Menschen schildern, deren Interessen über den Kreis auch des besseren Alltäglichen hinausgehen. Wir teilen uns, wenn wir nicht gerade Bierphilister oder Mitglieder von Kaffeekränzchen sind, doch auch im Leben unsere Ansichten mit. Warum soll das also nicht im Kunstwerke geschehen? Aber so unvermittelt, wie das von Jaffé geschieht, kommt das doch wohl im Leben nicht vor. Es dauert zum Beispiel bei mir, der ich mich gerade nicht zu den untheoretischen Menschen zähle, mindestens eine Viertelstunde, bis ich an einen Freund, den ich lange nicht gesehen habe, die Frage stelle, wie sich sein lebensphilosophisches oder sozialpolitisches Glaubensbekenntnis geändert hat.

Wenn aber Robert Jaffé zu Schilderungen kommt, die psychologische Feinkunst, lyrische Empfindung verlangen, dann wird er im höchsten Grade anziehend. Dann verrät sich der Dichter in jeder Zeile.

Alles in allem: wir haben im «Ahasver» einen psychologischen Zeitroman, den man trotz aller Schwächen, trotz der Anfängerschaft des Autors nur mit dem höchsten Interesse lesen kann.

German original of Ahasver · ← Previous · Next →