91. Sieben Briefe von Fichte an Goethe Zwei Briefe von Fichte an Schiller
Mit Erläuterungen von Rudolf Steiner
Die ersten sieben der hier mitgeteilten neun Briefe Fichtes hat dieser in den ersten Monaten seiner Wirksamkeit an der Goethes Obhut anvertrauten Hochschule dem letzteren geschrieben. Die Zeit ist ein ihre Bedeutung wesentlich mitbestimmender Umstand. Sie zeigen uns, daß Fichtes persönliches Auftreten und seine Art, den Lehr- und Philosophenberuf aufzufassen, dem Verhältnis Goethes zu ihm gleich im Anfange ihrer Bekanntschaft den Charakter geben mußte, den es dann in der Folgezeit beibehalten hat. Fichtes Art zu wirken hatte etwas Gewaltsames. Ein gewisses Pathos der Idee, das sich seinen wissenschaftlichen sowohl wie seinen politischen Ideen beigesellte, führte ihn immer dahin, daß er seine Ziele auf dem geraden, kürzesten Wege zu erreichen suchte. Und wenn ihm etwas hindernd in den Weg trat, dann wurde seine Unbeugsamkeit zur Schroffheit, die Energie zur Rücksichtslosigkeit. Fichte lernte nie begreifen, daß alte Gewohnheiten stärker sind als neue Ideen, und geriet dadurch fortwährend in Konflikte mit den Leuten, mit denen er zu tun hatte. Zu den meisten dieser Konflikte lag der Grund darin, daß er sich die Menschen durch sein persönliches Wesen entfremdete, bevor er sie zu seinen Ideen erhoben hatte. Sich mit dem all täglichen Leben abzufinden, dazu fehlte Fichte die Fähigkeit. Alles das machte es Goethe unmöglich, für Fichtes Person immer so energisch einzutreten, daß es der Anerkennung entsprochen hätte, die er dessen wissenschaftlichen Leistungen und Fähigkeiten entgegenbrachte.
Das Buch, das Fichte mit dem Briefe Nr. 1 Goethe übersendet, ist der erste Abdruck der «Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre», der damals bogenweise ausgegeben wurde (vgl. J. G. Fichtes Leben und literarischer Briefwechsel, 2. Auflage, Leipzig 1862, I. Band, S. 211).
Das Werk, in dem sich Fichte mit Goethe vereinigt zu sehen hofft, sind Schillers «Horen». Dieser hatte Goethe am 13. Juni 1794 zur Mitarbeiterschaft aufgefordert und dabei zugleich bemerkt, daß die H. H. Fichte, Woltmann und von Humboldt sich mit ihm zur Herausgabe dieser Zeitschrift vereinigt hätten. Goethe schickte seine Zusage erst am 24. Juni an Schiller (vgl. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, 4. Aufl., I. Band, S. I ff.).
Am ı8. Mai 1794 war Fichte in Jena eingetroffen, und schon am 24. Juni ist er genötigt, Goethes und des Herzogs Schutz gegen verleumderische Gerüchte anzurufen, die sich über seine öffentlichen Vorlesungen über «Moral für Gelehrte» verbreitet hatten (vgl. Brief Nr. 2). Die energische Art, in der Fichte seinen Verleumdern entgegentritt, und die Entschiedenheit, mit der er den Herzog bittet, sich seiner anzunehmen, führt, offenbar durch Goethes Vermittlung . (Brief Nr. 3), zu einer vorläufigen Befestigung seiner Stellung, da der Herzog sich durch die Gerüchte in seiner Schätzung des Philosophen nicht beitren ließ. Fichte sah sich veranlaßt, die Unrichtigkeit dessen, was man über seine Vorlesungen sagte, dadurch zu beweisen, daß er sie Wort für Wort drucken ließ (vgl. Brief Nr. 2). Sie erschienen unter dem Titel: «Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten» (Jena, Gabler 1794). Zur Ausführung von Fichtes Wunsch, den Abdruck dem Herzoge widmen zu dürfen, ist es nicht gekommen, wohl aber dazu, daß letzterer den jüngst berufenen Lehrer bei jeder Gelegenheit auszeichnete (vgl. Fichtes Leben I. 216 f.). Fichtes Äußerungen über den Herzog (Brief Nr. 2) sind ein wichtiger Beitrag zur Charakteristik Karl Augusts. Man muß nur bedenken, daß dieser Fürst in solcher Weise bewundert wird von einem Manne, der ein Jahr vorher von den Fürsten Europas schrieb: «Sie, die größtenteils in der Trägheit und Unwissenheit erzogen werden, oder wenn sie etwas lernen, eine ausdrücklich für sie verfertigte Wahrheit lernen; sie, die bekanntermaßen an ihrer Bildung nicht fortarbeiten, wenn sie einmal regieren, die keine neue Schrift lesen als höchstens etwa wasserreiche Sophistereien, und die allemal wenigstens um ihre Regierungsjahre hinter ihrem Zeitalter zurück sind.» Diese Stelle gehört der anonymen Schrift an, von der im ersten Briefe die Rede ist, nämlich Fichtes «Beiträgen zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution.» Diese sowie die andere anonyme Schrift: «Die Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten (Eine Rede, Heliopolis im letzten Jahre der alten Finsternis)» waren vor der Berufung Fichtes nach Jena erschienen. Und es ist, nach Fichtes Äußerungen im zweiten Briefe, nicht zu bezweifeln, daß die Personen, die für Fichtes Anstellung wirkten, zu denen in erster Linie der Jurist Hufeland gehörte, von diesen Schriften wußten. Auch für Goethe scheint das zu gelten, denn er nennt die Berufung Fichtes «eine Tat der Kühnheit, ja Verwegenheit» (Tag- und Jahreshefte 1794). Fichte selbst hat den Personen gegenüber, die zwischen ihm und der Weimarischen Regierung vermittelten, wohl kein Hehl aus seiner Denkart gemacht; daher ist der gereizte Ton zu verstehen, in dem er von den auf seine anonymen Schriften bezüglichen Vorwürfen spricht.
Aus Brief Nr. 6 geht hervor, daß Fichte besonderen Wert darauf legte, von Goethe verstanden zu werden. Im Einklang damit steht eine Mitteilung W. v. Humboldts (Briefwechsel Schillers und W. v. Humboldts, 22. September 1794) über ein Gespräch mit Fichte, wobei letzterer geäußert hatte, daß er Goethe für die Spekulation zu gewinnen wünsche und sein Gefühl für ein solches erklären müsse, das in philosophischen Dingen richtig leite: «Neulich, fuhr er (Fichte) fort, hat er (Goethe) mir mein System so bündig und klar dargelegt, daß ich’s selbst nicht klarer hätte darstellen können.» Daß Goethe ein lebhaftes Interesse für Fichtes Philosophie hatte und durchaus keine ablehnende Haltung gegen sie einnahm, beweist nicht allein die Stelle in einem Brief an Fichte vom 24. Juni 1794 (Briefe W. A. X. S. 167), worin er über die ersten Bogen der «Wissenschaftslehre» sagt: «Das Übersendete enthält nichts, das ich nicht verstände oder wenigstens zu verstehen glaubte, nichts, das sich nicht an meine gewohnte Denkweise willig anschlösse», sondern auch der Umstand, daß Goethe sich ausführliche Auszüge aus dieser Schrift machte, die im Goethe-Archiv noch erhalten sind.
Ähnliche öffentliche Vorlesungen, wie die obenerwähnten vom Sommerhalbjahr 1794 hatte Fichte auch für den Winter 1794/95 angekündigt. Diese Vorlesungen gehörten zu den besuchtesten der Universität und wurden von den Studenten mit größter Begeisterung aufgenommen. Da Fichte eine andere geeignete Stunde nicht finden konnte, las er Sonntag vormittag 9 bis 10. Das Jenaische Konsistorium nahm hieran Anstoß, und das Weimarische Oberkonsistorium konnte den Gründen des erstern «einstimmigen Beifall nicht versagen», «maßen es allerdings scheint, daß dieses Unternehmen ein intendierter Schritt gegen den öffentlichen Landesgottesdienst sei, ja wenn auch hierbei diese Absicht nicht wäre, oder solche Absicht dadurch nicht erreicht werden könnte, ein dergleichen gesetz- und ordnungswidriges gleichwohl wegen des unangenehmen Eindrucks, den es bei dem jenaischen und benachbarten Publikum sowohl als auswärts zuverlässig machen wird, immer von sehr übeln Folgen, besonders auch dem Ruf der Akademie selbst äußerst nachteilig sein müßte». So heißt es in der Eingabe des Oberkonsistoriums an die Landesregierung. Fichte wandte sich in einem ausführlichen Brief an den akademischen Senat. Er setzte die Gründe auseinander, warum er die betreffende Stunde wählen mußte, und legte dar, daß der Charakter seiner öffentlichen Vorlesungen sie sehr wohl geeignet mache, an Sonntagen gehalten zu werden, da sie nicht auf Belehrung durch Wissenschaft, sondern auf moralische Erbauung und Charakterveredlung abzielen. Gleichzeitig rief Fichte auch Goethes Beistand an in dieser Angelegenheit; und der Brief, in dem er es tut, ist der hier unter Nr. 6 mitgeteilte. Der akademische Senat berichtete in dieser Sache an den Herzog in dem Sinne, «daß zwar dem Professor Fichte ein fürsetzlicher Schritt gegen den öffentlichen Landesgottesdienst nicht wohl beizumessen, jedoch er in Ansehung seiner moralischen Vorlesungen anzuweisen, sie nicht des Sonntags zu halten; falls aber derselbe jetzt mitten im halben Jahre eine andere schickliche Zeit durchaus nicht ausmitteln könnte, wie wir jedoch nicht glauben noch wünschen, allenfalls ihm zwar für den Rest des jetzt laufenden Wintersemesters und ohne Konsequenz die Haltung derselben am Sonntag gestattet werden könne, allein solchenfalls ihm dabei schlechterdings zur Bedingung gemacht werden müsse, daß sie ihm nicht vor völlig geendigtem Nachmittagsgottesdienste gestattet sein solle». Vom Herzog wurde die folgende Entscheidung getroffen: «So haben wir nach Euerm Antrag resolvirt, daß dem mehrerwähnten Professor Fichte die Fortsetzung seiner ‚moralischen Vorlesungen am Sonntage äußerstenfalls nur in den Stunden nach geendigtem Nachmittagsgottesdienste gestattet sein solle». Es war aber nur der Umstand, daß «etwas so Ungewöhnliches, als die Anstellung von Vorlesungen der Art am Sonntag während der zum öffentlichen Gottesdienst bestimmten Stunden ist», hier vorlag, der Karl August zu seiner Entscheidung veranlaßte. Von den Vorlesungen selbst sagt das herzogliche, an den akademischen Senat gerichtete Entscheidungsdekret: «Wir haben uns gern davon überzeugt, daß, wenn dessen (Fichtes) moralische Vorlesungen dem ... eingehefteten trefflichen Aufsatz gleichen, sie von vorzüglichem Nutzen sein können». Die Gegner Fichtes beabsichtigten dagegen die Vorträge ganz unmöglich zu machen, da ihnen ihr Inhalt unbequem war. Als Fichte am 3. Februar die wegen des Zwischenfalls seit Anfang November ausgesetzten Vorlesungen wieder aufnimmt, setzt er dafür die Stunde Sonntag nachmittag 3 bis 4 fest.
Der in Brief Nr.7 erwähnte Professor Woltmann war Historiker, ein Lieblingsschüler Spittlers. Er wurde mit Fichte zugleich, erst 23jährig, nach Jena berufen, gehörte zu den intimsten Freunden des Philosophen und kam später auch zu Schiller in Beziehung.
Die beiden Briefe Fichtes an Schiller unterscheiden sich, was vielleicht nicht überflüssig ist zu bemerken, von denen an Goethe dadurch, daß sie in deutscher, jene in der von Fichtes Hand leserlicheren lateinischen Schrift geschrieben sind.
Im Juli 1799 übersiedelte Fichte nach Berlin. Die bekannte Anklage wegen Atheismus hat zu seiner Entlassung aus Jena geführt. Er suchte einen neuen Wirkungskreis. Zu den Plänen, die für die Zukunft in ihm auftauchten, gehört auch der der Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die den von Fichte an ein solches Institut gestellten Anforderungen besser entsprechen sollte als die Jenaische Allgemeine Literaturzeitung, mit der sowohl er wie Schelling unzufrieden waren. Während des Winters 1799/1800 weilte Fichte wieder kurze Zeit in Jena, wo er seine Familie vorläufig zurückgelassen hatte. Er traf hier mit Schelling zusammen. Die beiden verabredeten die Gründung und Einrichtung der Zeitschrift, für die auch Goethe und Schiller als Mitarbeiter gewonnen werden sollten. Der erste der beiden an Schiller gerichteten Briefe enthält die Aufforderung zur Mitarbeiterschaft und zugleich eine ausführliche Auseinandersetzung über Zweck und Anlage der Zeitschrift. Aus dieser Sache, für die, wie aus dem Briefe hervorgeht, Cotta als Verleger gewonnen werden sollte, wurde nichts. Der Plan wurde dann nochmals mit J. F. G. Unger als Verleger aufgenommen, und von diesem auch ein gedrucktes Zirkular versandt, welches das Erscheinen der «Jahrbücher der Kunst und der Wissenschaft» von Neujahr 1801 ab versprach. Auch diesmal kam die Angelegenheit nicht zur Ausführung. Goethe sah einer solchen Unternehmung von seiten Fichtes mit Mißtrauen entgegen. Er schreibt am ı6. September ı800 an Schiller offenbar darauf bezüglich (das Zirkular trägt das Datum 28. Juli 1800): «Der Ton der Ankündigung ist völlig Fichtisch. Ich fürchte nur, die Herren Idealisten und Dynamiker werden ehester Tage als Dogmatiker und Pedanten erscheinen und sich gelegentlich einander in die Haare geraten.» Die übersandte Schrift ist: «Der geschlossene Handelsstaat.»
Der zweite Brief Fichtes an Schiller vom 18. August 1803 behandelt in seinem ersten Teile eine Privatangelegenheit Fichtes (Verkauf seines Hauses in Jena u. a. noch auf die Zeit seines Jenaer Aufenthaltes bezügliche Dinge), in der er Goethes und Schillers Beistand angerufen hatte. Am 29. August schreibt Goethe darüber an Zelter (Briefwechsel ı, 80): «Sagen Sie ihm (Fichte), daß wir seine Angelegenheit bestens beherzigen. Leider ruht auf dem, was Advokatenhände berühren, so leicht ein Fluch.» Der zweite Teil des Briefes bezieht sich auf die Aufführung von Goethes «Natürlicher Tochter» in Berlin. Die Erstaufführung dieses Stückes fand daselbst am 12. Juli 1803 statt. Der Brief ist in einer vielfach von der obigen abweichenden Gestalt in «Schillers und Fichtes Briefwechsel aus dem Nachlasse des Erstern» 1847 von I. H. Fichte (S. 70-75) herausgegeben. Dies berechtigt zum Wiederabdruck. Wahrscheinlich hat ihn Schiller zum Durchlesen an Goethe gesandt, und es ist die Rücksendung versäumt worden, so daß er unter Goethes Papieren verblieben ist. Mithin ist das hier Gedruckte die letztwillige Fassung, dagegen kann das, was I. H. Fichte veröffentlicht hat, nur dem Brouillon entnommen sein, das der Herausgeber vielleicht noch an einigen Stellen überarbeitet hat. Was das große Publikum bei dem Stücke kalt ließ, ja geradezu abstieß: der Umstand, daß durch eine hohe Kunstform alles Stoffartige getilgt ist, zog Fichte wie auch Schiller an (vgl. dessen Brief vom 18. August ı803 an Wilhelm von Humboldt). Was die klassische Ästhetik (namentlich Schiller in seinen «ästhetischen Briefen») als Forderung aufstellte: Vertilgung des Interesses an der dargestellten Begebenheit durch Erhebung zum reinen Genusse dessen, was die künstlerische Phantasie daraus gemacht hat, sah Fichte hier erfüllt. Deshalb wollte er auch von jeder Kürzung des Stückes abraten. Am 28. Juli 1803 (Briefwechsel I. S.67) schreibt Goethe an Zelter, daß er Lust habe, «einige Szenen abzukürzen, welche lange scheinen müssen, selbst wenn sie vortrefflich gespielt werden». Darauf erwidert Zelter am 10. August: «Fichte ist mit einer Abkürzung der «Natürlichen Tochter; nicht einverstanden; er glaubt das Stück sei ganz, rund und könne durch Abkürzung nur leiden.» Der Philosoph betrachtete die Kunstform als das allein Maßgebende, während der Dichter mit dem Geschmack des Publikums rechnen wollte. Fichte forderte in weit höherem Maße als Goethe, daß das Publikum zum Genusse der höchsten ästhetischen Produktionen erzogen werden müsse. Die Erfüllung der idealen Forderungen stand ihm in erster Linie. Wenn das Publikum dazu nicht vorhanden war, so müsse es seiner Meinung nach gebessert werden. Goethe war geneigt, den Menschen die Kunst näherzubringen; Fichte wollte die Menschen nach den von ihm für richtig gehaltenen Ideen geradezu umwandeln.
Mit der Kommentierung dieser Briefe hat mich Bernhard Suphan beauftragt, der sie vorher bereits durchgearbeitet hatte und mir seine auf die Gesichtspunkte, von denen aus die Schriftstücke zu betrachten sind, sowie auf verschiedenes Einzelne bezüglichen Notizen übergab.
Fichte an Goethe
I.
Verehrungswürdiger Mann,
Ich suchte Sie bald nach Ihrer Abreise, um Ihnen den eben erst fertig gewordnen ersten Bogen zu übergeben. Ich fand Sie nicht; und überschicke, was ich lieber übergeben hätte.
So lange hat die Philosophie Ihr Ziel noch nicht erreicht, als die Resultate der reflektierenden Abstraktion sich noch nicht an die reinste Geistigkeit des Gefühls anschmiegen. Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten der letztern auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.
Für die Richtigkeit meines Systems bürgt unter andern die innige Verkettung Alles mit Einem, und Eines mit Allem, die nicht Ich hervorgebracht habe, sondern die sich schon vorfindet; sowie die ungemeine, und alle Erwartung übertreffende Fruchtbarkeit, die ich ebenso wenig selbst hineingelegt habe; so daß sie mich sehr oft zum Staunen hingerissen hat, und hinreißt. Beides entdeckt sich nicht im Anfange der Wissenschaft, sondern nur allmählich, so wie man in ihr weiter fortschreitet.
Ob ich die Empfehlung einer klärerern Darstellung auch jetzt noch behaupte, weiß ich nicht. So viel weiß ich, daß ich es zu einer höhern, und zu jeder beliebigen Klarheit erheben könnte, wenn die erforderliche Zeit gegeben wird: - aber ich habe, mit meinen öffentlichen Vorlesungen die Woche wenigstens drei Druckbogen zu arbeiten, andere Geschäfte abgerechnet; und erwarte deshalb Nachsicht.
Ich hoffte — vielleicht weil ich es sehnlich wünschte - mich mit Ihnen in Einem Werke vereinigt zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffen darf. Wenigstens hatte vor einigen Tagen Hrr. Schiller Ihren Entschluß noch nicht.
Ich bin mit wahrer Verehrung
Ihr innigst ergebenerJ. G. Fichte
Jena, d. 2x. Jun. 1794
II.
Verehrungswürdigster Gönner, und Freund,
Noch in meinem letzten Briefe nahm ich bloß des edlen Mannes, und großen Geistes Freundschaft in Anspruch; ich glaubte
nicht binnen ein paar Tagen in der Lage zu sein, Ihr politisches Ansehen in Anspruch zu nehmen.
Man meldet mir von Weimar aus: «es würden daselbst Schändlichkeiten (es sind genau zu reden nur Dummheiten) herum geboten, die ich in meinen Vorlesungen vorgetragen haben solle. Meine Lage sei gefährlich. Es sei von einer gewissen Klasse eine förmliche Verbindung gegen mich geschlossen. Der Herzog höre Sie, und was es noch an Männern gibt, seltner, als andre, die in jenen Bund gehörten; ich solle nicht so sicher sein, der Folgen halber, - kurz, ich könne abgesetzt sein, ehe ich mirs versähe, u.s.w. u.s.w.» Man gibt mir Ratschläge, die ich sicher befolgen würde, wenn ich — Parmenio wäre. — «Ich soll eine gewisse anonyme Schrift ableugnen, die mir zugeschrieben wird.» Mag ein andrer sich so etwas erlauben; ich halte es mir nicht für erlaubt. Arerkennen werde ich auch keine anonyme Schrift. Wer seine Schriften anerkennen will, der tut es gleich bei der Herausgabe. Wer anonym schreibt, will sie nicht anerkennen.
«Ich soll mich doch nur wenigstens dieses halbe Jahr in acht nehmen, um die Politik nicht zu berühren.» Ich lese nicht Politik, und bin dazu nicht berufen. Das Naturrecht werde ich freilich, wenn es in meinem Kursus an der Reihe ist, meiner Überzeugung gemäß lesen, man verbiete es mir denn ausdrücklich, und öffentlich; aber es kommt im ersten Jahre gewiß noch nicht an die Reihe. Ich handle dieses halbe Jahr nach Regeln, nach denen ich immer handeln werde; und werde immer so handeln, wie ich dieses halbe Jahr handle. Ich habe keine besondre Sommer- und keine besondre Winter-Moral.
«Ich soll mich verstecken, um desto mehr Gutes stiften zu können.» Das ist Jesuiter Moral. Ich bin dazu da Gutes zu tun, wenn ich kann; aber Böses tun darf ich unter keiner Bedingung, und auch nicht unter der des künftigen Gutestuns.
Betrachte ich mich hierbei völlig isolier t, so wäre ich der letzte unter den Menschen, wenn ich bei meinen Grundsätzen, und bei der etwanigen Kraft, mit der ich sie gefaßt habe, irgend etwas fürchten, und darum auch nur um eines Fußes Breite von meiner Bahn weichen wollte. Wer den Tod nicht fürchtet, was unter dem Monde soll der doch fürchten? - Überhaupt, es wäre dann lächerlich, wenn ich jene Dinge nur einer ernsthaften Maßregel würdigen wollte.
Aber ich bin leider nicht mehr isoliert. An mein Schicksal ist das Schicksal mehrerer Menschen gebunden. Ich rede nicht von meiner Frau. Sie wäre es nicht, wenn ich ihr nicht die gleichen Grundsätze zutraute. Aber an sie ist ein 74jähriger Greis, ihr Vater, unzertrennlich gebunden. Sein Alter bedarf der Ruhe; er kann nicht der Gefahr, umhergetrieben zu werden, sich aussetzen, der ich selbst mich wohl aussetzen darf. Es ist also die Frage, und es ist nötig, daß diese Frage beizeiten beantwortet werde: Kann und will der Fürst, dem ich mich anvertraut habe, mich schützen? will er’s unter folgenden Bedingungen?
Ich komme künftigen Sonnabend nach Weimar, und stelle mich den Leuten, die mir etwas zu sagen haben könnten, unter’s Gesicht, um zu sehen, ob sie Mut genug haben, mir zu sagen, was sie andern von mir sagen. Ich lasse die bis jetzt öffentlich gehaltnen 4 Vorlesungen, in welchen ich jene Torheiten gesagt haben soll, und welche ich mit gutem Vorbedacht wörtlich niederschreibe, und wörtlich ablese ehestens unverändert wörtlich abdrucken. Es würde die höchste Vergünstigung für mich sein, wenn der Herzog mir erlauben wollte, ihm dieselben zuzueignen. Mit voller Wahrheit könnte ich diesen Fürsten einer unbegrenzten Verehrung versichern, die alles was ich je von ihm gehört, später das, daß er mir bei der Meinung, die das Publikum nun einmal von mir gefaßt hat, ein Lehramt auf seiner Universität anvertraute, in mir gegründet, und welche die persönliche Bekanntschaft mit Demselben ins unendliche erhöht hat. Es würde mich sehr freuen, vor dem ganzen Publikum zeigen zu können, daß ich einen großen Mann verehren kann, auch wenn er ein Fürst ist; und ich sollte glauben, daß diesem Fürsten, der in sein Menschsein seinen höchsten Wert setzen kann, die Versicherung einer Verehrung, die dem Menschen in ihm, und nicht dem Fürsten gilt, nicht unangenehm sein könnte. — Ich bin erbötig auf diesen Fall hin, Ihnen, oder dem Herzoge selbst die Schrift in Probebogen vorher vorzulegen; sowie auch, wenn es verlangt wird, die Dedikation: ob es mich gleich, ich gestehe es, noch mehr freuen würde, wenn man mir ohne vorläufige Untersuchung zutraute, daß ich mich in einer so delikaten Sache würde zu benehmen wissen.
Wenn man es verlangt, so will ich versprechen, daß eine gewisse anonyme Schrift nicht fortgesetzt werden soll; ja ich will sogar versprechen binnen einer beliebigen Zeit keine anonyme Schrift über politische Gegenstände zu schreiben, (wenn nicht etwa die Selbstverteidigung es notwendig macht). - Daß ich dies leicht versprechen, und hinterher doch tun könne, was ich wolle, da ich unentdeckt zu bleiben hoffen dürfte - diesen Einwurf erwarte ich von niemanden, mit dem ich unterhandeln soll. Was ich verspreche, halte ich, und wenn auch keiner, als ich selbst, weiß, daß ich es halte.
In meinen Vorlesungen aber kann ich nichts ändern; und werden sie nicht gebilligt, so müssen sie mir überhaupt öffentlich untersagt werden. Ich soll, und werde sagen, was ich nach meiner besten Untersuchung für wahr halte, ich kann irren; ich sage es meinen Zuhörern täglich, daß ich irren kann; aber nachgeben kann ich nur Vernunftgründen. (Wenigstens hat bis jetzt noch niemand sich auch nur den Schein gegeben, als ob er das, was man für meine Irrtümer hält, aus Prinzipien widerlegen könnte.) Ich werde es an seinem Orte, und zu seiner Zeit, d. i. : wenn es in der Wissenschaft, die ich lehre, an die Reihe kommt, sagen. Es wird in meinen Vorlesungen zu seiner Zeit auch von der Achtung gegen eingeführte Ordnung, usw. die Rede sein; und diese Pflichten werden mit nicht geringerm Nachdrucke eingeschärft werden.
Unter diesen Bedingungen nun erwarte ich Schutz, und Ruhe zu Jena, wenigstens so lange mein alter Schwiegervater lebt; und ich bitte darüber um das Wort des biedern Fürsten.
Darf ich einige Betrachtungen hinzusetzen, um die Billigkeit meiner Bitte darzutun. Ich habe keinen Schritt getan, um den Ruf zu erhalten, den ich erhalten habe. Man kannte mich, als man mich rufte; man wußte, welche Schriften mir zugeschrieben würden; man wußte, welche Meinung das Publikum von mir gefaßt hatte; ich habe an den gehörigen Mann geschrieben, und der Brief muß noch existieren, «daß ich eher Mensch gewesen, als akademischer Lehrer, und es länger zu bleiben hoffte, und daß ich nicht gesinnt sei, die Pflichten des erstern aufzugeben, und daß ich, wenn das die Meinung sei, auf den erhaltenen Ruf Verzicht tun müsse»; ich schrieb dies, als von gewissen Grundsätzen die Rede war.
Ich bin gewarnt worden; man hat mir in der Schweiz von verschiedenen Orten her gesagt, daß man mich bloß deshalb riefe, um mich in seine Gewalt zu bekommen. Ich habe diese Drohungen verachtet; ich habe der Ehre des Fürsten, der mich rief, getraut. Er wird mich schützen; oder kann Er’s unter den genannten Bedingungen wenigstens bis auf die bestimmte Zeit nicht, so wird Er mir’s freimütig sagen. In diesem Falle schreibe ich künftigen Dienstag den Meinigen, die ich nicht ohne Vorbedacht in der Schweiz zurückgelassen habe, zu bleiben, wo sie sind; und kehre nach Vollendung meiner halbjährigen angefangenen Vorlesung, in mein ruhiges Privatleben zurück.
Vergeben Sie den entschiedenen Ton, mit welchem ich geredet habe. Ich wußte, daß ich mit einem Manne, und mit einem gütig gegen mich gesinnten Manne redete. Mein Antrag wäre lächerlich, wenn bloß von mir die Rede wäre; ich darf keine Gefahr fürchten: aber mein Bewegungsgrund entschuldigt mich vor meinem Herzen, und wird mich vor dem Ihrigen entschuldigen.
Mit wahrer warmer Hochachtung
Ihr innigst ergebner Fichte
Jena, d. 24. Jun. 1794
III.
Ich kann Ihnen jetzt, Verehrungswürdiger Herr Geheimer Rat, nur meinen innigen Dank sagen, und Ihre gütige Einladung auf künftigen Sonnabend annehmen.
Über verschiedenes, was mir nicht ganz deutlich ist, verspreche ich mir Ihre nähere gütige Erklärung. - Verteidigen kann ich mich nicht, denn ich bin nicht angeklagt; ich bin nur lügenhaft verleumdet; und hinterm Rücken verleumdet, und ich weiß nicht, ob jemand mir selbst sagen wird, was mich zu einer Verteidigung nötigte.
Ich bin mit der wahrsten Hochachtung
Ihr innigst ergebner Fichte
Jena, d. 25. Jun. 1794
IV.
Euer Hochwohlgeboren übersende ich die bis jetzt fertig abgeschriebenen zwei Vorlesungen. Den Mangel der Korrektheit bitte ich mit dem Grunde zu entschuldigen, den ich hatte, Ihnen keine größere zu geben, als sie beim mündlichen Vortrage hatten.
Mit Hochachtung und warmen Dank
Ihr innigst ergebner J. G. Fichte
Jena, d. 1. Jul. 1794
V.
Überbringer dieses, mein Freund und Zuhöter, Hırr. Fhr. v. Bielfeld bat sich ein paar Zeilen von mir an Euer Hochwohlgeboren aus, und ich nehme mir die Freiheit, Ihnen bei dieser Gelegenheit die fünfte mit für den Abdruck bestimmte Vorlesung zu überschicken.
Ihr Beifall ist derjenige, den ich vorzüglich wünsche, und es machte mir große Freude, aus Ihrem Briefe zu sehen, daß Sie denselben auch diesen Vorlesungen nicht gänzlich versagten.
Mit inniger Hochachtung empfehle ich Ihnen mich, und alle meine literarischen Arbeiten.
Fichte
Jena, d. 5. Jul. 1794
VI.
Oft, mein Verehrtester Herr Geheimer Rat, habe ich bei Ausarbeitung des beiliegenden Teils meines Lehrbuches daran gedacht, daß Sie es lesen würden; und mehrere Male, wenn ich schon im Begriffe war, es nun gut sein zu lassen, hat dieser Gedanke mich vermocht, das Niedergeschriebene von neuem völlig umzuarbeiten. Wenn es dadurch doch noch nicht so weit gekommen ist, daß ich vollkommen damit zufrieden sein kann — die Probe davon ist immer die, ob ich mir Sie als völlig. damit zufrieden denken kann - so lag das an der gebietenden Lage, in welcher ich schrieb. Wenn ein Bogen durchgelesen war, mußte ein anderer erscheinen; und dann mußte ich es gut sein lassen.
Mit freier Verehrung für Ihren Geist und Ihr Herz empfehle ich mich Ihrem Wohlwollen.
Fichte
Jena, d. 30. September 1794
VII.
Hochwohlgeborener Herr
Höchstzuverehrender Herr Geheimer Rat.
Der nie gebeten hat, bittet, und so viel ich einsehe, um Gerechtigkeit.
I. Ich habe ein Publikum angefangen, das auf den Zustand der Akademie einen Einfluß hat, den nur Ich weiß, und den ich, um nicht unbescheiden zu scheinen, nie sagen werde. Gesetzt es hat keinen; es ist ein Publikum, und ich bin verbunden, eins zu lesen.
In den Wochentagen sind die Stunden so besetzt, daß man uns armen Nicht-Senatoren offiziell verbietet, die nötigen Privata zu lesen (worüber unter Nr. 2).
Ich opfere von meinem Sonntage, den ich nicht frei, sondern nur zu andern der Akademie gleichfalls gewidmeten Geschäften bestimmt habe, eine Stunde für dieses Publikum.
Menschen, die nie bekannt waren, viel Religion zu besitzen, schreien seitdem über den «Sabbathsschänder», hetzen die Bürgerschaft und die Geistlichkeit auf mich; erzählen an Studenten, daß sie die nächste Senatssitzung sich das Verdienst machen würden, gegen mich Klage zu erheben; und bis heute - Dienstags — haben sie es schon so weit gebracht, daß sie ihre Indignation unsern frommen Weibern mitgeteilt. — Ich nenne auf Nachfrage Mann, und Weib.
Warum ich bitte, ist folgendes:
Ich habe mich sorgfältig nach dem Gesetze erkundigt, laut der Beilage. «Es ist darüber kein Gesetz da.»
(Und dabei im Vorbeigehen! - Hat unsere Akademie Gesetze für die Professoren, oder nicht? Ich bin in das zweite Halbjahr Professor und weiß es gewiß nicht. Was ich weiß, habe ich bittweise — Das ist für einen Mann, der dem Gesetze buchstäblich nachkommt, darum, weil er gern frei ist, allerdings hart.)
Ist wirklich keines da, so bitte ich binnen hier und Sonntag um ein Gesetz, d.i. nicht um eine bloß für mich geltende Ordre, sondern um einen gemeingültigen, öffentlich promulgierten Befehl: Um einen fürstlichen Befehl.
1.) binnen hier, und Sonntag — Ich habe mich anheischig gemacht durch öffentlichen Anschlag, jeden Sonntag zu lesen, ich bin in Vertrage mit den Studenten; ich will diesen Vertrag nicht brechen; und ich kann nur, wenn ich krank werde - ich habe alle Anlage, künftigen Sonntag gesund zu sein — oder wenn ich ein Verbot erhalte, das ich respektieren kann, und mit Ehren darf.
2.) einen fürstlichen Befehl. — Befehlen des Senats, ohnerachtet ich völlig rechtlos zu sein scheine, will und werde ich mich nicht unterwerfen.
3.) sollte bis Sonntag ein solcher Befehl nicht auf eine mich überzeugende Art ankommen, so lese ich ohne Zweifel; entledige durch gegenwärtige Anfrage mich aller möglichen Verantwortung, und mache Anspruch auf Schutz in diesem Vorhaben.
4.) ich behalte mir vor, diejenigen, die mein Unternehmen verleumdet und mich beschimpft haben, gerichtlich zu belangen, sobald die Sache bis dahin ausgemittelt sein wird.
II. Es wird von mir, lange nach dem Abdruck des Lektionskataloges durch die besondern Bedürfnisse der Studierenden eine Art von Einleitung in die transzendentale Philosophie gefordert. Ich lege dafür Platners Aphorismen über Logik und Metaphysik zum Grunde, und lese von 6 bis 7 Uhr.
Der Dekan der philosophischen Fakultät Herr. H. R. Ulrich meldet mir officialite r, daß ich angehalten werde, diesen Unfug zu unterlassen, damit Herr. H. R, Reichardt die Stunde von 6 bis 7 zum — «Dupliren» der Pandekten brauchen könne. Für Logik sei die Stunde von 3 bis 4 festgesetzt. - Ich antworte darauf 1.) daß mir kein solches Gesetz bekannt gemacht worden, noch ich es angenommen 2.) daß ich von 3 bis 4 Uhr wirklich lese, was unsere guten Vorväter unter Logik gedacht haben mögen, die theoretische Philosophie 3.) daß demnach dieses Zumuten eigentlich soviel sage: ich solle gar nicht lesen; und daß ich mit mehrerm Rechte sagen könne, Herr. Reichardt solle nur nicht duplieren, sondern sich so einrichten, daß er auskomme.
Gerade so spielt man mit Prof. Woltmann. Er liest Staatengeschichte von 6 bis 7 Uhr. Um des gleichen Duplierens Willen mutet man ihm an sie von 4 bis 5 Uhr zu lesen, welche Stunde dafür festgesetzt sei. Er liest in dieser Stunde Universalgeschichte, die auch darauf verlegt ist. — Mithin heißt jene Zumutung, er solle Staatengeschichte gar nicht lesen, damit Herr. Reichardt die Pandekten duplieren könne. Das wagen jene Menschen uns zu bieten, und wir stehen rechtlos da.
III. In meinen öffentlichen Vorlesungen sind oft gegen 500 Zuhörer gewesen. Ich habe im vorigen Sommer dazu das Griesbachische Auditorium mir erbeten, das für zahlreiche Versammlungen von jeher gebraucht worden. Der Herr. G. K. R. Griesbach findet seitdem, daß dadurch die Bänke abgerieben werden und. schlägt es mir ab mit seinem vollen Rechte. Ich, gleichfalls mit meinem vollen Rechte, frage nach einem öffentlichen philosophischen Auditorium; setze voraus, daß das doch ein möglicher Aufenthalt für Menschen sein müsse, und gehe vorigen Sonntag, morgens 9 Uhr in dem größten Regen dahin. Ich finde meine Zuhörer vor der Tür, die mir sagen, daß im Auditorium die Fenster eingeschlagen, daß es voll Unrat sei usw. und sie bäten mich, daß ich nach meinem Hause gehen und daselbst lesen möchte. Ich gehe in diesem heftigen Regen zurück, weil ich ihr Begehren menschlich finde; und der Trupp meiner Zuhörer mit mir. Wenn dadurch ein Geräusch auf den Straßen entstanden; wo liegt doch die Schuld?
IV. Man wird sagen, die Stunde von 9 bis ı0 falle während der kirchlichen Versammlungen. — 1.) Man nenne mir nur eine andere. Um ı Uhr, gleich nach Tische zu lesen, würde mir höchst ungesund sein; auch will ich für meine Betrachtungen den offenen Geist meiner Zuhörer in den Morgenstunden; nicht ihren gefüllten Bauch, der keine Ohren hat. In den spätern Nachmittags- und Abendstunden ist gleichfalls kirchliche Versammlung, Konzert, Klub. - In den frühern Morgenstunden schlafen die Studierenden noch, weil sie diesen einzigen Tag zum Ausschlafen haben. 2.) Für die Studenten ist die Stadtkirche nicht, sondern die Kollegen-Kirche. Diese ist von 11 bis ı2 Uhr; und darum habe ich diese außerdem allerbequemste Stunde nicht gewählt. Ich selbst werde von nun an die Kollegen-Kirche besuchen, und vielleicht mancher meiner Zuhörer mit mir. 3.) Die physikalische Gesellschaft hat ihre Sitzungen gleichfalls Sonntags während der Nachmittagspredigt, und ich wüßte nicht, daß ihr jemand ein Verbrechen daraus gemacht. Ohne Zweifel hat dieselbe sie aus dem gleichen Grunde auf diesen Tag verlegen müssen, weil in den Wochentagen kein Zeit zu zahlreichen Versammlungen ist. Auf unserer Universität sind gottlob! alle Stunden besetzt.
- Von der moralischen Seite angesehen, müßte es allerdings jeden verständigen Mann gegen mich einnehmen, wenn er glauben könnte, daß ich durch jenes Unternehmen, ich weiß nicht welche Aufgeklärtheit affigieren wolle; und allerdings mögen viele unter den Tadlern, der Analogie ihrer eignen Kleingeisterei nach, mir so etwas zutrauen. Ein solcher Verdacht ist mir so lächerlich, daß ich keine Geduld habe, ihn zu widerlegen. Ich ging noch in die Schule, als ich über eine solche Aufklärung schon hinweg war. — Ich bin schwer daran gegangen, ehe ich den Sonntag wählte. Das beweist mein Aufschub der Eröffnung dieser Vorlesungen, ohnerachtet ich sehr oft von den Studierenden dazu aufgefordert worden; weil ich noch immer hoffte eine Stunde in der Woche auszumitteln: das beweisen meine sorgfältigen wiederholten Anfragen bei mehreren.
- Es ist diesen Leuten nicht, weder um wahre noch eingebildete Religion zu tun. Mein wahres Verbrechen ist dies, daß ich Einfluß und Achtung unter den Studierenden, und Zuhörer habe. Möchte ich doch immer an den höchsten Feiertagen lesen, wenn es vor leeren Bänken wäre! Daher ergreifen sie jeden Vorwand, um mich zu hindern; und werden aus bloßem odio academico alt-orthodoxe Christen sogar.
Mein inniges volles Zutrauen zu Ihnen, mein Verehrungswürdigster Herr Geheimer Rat, bewog mich, mich vorzüglich und ohne weitere Förmlichkeit, an Sie zu wenden. Dem ohnerachtet ersuche ich Sie, jeden dienlichen Gebrauch von diesem Briefe zu machen, und ihn, insoweit er es sein kann, als offiziell anzusehen; oder mich gütigst wissen zu laßen, was für Wege ich einzuschlagen habe, um binnen hier und Sonntag zu meinem Zwecke zu kommen.
Mein Entschluß ist übrigens ganz fest. Ich kann unbeschadet meiner Ehre, nach diesen Vorfällen nicht heimlich, und in der Stille mir ein Dementi geben; dem Gesetze aber werde ich ohne Widerwillen, ohne Anmerkungen, mit Freude, wie ein guter Bürger gehorchen; jetzt, wie immer. -— Außer dem Falle des Gesetzes aber bin ich auf das Äußerste gefaßt.
Mit inniger wahrer Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren ganz gehorsamster Diener
J. G. Fichte, Prof.
Jena, d. 19. November 1794
Fichte an Schiller
VIII.
Berlin, den 2. Februar 1800
Ich danke Ihnen, mein verehrter Freund, für die Aussichten, die Sie mir und der Literatur eröffnen.
Ohne just einen bestimmten Plan vorlegen zu können, waren meine Gedanken für ein kritisches Institut folgende.
Die Wissenschaft muß schlechthin, scheint es mir, sobald als möglich eine Zeitlang unter eine strenge Aufsicht genommen werden, wenn die wenigen guten Saatkörner, die da gestreut worden, nicht in kurzem unter dem reichlich aufschießenden Unkraute zugrunde gehen sollen. Auf dem Gebiete der ersten Wissenschaft, der Philosophie, die allen andern aus der Verwirrung helfen sollte, schwatzt man den alten Sermon fort, als ob nie etwas gegen ihn erinnert worden wäre, und verdreht das neue, daß es sich selbst durchaus nicht mehr ähnlich ist. Zum Glück ist man dabei so feig, daß man erschrickt und sich zusammennimmt, sobald einer das Unwesen ernstlich rügt, es aber wieder forttreibt, sobald die Aufsicht einzuschlummern scheint. Ich halte es für sehr möglich, durch eine 2 bis 3 Jahre fortgesetzte strenge Kritik die Schwätzer auf dem Gebiete der Philosophie zum Stillschweigen zu bringen, und den bessern Platz zu machen. Da es nun möglich ist, so muß es geschehen.
Um einen festen Punkt zu haben, arbeite ich gegenwärtig an einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, die meiner Hoffnung nach so klar sein soll, daß man einem jeden von wissenschaftlichem Geiste anmuten könne, sie zu verstehen. Was diese in der wissenschaftlichen Literatur wirkt, werde ich fortdauernd beobachten und referieren. Ich werde über das ganze Gebiet der Wissenschaft soweit mich verbreiten, als eignes Vermögen und Mitarbeiter, die eine ähnliche Gesinnung uns allmählich zuführen wird, es erlauben, ohne eben auf Universalität Anspruch zu machen. Was nicht durchaus gründlich geschehen kann, muß lieber unterbleiben.
Ich denke mit einem Berichte über den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur anzufangen, in welchem ich die faulen
Flecke derselben, - die Fabrikenmäßige Betreibung der Schriftstellerei durch Buchhändler und Autoren, die Lächerlichkeit der Rezensierinstitute, die elenden Beweggründe zur Schriftstellerei usw. unverhohlen aufdecken und Vorschläge zur Verbesserung tun werde. In diesem Berichte werde ich die kritischen Maßregeln unseres Instituts in wissenschaftlicher Rücksicht angeben. Ich werde es im Manuskripte Ihrer und Goethes Beurteilung vorlegen.
Ich maße mir kein Urteil an, was in der Kunst, in der wir denn doch nun durch Goethes und Ihr Muster und durch einige recht gute Philosopheme der neuern Philosophie wissen, worauf es ankommt - von Seiten der Kritik geschehen könne. Ihnen beiden kommt es zu zu entscheiden, welches die notwendigsten Lehren für die Kunstjünger unserer Zeit sind, und wie diese an den Erscheinungen der Zeit anschaulich gemacht werden müssen. Goethe hat ja in seinen Propyläen und andern seiner neuesten Schriften auch hierin Muster aufgestellt. Universalität, glaube ich, müßte man auch hier nicht beabsichtigen, sondern nur immer das jetzt eben nötigste sagen.
Schelling besteht darauf, daß eine wissenschaftliche Zeitschrift von uns beiden künftige Ostern ihren Anfang nehmen solle, und hat sich, da ich bis dahin nichts liefern kann, erboten, den ersten Teil selbst zu besorgen. Da ich allerdings der Meinung auch bin, daß gleich nach Erscheinung einer Elementar-Philosophie, die auf allgemeine Verständlichkeit Anspruch macht, die Aufsicht anheben und man die ersten Äußerungen beobachten müsse, so werde ich unmittelbar nachher dazutreten. Ist es Ihnen und Goethe nicht möglich so bald beizutreten, so lassen Sie uns wenigstens auf spätere Vereinigung hoffen. Man läßt dann das erstere nur wissenschaftliche Institut eingehen, macht einen andern Titel, usw.
Daß Cotta den Vorschlag nicht begierig annehmen solle, daran habe ich keinen Zweifel. Möchten Sie nicht die Güte haben, mir Vorschläge zu tun, welche Bedingungen ich für Sie und Goethe
fordern soll: wenn Sie nicht zu seiner Zeit lieber unmittelbar mit ihm unterhandeln wollen.
Ich lege, ebensowohl in Cottas als in meinem Namen zwei Exemplare meiner neuesten Schrift für Sie und Goethe bei. Diese Schrift macht durchaus keine Ansprüche und entstand auf die gelegentliche Veranlassung alberner Gespräche, die ich rund um mich herum über den abgehandelten Gegenstand hören mußte.
Ich bitte um Verzeihung, daß ich auch die Bestimmung des Menschen, die gar keine Novität mehr ist, beilege.
Leben Sie recht wohl mit den Ihrigen, genießen Sie der besten Gesundheit und behalten Sie mich lieb.
Ganz der Ihrige Fichte
IX.
Berlin, d. 18. August 1803
Den Einen Punkt dieses Schreibens an Sie, mein verehrungswürdiger Freund, hat Hrr. Zelter in einem Schreiben an Hırr. G. R. Goethe versprochen, und ich habe übereilt den Auftrag angenommen, ob ich gleich vermute, daß es Goethen eigentlicher um Zeiters Urteil, als um ein Urteil überhaupt zu tun war. Der zweite betrifft meine Angelegenheit; und ich bitte sehr um Verzeihung, daß ich Sie damit unterbreche. Ich würde darüber entweder an den Regierungsrat (nicht Geheimen Rat, wie Z. durch einen Irrtum an Goethe geschrieben) Voigt, der sich in der Sache schon gütig verwendet, oder an D. Niethammer geschrieben haben, wenn ich nicht zweifelte, ob der erstere von seiner Reise nach Dresden schon zurück sei, und den zweiten gleichfalls abwesend vermutete. Ich schreibe, was dieses betrifft, auf ein besonderes Blatt, damit es den R.R. Voigt oder auf den Fall seiner Abwesenheit einem andern Rechtsfreunde, den Sie oder Goethe für meine Sache interessieren, mitgeteilt werden könne; indem ich hier nur noch Sie und Goethe bitte und beschwöre, Ihr Interesse für diese Angelegenheit noch nicht ermüden zu lassen, damit nicht, wie es nach der Antwort des Hr. Salzmann das Ansehen bekommt, durch das bis jetzt geschehene nur lediglich der Verlust derselben beschleunigt werde. Die Sache scheint mir gerecht, sie scheint mir von allgemeinem Beispiele, und ich möchte wünschen, daß Sie und Goethe ein Stündchen fänden, meine beiliegende Instruktion, die zunächst freilich auf die Fassungskraft eines Advokaten berechnet und darum etwas zu deutlich ist, gemeinschaftlich durchzulesen.
Goethes «Natürliche Tochter» habe ich die zweimal, da sie hier aufgeführt worden, mit aller Aufmerksamkeit gesehen, und glaube zu jeder möglichen Ansicht des Werks durch dieses Medium mich erhoben zu haben. So sehr ich Goethes Iphigenie, Tasso und aus einem andern Fache Hermann und D. verehrt und geliebt und kaum etwas Höheres für möglich gehalten habe, so ziehe ich doch dieses Werk allen seinen übrigen vor und halte es für das dermalig höchste Meisterstück des Meisters. Klar wie das Licht und ebenso unergründlich, in jedem seiner Teile lebendig sich zusammenziehend zur absoluten Einheit, zugleich zerfließend in die Unendlichkeit, wie jenes. Dieser streng organische Zusammenhang macht es mir nun ganz unmöglich, irgendeinen Teil davon wegzudenken oder missen zu wollen. Was in dem ersten Teile sich noch nicht ganz erklärt, als die geheimnisvollen Andeutungen eines verborgenen Verhältnisses zwischen dem Herzoge, und seinem Sohne, beider, und noch anderer, geheime Machinationen, bereiten ohne Zweifel das Künftige vor und erfüllen schon jetzt das Gemüt mit einem wunderbaren Schauer.
Daß ein Werk von dieser Tiefe und Simplizität zugleich, von irgendeiner vorhandenen Schauspielergesellschaft in seinem innern Geiste ergriffen und dargestellt werden solle, darauf ist ohne Zweifel Verzicht zu tun. Der rechte Zuschauer aber soll durch die Beschränktheit der Darstellung hindurch das Ideal derselben und durch dieses hindurch das Werk erblicken. Dies ist der Weg, den ich habe gehen müssen, und der bei dramatischen Kunstwerken mir gerade der rechte scheint. Daher mag es kommen, daß Zelter, der mit der Lektüre angehoben und hieraus sich selber die idealische Darstellung gebildet, bei Erblickung der wirklichen ungenügsamer gewesen ist denn ich, der ich sonst eben nicht großer Genügsamkeit mich rühmen kann. - Nun dem gemeinen Zuschauer zuförderst diese Erhebung über die Beschränktheit der Darstellung angemutet — bei gemeinen Werken ist er deren überhoben, da fällt die Darstellung und die Sache, weil beide gemein und flach sind, sehr richtig zusammen - ihm ferner eine 2 bis 3 Stunden dauernde strenge Aufmerksamkeit angemutet, weil eben das Ganze ein Ganzes ist, und er gar keinen Teil versteht, wenn er nicht alle versteht - dagegen bei den gemeinen Stücken er abwesend sein kann, wenn er will, und wiederum aufmerken, wenn er will, und doch immer ein ganzes Sandkorn nämlich, — glücklich antrifft - endlich ihm den durchaus ermangelnden Sinn für das Inwendige im Menschen, und die Handlung, die auf diesem Schauplatze vorgeht, angemutet — daher Direktion, Stadt und Hof glauben, in den beiden letzten Akten dieses Werkes sei keine Handlung, und allerdings hätte Goethe für diese beiden Akte, durch die simple Erzählung: Eugenia gebe ihre Hand einem Justizrate, ersparen können - diese Anmutungen alle, so ist begreiflich, mit welchen Gesichtern sie aufgenommen werden. Ich aber für mein Teil bestärke mich nur immer mehr, je älter ich werde, und jemehr hier täglich irgendeine Dummheit mich drückt, und je mehrere Meisterwerke sie von dorther uns schicken, in der unbarmherzigen Gesinnung, daß man allerdings das höchste, und allein das höchste, vor die Augen des Publikum bringen solle, ohne alles Mitleid mit der Langweile, und Unbehaglichkeit der Unbildung, daß man gar nicht das Schlechte flicken, und das Gute, so Gott will, daran anknüpfen, sondern dieses rein vernichten, und das Gute rein erschaffen solle, und daß es nie besser mit dem Schlechten werden wird, als bis man durchaus nicht weiter Notiz davon nimmt, daß das Schlechte vorhanden ist.
Unter den Schauspielern trug, meines Erachtens, Madame Fleck als Eugenie bei weitem den Preis davon. Besonders war ihr Spiel im zweiten Aufzuge, im Ausdrucke der freudigen Erwartung im Sonette, in der demnächst folgenden dichterischen Phantasie - sodann bei Anlegung des Schmucks, dem Hervorbrechen ihrer adeligen freigebigen Gesinnung usw. begeistert und begeisternd. Eigentlich verdorben hat sie nichts, dessen ich mich erinnerte. Ifland stellte den zärtlichen Vater, besonders im dritten Akte, den im Gedanken des geglaubten Verlustes zergehenden, sehr gut dar und machte auf sein Publikum einen mächtigen Eindruck: aber es blieb immer ein zärtlicher Vater aus einem seiner Berge Familienstücke: die Vornehmheit des ersten Vasallen, geheimen Gemahls der stolzen Prinzessin, Vaters der hohen Tochter, die Bedeutsamkeit des finster drohenden Gestirns am politischen Horizonte dieses Reichs, gingen verloren - nicht zum Schaden des Stückes, wie mir’s scheint, beim wahren Zuschauer; denn wer Ifflanden außerdem kennt, wird ihn nicht für identisch mit einer solchen Person nehmen, und auf den Wink des Dichters Würde, und Hoheit, und Tiefe gern supplieren. Mattausch, als König, war recht stattlich. Noch verdient Bessel (der sonst unbedeutende Rollen spielt) als Weltgeistlicher der Erwähnung. Er spielte nicht ohne Kraft; und manche Rohheit im Benehmen mochte der günstige Zuschauer auf das Dorfleben des geistlichen Herrn zu schieben. Bethman n, als Gerichtsarzt, spielte gerade nicht unsorgfältig, wie ihm hat vorgeworfen werden wollen, aber was läßt aus diesem ungelenksamen, eintönigen Organe sich machen? Herdt, als Mönch, ließ nicht von seiner Natur, die Akzente so zu setzen, wie das natürliche Atmen es erfordert; doch verstand man ihn ganz, und man mochte sich nun eben die Rolle anders und richtig sprechen. Beschart spielte den Gouverneur glatt und galant weg, wie dies seine Manier ist; und dies tat der Rolle nicht übel. Die Rolle der Hofmeisterin war einer Sängerin, welche aus an sich sehr löblicher Vorsicht auf die Zeit, da sie mit ihrer Singstimme auf die Neige kommen dürfte, sich auf die Rezitation legen will, der Madame Schie l, übertragen. Diese brachte nun dazu allerdings die Gestikulation vom Operntheater, singen aber durfte sie nicht, und reden konnte sie nicht. Ich glaube zwar wohl überhaupt die Absicht und Bedeutung dieser Rolle erraten zu haben; die Worte aber habe ich beidemal nicht gehört; hierüber daher ist in meiner Erkenntnis eine Lücke geblieben. Aus Schwadkes - der den Sekretär spielte — gründlicher Seichtigkeit läßt keine Goethische Person sich machen. Dieser Mann wäre ganz in die Konversationsstücke aus dem Englischen zu exilieren.
Noch eine mir sehr auferbaulich und sehr lehrreich gewesene Anekdote. Die Rolle der Nonne war den ersten Tag mit Madame Herdt besetzt, welche sich also benahm, daß das Publikum in ein lautes Gelächter ausbrach - und diesmal zwar mit dem vollkommensten Recht. Wie hilft sich die Direktion den zweiten Tag? Nun, sie läßt diese Rolle ganz weg - nur Eine der unnützen Personen, mochte sie denken, welche in den beiden letzten Akten auftreten — (wie erst, in steigender Angst alle Mittel der Rettung versucht werden müssen, ehe zum letzten sonderbaren gegriffen wird, und wie noch nebenbei alle Stände des seinem Untergange entgegengehenden Reichs nach ihrem wenigsten Geiste vor den Augen des Zuschauers vorbeigeführt werden sollen, darauf geraten solche Beurteiler freilich nicht), - läßt aber die Rolle der Eugenia unverändert; dergestalt, daß nun der gewagte Blick in den Gewaltsbrief der Begleiterin ohne Zwischenglied und unmittelbar auf die Verweigerung ihn zu sehen, aus Furcht einen der beiden geliebten Namen zu erblicken, erfolgt. Hieraus lerne nun Goethe, wie er’s zu machen hat, um die in seinen Werken so oft zögernde Handlung rascher fortgehen zu lassen!
Eine Frage: wie denkt sich der Verfasser die äußere Darstellung der Nation an dem Haufen, dieses Chores, aus dem seine einzelnen Repräsentanten sich loswinden und in die Handlung verflechten? (was, im Vorbeigehen hiesigerlei Volk auch nicht faßt, und in der Ungerschen Zeitung z.B. gemeint wird, sie kämen und verschwänden, wie müßige Spaziergänger). Soll wirklich wenigstens ein Anfang des unermeßlichen Lebens und Treibens sichtbar sein, den nun die Phantasie ins Unbegrenzte fortsetze; oder soll der Zuschauer diesen Haufen wie mit dem Auge der Phantasie erblicken? Bei der hiesigen Aufführung trugen nur gegen das Ende des vierten Aufzugs, als Eugenia Anstalt macht, das Volk aufzurufen, plötzlich, wie gerufen, 2 oder 3 lumpige Kerls einen Koffer Studentengut und ein paar kleine mit Kaufmannszeichen zierlichst versehene Ballen im Hintergrunde der Bühne vorüber, der die übrige Zeit hindurch von lebendigen Wesen leer blieb. Mir schien dies entweder zu viel oder zu wenig. Hab ich Recht oder Unrecht?
Da ich in meinem letzten des Auspochens bei der ersten Aufführung erwähnte, zur Berichtigung, — denn selber dem Berliner Haufen möchte ich nicht gern mehr Böses nachsagen, als wahr ist - folgendes: es ist ganz notorisch, daß - Schadow die "Auspocher bestellt, ordentlich vorher angeworben und organisiert hat. Ich schreibe Ihnen dieses zu jedem Gebrauche, wenn Sie es nicht schon längst wissen, denn es ist stadtkundig; nur möchte ich nicht gern der sein, der es Ihnen geschrieben hätte. So behauptet man auch, daß nicht Woltmann, sondern Ifland der Verfasser der letzthin erwähnten Beurteilung in der Ungerschen Zeitung sei. Ähnlich sieht es beider historischen Parteilosigkeit für schlechtes und gutes.
Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen.
Der Ihrige Fichte