92. Nietzscheanismus
Zwei Forderungen sind es, denen die Schöpfungen des Menschengeistes genügen müssen, gleichwie die Blumen, wenn sie uns Freude machen sollen: sie müssen echt und frisch sein. Unechte Wahrheit, d.i. grundlose Behauptung und unechte Schönheit, d.i. unnatürliche, ausgeklügelte Kunst sind uns zuwider wie eine künstliche Rose. Aber auch, wenn sie echt sind, die Wahrheit und Schönheit, so verlieren sie ihren Reiz, sobald sie alt geworden sind, und Zustimmung und Anerkennung ihnen nur mehr aus Gewohnheit gezollt werden. Die Wahrheitsgründe wirken am besten auf uns, wenn der psychologische Prozeß, durch den sie Eingang in unseren Geist gefunden haben, noch wie ein gegenwärtiges Erlebnis in uns ist. Wir wollen nicht nur die Wahrheiten in unserem Bewußtsein haben, sondern unseren Überzeugungen sollen auch die Nachwirkungen anhängen von den Schwierigkeiten, durch die sie erworben worden sind. Ein schönes Kunstwerk, das nicht mit unmittelbarer, elementarer Macht auf uns wirkt, sondern auf das unser Sinn seit langer Zeit gelenkt ist, verliert das Ergreifende, das eine Schöpfung hat, der wir zum ersten Male das Auge entgegenstellen, das Ohr öffnen.
Deshalb bedarf von Zeit zu Zeit unser ganzes Wesen einer Auffrischung. Unser geistiger Bestand muß zurückgeworfen werden in das Chaos. Was Jahrhunderte lang als Wahrheit gegolten hat, muß angezweifelt und neu bewiesen werden. Was Menschenalter hindurch als Schönheit bewundert worden ist, muß es sich gefallen lassen, blasierter Gleichgiltigkeit zu begegnen. Dagegen läßt sich nichts machen; das ist das Schicksal des Menschengeistes. Radikale Zerstörer der Kulturerrungenschaften, Geister, die in allen Dingen wieder anfangen wollen, werden mit Notwendigkeit von Zeit zu Zeit erscheinen.
Einer der radikalsten dieser Geister ist Friedrich Nietzsche. Was er drucken ließ, macht das Antlitz jeder logisch-gewissenhaften Philisterseele schamrot. Man kann kühnlich ein Buch von ihm nehmen und von jedem Satz das Gegenteil aufschreiben; dann wird man ungefähr das herausbringen, was die meisten Menschen außer Nietzsche «wahr» und «richtig» nennen. Die gegenwärtigen Anhänger des wagehalsigen Zweiflers mögen mir diese Behauptung nicht übelnehmen. Sie wären ja doch niemals von sich selbst aus zu Nietzscheschen Ansichten gekommen; sie sprechen und schreiben nach; in ihrem tiefsten Selbst brauchen sie sich also nicht verletzt zu fühlen. Viele wären ja doch auch ganz gute Philister, wenn sie nicht Nietzscheaner wären.
Friedrich Nietzsche stellt alles in Frage. Er zweifelt nicht bloß daran, ob dies oder jenes wahr sei, sondern er frägt: ob denn Wahrheit überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sei. Er erklärt nicht nur den moralischen Vorurteilen, sondern der ganzen Moral den Krieg. Er will nicht allein zum reinsten, absolutesten Ausleben der menschlichen Persönlichkeit erziehen; nein, er will das Vorurteil «Mensch» selbst überwinden und zum «Übermenschen» hinüberleiten, der alles abgestreift hat, was den «Menschen» begrenzt und einschränkt. Zu einem plastischen Bilde dieses «Übermenschen» hat es Nietzsche nicht gebracht. Er hat in bisweilen poetischherrlichen Bildern und Aphorismen in seinem «Zarathustra» über den Übermenschen phantasiert; er hat viel gesagt, was der «Übermensch» nicht sein wird, und was er nicht an sich haben wird: aber zur positiven Aufstellung dieses Zukunftsideales hat es der Denker-Ikaros nicht bringen können. Wer die vielen Variationen, in denen Nietzsche sein Thema ausgeführt hat, überblickt, wird finden, daß aus ihnen allen heraustönt das oberste Gesetz: der Mensch hat nur die einzige Aufgabe, die Summe seiner Persönlichkeit rücksichtslos, so stark als möglich und so weit als möglich, zur Geltung zu bringen. Lebe so, wie du dich am besten und vollsten durchsetzen kannst. Das ist Nietzsches erste Grundregel. Was du vermagst, das tue. Der « Wille zur Macht» ist daher das Leitmotiv alles Lebens. Sklavenmoral nennt es Nietzsche, was sich durch irgend welche sittlichen Grundsätze einschränken läßt in der Entfaltung seines souveränen Ichs. Menschenwürdig ist nur die Herrenmoral, die ein «Ja» sagt in sittlichen Dingen, nicht weil sie es für «gut» findet, sondern weil sie will, weil sie die individuelle Macht auf diese Weise am besten durchsetzen kann. Diese «Jasager» sind Nietzsches Idealmenschen. Um ihrer willen sind all die andern Sklavenseelen da, die keine eigene Bestimmung haben. Sie sind die «Guten», und sie haben das Recht, die Handlungen der andern als «schlecht» zu bezeichnen, weil sie es wollen, und weil sie das rechte Herrenbewußtsein haben. Diese andern aber sind zu schwach, um ein ebenso energisches «Ja» zu sagen. Sie ziehen sich von dem Schauplatze der Tat auf jenen des Gewissens zurück, sie beurteilen die Handlungen der Menschen nicht nach der Macht, die sie bringen, sondern nach dem sittlichen Gefühle. Damit wird aller moralische Maßstab umgekehrt, meint Nietzsche. Nur schwache, geistig krüppelhafte Personen lassen sich auf einen solchen Standpunkt ein. Sie müssen viel leiden im Leben, weil sie nicht Kraft genug haben, um sich die Freuden der Tat zu verschaffen. Sie haben daher auch Gefühl für das Leiden ihrer Mitmenschen. Mitleid kehrt in ihre Seelen ein. Der Mensch mit dem Herrenbewußtsein kennt das Mitleid nicht, er hat für die Schwachen, die Kranken nur Verachtung. Sie sind ihm die «Schlechten», während er der Starke, der Gesunde, der Gute ist. Jene Schwachen aber kehren den Spieß um. Sie nennen eine Handlung «gut», wenn sie möglichst wenig Leid und möglichst viel Wohl bei den Mitmenschen bewirkt. Wo eine Handlung den andern Menschen in seinem Wohlsein beeinträchtigt, wo sie ihren Träger auf Kosten eines andern zur Macht bringen soll, da nennen sie dieselbe «bös». «Gut» und «bös» sind die Grundbegriffe der Sklavenmoral, wie «gut» und «schlecht» jene der Herrenmoral. Selbstlosigkeit will jene, rücksichtsloses Durchsetzen des eigenen Selbst diese. Als das Grundkennzeichen und den Hauptmangel der abendländischen Kultur sieht es Nietzsche an, daß in derselben durch die Ausbreitung des Christentums mit seiner Verherrlichung von Mitleid und Selbstlosigkeit alles Herrenbewußtsein geschwunden ist, daß die Sklavenmoral zur allgemeinen Gesinnung geworden ist. «Jenseits von Gut und Böse» will daher Nietzsche den Moralstandpunkt der Zukunft fixieren; gründlich soll dem mitleidsvollen Gesindel mit dem Armenleutegeruch und dem selbstlosen Pöbel mit der moralsauren Gesinnung das Handwerk gelegt werden. Ein echter Nietzscheaner geht nicht gern dahin, wo viele Menschen sind, denn da riecht es nach Gewissen. Deshalb flieht Zarathustra-Nietzsche die Menschen und geht in die Einsamkeit. Nietzsche empfiehlt den Menschen, sich moralische Schwielen wachsen zu lassen, damit sie getrost auf die Leiden ihrer Mitbrüder treten können, ohne von Mitgefühl gequält zu werden. Daß die ohne solche Schwielen darunter erdrückt werden: was kümmert’s die Drückenden. Ihnen sagt ja ihr Meister: « Werdet hart».
Wahrhaftig, schwerfälligen Geistes darf man nicht sein, wenn man bei solchen Gedankengängen mitkommen soll. Wer noch ein wenig Disziplin seines Bewußtseins fühlt, der wird auch bald hinter Nietzsche zurückbleiben. Ich empfand es als theoretische Ehrensache, ihm überallhin zu folgen. Manchmal war mir’s, als ob sich mein Gehirn von seinem Boden löste, manchmal fingen die feinsten Fasern desselben zu zappeln an; ich glaubte es zu spüren, wie sie sich sträubten, die von allen Urvätern ererbten Lagen so ganz plötzlich verlassen zu müssen. Vielleicht aber ist der Urgrund der Dinge so schwer zu erreichen, daß wir gar nicht zu ihm gelangen können, wenn wir nicht unser Gehirn aufs Spiel setzen wollen! So denkt nun freilich Dr. Hermann Türck nicht, der Nietzsches «Übermoral» einfach aus dem moralischen Wahnsinn heraus erklärt. Perverse moralische Instinkte vorauszusetzen, um das Irrtümliche eines moralischen Standpunktes sachlich aus seinem Träger zu erklären, ist mir etwas zu — Nietzscheisch. Nietzsche erklärt allerdings die Morallehren der einzelnen Philosophen nur für eine Umschreibung, Einkleidung und Verbrämung der in ihren organischen Tiefen waltenden Instinkte. Aber man sollte diesen Mann nicht mit seinen eigenen Münzen bezahlen. Er überzieht dieselben mit einer ganz dünnen Schicht eines schwer bestimmbaren Edelmetalls. Nehmen wir sie in unsere «Armenleutartig»-riechenden Hände: sofort ist die Zauberschicht verschwunden. Türck läßt sich deshalb auch nicht genügen mit dieser Widerlegung; er zeigt die Notwendigkeit des selbstlosen Handelns, das moralische des Mitleids. Er beweist, wie notwendig beide sind zur Begründung eines wahren Staatswesens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Doch wozu das alles. Wer Nietzsche liest und sich ernstlich in ihn vertieft, braucht, um wieder zurechtzukommen, keine theoretische Widerlegung, sondern mehrwöchentliche gesunde Gebirgsluft und sehr viele kalte Bäder. Die ihn nicht Iesen, für die braucht er auch nicht widerlegt zu werden. Die ihn aber nur halb lesen und dann nachbeten, die lassen sich nicht widerlegen. Es ist auch gar nicht nötig, sie werden ganz gesunde Kulturgigerln bleiben, und ihre Umgebung hat doch etwas zu lachen.
In Flaschen abzapfen sollte man aber Nietzsche nicht. Bei dieser Gelegenheit geht alles Aroma verloren und schales Zeug bleibt zurück. Nietzsches Schöpfungen verdunsten eben rasch. Deshalb kann uns das Buch: « Die Weltanschauung Friedrich Nietzsches » von Dr. Hugo Kaatz nicht gefallen. Wem soll mit solchen Zusammenstellungen Nietzschescher Aussprüche gedient sein? Höchstens der dritten der eben angeführten Menschenkategorie. Aber um das Nietzschegigerltum zu fördern, sollte man keine Bücher schreiben. Es sickert genug durch von den Ansichten Nietzsches selbst und derer, denen er ernsthaft den Kopf verdreht hat, um die intellektuellen Hosen der Interessenten umzustülpen. Wir haben genug an Nietzsche selbst. Also nichts mehr von Auszügen aus seinen Werken.**
Noch weniger erbaulich sind aber die Bücher der Fortsetzer und Ausbauer der Nietzscheschen Weltauffassung. Eine Probe hat F. N. Finck geliefert. Hier wird der nackte, kahle Egoismus auf die Moralfahne der Zukunft geschrieben und ein Leben gefordert, welches das Gedeihen der willkürlichsten, launenhaftesten Individualität und zwar nach den nie dersten Bedürfnissen derselben zur einzigen Aufgabe macht. Was sich als Nachfolge haltloser Genialität entwickelt, zeigt
dieses Büchlein. Der Kern desselben liegt darinnen, daß eine sich über ganz Mitteleuropa ausbreitende Nervenerkrankung statuiert wird. Die Heilung derselben obliegt den Nietzscheisch gesinnten Ärzten der Zukunft. Nun, wir glauben: die Medizin wird schon auch fortkommen ohne den Einfluß und die Beihilfe von dieser Seite.
Nietzsche fußt auf durchaus berechtigten philosophischen Prinzipien. Ein solches ist der Standpunkt jenseits von «gut und böse». Die Moralbegriffe sind, wie alles Bestehende, in der Zeit geworden; sie haben sich in der Zeit geändert und werden sich weiter ändern. Wer das wahrhaft sittliche Leben nicht in seinem tieferen Wesen, jenseits von der jeweiligen Ansicht über «gut» und «bös» sieht, der begreift die Gründe desselben überhaupt nicht. Auch dahin muß der Mensch geführt werden, wo er, abgesehen von allen Vorurteilen und Zweifeln, ein souveränes, rücksichtsloses «Ja» sagt, weil er es für gut findet. Aber bei Nietzsche wird alles zum Zerrbilde. Er reißt die Dinge nicht bloß aus dem Boden; nein, er wühlt auch noch im Erdreich, und manchmal ganz sinnlos, herum. Er will sich hinauforganisieren zur höchsten Geistesphase, wo aller Zwang aufhört; aber er verliert alle irdische Gedankenluft und kann bald gar nicht mehr atmen. Sein Geist schwebt fortwährend zwischen irdischer Atmosphäre und luftleerem Raum. Daher das Unsichere, Schwankende, Haltlose seines Geistes. Er war erst begeisterter Wagnerianer. Er hat das beste Buch über Wagnerianismus geschrieben: die «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Später wurde ihm diese ganze Richtung zu schwer, zu sehr am Boden haftend. Er wollte keinen Boden unter den Füßen. Oder wenn, dann wollte er ihn «tanzend», im leichten Fluge übersetzen. «Alle Kunst muß leichte Füße
haben», ist sein Grundsatz. Deshalb hört er «Carmen» mit Entzücken und gibt allem Wagnerianismus den Abschied. Nietzsches Nerven bekamen allmählich etwas ElastischWiderstrebendes: sie sprangen federartig ab, wenn sie an einen Gegenstand herankamen. Nietzsche wurde immer mehr und mehr ein elektrischer Nervenapparat. Er kam mit einem Dinge der Welt zusammen, erzeugte einen elektrischen Funken, wurde aber sogleich abgestoßen und an eine andere Spitze angeworfen; und so ging es fort; so entstanden die Schriften seiner letzten Jahre. Der unerträgliche Zustand steigerte sich endlich zum Wahnsinn.
Wer Gelegenheit hat sich nachher gehörig zu erholen, und wer kein Philister ist, der lese Nietzsche. Wir empfehlen es allen, die nicht wollen, daß ihr Gehirn sauer wird.