93. «Also Sprach Zarathustra», IV. Teil

Jüngste Publikation aus Nietzsches Nachlaß.

Gierig warteten Nietzsches Schüler auf den vierten Teil von des Meisters Hauptwerk: «Also sprach Zarathustra». Nun ist er erschienen: der Schluß des tiefsinnigsten aller oberflächlichen Bücher. Verzeiht mir, ihr Anhänger eines neuen Götzen, daß ich dergleichen Frevelworte ausspreche! Aber ihr werdet auch zu schwerfällig, wenn von Nietzsche die Rede ist. Wo bleiben die leichten Beine, die Tanzbeine, die euch Nietzsche anzüchten wollte! Tanzet doch vor diesem Zarathustra, statt vor ihm zu knien! Ich habe keinen Weihrauch für Nietzsche. Ich weiß auch, daß er Opfergerüche nicht leiden kann. Lieber sind ihm die lachenden Gesichter als die betenden. Und lachen mußte ich oft, während ich diesen Zarathustra las. Denn wovon spricht uns dieser vierte Teil? Zarathustra will doch den Menschen überwinden. Nicht diese oder jene Schwachheit, nicht diese oder jene Untugend der Menschheit will Zarathustra überwinden, sondern die Menschheit selbst soll abgestreift werden, damit das Zeitalter des Übermenschen erscheine. Die Tat Zarathustras aber, von der uns der vierte Teil des Buches erzählt, ist eine arge Dummheit. Hat denn dieser Einsiedler, der fern von Menschenvorurteil und Pöbelwahn in einer Höhle, in guter Luft mit reinen Gerüchen lebt, nicht einmal so viel verlernt, daß er einem alten Wahrsager in die Falle geht, der ihm den Glauben beibringen will, alle diejenigen, die sich heute «höhere Menschen» nennen, die dürsteten nach dem Reiche, von dem Zarathustra träumt. Ein Notschrei ist es, den Zarathustra vernahm, als er vor seiner Höhle saß, und der alte Wahrsager hatte sich eingefunden, dessen Weisheit lautet: «Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.» Dieser deutet den Notschrei als den des höheren Menschen, der bei Zarathustra Erlösung suchen will. Und Zarathustra macht sich auf den Weg, den höheren Menschen, von dem der Notschrei kam, zu suchen. Er findet sie nacheinander, alle die Menschen, die sich für höher, für besser halten, als ihre Mitmenschen es sind, denen das Treiben der letzteren zum Ekel geworden ist, die sich nach Neuem, nach Besserem sehnen. Und alle ladet er ein in seine Höhle zu gehen. Dort sollen sie warten, bis er zurückkommt und ihnen das neue Leben eingießt. Es sind tiefe, bedeutsame Worte, die Zarathustra bei jeder neuen Begegnung mit einem Kandidaten der Übermenschheit redet, Worte: weise bis zur Tollheit, tief bis zum Grunde des Meeres, wo doch auch unreinliches, schlammiges Erdreich ist. Die Kandidaten sind: zwei Könige, der Gewissenhafte des Geistes, der Zauberer, der Papst außer Dienst, der häßlichste Mensch, der freiwillige Bettler und Zarathustras eigener Schatten. Jede dieser Gestalten stellt ein Zerrbild dar irgendeines Trägers einer einseitigen Kulturbestrebung, innerhalb welcher der Mensch keine Befriedigung finden kann. Sie haben alle gebrochen mit ihrer Vergangenheit, mit den Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten ihrer Umgebung und suchen nach einem neuen Heile. Sie fanden es auf ihrem Wege nicht. Da treten sie denn die Wanderung nach Zarathustras Behausung an, auf daß da die große Sehnsucht in ihnen gestillt werde. Nach den vielen Begegnungen (es waren acht «höhere Menschen» gekommen, diese machen mit dem Esel, den die beiden Könige mitgebracht hatten, und mit dem Wahrsager zehn) und namentlich nach den vielen geistvollen Unterredungen fühlt sich Zarathustra müde, und er schläft gerade zur Mittagsstunde ein. Er liegt unter einem Baume, der von einem Weinstock umrankt ist. Und wie er schläft, da geht er im Traume an ihm vorüber, der große Augenblick, in dem er die Welt vollkommen sieht, er schwelgt in Seligkeit. «Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

— Was geschieht mir? Still! Es sticht mich — wehe - ins Herz? Ins Herz! Oh zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche!

-— Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen?»

Den Seinigen gibts der Herr im Schlafe, gilt sonst nur von der baren Unschuld. Daß auch der Übermensch solche unschuldige Anwandlungen hat, mag all den Einfältigen und Armen an Geist Trost sein, denn man wird sie von seinem Reiche nicht ausschließen. Da Zarathustra ausgeschlafen, tritt er den Heimweg an, um seine Gäste zu begrüßen. Was hier sich abspielt, ist eine Art Zarathustra-Festmahl. Der Gastgeber hält den Haupt-Toast. Er spricht nur von «höheren Menschen», was diese sind und was sie nicht sind. Sie dürfen ja nicht glauben, daß sie schon Bürger des neuen Reiches sind. Das könnten sie auch nie werden. Sie könnten nur die Brücke, den Übergang zum Gebiet des Übermenschen bilden. Wieder sind es schöne Worte, die Zarathustra da spricht, bevor er mit seinen Freunden anstößt auf das Wohl des Übermenschen. Man möchte von manchem Ausspruche, daß er zum Sprichwort würde: «Was der Pöbel ohne Gründe glauben lernte, wer könnte ihm durch Gründe Das — umwerfen?

Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den Pöbel mißtrauisch.

Und wenn da einmal die Wahrheit zum Siege kam, so fragt Euch mit gutem Mißtrauen: «welch starker Irrtum hat für sie gekämpft?»

Hütet Euch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel entfedert.»

Oder: «Wollt Nichts über euer Vermögen: es gibt eine schlimme Falschheit bei Solchen, die über ihr Vermögen wollen.

Sonderlich, wenn sie große Dinge wollen! Denn sie wecken Mißtrauen gegen große Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler:

— bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig, übertünchter Wurmfraß, bemäntelt durch starke Worte, durch Aushänge-Tugenden, durch glänzende falsche Werke.»

Oder: «Ohnmacht zur Lüge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit.» — Als Zarathustra geendigt hatte, ging er ins Freie. Er sehnte sich nach reineren Gerüchen. Diese «höheren Menschen» haben offenbar noch viel von dem - Nietzsche so verhaßten — Armenleutegeruch mitgebracht. Die Gäste blieben allein und besprachen sich über Zarathustras Tischund Zukunftsweisheit. Nach einiger Zeit erhob sich in der Höhle ein Lärmen. Zarathustra hörte das von außen und freute sich darob. Denn nun, dachte er, sei alle schwere und schwüle Lebensauffassung von diesen Übergangsmenschen gewichen; sie haben das Lachen gelernt. Zum Lachen gehört nämlich — im Sinne Zarathustras -, daß man die Ideale der Menschheit abgestreift, überwunden hat, also über ihre Unerreichbarkeit nicht mehr betrübt ist. Faust, wie uns Goethe ihn gezeichnet hat, steckt noch tief in menschlichen Vorurteilen. Das Hauptvorurteil ist die Grund-Idee des Faust: « nie werde ich zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön». Zarathustra will jeden Augenblick festhalten, aus ihm herauspressen so viele Lust und Seligkeit, als nur darinnen ist. Denn als Torheit gilt es Zarathustra, durch Entbehrung in der Gegenwart die Seligkeit der Zukunft erkaufen zu wollen. Zarathustra ist auch ein Faust; aber ein in sein Gegenteil verwandelter. Zarathustra müßte zu Mephistopheles sagen: könnte je der Augenblick kommen, den ich nicht voll genieße, zu dem ich nicht sage: blühe ewig, denn du bist so schön, dann hast du mich schon unbedingt. Dieser Weisheit voll glaubt Zarathustra seine Übergangsmenschen, als er das Geschrei aus der Höhle hört; und er geht hinein. Aber was muß er sehen! Den abscheulichsten, lächerlichsten Götzendienst. Alle die erleuchteten Geister beten den Esel an, den die beiden Könige mitgebracht! Zarathustra hat ihnen ihre Ideale genommen; vor diesen können sie nicht mehr im Staub liegen. Aber ihre Gesinnung hat die aufrechte Haltung verlernt; sie sind zu staubverwandt. Also beten sie, statt ihrer Ideale, den Esel an. Das ist Zarathustras große Torheit. Er glaubte diese Menschen reif für sein Übergangsstadium, und sie sind Götzendiener geworden, weil sie keine Idealisten sein sollten. Aber sie sind nun glücklich. Das genügt Zarathustra. Ihm ist es lieber, wenn die Menschen vor einem Esel lachen und tanzen, als wenn sie über unerreichbare Ideale schwermütig werden. Auch ein Geschmack!

Aber geschmacklos finde ich es doch, daß Zarathustra noch nicht einmal die kleinlichste Eitelkeit überwunden hat, daß sein Ohr noch zugänglich ist Schmeichelworten, wie sie der häßlichste Mensch spricht: «War das — das Leben? Um Zarathustras Willen, wohlan! Noch ein Mal!»—

Denn nun fühlt sich Zarathustra so geschmeichelt, daß er seinen Gästen das tiefsinnige Nachtwandler-Lied deutet, das die Summe seiner Weisheit ausspricht. Und dieselben Menschen, die eben den Esel angebetet haben, sollen nun den tiefen Sinn folgender Worte fassen:

O, Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
«Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust — tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
— will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

Sie verstanden das natürlich nicht. Denn sie waren dabei eingeschlafen und schliefen noch fort, als Zarathustra längst aufgestanden war, um den neuen Morgen zu genießen. Endlich erst findet er: «Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während ich wach bin: das sind nicht meine rechten Gefährten; nicht auf sie warte ich in meinen Bergen.» Er rief seine Tiere: den Adler und die Schlange. Da geschieht ein Wunderbares: Zarathustra ist von einer Vogelschar umringt, und ein Löwe liegt zu seinen Füßen, ein lachender Löwe. «Zu den allen sprach Zarathustra nur Ein Wort: «meine Kinder sind nahe, meine Kinder -.» Jetzt erst begreift Zarathustra, daß er dem Wahrsager auf den Leim gegangen war. Derselbe hatte ihn zu seiner letzten Sünde verleitet: zum Mitleiden mit dem höheren Menschen! — «und sein Antlitz verwandelte sich in Erz».

Also war Zarathustra aufgesessen.

German original of “Thus Spoke Zarathustra”, Part IV · ← Previous · Next →