Course for Young Doctors
GA 316 — 2 January 1924, Dornach
Erster Vortrag
Meine lieben Freunde!
Das erste, worüber ich gerne zu Ihnen reden möchte, ist dieses, was sich bezieht auf das medizinische Studium selbst. Das medizinische Studium wird ja heute in der Weise absolviert, daß es aufgebaut wird auf eine naturwissenschaftliche Weltanschauung, sagen wir besser, auf eine naturwissenschaftliche Interpretation, die nicht bis zum Menschen heranführt, die heute gar nicht geeignet ist, über den Menschen etwas auszusagen. Und so kommen eigentlich die jungen Mediziner an den kranken Menschen heran, und sie kommen bis zum kranken Menschen, ohne irgendeine wirkliche Vorstellung haben zu können über den gesunden Menschen. Denn sehen Sie, wenn man einfach zunächst Anatomisches, Physiologisches so lernt, daß man die Vorstellung hat, das Wesentliche im menschlichen Organismus seien die mit festen Konturen auftretenden Organe und Organsysteme, wie Knochensystem, Muskelsystem, und wenn man gewohnt geworden ist, diese Systeme eben in jenen festen Konturen zu sehen, in denen man sie gewöhnlich zeichnet, so bekommt man dadurch eine ganz irrtümliche Anschauung vom Menschen. Denn dasjenige, was man in dieser Weise zeichnet und auch gezeichnet sich vorstellt, was man eigentlich als Inhalt seiner Erkenntnis erhält, das ist ja in einem fortwährenden Werdeprozeß, in einem fortwährenden Aufbau und Abbau, in fortwährendem Werden, fortwährendem Entstehen und Vergehen. Und wenn wir dieses Entstehen und Vergehen nun beginnen ins Auge zu fassen, dann stellt sich uns sogleich heraus, daß wir aus dem Konturierten in bezug auf den menschlichen Organismus übergehen müssen zu dem Flüssigen, Nichtkonturierten, daß wir nötig haben, uns den Menschen vorzustellen als Ergebnis sozusagen einer Strömung, die in bestimmten Punkten dauert, und wir müssen hinzufügen zu dem, was ja der geringste Teil des Menschen ist, den Flüssigkeitsmenschen, wenn ich mich so ausdrücken darf, den Menschen, der nicht mehr unterliegt jenen Gesetzen, denen scharf konturierte Körper unterliegen. Man bekommt gewöhnlich heute aus anatomisch-physiologischen Vorstellungen heraus die Meinung, daß, wenn man Flüssigkeit in sich aufnimmt, um den Durst zu löschen, und dann weiter von derselben Flüssigkeit immer mehr und mehr aufnimmt, diese Flüssigkeit, die da, sagen wir, nachdem man ein Glas Wasser getrunken hat, als viertes, fünftes Glas Wasser folgt, im Organismus denselben Prozeß durchmache, den das erste durchgemacht hat. Aber das ist nicht wahr. Das erste Glas Wasser macht einen komplizierten Prozeß durch bis zur Durststillung, das zweite Glas Wasser, wenn der Durst nicht mehr so groß ist, geht ohne diesen Prozeß durch den Organismus viel schneller durch als das erste. Es macht gar nicht die komplizierten Wege durch, die das erste Glas durchgemacht hat, und beim zweiten Glas Wasser haben wir es viel mehr zu tun mit einer Art von einfacher Weiterströmung im Flüssigkeitsmenschen, wenn ich es jetzt grob ausdrücken darf.
Und so müssen wir sagen, eine wirkliche Menschenerkenntnis muß erstens mit den scharf konturierten Organen rechnen, dann aber auch mit demjenigen, was im Organismus im Flusse ist. Gewiß, auf das wird auch hingewiesen, auf das, was im Flusse ist, aber so hingewiesen, daß man die im Flusse befindlichen Säfte, überhaupt die flüssige Konfiguration im menschlichen Organismus nur nach den Gesetzen der Dynamik oder der Mechanik näher begreifen will. Daß diese zutreffen, ist nicht der Fall, sondern im Augenblick, wo der Flüssigkeitsmensch in Betracht kommt, greift in den Flüssigkeitsmenschen der sogenannte ätherische Leib des Menschen ein.
Der physische Leib des Menschen ist lediglich dasjenige, was sich bezieht auf die anatomischen Zeichnungen, die Sie in den anatomischen Atlanten, in den anatomischen Büchern sehen können. Da müssen Sie aber absehen von demjenigen, was Flüssigkeitsströmung im menschlichen Organismus ist. Die Flüssigkeitsströmung im menschlichen Organismus ist nicht abhängig von irdischen Kräften; irdische Kräfte greifen auch ein, aber sie ist nicht abhängig in ihrem Wesen von irdischen Kräften, wohl aber von jenen planetarischen Kräften, von denen ich im Vortrage gesprochen habe, so daß wir sagen müssen. Solange wir es zu tun haben mit fest umrissenen Organen und Organsystemen, kommen lediglich Kräfte des Irdischen in Betracht. In dem Augenblicke, wo wir es zu tun haben mit dem, was zirkuliert, sei es die Zirkulation des Nahrungssaftes oder des schon im Blute verwandelten Nahrungssaftes, haben wir es als dirigierenden Kräften nicht mit irdischen, sondern mit planetarischen Kräften zu tun. Wir werden auf die Sache noch genauer eingehen. Jetzt handelt es sich nur um das Prinzip.
So haben wir im wesentlichen den festen Menschen zugeordnet dem physischen Leibe, den flüssigen Menschen dem ätherischen Leibe. Nun nimmt am menschlichen Organismus auch teil das Luftförmige, das Gasartige, und zwar mehr als mancher meint. Insofern das Gasartige konstituierend, belebend in unserem Organismus darinnen ist, ist es durchaus abhängig vom astralischen Leibe, so daß zum Beispiel die Atmung des Menschen in ihrer physischen Offenbarung begriffen werden muß als Funktion des astralischen Leibes.
Und gerade beim vierten Menschen, beim Wärmemenschen - ich rede also vom physischen Menschen, der dem physischen Leib zugeordnet ist, vom flüssigen Menschen, der dem ätherischen Leib zugeordnet ist, vom gasförmigen Menschen, das heißt von der Tätigkeit alles Gas- oder Luftartigen, der dem astralischen Leib zugeordnet ist -—, in bezug auf den Wärmemenschen ist es ja keinen Augenblick zweifelhaft, daß in dem Raume, den der Mensch physisch einnimmt, und sogar noch darüber hinaus, eine differenzierte Wärme vorhanden ist. Wenn Sie messen hinter dem Ohr oder unter der Achsel, werden Sie einen ganz differenzierten Wärmeorganismus finden. Die Wärmegrade sind überall verschieden. Gerade wie Sie sprechen können, daß an einem bestimmten Orte im Menschen die Leber ist, so können Sie davon sprechen, daß die Darmorgane an einem ganz bestimmten Orte sind; beide haben ganz verschiedene Temperaturen. Die Lebertemperatur ist eine ganz andere, da die Leber eine ganz spezielle Wärmeorganisation hat. Diese Wärmeorganisation ist ursprünglich zugeteilt der Ich-Organisation. Aber jetzt haben Sie eigentlich erst die Möglichkeit, den Menschen sich vorzustellen, den Menschen, insofern er die Stoffe, die sonst auf der Erde vorhanden sind, als feste, flüssige, gasförmige und wärmeartige in sich trägt. Das Wärmeartige wird dirigiert von der Ich-Organisation aus. Nun aber, wenn irgend etwas einen gewissen Wärmezustand hat, so wirkt dieser Wärmezustand auf das, was die betreffende Wärme durchdringt, und hier kommt man in den wirklichen Zustand der Ich-Organisation. Dasjenige, was die Ich-Organisation sonst im menschlichen Organismus tut, das geschieht auf dem Umwege über die Wärmeorganisation. Nehmen wir also an, ich gehe, ich gehe einfach. Indem ich gehe, greife ich von meiner Ich-Organisation aus in die Wärmeorganisation meines Organismus ein. Dasjenige, was die Wärme, in dem Maße wie die Beine ausgefüllt sind mit Flüssigkeiten, die die festen Bestandteile der Beine ausfüllen - was die Wärme darin tut, ist zwar indirekt eine Folge der Ich-Organisation, aber direkt greift die Ich-Organisation nur ein in den Wärmeorganismus. Wir haben also im ganzen Organismus, in der festen, flüssigen, gasförmigen und Wärmeorganisation überall zu sehen das Eingreifen der Ich-Organisation, aber nur auf dem Umwege über die Wärmeorganisation. Wir haben wiederum im ganzen Organismus zu sehen das Eingreifen des astralischen Leibes, aber direkt greift der Astralleib nur ein in die Luftorganisation, die wir haben, und so weiter. Sie können sich das andere ausmalen.
Nun, sehen Sie, auf diese Art bekommen Sie aber noch für etwas ganz anderes die Möglichkeit. Wenn Sie so dasjenige nehmen, was man heute in der Physiologie und der Anatomie Ihnen bietet, was man da so schön zeichnet und für den ganzen Menschen hält, wenn Sie dieses nehmen, so werden Sie niemals die Möglichkeit gewinnen, von diesem Menschen, den es in Wirklichkeit gar nicht geben kann, zum Seelischen hinüberzukommen oder gar zum Geistigen. Wo in aller Welt sollte etwas Seelisches oder Geistiges auch nur irgend etwas zu tun haben mit diesem Menschen, den heute die Physiologie oder Anatomie zeichnet? Daher sind auch alle möglichen scheinbar gut ausgedachten Theorien entstanden über das Wechselverhältnis vom Seelisch-Geistigen zum Leiblichen. Die geistreichste, weil blödsinnigste — das ist in unserer Zeit zumeist zusammengehörig -, ist diejenige vom psychophysischen Parallelismus. Man sagt, beides verlaufe gleichzeitig und gehe einander parallel, es wird gar nicht eine Brücke gesucht. Aber in dem Augenblikke, wo Sie bis herauf zu der organisierten Wärmedifferenzierung gehen und in der organisierten Wärmedifferenzierung das Eingreifen der Ich-Organisation haben, kommen Sie darauf, sich zu sagen: Ja, in dem Wärmeäther ist es sogleich denkbar, daß die Ich-Organisation eingreift und damit auf dem Umwege der Wärmeorganisation in den ganzen Menschen bis zu der scharf konturierten physischen Organisation. — Die Brücke zwischen Physischem und Seelischem im Menschen konnte man nur aus dem Grunde nicht finden, weil man nicht berücksichtigte, daß der Mensch diese aufeinanderfolgende Organisation hat, in die wiederum die geistig-seelische Organisation eingreift. Es ist in der Tat so, daß, wenn Sie zum Beispiel Angst haben, der einfache seelische Tatbestand zunächst auf Ihre Wärmenatur wirken kann. Sie können sich natürlich nicht denken, daß der seelische Tatbestand des Erlebens der Angst Ihre Glieder zittern macht, das ist undenkbar, und so müssen Sie schon so etwas finden wie den psychophysischen Parallelismus. Aber Sie können sich denken, daß durch die Angst die seelische Organisation, die im Wärmeäther verankert ist, affiziert wird, und daß in der betreffenden Änderung des Wärmezustandes die Angst sich auslebt. Dadurch überträgt sich die Wärmeorganisation auf die Luftatmung, auf den flüssigen und hinunter bis in den festen Menschen. Sie finden nur auf diese Weise die Möglichkeit, vom Physischen nach dem Seelischen eine Brücke zu schlagen.
Sie werden aber niemals, ohne daß Sie diese Einsicht über den Menschen gewinnen, imstande sein, vom gesunden Menschen, von der Einsicht in den gesunden Menschen hinüberzukommen zu der Einsicht in den kranken Menschen. Denn sehen Sie, wenn wir irgendein Glied der menschlichen Organisation nehmen, sagen wir Leber oder Niere, welche bei sogenannter normaler Organisation in einer bestimmten Weise die Impulse erhalten von der Ich-Organisation, indem diese Impulse der Ich-Organisation zuerst eingreifen in den Wärmeorganismus und dann hinuntergehen bis zu der scharf konturierten Leber oder der scharf konturierten Niere und so weiter - betrachten wir das, dann ist natürlich eine Möglichkeit vorhanden, daß dieses Eingreifen der Ich-Organisation auf dem Umwege der Wärmeorganisation das alltägliche Verhalten in sich verintensiviert, gegenüber dem alltäglichen Verhalten abweicht, daß also die Ich-Organisation der Leber oder der Niere gegenüber zu stark auf die Wärmeorganisation wirkt, wie sie nicht wirken sollte, und wir haben in der Einrichtung, die im menschlichen Organismus da sein muß, damit die Ich-Organisation in ihm wirken kann, dann, wenn diese Einrichtung in einer falschen, meinetwillen dislozierten Weise erscheint, gerade die Möglichkeit, daß dieser menschliche Organismus erkrankt. Wenn Sie nämlich den menschlichen Organismus so vorstellen, wie ihn heute die Anatomie oder Physiologie vorstellt, kann er nicht erkranken. Denn woher soll der Krankheitszustand kommen? Es muß irgendwie im Organismus die Möglichkeit vorhanden sein, daß die Krankheit entsteht. Nun muß die Ich-Organisation in einer gewissen starken Weise zum Beispiel auf das Herz einwirken, das heißt auf dem Umwege der Wärmeorganisation auf das Herz. Geschieht es nun durch irgendwelche Umstände - Sie können auch in der Außenwelt dasjenige, was Wärmezustand ist, in einer unerwünschten und disharmonischen Weise an einen andern Ort lenken -, daß das, was auf dem Umwege durch die Wärmeorganisation auf das Herz geschehen soll, in der Niere oder der Leber geschieht, so geschieht etwas im Organismus, was geschehen muß. Es ist nur verschlagen, verlegt, und die Möglichkeit zu erkranken ist da.
Nur dadurch, daß Sie so etwas berücksichtigen, kommen Sie zum Verständnis der Krankheitsmöglichkeit, sonst nicht. Sie müssen sich sagen: Alles was im menschlichen Organismus vor sich geht, ist ein Naturprozeß. — Aber Krankheit ist auch ein Naturprozeß. Wo hört gesunder Prozeß auf? Wo fängt kranker Prozeß an, wie geht gesunder in kranken Prozeß über? Diese Fragen sind schlechterdings unbeantwortbar, wenn man bei dem bleibt, was gewöhnliche Physiologie und . Anatomie gibt. Erst dann, wenn Sie wissen, daß dasjenige, was in der Leber krank ist, gesund im Herzen ist und da sein muß, wenn der ganze Mensch da sein soll, bekommen Sie eine Vorstellung von der Möglichkeit des Krankseins. Denn könnte der menschliche Organismus von der Ich-Organisation aus, sagen wir, nicht die Wärmeorganisation, die in der Herzgegend sein muß, hervorbringen, so würde dieser menschliche Organismus zum Beispiel nicht denken, nicht empfinden können. Wenn er aber in die Leber- oder Nierenorganisation eingreift, dann entsteht die Notwendigkeit, ihn da wieder herauszutreiben, also ihn sozusagen in seine ursprünglichen Grenzen zurückzuverlegen. Und sehen Sie, meine lieben Freunde, dafür gibt es eben in der Natur draußen Substanzen und substantielle Tätigkeiten, die einfach Organ für Organ übernehmen können die Tätigkeit des Ätherleibes, die Tätigkeit des Astralleibes, die Tätigkeit der Ich-Organisation. Sagen wir also, es greife die Ich-Organisation in unrichtiger Weise ein in die Niere — das alles soll heute nur als Einleitung dienen, wir werden die Dinge noch fachmännischer besprechen in den nächsten Tagen -—, nehmen wir an, es greife die Nieren-Ich-Organisation in zu intensiver Weise ein, so gibt man dadurch, daß man Equisetum arvense in bestimmter Weise gibt, der Niere die Möglichkeit, das zu machen, was in diesem abnormen, kranken Zustand sonst die Ich-Organisation macht. Sie haben also dieses, daß im kranken Zustand in die Nierenorganisation eingreift die Ich-Organisation, aber so, wie sie nur in das Herz eingreifen soll, nicht wie sie in die Niere eingreifen soll. Es ist eine Tätigkeit darinnen, die nicht darin sein soll, die dadurch ausgeübt wird, daß der Ich-Organismus zu intensiv seine Tätigkeit hineingibt. Man bekommt sie nur heraus, wenn man eine Tätigkeit in die Niere hineinbringt auf künstliche Weise, die dieser Tätigkeit des Ich-Organismus gleichkommt. Das ist dasjenige, was Sie in die Niere einbringen können, wenn es Ihnen gelingt, in der richtigen Weise Equisetum arvense in seiner Funktion, in seiner Tätigkeit der Niere zuzuführen. Die Niere hat eine große Affinität zu Equisetum arvense. In demselben Moment schlägt sich die Tätigkeit auf die Niere und die Ich-Organisation wird herausgeholt. Dann aber, wenn nun das kranke Organ auf eine andere Weise seine kranke Tätigkeit ausführen kann und so etwas wie die Ich-Organisation ihrer eigentlichen Aufgabe zurückgegeben wird, dann wirkt diese Ich-Organisation nunmehr gesundend. Sie können die sogenannten höheren Leiber aufrufen zur gesundenden Tätigkeit, wenn Sie sie aus dem kranken Organ heraustreiben und sie wiederum in ihre Aufgabe einsetzen. Dann wirkt dieser Leib durch eine reaktive Kraft, die auftritt, tatsächlich auf das kranke Organ gesundend. Wenn man aber in solche Kräfte eindringen will, wie sie da sind, wenn man kennenlernen will die menschliche Organisation in ihrer Beziehung zu der Einrichtung des Kosmos, zu der Einrichtung der den Menschen auf der Erde umgebenden drei Naturreiche, dann muß man eine andere Naturwissenschaft treiben, als diejenige ist, die heute häufig getrieben wird.
Ich will Ihnen ein Beispiel anführen. Sie kennen alle einen Ameisenhaufen; Sie wissen, daß man aus Ameisen Ameisensäure gewinnt. Man redet heute so, wie man als Chemiker reden kann, auch als der pharmazeutische Chemiker meinetwegen, über Ameisensäure, aber man weiß folgendes nicht. Man weiß nicht, daß zum Beispiel ein Wald, in dem gar keine Ameisen ihre Arbeit verrichten, durch dasjenige, was in den Wurzelstöcken und so weiter, was überhaupt vermodert, eine furchtbare Schädigung bedeutet. Es bedeutet eine furchtbare Schädigung der Erdenentwickelung. Die Erde geht sozusagen an ihren vermodernden organischen Überbleibseln zugrunde. Aber stellen Sie sich vor - es ist dies zunächst einleitungsweise, grob gesprochen -, Holz, aus dem die Vegetation heraus ist, das sozusagen in eine Art von mineralischem Zustand übergegangen ist, verpulvert, vermodert. Dadurch, daß die Ameisen ihr Wesen treiben, ist immer in außerordentlich hoher Potenzierung Ameisensäure im Boden und in der Luft im Bereiche des Waldes. Diese Ameisensäure, die durchdringt das Vermodernde, und aus dem, was aus dem Zusammenhang der Tätigkeit der Ameisensäure und des Vermodernden entsteht, wird die Fortentwickelung wieder gerettet, so daß der Staub nicht verfliegt in das Weltenall, sondern abgeben kann Material für die Fortentwickelung der Erde, so daß also solche Stoffe, die scheinbar nur Absonderungsstoffe von Insekten oder andern Tieren sind, wenn man ihre Funktionen nur richtig erkennt, tatsächlich die Retter der Fortentwickelung des Irdischen sind.
Sehen Sie, Substanzen einfach so zu untersuchen, wie heute der Chemiker untersucht, führt nie dazu, die Weltenaufgaben der Substanzen zu erkennen. Aber ohne die Weltenaufgaben der Substanzen zu erkennen, ist es unmöglich, die Aufgaben der Substanzen, die dem menschlichen Inneren zugeführt werden, zu erkennen. Das, was ganz unvermerkt mit der Ameisensäure draußen in der Natur vorgeht, geht fortwährend in der menschlichen Organisation mit der Ameisensäure vor. So konnte ich schon in einem andern Vortrage betonen, der menschliche Organismus ist darauf angewiesen, ein bestimmtes Quantum von Ameisensäure immer in sich zu haben, da die Ameisensäure die sonst dem Altersprozeß verfallenden menschlichen Stoftlichkeiten wieder herstellt. Es kann sich nun darum handeln, in bestimmten Fällen zu konstatieren, daß der Mensch zu wenig Ameisensäure in seinem Organismus hat. Was man wissen muß, ist, daß die verschiedenen Organe verschiedene Quantitäten von Ameisensäure in sich haben. Nun handelt es sich darum, herauszubekommen, daß der Mensch in einem Organ zu wenig Ameisensäure hat. Dann handelt es sich darum, diese Ameisensäure dem Organismus zuzuführen. Man wird Fälle finden, in denen man Ameisensäure zuführt, wo sie nichts hilft, andere Fälle, wo sie sehr viel hilft. Es gibt den Fall, daß der Organismus sich direkt wehrt gegen die direkte Zuführung von Ameisensäure, daß der Organismus aber sehr geneigt ist, wenn sein Kleesäuregehalt erhöht wird, aus der Kleesäure selber Ameisensäure zu bereiten. In den Fällen, wo man mit Ameisensäure nicht zurecht kommt, ist es oftmals nötig, eine Oxalsäurekur anzustellen, weil aus der Oxalsäure im menschlichen Organismus Ameisensäure wird. Das ist nur ein Hinweis, wie notwendig es ist, nicht nur die festumrissenen Organe kennenzulernen, sondern auch den Säfte-, den Flüssigkeitsprozef, und zwar sowohl draußen im Kosmos wie innerhalb des menschlichen Organismus, und zwar in allen Einzelheiten.
Sehen Sie, gewisse Vorgänge draußen in der Natur, die der Mensch hervorruft: man kann sie beobachten, aber ihre ganze Bedeutung kann durch die naturwissenschaftliche Interpretation nicht erkannt werden.
Ich will Ihnen eine sehr einfache Erscheinung zeigen. In südlichen Gegenden hat man Feigenbäume. Man hat Feigenbäume, welche zunächst wilde Feigen hervorbringen und solche Feigenbäume, die besonders kultivierte Feigenfrüchte, süße Feigenfrüchte hervorbringen. Die Leute sind ziemlich raffiniert im Hervorbringen der süßen Feigenfrüchte. Sie tun das Folgende: Sie veranlassen eine gewisse Wespenart, die Eier hineinzulegen in eine Feigenfrucht, in eine gewöhnlich gewachsene Feigenfrucht. Dadurch wird aus dem Wespenkeim eine Wespenmade, die sich verpuppt. Dieser Prozeß wird nun unterbrochen von den Leuten, und es wird die junge Wespenart veranlaßt, ein zweites Mal im Jahr Eier abzulegen. Auf diese Weise, daß ein zweites Mal Eier abgelegt werden von der in demselben Jahr erzeugten Wespengeneration, wird in der Feige, in die hinein von der zweiten Generation das Ei gelegt wird, wesentliche Süßigkeit her vorgerufen. Die Leute im Süden machen das so, daß sie zunächst Feigen überhaupt, die schon nahe der Reife sind, nehmen, indem sie so mit Bast zwei Feigen zusammenbinden, an den Ast hängen. Also die Feige läßt man von den Wespen anstechen, die Reife der Frucht wird dadurch, daß sie schon abgeschnitten ist, sehr beschleunigt. Dadurch entwickelt sich auch die erste Wespengeneration sehr schnell, geht herüber in die andere Feige, die nicht abgepflückt ist, und die wird dadurch wesentlich versüßt.
Dieser Prozeß ist sehr wichtig, meine lieben Freunde, weil innerhalb der Natur selbst, innerhalb der fortlaufenden Feigensubstanz, dasselbe vor sich geht, zusammengezogen, was auseinandergezogen vor sich geht, wenn die Wespe oder meinetwegen die Biene den Honigsaft aus den Blumen nimmt, in den Stock einträgt und den Honig erzeugt. In der Tat, das, was bei der Biene auseinandergefaltet ist im Prozeß von den Blumen, deren Honigsaft die Bienen aufsaugen, bis zum Honigerzeugen im Stock, spielt sich innerhalb der Feige selber ab. Dadurch, daß der Südländer den Prozeß hervorruft, ruft er in der Feige, die er stechen läßt durch die junge Wespengeneration, einen honigerzeugenden Prozeß hervor. Diese Feige, die von der jungen Generation gestochen wird, bekommt einen honigerzeugenden Prozeß in sich. Sie haben hier die Metamorphose zweier Naturprozesse, von denen der eine auseinandergezogen abläuft, indem von den Bienen aus den entfernten Blumen der Honigsaft geholt und im Stock daraus Honig erzeugt wird. Der andere läuft ab in demselben Baum, in dem die beiden Feigen eingehängt werden, die schneller reifen, die Wespengeneration schneller entsteht, und eine andere Feige ansticht. Indem die andern Feigen angestochen werden, erscheinen überall süße Feigen. Solche Vorgänge müßte man eigentlich studieren, denn das sind die Naturvorgänge, die in Betracht kommen. Im Menschen gehen Vorgänge vor sich, von denen einfach die heutige Physiologie und Anatomie keine Ahnung haben, weil sie ihre Betrachtung nicht ausdehnen über solche Naturvorgänge, wie ich sie jetzt beschrieben habe. Es handelt sich darum, gerade die feineren Prozesse in der Natur zu beobachten, dann wird man zu einer wirklichen Menschenerkenntnis kommen.
Aber zu alldem gehört ein wirklich innerer Natursinn, ein Zusammenschauenkönnen von Wärme, von Luftströmungen, von Lufterwärmungen, von Luftabkühlungen, vom Spiel der Sonnenstrahlen in Lufterwärmungen und Luftabkühlungen, des Wasserdunstes in der Atmosphäre, des wunderbaren Spieles des Taues am Morgen über den Blumen, an allen Pflanzen, der wunderbaren Vorgänge, die sich abspielen, sagen wir in einem Gallapfel, der doch auch durch einen Wespenstich und eine Eiablagerung entsteht. Man muß aber das alles schon mit makroskopischen Blicken betrachten können. Dazu gehört Natursinn. Und Natursinn ist ganz gewiß nicht vorhanden, wenn man alles abhängig macht, wie es beim heutigen Beobachten geschieht, vom Eingeschlossensein in das Präparat, das man durch die Mikroskopie gewinnt. Da nimmt man die Sache einfach von der Natur weg. Sehen Sie, da liegt eine furchtbare Illusion vor. Was will man eigentlich, wenn man mikroskopiert? Man will das, was man mit dem gewöhnlichen Auge nicht sieht, sehen. Indem man das Objekt ins Riesige vergrößert, glaubt man, es werde die Wirkung haben, die es im Kleinsten hat. Man schaut aber ein ganz falsches Objekt an, man schaut ein unwahres Objekt an. Mikroskopie hat nur einen Sinn, wenn Sie selber so viel Natursinn haben, daß Sie imstande sind, nachdem Sie es im Mikroskop betrachtet haben, das betreffende Objekt bis zur entsprechenden Kleinheit innerlich zu modifizieren. Dann wird die Sache ganz anders; Sie sehen schon etwas ganz anderes. Wenn Sie eine Sache vergrößert sehen, so müssen Sie sie wieder in sich, einfach durch Ihre Innerlichkeit, verkleinern können. Das tut man gewöhnlich nicht. Zumeist hat man keine Ahnung davon, daß die Größenverhältnisse der Naturobjekte durchaus nicht relativ sind. Die Relativitätstheorie ist etwas recht Schönes und Großes, für die meisten Gebiete einfach unanfechtbar. Aber der menschliche Organismus! Ich habe einmal eine Professorendiskussion vor drei Jahren mitgemacht. Die Leute verstanden nicht das Mindeste davon, wenn man ihnen sagte, der menschliche Organismus kann nicht zum Beispiel doppelt so groß sein als er ist, er würde nicht bestehen können; die Größe, die er hat, ist durch den Kosmos nicht relativ für ihn, sondern absolut bedingt. Und bei einer übernormalen Größe, wie etwa bei einem Riesen, oder unternormalen, wie bei einem Zwerge, kommen wir schon in Krankheitszustände hinein. Und so muß man sagen, wenn man etwas unter dem Mikroskop sieht, sieht man eine Lüge zunächst und man muß sie auf die Wahrheit reduzieren können. Man kann sie aber nur auf die Wahrheit reduzieren, wenn man Natursinn hat für das, was geschieht draußen in der Natur.
Da ist es denn schon wichtig, auf so etwas wie den Bienenstock zu blicken und zu lernen, daß die einzelne Biene dumm ist. Sie hat Instinkte, aber sie ist dumm; aber der ganze Bienenstock ist außerordentlich weise. Sehen Sie, wir hatten neulich einmal ganz interessante Besprechungen oben unter den Arbeitern, die von mir, wenn regelmäßige Zeiten sind, jede Woche zwei Vorträge bekommen. Wir hatten das Reich der Bienen besprochen, da tauchte die Frage auf, die sehr interessant ist. Der Bienenzüchter kennt ganz gut ihre Bedeutung. Wenn ein beim Bienenvolk beliebter Bienenvater da ist und er krank wird oder stirbt, dann kommt tatsächlich das ganze Bienenvolk in Unordnung. Es ist so. Nun sagte einer, der nun so recht im Sinne der gegenwärtigen Anschauung dachte: Aber die Biene sieht ja nicht so genau, sie hat gar keine Vorstellung vom Bienenzüchter, vom Bienenvater, wie soll da irgendwie eine Zusammengehörigkeitsempfindung entstehen? Aber noch viel mehr. Nehmen wir an, der Bienenvater versorgt dieses Jahr den Bienenstock, im andern Jahr ist ein ganz anderes Bienenvolk darinnen, es ist ganz ausgetauscht bis auf die Bienenkönigin, es sind lauter junge Bienen drinnen. Wo soll da die Zusammengehörigkeitsempfindung entstehen? - Ich antwortete folgendes: Derjenige, der den menschlichen Organismus kennt, weiß, daß in gewissen Perioden der menschliche Organismus alle seine Stoffe austauscht. Nehmen wir an, irgend jemand lernte heute einen Menschen kennen, der nach Amerika geht und nach zehn Jahren zurückkommt. Er findet einen ganz andern Menschen vor, als der war, den er vor zehn Jahren gekannt hat. Er findet alle Stoffe ausgetauscht, er findet eine ganz andere Zusammenfügung vor. Da liegt nichts anderes vor als beim Bienenstock, wo die Bienen ausgetauscht sind, aber es bleibt die Zusammengehörigkeit zwischen dem Bienenstock und dem Bienenvater. Diese Zusammengehörigkeit beruht darauf, daß im Bienenstock eine ungeheure Weisheit lebt, er ist nicht nur dieses Häuflein einzelner Bienen, sondern der Bienenstock hat wirklich eine konkrete eigene Seele.
Das ist dasjenige, was man wiederum in seinen Natursinn aufnehmen muß, diese Anschauung, daß der Bienenstock eine Seele hat. So wird man dann in manches andere hinaustragen können solche Anschauungen, die von einem wahren, einem wirklichen Natursinn getragen sind. Und nur mit einem solchen Erkennen, das von einem Natursinn getragen ist, der nicht nur mikroskopieren, sondern auch makroskopieren kann, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, dringen wir an den gesunden und an den kranken Menschen heran. Das wollen wir in den nächsten Tagen tun und dabei namentlich Rücksicht nehmen auf dasjenige, was ich nennen möchte die Moral des medizinischen Studiums und der medizinischen Wissenschaft. Das wollen wir in den nächsten Tagen tun.