Course for Young Doctors

GA 316 — Dornach

Erster Rundbrief im Anschluß an den Weihnachtskursus für der Medizin Beflissene

Unseren, einem Versprechen gleichkommenden Mitteilungen über die Führung der Medizinischen Sektion am Goetheanum, die wir gelegentlich der Weihnachtstagung gemacht haben, nachkommend, senden wir an die für die Pflege des Medizinischen mit uns Verbundenen diesen ersten Rundbrief. Er ist getragen von der Gesinnung, die uns bei den medizinischen Kursen im Neujahr vereinte. Er möchte am liebsten jedem Worte etwas mitgeben von den Gefühlen für die leidende Menschheit, aus dem allein nicht nur die Hingabe an die Heilkunst, sondern auch deren wirkliche Kraft hervorgehen muß.

Es war in alten Zeiten,
Da lebte in der Eingeweihten Seelen
Kraftvoll der Gedanke, daß krank
Von Natur ein jeglicher Mensch sei.
Und Erziehen ward angesehen
Gleich dem Heilprozeß,
Der dem Kinde mit dem Reifen
Die Gesundheit zugleich erbrachte
Für des Lebens vollendetes Menschsein.

Es ist gut, solch kraftvolle Gedanken, gewonnen aus der Anschauung alter instinktiver Weisheit, sich vor die Seele treten zu lassen, wenn man in rechter innerlicher Sammlung die Seele bereiten will zum Erfassen der Heileswirkungen.

Vergessen wir nicht, daß dem Heilprozesse eine Seele mitgegeben werden muß, da er nicht nur an einen Körper, sondern auch an eine Seele sich wenden muß. Je mehr solche Gedanken die jungen Ärzte be- greifen, desto mehr wird in das medizinische Leben das einfließen, was der sinnige Arzt sehnsüchtig verlangt, wenn er den heutigen Stand seiner Kunst mit den Grenzen empfindet, was der Kranke wie eine Gnade empfinden wird, wenn er es im Heilprozesse erlebt.

Liebe Freunde, Ihr habt, soweit Ihr im Januar hier versammelt wart, offenen Herzens entgegengenommen, was aus solcher Gesinnung an Euch herantreten wollte. Uns wird unvergeßlich sein, wie aus Euern Augen dies gesprochen, aus Euern warmen Worten dies zu uns gedrungen ist. Unsere Gedanken weilten bei Euch, und sie sollen heute zum ersten Male in Anknüpfung an Eure gestellten Fragen zu Euch hinwandeln.

Wir senden das Folgende an einzelne Adressen und bitten digjenigen, die von uns direkte Sendung erhalten, dafür zu sorgen, daß sie weitergehen an die von uns mitgeteilten Adressen.

Goetheanum, den 11. März 1924

Fragenbeantwortung

I. Auf eine Anfrage bezüglich der Schwierigkeiten, die heute der angehende Arzt sowohl beim Studium der Schulmedizin, wie auch der medizinischen Kurse in der anthroposophischen Bewegung hat, können wir nur erwidern, daß es gerade unsere Bemühung sein wird, durch die Mitteilung dieser Rundbriefe diese Schwierigkeiten im Laufe der Zeit hinwegzuschaffen. Die Meditation, die in der Zuschrift als ergänzende bezeichnet ist, ist Dr. Wegman bereit denen zu geben, die darnach Bedürfnis haben.

II. Das Studium im Goetheanum betreffend.

Für das praktische Studium soll selbstverständlich nach Möglichkeit gesorgt werden, doch bitten wir in bezug darauf um Geduld. Wir werden in diesen Rundbriefen die Zeit angeben, von der ab Anmeldungen möglich sind.

III. Bezüglich der Anfrage nach Stellung bestimmter Themen für Mitarbeiter an der medizinischen Sektion [der Hochschule] für Geisteswissenschaft bemerken wir, daß wir gerne die Arbeit in diese Richtung bringen möchten. Doch wird es sich weniger durch Einfügung in diesen Rundbrief, als vielmehr in brieflichem Einzelverkehr machen lassen, über solche Themen zu verhandeln. Doch bitten wir auch hier etwas Geduld zu haben; wir werden unseren Zielen immer näher kommen, doch können wir nur Schritt für Schritt vorgehen. — Auch möchten wir hinzufügen, daß in Zukunft therapeutische Fragen, die für ganz spezielle Fälle gestellt werden, in dem Rundbrief nicht beantwortet werden. Fragen allgemein therapeutischer Art, die in Bezug auf die stattgehabten medizinischen Kurse gestellt werden, sind uns natürlich willkommen, sowie Fragen, die sich auf physiologische und anatomische Probleme, auf das Studium, auf menschlich moralische Einstellung des Arztes beziehen.

IV. Für diejenigen Persönlichkeiten, die bei uns angefragt haben, ob sie in nächster Zeit zur Anteilnahme an Arbeiten der Hochschule hierherkommen können, oder die — etwa nach Ablegung ihres Examens - einen dahingehenden Wunsch haben, bemerken wir, daß in unmittelbarem Anschluß an die Ostervorträge vom 19.-22. April drei bis fünf weitere Vorträge gehalten werden sollen, in denen die Betreffenden zunächst Richtlinien für ihr Weiterarbeiten erhalten können. Thema: Menschenwesen und Weltorientierung im Hinblick auf Erziehung und Heilung, sowie auf die zunächst besonders wichtigen Menschheitsaufgaben auf diesem Gebiete.

V. Die Einrichtung von Hausapotheken mit unseren Mitteln wäre ja zweifellos wünschenswert, kann aber vorläufig nicht durchgeführt werden, da gesetzlich bloß die homöopathischen Mittel von den Stadtärzten selbstdispensterend verabreicht werden können. Wenn wir einmal in der gleichen Lage sind, wie diese homöopathischen Ärzte (d. h. in Bezug auf gesetzliche Anerkennung), so werden wir auch dasselbe tun können. Vorerst müssen wir uns begnügen, die Mittel auf dem Apothekenwege zu vermitteln.

VI. Auf die Anfrage, ob dem Patienten Mitteilungen über die Heilmittel-Wirkungsweise gemacht werden sollen, kann gesagt werden, daß die Wirkung allerdings beeinträchtigt wird, wenn das Wissen davon in Gedanken aufgenommen wird. Doch ist die Beeinträchtigung weniger stark, wenn die Gedanken nur intellektualistisch sind, stärker, wenn sie bildhaft sind, am stärksten, wenn der Patient den ganzen Verlauf der Heilung in sich selbst zu verfolgen im Stande ist. Doch darf dies weder abhalten, über die Wirkungsweise jede gewünschte Aufklärung zu geben, noch einem wissenden Patienten die Heilung vorzuenthalten. Denn was durch das Wissen verloren geht, kann vollkommen wiedergewonnen werden, wenn der Patient Ehrfurcht vor den Heilmethoden entwickelt. Dafür muß bei der Mitteilung gesorgt werden.

VII. Frage nach der Art der Injektionen.

Die Injektion soll in der Regel unter die Haut gemacht werden; nur wenn der Patient bei wiederholten Versuchen nicht reagiert, soll intravenös injiziert werden, in hochpotenzierten Dosen. Die Wirkung der ersten Injektion muß in diesem Fall abgewartet werden.

VIII. In einer Zuschrift wird von zwei Linien gesprochen, von denen die eine in der Richtung der Wirbelsäule, die andere vom Kopfe abwärts läuft und Zungenbein, Unterkieferbogen, Schildknorpel, seitlichen 'Teil der Rippen angibt. Und die Frage geht dahin, welche Bedeutung diese Linienrichtung hat. Letztere Linie entspricht dem, was beim Tiere durch den Astralleib aus den festesten Substanzen herausgeformt wird. Beim Menschen wird diese Linie durch die aufrechte Haltung in jene Richtung gebracht, in der sie einen schiefen Winkel mit der Vertikalen bildet. Dies wird durch die Ich-Organisation orientiert, und zwar so, daß im Verlaufe der Rückenwirbel das irdische Ich gewissermaßen hypertrophisch wirkt; das sich formende Ich, das dann nach dem Tode bleibt, orientiert den Knorpelteil der Rippen und das Brustbein hypertrophisch. Weil bei solchen geistigen Wesen, wie Luzifer, das Menschliche übersprungen wird, muß sowohl die Rückensäule, wie der Knorpelteil der Rippen mit dem Brustbein wegfallen. Deshalb hat der Fragesteller an der Luzifer-Plastik eine spitze Brust und seitliche Rippentendenz gesehen.

IX. Bezüglich einer Frage über die Höhlen des Kopfes und ihre Bedeutung haben wir das Folgende zu sagen: der physische und ätherische Teil des Kopfes sind in der Art angeordnet, daß an gewissen Stellen das Physische, an anderen Stellen das Ätherische überwiegt, an diesen Stellen zeigen sich die Höhlen. Sie sind die eigentlichen Gedankenträger, während die physisch voll ausgefüllten Stellen die Träger des Lebens im Kopfe und die Unterdrücker des Gedankenlebens sind. Ist deren Tätigkeit zu stark, tritt Ohnmacht oder Halluzination und dergleichen ein.

X. Bezüglich der Frage über mediale Veranlagung.

Die mediale Anlage eines Menschen beruht darauf, daß eine nicht volle Einschaltung von Astralleib und Ich in den Unterleibs- und Gliedmaßentrakt des ätherischen und physischen Leibes im Trancezustand vorhanden ist. Dadurch werden die Gliedmaßen und der Unterleib in einer unregelmäßigen Art in die ätherische und astrale Umwelt gewissermaßen als Sinnesorgane eingeschaltet. Es kommen dadurch geistige Wahrnehmungen zustande; es werden aber zur gleichen Zeit die moralischen und konventionellen Impulse, die normal durch diese Organe wirken, ausgeschaltet, wie sie auch bei dem gewöhnlichen Sinnesorgane ausgeschaltet sind. Das Auge sieht blau, aber nicht Verleumdungen. Eine physische Heilung der Medien ist außerordentlich schwer zu bewirken. Sie könnte nur herbeigeführt werden durch hochpotenzierte Tabakinjektionen in den Teil eines Sinnesorgans, zum Beispiel in das Innere der Eustachischen Trompete oder in der Hornhaut des Auges, was natürlich sehr gefährlich ist. Eine psychische Heilung erfordert unbedingt, daß der Heiler einen stärkeren Willen hat als das Medium außer der Trance und daß er durch Wachsuggestion wirken kann.

XI. Auf die Frage, ob man bei Schwangerschaftsunterbrechung, die man zur Rettung der Mutter vornimmt, in das Karma der Mutter und in das Karma des Kindes eingreift, ist zu sagen: daß beide Karmas zwar in kurzer Zeit in andere Bahnen gelenkt, aber bald wieder durch den Eigenverlauf in die entsprechende Richtung gebracht werden, so daß von dieser Seite von einem Eingreifen in das Karma kaum gesprochen werden kann. Dagegen findet ein starker Eingriff in das Karma des Operierenden statt. Und dieser hat sich zu fragen, ob er vollbewußt auf sich nehmen will, was ihn in karmische Verbindungen bringt, die ohne den Eingriff nicht dagewesen wären. Fragen dieser Art sind aber nicht generell zu beantworten, sondern hängen von der Besonderheit des Falles ab, gleich manchem, das ja auch im rein seelischen Kulturleben einen Eingriff in das Karma bedeutet und zu tiefen, tragischen Lebenskonflikten führen kann.

XII. Eine Frage Lebertran betreffend.

Lebertran kann vermieden werden, wenn die Grundlagen des entsprechenden Übels diagnostiziert und unsere angegebenen Mittel verwendet werden: wie

Waldon I: Pflanzeneiweiß, Pflanzenfett.
Waldon I: Pflanzeneiweiß, Pflanzenfett, kieselsaures Eisen.
Waldon III: Pflanzeneiweiß, Pflanzenfett, kieselsaures Eisen u. Calcarea carbonica.

XIII. Bei Verletzten, die mit dem Erdboden in Berührung gekommen sind, wird Belladonna D 30 zusammen mit Hyoscyamus D 15 schon nützen, selbst wenn nur eine einzige Injektion gemacht wird.

XIV. Den Fall eines 35jährigen Diabetikers betreffend.

Für diesen Diabetiker dürfte die Rosmarin-Kur zweifellos die beste sein. Sie könnte noch dadurch unterstützt sein, daß man Kieselsäure in 10. Dezimale gibt.

XV. Eine Frage über die Behandlung von Ohrensausen.

Für Ohrensausen ist im allgemeinen therapeutisch zu empfehlen Mohnsaft in 6. Dezimale. Psychisch wird, wenn die Persönlichkeit genügend Kraft aufbringt, die passive Hingabe an das Sausen in aktives Vorstellen umzuwandeln, als ob man dieses selbst bewirkte, nach einiger Zeit eine Besserung herbeigeführt werden können. Das Ohrensausen beruht auf einem Schwachwerden des Astralleibes gegenüber dem Ätherleibe im Blasengebiet.

XVI. Frage über einen Fall von Hirngrippe mit Folgeerscheinungen.

Man müßte versuchen, den 38jährigen Patienten mit den Folgen der Grippe, der auf die angewendeten Mittel nicht reagiert, mit Fliegenschwamm D 30 zu injizieren und dafür sorgen, daß nach der Injektion eine zuversichtlich heitere Stimmung vorhanden ist.

sig. Rudolf Steiner
sig. Dr. I. Wegman

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