Anthroposophical Medical Theory and Human Knowledge

GA 319 — 2 September 1923, London

Zweiter Vortrag

Natürlich muß mein erstes Wort sein, meine sehr verehrten Anwesenden, daß ich Sie um Entschuldigung bitte, nicht in Ihrer Sprache sprechen zu können, sondern daß ich zu Ihnen deutsch sprechen werde, was übersetzt werden muß, und daher für die verehrten Zuhörer das Anhören etwas mühevoll wird sein müssen. Aber da ich die englische Sprache nicht in der Weise beherrsche, wie es nötig wäre zu einem Vortrage, so muß das eben so verlaufen. Ich bin einigen Freunden, vor allen Dingen Mrs. Larkins, sehr dankbar dafür, daß ich im Anschluß an die geisteswissenschaftlichen Vorträge, die ich in Sommerkursen in Ilkley und in Penmaenmawr habe halten dürfen, nun auch an diesen Abenden zu Ihnen über etwas sprechen darf, was in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung aufgetreten ist als eine Art medizinische Bewegung, nicht etwa - das bitte ich wirklich durchaus zu berücksichtigen - in irgendeiner Opposition gegen die offizielle Wissenschaft, gegen die offizielle Medizin, sondern durchaus in der Absicht, dasjenige, was an großen Einsichten, an großen Fortschritten in der gegenwärtigen Wissenschaft vorhanden ist, durch geisteswissenschaftliche Anschauung weiterzuführen. Es ist auch innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung, die, bevor solche wissenschaftliche Strömungen in ihr zur Geltung gekommen sind, durchaus sich mehr mit den allgemein menschlichen, künstlerischen, religiösen, sittlichen, pädagogischen Fragen und dergleichen befaßt hat, nicht etwa so gewesen, daß die Absicht bestanden hat, einmal auch agitatorisch etwa auf dem medizinischen Gebiete aufzutreten, sondern es haben sich in diese geisteswissenschaftliche Bewegung auf dem Kontinente auch Ärzte gefunden, Ärzte, die trotz ihrer durchaus wissenschaftlichen Überzeugung ihre Seelenbedürfnisse zunächst glaubten innerhalb dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung befriedigen zu können. Und dasjenige, was ihnen da als eine Art Erforschung der über die physisch-sinnliche Welt hinausliegenden geistigen Welt entgegentrat, das führte sie einfach dazu, nach und nach zu glauben, daß manche von den großen Zweifeln, manche von den großen Fragen, die innerhalb der medizinischen Wissenschaft der Gegenwart sich dem praktischen Arzt ergeben, gerade auf diesem Felde befriedigende, ich will nicht sagen, sogleich Lösungen, aber befriedigende Weiterführungen finden können.

Und so ist denn eine ärztliche Bewegung auf dem Kontinente aus dieser unserer sogenannten anthroposophischen geisteswissenschaftlichen Bewegung herausgewachsen. Ich muß sagen, daß ich eigentlich nicht gerade mit Vorliebe über diesen Teil unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung spreche, denn Sie werden aus dem Verlaufe der Beschreibungen überall sehen, daß es mir vielmehr darauf ankommt, Heilmittel herzustellen, die in der Tat wirksam sind, als über die Dinge viel zu sprechen. Aber dasjenige, was sich hier geltend machen will, ruht ja vor allen Dingen auf Grundlagen, auf die man eben erst aufmerksam machen muß, gerade den wissenschaftlich gebildeten Menschen der Gegenwart erst durchaus aufmerksam machen muß.

Ich kann mir sehr gut denken - und ich kenne alle die Untergründe, aus denen so etwas hervorgeht --, daß sich in Ihnen wirklich Widerspruch über Widerspruch gegen dasjenige, was ich zu sagen haben werde, geltend macht. Ich verstehe diese Widersprüche vollständig. Und eigentlich kann es heute noch nicht anders sein, als daß aus der wissenschaftlichen Überzeugung, die der Arzt hat, eben solche Widersprüche kommen. Deshalb war es uns auch nicht zunächst darum zu tun, irgend etwas theoretisch zu vertreten, sondern sogleich mit der Praxis aufzutreten. Und so wurde denn dem Wunsche von Ärzten und auch anderen wissenschaftlichen Physikern, Chemikern, Biologen dadurch Rechnung getragen, daß wir wissenschaftliche Institute gründeten, wissenschaftliche Forschungsinstitute. Dasjenige, was vor allen Dingen in Betracht kommt, ist das chemisch-pharmazeutische Laboratorium in Arlesheim. Und damit stehen dann in Verbindung innerhalb unserer Bewegung ein biologisches, ein physikalisches Institut. Daß es uns wirklich um ernste Forschung zu tun ist, das wird Ihnen vielleicht daraus hervorgehen, daß zum Beispiel gerade in unserem biologischen Institute schon ganz wichtige Arbeiten gemacht worden sind, obwohl der Bestand dieser Institute ja eigentlich nur ein sehr kurzer ist.

Es ist uns nach meiner vollen Überzeugung gelungen, in dem biologischen Institut, das unter der Leitung von Herrn Dr. Kolisko und Frau Dr. Kolisko steht, wenigstens bis zu einer großen Wahrscheinlichkeit, die Funktionen der Milz aufzuklären, und zwar in der Richtung, daß wir in der Milzfunktion sehen müssen eine Regulierung derjenigen Unregelmäßigkeiten, die im rhythmischen Verdauungsprozeß entstehen dadurch, daß ja der Mensch nicht vollständig im Rhythmus essen kann. Und selbst, wenn er meinetwillen sich ganz pedantisch, exakt pedantisch die Zeiten für sein Essen einteilen würde, so würde es dennoch durch die verschiedene Wahl der Nahrungsmittel und dergleichen eine Unterbrechung des Verdauungsrhythmus geben.

Und da stellt sich denn das Merkwürdige heraus, daß die Milzfunktion gerade darinnen besteht, die rhythmischen Störungen des menschlichen Verdauungsprozesses, die gerade durch das Leben des Menschen eben hervorgebracht werden müssen, auszugleichen.

Dann ist es uns gelungen in den allerletzten Zeiten — in einer Abhandlung wird das dargestellt, die eben jetzt erschienen ist —, im biologischen Institute wirklich den exakten Nachweis zu führen, daß kleinste Entitäten verschiedener Stoffe tatsächlich Wirkungen ausüben.

Es soll damit nicht etwa für irgendeine Parteirichtung in der Medizin eingetreten werden. Gerade wenn man exakt vorgeht auf diesem Gebiete, so findet man dieses, daß das eine Gebiet in der entsprechenden Weise mit entsprechend größeren Quanten, aber das andere Gebiet des menschlichen Organismus eben doch mit kleinsten Quanten behandelt werden muß. Es gab bisher auf diesem Gebiete im Grunde genommen nur den homöopathischen Glauben, keine exakte Forschung.

Es scheint nun tatsächlich gelungen zu sein, auf ganz exaktem Wege nachweisen zu können, daß gewisse Substanzen zum Beispiel Antimonverbindungen — das geht in sehr starker Verdünnung -, in anderer Weise auf das Wachstum des Weizenkorns einwirken, als wenn man mit der Verdünnung noch weitergeht; geht man dann noch weiter, so kommt man immer in einen rhythmischen Gang über Maxima und Minima. Wir haben alles getan, um mit voller Verantwortung auf diesem Gebiete den Nachweis zu führen, daß Verdünnungen selbst in dem Verhältnis von eins zu einer Trillion durchaus vitale Wirkungen haben. Wir haben Weizenkörner, die wir sehr genau ausgewählt haben nach ihren Keimungsintensitäten, zum Keimen gebracht in Flüssigkeiten, in denen wir die entsprechend verdünnten Substanzen hatten, so daß durch die sehr gewissenhafte Art, die, wie ich glaube, bei Frau Kolisko vorliegt, tatsächlich dasjenige, was bisher, ich möchte sagen, nur als ein laienhafter Glaube hat auftreten können, auf eine wissenschaftliche Basis gestellt worden ist.

Ich führe dieses nur einleitungsweise aus dem Grunde an, damit gezeigt werden kann, wie wir durchaus nicht etwa so, wie das in laienhafter Weise geschieht, in unwissenschaftlicher Art vorgehen wollen. Die geisteswissenschaftlichen Einsichten werden in der Tat durch ein geistiges Schauen gewonnen, über das ich Ihnen nicht näher zu sprechen haben werde; das geschieht bei den Auseinandersetzungen, die ich eben an anderen Orten gebe. Die großen Richtlinien werden in der Tat durch geistiges Schauen gewonnen, und durch dieses geistige Schauen glaube ich, daß es mir gelungen ist, die Möglichkeit herbeizuführen, auch wirklich exakt den Zusammenhang der inneren Menschenorganisation mit der Konstitution nicht nur der Natursubstanzen, sondern vor allen Dingen der Naturprozesse in exakter Weise formulieren zu können, so daß die tiefe Kluft, die ja heute — das müssen wir uns doch offen gestehen - wirklich besteht zwischen Pathologie und Therapie, durch diese Methode überbrückt werden kann. So daß man tatsächlich in der Zukunft eine Pathologie wird haben können, die von selber in die Therapie übergeht, weil durch das Anschauen sowohl des gesunden Organismus wie namentlich des kranken ÖOrganismus, man genau wird entdecken können, wie - ich werde heute in einigen Beispielen das erläutern — nicht nur von außer dem menschlichen Organismus entstandenen Substanzen, sondern von außer dem menschlichen Organismus vollzogenen Prozessen, sei es von der Natur, sei es im Laboratorium vollzogenen Prozessen, innerhalb des menschlichen Organismus heilend gewirkt werden kann. Und auf das Therapeutische kommt es uns ja dabei vor allen Dingen an. Wir wissen sehr gut, daß die Pathologie heute eigentlich weiter fortgeschritten ist, als sie selber weiß. Pathologie ist heute etwas, was man in jedem ihrer Punkte aufgreifen und um ein Stück weiterführen kann. Während in der Tat eine tiefe Kluft besteht zwischen der Einsicht, die in bezug auf die Struktur, auf die Histologie von Organen besteht, und demjenigen, wie nun das eigentliche Heilmittel in dem menschlichen Organismus weiterwirkt. Man durchschaut heute nicht einmal den gewöhnlichen Ernährungsprozeß vollständig, der, wie ich glaube, viel weiser aus Instinkt eingerichtet ist, als man ihn je einrichten könnte durch eine wissenschaftliche Theorie, geschweige denn, daß man durchschaute in exakter Weise die Beziehungen, die bestehen zwischen den Substanzen sowohl wie zwischen dem Funktionieren dieser Substanzen innerhalb des menschlichen Organismus, und draußen sowohl in der Natur wie eben auch in denjenigen Prozessen, die im Laboratorium vollzogen werden können.

Auf den Weg bin ich dadurch gebracht worden, daß ich glaube, daß ich in einer jetzt wirklich mehr als dreißigjährigen Forschung feststellen konnte, daß das allerwichtigste ist, um den Menschen zu durchschauen in seiner ganzen Konstitution, die fundamentale Differenz zwischen drei verschiedenen Arten des Funktionierens im menschlichen Organismus festzustellen. So habe ich denn unterscheiden gelernt im Menschen eigentlich ein dreifaches Funktionieren des Organismus.

Ich habe gegliedert dieses dreifache Funktionieren — ich möchte sagen, die Dinge sind ja natürlich alle im Werden — zunächst im weitesten Sinne in den Nerven-Sinnesprozeß. Alles dasjenige fasse ich unter diesen ersten Teil, was zusammenhängt mit dem Funktionieren der Sinne im weitesten Sinne und der mit ihnen in irgendeiner Verbindung stehenden Nerven. Ich unterscheide nun davon alles dasjenige, was rhythmische Prozesse im menschlichen Organismus sind. Und wiederum, als drittes, unterscheide ich von diesen beiden Prozessen dasjenige, was Stoffwechsel- und Bewegungsprozesse sind. Die Stoffwechsel- und Bewegungsprozesse hängen ja miteinander innig zusammen; jede innere und äußere Bewegung des menschlichen Organismus ist im innigen Kontakt mit einem Vorgang des Stoffwechsels und kann eigentlich nur mit diesem als Funktion in Zusammenhang betrachtet werden.

Diese drei Funktionsarten im menschlichen Organismus sind fundamental voneinander verschieden, und zwar so stark, daß dasjenige, was ich als die Prozesse des Nerven-Sinneslebens auffasse, sogar polarisch entgegengesetzt ist den Prozessen, die zusammengefaßt werden können als motorische und Stoffwechselprozesse. So daß, wenn wir zum Beispiel irgendeinen Prozeß in dem Stoffwechsel haben, dieser Prozeß - und zwar jeder Prozeß im Stoffwechsel — einen polarisch entgegengesetzten Prozeß im Nerven-Sinnesapparat hervorruft. Die rhythmischen Vorgänge sind dann der Ausgleich zwischen beiden. Nun handelt es sich darum, die realen Unterschiede zwischen diesen Prozessen zu finden.

Da möchte ich zunächst darauf hinweisen, daß eine genauere Einsicht in den menschlichen Organismus zeigt — ich kann diese Dinge natürlich nur skizzieren in der Kürze der Zeit -, daß, wenn wir es mit der Nerven-Sinnesorganisation zu tun haben, wir es im wesentlichen zu tun haben mit der Wirkung des Substantiellen, der verschiedenen Stoffe im menschlichen Organismus. Also kommt irgend etwas in Betracht, was bloß innerhalb der Sinnesorganisation oder der Nervenorganisation ist, so ist für die Betrachtung das Wesentliche, daß wir die Relation kennen zwischen irgendeiner Substanz, die wir in der Weltumgebung des Menschen haben, und demjenigen, was wiederum substantiell in dem Verlauf des Nerven-Sinnesprozesses sich finder.

Haben wir es mit einem Stoffwechselprozeß zu tun, der zusammenhängt mit einem Bewegungsprozefß, so kommt vor allen Dingen in Betracht, nun nicht das Substantielle dessen, was wir in der menschlichen Umgebung finden, sondern die Vorgänge an dem Substantiellen, die Prozesse an dem Substantiellen. Ich möchte das von der anderen Seite beleuchten. Handelt es sich darum, daß man konstatieren kann, daß ein Krankheitsherd im Nerven-Sinnesapparat ist, so werde ich zu erforschen haben, welche Substanzen da als Heilfaktoren — wir werden über das Genauere dann weitersprechen - in Betracht kommen können. Handelt es sich aber darum, einen Krankheitsprozeß zur Abheilung zu bringen im Bewegungs- und Verdauungssystem, so kommt es darauf an, nachzuforschen, welcher Prozeß entweder als Naturprozeß oder als Laboratoriumsprozeß vorliegen muß in der Verarbeitung von Substanzen, um die betreffenden Substanzen zu Heilmitteln umzuformen.

Im Speziellen gesprochen - es ist ein Fall, den ich dann weiter erörtern werde -, nehmen wir an, wir versuchen die Heilkraft des Antimons. Wir werden die Heilkraft des Antimons zu unterscheiden haben in bezug auf alles dasjenige, was seinen Herd im Nerven-Sinnesapparat des Menschen hat. Da würde es sich uns handeln um das Substantielle des Antimons. Handelt es sich darum, die Heilwirkung des Antimons für das motorische und das im Zusammenhang damit stehende Stoffwechselsystem zu betrachten, dann wird es sich darum handeln, das Antimon solchen Prozessen zu unterwerfen, Verbrennungsprozessen, Oxydationsprozessen, wo das Antimon als Rauch aufgeht, und der Rauch sich als Spiegel* absetzt, und wir werden von dem richtigen Ausführen dieser Prozesse den Erfolg dieses Heilmittels zu erwarten haben. So daß wir eigentlich immer sagen können, ganz fundamental: wir sollen die Substanzen, die Heilfaktoren in der Umgebung des Menschen suchen für das Nerven-Sinnessystem. Wir sollen die Prozesse, die wir entweder selbst herbeiführen oder die die Natur herbeiführt, ansehen als das Heilende für die Stoffwechsel- und Bewegungsprozesse im menschlichen Organismus. Da diese beiden Prozesse polarisch einander entgegengesetzt sind, wirkt das Rhythmische, alles Rhythmische, vor allen Dingen der Atmungsrhythmus, der Zirkulationsrhythmus, die Verdauungsrhythmen, die anderen Rhythmen im Menschen, Schlafens- und Wachensrhythmus im Menschen, die wirken nun vermittelnd, ausgleichend, so daß nun bei denjenigen Prozessen, die sich auf die Organe der rhythmischen Organisation des Menschen beziehen, nun auch wieder bei der Herstellung der Heilmittel gesehen wird, auf die Wechselwirkung, die sich ergeben wird aus der Zubereitung des wirksamen Substantiellen und der wirksamen Prozesse, die man die Natur herbeiführen läßt oder selber herbeiführt.

Damit ist zunächst nur einiges Fundamentales erörtert. Ich möchte dann auf das Gesprochene eingehen, werde mir dann erlauben, nachdem ich heute das Fundamentale erörtern werde, morgen auf einige unserer Heilmittel einzugehen, die in dem Pharmazeutischen Laboratorium in Arlesheim hergestellt werden und die in der damit verbundenen Klinik, die unter der ausgezeichneten Leitung von Frau Dr. Wegman steht, die ja auch anwesend ist, ausprobiert werden, Ich werde auf das eigentliche Therapeutische noch eingehen. Vom Anfang an warich durchaus dafür, daß das Geisteswissenschaftliche nur die Richtlinien abzugeben hat, aber keine Heilmittel herstellt anders, als daß wir unsere Laboratorien in Verbindung mit der Klinik haben, so daß tatsächlich dann am Krankenbett in der Klinik verifiziert wird.

Faßt man diese Differenzierung des Menschen in die Prozesse des Nerven-Sinnessystems, des rhythmischen Systems und des Stoffwechsel-Bewegungssystems ins Auge, so muß man dann finden, wie der Mensch so konstituiert ist, daß diese drei Systeme zwar in bezug auf ihr Funktionieren durchaus voneinander verschieden sind, daß sie aber an jeder Stelle der menschlichen Organisation sich durchdringen. Es ist dies eine unbequemere Betrachtungsweise des Menschen als die gewöhnliche. In der gewöhnlichen Betrachtungsweise nimmt man irgendein Organ oder einen Teil eines Organs, betrachtet es nun eben histologisch oder der Zellenanatomie nach und so weiter.

Hier hat man nötig, bei jedem Organ zu unterscheiden, inwiefern an dem Funktionieren dieses Organs beteiligt ist der Nerven-Sinnesprozeß, der rhythmische Prozeß, der Stoffwechsel-Bewegungsprozeß. Denn alle drei Formen sind nun an jedem Organ des Menschen beteiligt. Nur wenn wir mehr nach den eigentlichen Sinneswerkzeugen des Menschen gehen, dann präponderiert der Nerven-Sinnesprozeß, und es tritt in den Hintergrund der rhythmische Prozeß und der Stoffwechsel-Bewegungsprozeß. Haben wir es aber zu tun wiederum mit dem Stoffwechsel-Bewegungsprozeß, so präponderiert eben eigentlich in ihm nur dieser Stoffwechselprozeß. Aber nichts gibt es im Trakt des Stoffwechsel- und Bewegungssystems, das nicht wieder durchzogen ist von den Prozessen des Nerven-Sinnessystems, die hier untergeordnet sind. Und ebenso ist es im rhythmischen System.

Nun durchschaut man die ganze menschliche Organisation, wenn man vor sich haben kann für eine wirklich innere Beobachtung das entsprechende Funktionieren im Organ. Sagen wir zum Beispiel, wir haben es mit irgendeinem Teil des Gehirns zu tun. Man muß nun hinschauen können, ob in richtigem Verhältnis die beiden entgegengesetzten Organtätigkeiten vorhanden sind, Nerven-Sinnestätigkeit, Stoffwechsel-Bewegungstätigkeit, und ob das rhythmische System in entsprechender Weise zwischen beiden ausgleichend funktioniert. Das macht sich — grob gesprochen — bei den Kopforganen des Menschen ganz anders als zum Beispiel bei den Verdauurgsorganen selber. Aber man sieht auf der anderen Seite, wie man gerade dadurch zu einer genaueren Kenntnis des Menschen, sowohl in substantieller wie in funktioneller Hinsicht im Verhältnis zu seiner Weltumgebung kommt, und dadurch zu einem Zusammenhang zwischen der Pathologie und der Therapie.

Betrachten wir das einmal an einem einzelnen Beispiel. Eine ja vielleicht unter den schweren Krankheitsfällen weniger geschätzte Krankheit, die aber recht lästig werden kann manchen Menschen, vielen Menschen auch wirklich lästig wird — ich möchte sie herausheben als ein Beispiel -, ist ja Catarrhus aestivus, der sehr viele Menschen gerade in einer bestimmten Jahreszeit befällt. Und um ein Verständnis herbeizuführen dieses Prozesses, der da zugrunde liegt, ist eigentlich folgendes notwendig.

Zunächst muß man sich darüber klar sein, daß in der Kindheit des Menschen, namentlich in der ersten Kindheit des Menschen, die ganze Gliederung in die drei eben genannten Systeme eine andere ist als im späteren Lebensalter. Bei der Kindheit haben wir es zu tun mit einer Menschenorganisation, bei der die Nerven-Sinnesorgane in viel intensiverer Weise in die beiden anderen Systeme hineingreifen als im späteren Lebensalter beim Menschen. Das Kind ist schon in gewissem Sinne ganz Sinnesorgan. Alle Prozesse spielen sich so ab, daß durch den ganzen Organismus hindurch Vorgänge, wenn auch in intimer, feiner Weise geschehen, wie sie sich sonst an der Peripherie des Menschen in den Sinnesorganen vollziehen. Das Kind ist durchaus eigentlich Sinnesorgan in intimerer, feinerer Weise. Dadurch ist der ganze Organismus des Kindes in ähnlicher Weise, wie eben Sinnesorgane sind, mehr der Außenwelt ausgesetzt als der Organismus des Menschen im späteren Lebensalter. Denn es ist ja so, daß alles das, was mit der Nerven-Sinnesorganisation zusammenhängt, unmittelbar der Außenwelt exponiert ist, dem Einfluß der Außenwelt unmittelbar unterliegt. Die ganze Organisation des Kindes unterliegt daher dem Einflusse der Außenwelt — im weitesten Umfange natürlich gedacht viel mehr als im späteren Lebensalter, wo man ganz auf die inneren Prozesse der Organe angewiesen ist, auch der Stoffwechselprozesse im Zusammenhange mit dem Bewegungsprozeß. Die Bewegungen spielen sich zwar in der äußeren Welt ab, aber dasjenige, was die ihnen zugrunde liegende Organisation ist, tendiert ebenso nach dem Inneren des Menschen, wie die Nerven-Sinnesorganisation nach außen tendiert. Wir finden daher, daß unter dem Einfluß der präponderierenden Nerven-Sinnesorganisation beim Kinde auftreten können jene Prozesse, die man zusammenfassen kann dann etwa unter dem Namen der exsudativen Diathese, Lockerungen der Gewebe, die beim Kinde eigentlich ganz generell, allgemein im Organismus auftreten können.

Später, wenn diesem Präponderieren des Nerven-Sinnesprozesses im ganzen Organismus polarisch im richtigen Verhältnis entgegenwirkt für das spätere Lebensalter der Stoffwechsel-Bewegungsprozeß, dann tritt, wenn man das Kind vorsichtig aufgezogen hat, die Neigung zu solcher exsudativen Diathese im allgemeinen zurück und kann sich später spezialisieren, so daß eben der lästige Catarrhus aestivus auftreten kann.

Man hat diesen Catarrhus aestivus zurückgeführt — das brauche ich ja hier nur zu erwähnen — auf gewisse Substanzen, die enthalten sein sollen im Pollenstaub der Gramineen. Das entspricht nur der Neigung unserer Zeit, die Pathologie zurückzuführen eben auf unmittelbar substantiell Äußeres. Wenn man sowohl den menschlichen Organismus geisteswissenschaftlich durchschaut, wie die Vorgänge, die sich abspielen in der Umgebung des Menschen beim Blühen der Gramineen, dann können wir durchaus sagen: der ganze Naturprozeß in der Jahreszeit, wo die Gramineen eben blühen, der spielt sich natürlich nicht bloß um die Gramineen ab, der spielt sich auch um den Menschen ab, der namentlich ausgesetzt ist denselben atmosphärischen Einflüssen, unter denen die Gramineen blühen.

Nun kann beim Menschen, indem er sich, ich möchte sagen, in der Organisation spezialisiert hat gerade nach der Nase, den Augen hin, was dann zum Catarrhus aestivus führt, wenn sich dasjenige, was unter dem Präponderieren des Nerven-Sinnesprozesses eben zur exsudativen Diathese geführt hat in der Kindheit, spezialisiert auf den Anfang der Atmungsorgane nach innen, dann eben dieser lästige Katarrh auftreten. Er entsteht dann dadurch, daß der Mensch denjenigen Naturprozessen, denen die Gramineen beim Blühen ausgesetzt sein müssen, nun auch ausgesetzt ist und für diese Naturprozesse besonders empfindlich ist.

Dadurch, daß der Sinnesprozeß nicht in genügender Weise durch den Stoffwechselprozeß paralysiert ist, daß der Sinnesprozeß in der Peripherie präponderierend bleibt, haben wir den Menschen ausgesetzt denselben atmosphärischen Einflüssen, den Einflüssen seiner Umgebung, die gerade günstig sind beim Blühen der Gramineen.

Wenn man diesen Prozeß außen durchschaut, wenn man wirklich eingeht auf die Art und Weise dessen, was da geschieht als Naturprozeß beim Blühen der Gräser, der Gramineen, dann sagt man sich, wie kommst du dieser Empfindlichkeit, die beim Catarrhus aestivus auftritt, bei? Und nun sucht man durch diese Einsicht, die man da gewonnen hat, danach, diesen Prozeß, den man bei den Gramineen so hat, daß er sich ganz nach außen auch abspielt, ganz peripherisch, ich möchte sagen, in die Luft hinein sich abspielt, zu paralysieren — denn er ist dann auch im Menschen vorhanden, wenn der Mensch eben den Catarrhus aestivus hat — dadurch, daß man den Fruktifikationsprozeß, das Eilen zum Fruktifikationsprozeß, der bei den Gramineen in vollständiger Nacktheit, möchte ich sagen, nach der Atmosphäre hinausschaut, da aufsucht, wo er auftritt, nicht peripherisch nach außen gerichtet, sondern zentral nach innen geschoben. Als solchen findet man ihn, wenn man Früchte nimmt, die von lederartigen Schalen umgeben sind und bei denen sich in irgendwelchen Stoffen der Fruktifikationsprozeß nun zentral nach innen abspielt, zentripetal sich abspielt.

Und formt man so im Laboratorium den entgegengesetzten Prozeß vom Fruktifikationsprozeß bei den Gramineen, formt man ihn zum Heilmittel und versucht man namentlich dieses Heilmittel dadurch zur Wirksamkeit zu bringen, daß man es durch Impfung, Vakzination anwendet, also unmittelbar in den Organismus einführt durch Impfung, dann kann man tatsächlich dieser Überempfindlichkeit gegen dieselben atmosphärischen Einflüsse, die bei den Gramineen günstig sind, beim Menschen aber einen Krankheitsprozeß erregen, entgegenwirken. Wir haben tatsächlich bei diesem Heilmittel, das bei uns als «Gencydo» gemacht wird und in der weitaus größten Zahl der Fälle sich als außerordentlich wirksam erwiesen hat beim Catarrhus aestivus, gerade sehen können, wie es möglich ist, durch entsprechende Formungen von Prozessen, die uns ja eigentlich die Natur vormacht, zu Heilmitteln zu kommen. Wir müssen nur wissen, in welchem Falle wir dem Naturprozeß entgegenarbeiten müssen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn gerade die Sinnes-Nerventätigkeit präponderiert, und wir werden später sehen, wann wir mit dem Naturprozeß gehen müssen. Man muß nur wissen, wie man in jedem Fall vorgehen muß. So daß wir also nicht nur dasjenige benutzen, was laboratoriumsmäßig chemisch entweder im Sinne der Naturprozesse oder entgegen der Naturprozesse geschehen muß, was wir als Heilfaktoren und eben nicht nur als Substanzen haben, sondern vor allen Dingen auf die Zubereitungsweise achten, indem wir auf dasjenige schauen, was wiederum in der äußeren Natur den Prozeß als solchen herbeiführt, das Dynamische am Prozeß ausmacht. Dieses Dynamische versuchen wir zu imitieren in technischer Weise, um dadurch gerade die Heilfaktoren aus der Natur herauszuziehen.

Nach solchen Prinzipien sind ja jetzt reichlich schon Heilmittel in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim hergestellt worden. Sie werden alle nach diesem Prinzip hergestellt, aber alle durchaus spezialisiert.

Ich will zum Beispiel noch folgendes als Heilmittel erwähnen. Gewiß, ich muß sagen, ich verstehe jeden Widerspruch, jede Opposition, da ich ja weiß, daß die Dinge aus einer Denkweise entspringen, die durchaus nicht gang und gäbe und auch nicht geläufig ist. Ich möchte nur dies für uns anführen, daß in dieser Weise die Richtlinien gegeben werden und dann in unseren Kliniken durchaus verifiziert werden, und daß dies in derselben Weise unter voller Verantwortung gemacht wird, wie sonst in klinischen Betrieben es üblich ist. Deshalb darf ich vielleicht auch, ich möchte sagen, etwas gewagtere Darstellungen geben, indem ich durchaus voraussetze, daß ich, wie gesagt, jede Opposition verstehe und es mir durchaus begreiflich ist, daß sich sogar eine Art von Unbehagen gegenüber diesen Dingen, die einem sogar phantastisch erscheinen könnten, geltend machen könnte.

Es ist außerordentlich interessant, gerade jenen merkwürdigen Prozeß zu betrachten, der sich in der Pflanze selber vollzieht. Wir haben ja in der Pflanze neben dem, was die Pflanze also vorzugsweise zusammensetzt, alle möglichen Substanzen enthalten: Salze, Metallisches und so weiter. Nun, es ist weniger wichtig für eine Therapie, die direkt rationell wirken soll, auf die Zusammensetzung der Pflanze zu sehen, als zu sehen auf die Art und Weise, wie zum Beispiel, sagen wir, irgendeine Metallverbindung oder ein Salz durch den ganzen Prozeß des Wachsens und Fruktifizierens der Pflanze geht.

Nehmen wir irgendeine Pflanze, zum Beispiel Cichorium intybus. Wer wirklich geisteswissenschaftlich Cichorium intybus studieren will, der wird studieren zunächst, in welch eigentümlicher Weise namentlich dasjenige, was in Cichorium intybus vor allen Dingen in Betracht kommt, enthalten ist: Kieselsäure und alkalische Salze.

Kieselsäure und alkalische Salze sind nun aber wiederum im Cichorium intybus in ganz verschiedener Verarbeitung, unter ganz verschiedenen Prozeßzusammenhängen in der Wurzel, in den Blättern und in den Blüten enthalten.

Wer diesen Prozeß im Cichorium intybus studiert und sieht, wie da in eigentümlicher Weise ineinandergewoben und verwoben werden die Prozesse, die auf der einen Seite an der Kieselsäure hängen, an den alkalischen Salzen auf der anderen Seite, wer dieses verfolgt, der wird dann auf geisteswissenschaftliche Weise wiederum zurückgeführt zum Menschen herüber.

Nun sagte ich schon, in unserem Leibe, in jedem Organsystem, leben drei Systeme, aber es präponderiert immer eines, jedes ist wiederum für den ganzen Menschen tätig; betrachten wir zum Beispiel am menschlichen Organismus die Gallenfunktion im Zusammenhang mit allen anderen Verdauungsorganen, so finden wir vor allen Dingen, daß es neben allem übrigen Wirken der Galle außerordentlich wichtig ist, daß die Galle funktioniert, richtig funktioniert gerade für die Gesundheit des Nerven-Sinnessystems. Denn wir können dann, wenn wir Verdauungsstörungen auf Störungen der Gallenfunktion zurückführen, immer auch auftreten sehen außerordentlich große Störungen irgendwie in den Organen des Nerven-Sinnessystems.

Wenn wir den Gallenabsonderungsprozeß verfolgen, so wird er eigentlich erst interessant, wenn wir ihn im ganzen Zusammenhang mit der menschlichen Konstitution als denjenigen Prozeß betrachten können, der, vom Verdauungssystem ausgehend, das Nerven-Sinnessystem versorgt.

Dieser Prozeß ist auf der einen Seite in den Gallenfunktionen des Menschen vorhanden, ganz abgesehen von den Substanzen, die dabei spielen. Auf der anderen Seite wirkt er außer dem Menschen in fast getreuer Imitation von der Wurzel von Cichorium intybus gegen den Stengel und gegen die Blüte hinauf, in der Radix von Cichorium intybus. Wenn wir da sehen, wie verarbeitet werden gerade die Kieselsäure und die alkalischen Salze, so finden wir darinnen eine genaue Imitation desjenigen, was im menschlichen Organismus der Gallenabsonderungsprozeß in seiner Wirkung gerade auf das Nerven-Sinnessystem ist.

Ahmen wir nun den Prozeß nach, der sich in Cichorium intybus vollzieht. Es gibt Laienärzte, die verwenden Cichorium intybus nun direkt, wenn Verdauungsstörungen vorliegen. Aber trotzdem durchaus Erfolge erzielt werden können, die nicht in Abrede gestellt werden sollen, werden sie sehr selten dauernde sein, da ja der Prozeß, der sich in Cichorium intybus vollzieht, gebunden ist an die Labilität der Pflanze selber und, indem er in den menschlichen Organismus hereingeführt wird, einer solchen Veränderung unterliegt, daß er nicht mehr derselbe bleibt. Aber er ist so verwandt dem menschlichen Prozeß, daß, wenn wir ihn laboratoriumsmäßig verarbeiten, namentlich Kieselsäure verarbeiten, wir also ein Präparat machen, das Kieselsäure enthält, alkalische Salze enthält, und zwar so, daß dann in einer gewissen Weise, nicht eigentlich chemisch, sondern nur durch Pulverisierung aneinander gebunden und mit harzigen Bindemitteln ausgestattet, eine lose Verbindung da ist zwischen Kieselsäure und alkalischen Salzen, mehr ein feines, natürliches, möchte ich sagen, Aneinanderkleben vorhanden ist. Und wenn wir dann das durch den Verdauungskanal einführen, führen wir nun so tatsächlich nicht dieselben Substanzen, aber denselben Prozeß in den menschlichen Organismus ein, der sich beim Galleabsondern vollzieht, insofern das Galleabsondern mit dem Nerven-Sinnessystem in seinem Funktionieren seine Verwandtschaft hat. Es handelt sich also darum, in dem, was man im Laboratorium macht, dasjenige wirksam, ich möchte sagen, dauernd nachzuahmen, was die Pflanze selber ausführt, bei der man zum Beispiel in ihrem Pflanzenbildungsprozeß erkennen kann: dieser Prozeß ist in irgendeiner Weise polarisch oder gleichlaufend verwandt mit irgendeinem Prozeß im menschlichen Organismus, so daß sich auf diese Weise eben ergibt ein wirkliches Ineinanderarbeiten von Pathologie und Therapie. Man sieht es dem Organ an, was unregelmäßig ist im Zusammenwirken der drei Prozesse.

Und indem man gerade der Natur ablauscht, wie man dem Organismus gewissermaßen das, was er nicht ausführen kann, für einige Zeit abnimmt, indem man das zu erforschen versucht, führt man geradezu — ich möchte sagen: Cichorium intybus erweist sich als die wachsende Galle — die Gallenfunktion in den Menschen für eine Zeit ein, weil der Organismus sie selbst nicht ausführen kann, bis der Organismus an der fremden Galle, an dem, was man nach dem Muster von Cichorium intybus fabriziert hat, sich wieder gewöhnt hat, das Gallenfunktionieren auszuüben. Dann läuft er sozusagen wiederum durchaus richtig.

Es handelt sich nur darum, daß man durch die bloße Pflanzenheilmethode, weil ja die Natur viel vollkommener wirkt, das Richtige nicht erreichen kann, weil ja der Pflanzenprozeß wiederum vernichtet wird, wenn er in irgendeiner Weise in den Organismus eingeführt wird.

Da die Zeit schon etwas vorgeschritten ist und ich Ihre Aufmerksamkeit für dieses eine Mal nicht zu stark in Anspruch nehmen möchte, werde ich nur noch einiges erwähnen über ein Mittel, das sich als besonders erfolgreich erwiesen hat und das unsere Ärzte das «Biodoron» genannt haben.

Dieses Biodoron ist dadurch zustande gekommen, daß zunächst vor eine zusammenfassende, eben geisteswissenschaftliche Anschauung der ganze Symptomkomplex der sogenannten Migräne gestellt worden ist. Diese Migräne ist ja ebenfalls für viele Menschen eine so außerordentlich lästige Krankheit, die in den allerverschiedensten Formen auftritt. Die Migräne beruht nun auf einem unregelmäßigen Präponderieren des Stoffwechselprozesses da, wo er nicht hingehört, innerhalb jener Region der menschlichen Organisation, wo eigentlich präponderierend vorzugsweise wirken sollte der Nerven-Sinnesprozeß im Verein mit dem rhythmischen Prozeß.

Nun handelte es sich mir wiederum darum, diesen ganzen Prozeß in seiner Zusammenfassung, wie er sich ausdrückt in der Zusammenschau des Symptomkomplexes der Migräne, als Prozeß} draußen in der Natur zu finden.

Er drückt sich nun in ganz wunderbarer Weise aus, und zwar so, daß man den Symptomenkomplex auf der einen Seite hat und einen entgegengesetzt verlaufenden Prozeß in der Art und Weise, wie im Prozeß von Equisetum arvense die Kieselsäure eben in Tätigkeit gebracht wird von den schwefelsauren Salzen. Equisetum arvense enthält ja ungefähr neunzig Prozent Kieselsäure. Wir werden morgen noch von der ganz bedeutsamen Funktion der Kieselsäure für das Nerven-Sinnessystem und alles, was damit zusammenhängt, zu sprechen haben. Die Kieselsäure ist aber in einer gewissen Art und Weise in Equisetum arvense zum Prozeß verarbeitet, also daß nur in einer solchen Verbindung, wie sie eben da hergestellt ist mit einem harzigen Bindemittel, innerhalb des Pflanzenwachstums der Bildeprozeß geschehen kann durch das Zusammenwirken der Kieselsäure mit den schwefelsauren Salzen.

Wenn man einfach das Bild von Equisetum arvense vor sich hat und nun sieht, wie da in einer steifen Art, mit überall Präponderierenlassen des Kieselsäurebildungsprozesses sich diese Pflanze bildet und zurückhält ihr ganzes Wachstum vom Blütenwesen, was wiederum gefunden werden kann im Zusammenhange mit den normalen Stoffwechselvorgängen, dann bildet sich einem unmittelbar in einer wirklichen intimen Anschauung der beiden Prozesse, des Prozesses, der sich im Symptomenkomplex der Migräne ausdrückt, und des ganzen Prozesses, der sich in einer so wunderbaren Weise abspielt zwischen Kieselsäure und schwefelsauren Salzen im Equisetum arvense, die Vorstellung aus: da sind zwei einander entgegengesetzte Prozesse.

Aber deshalb hilft doch noch nicht irgendwie Equisetum arvense, in irgendeiner Weise direkt verwendet, gegen Migräne. Denn da tritt nun das Eigentümliche auf, das einem recht klar wird, daß zwar gewisse vegetative Prozesse im menschlichen Organismus ähnlich den Pflanzenprozessen sind, aber doch von innen wiederum radikal verschieden sind. Es handelt sich also darum, nicht bloß den Prozeß, der sich in Equisetum arvense abspielt, direkt aufzunehmen und etwa ihn nun in den menschlichen Organismus einzuführen, sondern ihn erst, ich möchte sagen, zu animalisieren.

Solche Dinge gelingen, wenn man nun in entsprechender Weise im Laboratorium den Prozeß eben imitiert, aber innerlich lebendig, so daß man verwendet Kieselsäure auf der einen Seite, auf der anderen Seite Schwefel. Man kann direkt den Schwefel verwenden, denn der ist das eigentlich Wirksame im Equisetum arvense. Nun aber führt man die Bindung herbei neben anderen Bindemitteln, die eine untergeordnete Bedeutung haben, dadurch, daß man in den Prozeß den Eisenprozef3 einfügt. Jetzt hat man den ganzen Prozeß von Equisetum arvense animalisiert, und man bekommt ein Präparat, bei dem es wesentlich darauf ankommt, wie man es herstellt. Denn durch das, wie man den Prozeß durchführt, durch den man zuletzt das Präparat bekommt, sehen Sie gewissermaßen, daß es darstellt das Ergebnis eines Prozesses, der sich abspielt zwischen Kieselsäure, Eisen und Schwefel. Und das, was man da als Präparat bekommen hat, was nun nur, ich möchte sagen, zunächst in dem Präparat in Ruhe gebracht ist, das wird wiederum zum Prozeß aufgerufen, in Bewegung gebracht, wenn es eingeführt wird in den menschlichen Verdauungsprozeß und angewendet wird — wie gesagt, unsere Ärzte haben es «Biodoron» genannt — gerade gegen die lästige Migräne.

Dieses Migräneheilmittel hat sich tatsächlich, ich möchte sagen, fast ausnahmslos in einer außerordentlich erfolgreichen Weise gezeigt.

So versuchen wir eben, die Heilfaktoren mehr auf dynamische Weise durch die Herstellung der entsprechenden Prozesse zu erreichen für die Heilmittel also, die Sie von dem Klinisch-Pharmazeutischen Institutin Arlesheim bekommen. Es handelt sich darum, was für Prozesse sie in sich bergen, was für Prozesse sie im menschlichen Organismus hervorrufen.

Auf diese Weise ist es uns gelungen, immerhin — die Dinge wurden verifiziert in zahlreichen Fällen - für die verschiedenen Formen, für die verschiedenen Verzweigungen der Tuberkulose, für die mannigfaltigsten Erkrankungen des Verdauungssystemes und so weiter, wie gesagt, ungefähr hundert Heilmittel zu finden; und wir sind daran, sozusagen die letzte Hand anzulegen an denjenigen Prozeß, den wir hervorrufen wollen mit einem gewissen Pflanzennaturprodukt zur inneren Heilung der Karzinome. Doch werde ich über diese Heilmittel mir erlauben, morgen im einzelnen zu sprechen, über Tuberkuloseheilmittel, Karzinomheilmittel, Heilung auch von typhösen Krankheiten und so weiter.

Es wird ersichtlich geworden sein, daß das Wesentliche bei uns nicht darinnen liegt, was nun in dem Präparat drinnen ist, sondern darin, wie das Präparat laboratoriumsmäßig entstanden ist. Dadurch birgt das Präparat einen bestimmten Prozeß, der wiederum innerhalb des Organismus in der gleichen oder in einer anderen Form sich auslöst und in dem Verlauf eines organischen Prozesses liegt oder den polarischen Gegensatz bildet.

Und auf diese Weise ist man imstande, durch Zusammenschauen der Naturprozesse und der Prozesse, die sich in der Pathologie erkennen lassen, die gegenseitige Relation von Naturvorgängen und Vorgängen im menschlichen Organismus herbeizuführen, die Aufeinanderwirkung eben, die da sein muß, wenn die betreffenden Naturprozesse in den menschlichen Organismus als Heilprozesse eingeführt werden sollen. Auf die Herbeiführung von Heilprozessen durch die Funktionen, die wir ausführen in unseren Laboratorien, darauf kommt es an. Daher ist es dann auch von ganz besonderer Wichtigkeit, wie nun diese Heilmittel gerade verwendet werden, wiederum in Gemäßheit dieser Differenzierung des menschlichen Organismus. Die Wirkung ist von fundamentalem Unterschied, ob irgendein Heilmittel durch den Verdauungsprozeß eingeführt wird, durch Impfung direkt in den Zirkulationsprozeß, oder ob es, wie ich morgen zeigen werde, näher verwandt zum Sinnesprozeß, zum Nerven-Sinnesprozeß angewendet wird, wie in dem Versetzen von Bädern oder Waschungen und dergleichen mit unseren Heilmitteln.

Also ob man äußerlich oder halb innerlich, möchte ich sagen, wie bei der Impfung, oder ganz innerlich das Heilmittel anwendet, davon hängt es wiederum ab, wie man auf den menschlichen Organismus wirkt. Denn ich möchte sagen, das besonders Bedeutsame bei diesen Heilmitteln ist dieses, daß wir heilen möchten nicht durch Substanzen, sondern wir möchten heilen durch Prozesse. Und wir geben Heilmittel ab in der Hoffnung - das heißt, die Dinge sind ja verifiziert —, daß die Prozesse, die wir aus dem Zusammenschauen von Natur und Mensch ausführen können, sich gewissermaßen in dem Präparat konservieren und wiederum ausgelöst werden im menschlichen Organismus als Heilprozesse. Das ist das wesentlich Neue an den Dingen, um die es sich bei uns handelt. Wir wollen durch Vorgänge, Prozesse, durch das Wie der Herstellung heilen.

Daher ist es bei uns nicht von so großer Wichtigkeit, zu sagen, was just in dem Präparat drinnen ist, sondern es kommt überall darauf an, wie die Dinge im Intimen sich abspielen.

Auf das Therapeutische dann, und namentlich auf einzelne Heilmittel und Verrichtungen im Äußeren werde ich mir erlauben, morgen einzugehen.

Frage: Wie lange Zeit ist es her, daß die Mittel für Migräne und Heufieber ausprobiert sind?

Dr. Steiner: Nun, es ist doch schon eine Anzahl von Jahren, daß die Fälle ausprobiert worden sind, vor allen Dingen doch in einer großen Anzahl von Fällen. Es tritt ja dadurch, daß unsere Methoden Verifikationsmethoden sind, diese Eigentümlichkeit auf, daß auf der einen Seite, so wie bei einem mathematischen Problem, der Erfolg gewissermaßen vorausgesehen wird und dann verifiziert wird. Auf diese Weise hat man es nicht mit einer bloßen empirischen Methode zu tun, sondern sozusagen dadurch, daß — wie man es sonst ja auch beim experimentellen Laboratoriumsversuch hat — man dasjenige, was vorausgesetzt werden kann, verifiziert findet, wird natürlich der Wert der Verifikation doch ein höherer als beim bloßen empirischen Ausprobieren. Die Methoden sind natürlich noch jung, und dasjenige, um was es sich handelt, wird sein, daß wir natürlich froh wären, wenn sie im weitesten Umfang ausprobiert würden.

Für Biodoron liegen seit etwa drei bis vier Jahren schon Verifizierungen vor, in einer großen Anzahl von Fällen gerade Verifizierungen, die außerordentlich wichtig sind, zum Beispiel in solchen Fällen, wo die Migräne ein ganz alt gewordener chronischer Zustand war, der durch Jahrzehnte da war, und wobei dieses Mittel gewirkt hat.

Nur natürlich, das möchte ich doch ausdrücklich erwähnen, gerade bei diesem Mittel ist es außerordentlich wichtig, daß richtig diagnostiziert wird. Daher kann das Mittel eigentlich nur dann, wenn man in der richtigen Weise diagnostiziert hat, zu einer Verifizierung dienen. Es ist ja natürlich nicht wünschenswert, daß bei jedem beliebigen Kopfschmerz dieses Biodoron angewendet wird, denn dann können negative Fälle sehr zahlreich auftreten.

Es muß also erst richtig diagnostiziert werden; aber dann geben wir sehr viel darauf. Es ist der Prozentsatz ja in den drei bis vier Jahren ein außerordentlich großer, dadurch daß wir es klinisch machen. In einzelnen Fällen wurde es aber auch schon früher durch private Ärzte ausprobiert.

Ich möchte noch erwähnen, daß es Berichte gibt, sowohl zunächst Auseinandersetzungen über die Methoden wie auch Berichte über die Behandlung und über die Erfolge gerade für das Biodoron. Sie sind herausgegeben von dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Stuttgart: «Die Migräne», zusammengestellt von Dr. Knauer, ein Bericht, der eine Anzahl von Fällen enthält - man kann natürlich nicht alle anführen -, aber eine Anzahl von charakteristischen Fällen enthält, und auch eine entsprechende Kasuistik. Ich glaube, diese Berichte und Beschreibungen sind ja vom Klinisch-Therapeutischen Institut auch zu beziehen, leider bis jetzt nur in deutscher Sprache, sie können aber jederzeit, wenn sie verlangt werden, auch in andere Sprachen übersetzt werden.

German original of Second Lecture · ← Previous · Next →