3. Zu Ibsens siebzigstem Geburtstage
20. März 1898
Als vor fünfzig Jahren die wilden Stürme der Revolution durch Europa brausten, war Henrik Ibsen zwanzig Jahre alt. Mit stärkster Sympathie begrüßte er die Freiheitsbewegung. Die Leidenschaft der Revolutionäre war innig verwandt mit den Empfindungen, die in seiner eigenen Seele lebten. Rückblickend auf diese Zeit sagt er später:
«Die Zeit war stark bewegt, die Februarrevolution, die Aufstände in Ungarn, der schleswigsche Krieg - alles dieses griff mächtig in meine Entwickelung ein. Ich richtete donnernde Gedichte an die Magyaren, in denen ich sie im Interesse der Freiheit und Menschenrechte dringend ermahnte, in dem gerechten Kampfe gegen die Tyrannen auszuhalten.»
Die Revolution, die der Zwanzigjährige erlebte, war Vorbote und Symptom für eine größere, für die Revolutionierung der Geister. Die politische Revolution konnte nicht bewirken, was sich die Geister von ihr versprochen hatten. Siegreich sind Umgestaltungsbewegungen der menschlichen Ordnungen nur, wenn sie der Ausdruck sind für neugeborene Weltanschauungen. Das Christentum konnte eine Neuordnung der menschlichen Verhältnisse begründen, weil es hervorging aus einer Revolutionierung des ganzen Empfindungslebens. Ein neues Verhältnis zu Welt und Leben verkündete Jesus von Nazareth. Dem menschlichen Gemüte hat er eine neue Richtung gegeben. Die tatsächlichen Verhältnisse mussten sich der veränderten Richtung des Herzens anschließen. Die Revolution des Jahres achtundvierzig war eine rein politische. Sie wurde von keiner neuen Weltanschauung getragen.
Erst zehn Jahre nach dieser Revolution verkündete Charles Darwin den Menschen das Evangelium, das sie brauchten, einer neuen Lebensform einen Inhalt zu geben. Goethe hat dieses Evangelium schon besessen. Ihm ist schon die große Erkenntnis aufgegangen von der rein natürlichen, einheitlichen Wesenheit, welche den toten Stein, die stille Pflanze, das unvernünftige Tier hervorgebracht hat und die auch den Menschen ins Dasein gerufen hat, und neben der es nichts Göttliches im Menschen gibt. Als das vollendetste Naturwesen gilt ihm der Mensch. Die Natur hat die Kraft, auf ihrem Gipfelpunkt das vernünftige Tier hervorzubringen; kein göttlicher Odem braucht diesem vernünftigen Tiere eingeblasen zu werden.1
Aber Goethe hat als Geistesaristokrat seine Lebensanschauung gewonnen. Nur durch seinen individuellen Entwickelungsgang war es möglich, das Buch der Natur so zu lesen, dass es diese Offenbarung machte. Darwin verkündete dieselbe Erkenntnis auf demokratische Weise. Jeder konnte seine Geistesschritte nachtun. Nicht was er verkündet, macht den Menschen zu einem Propheten, sondern wie er es verkündet.
Im Anblicke der griechischen Kunstwerke in Italien enthüllte sich für Goethe das große Geheimnis. Als er diese Werke sah, rief er aus: Da ist Notwendigkeit, da ist Gott. Ich habe die Vermutung, dass die Künstler, als sie diese Kunstwerke hervorbrachten, nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur wirkt, und denen ich auf der Spur bin. Menschen-Wirken ist nur Fortsetzung des Natur-Wirkens: Das hat Goethe in diesem Augenblicke erkannt. Nicht als Gnadengeschenk vom Himmel kommt dem Menschen, was er schafft, sondern durch Entwicklung derselben Naturkräfte, die in der Pflanze, im Tiere tätig sind, zu einer höheren Stufe. Man müsste das Goethe’sche Leben nachleben, wenn man auf dieselbe Weise wie er zu seiner Erkenntnis kommen wollte. Darwin hat dasselbe gelehrt. Aber er hat auf gemeine Tatsachen, die solche Wahrheit aussprechen, hingewiesen - auf Tatsachen, die jedem zugänglich sind. In populärer Form hat er ausgesprochen, was Goethe für die Auserlesenen verkündet hat.
Ein Unding wurde es nun, der Schöpferkraft, die von oben kommt, zuzuschreiben, was offenkundig die Natur aus sich selbst erzeugen konnte. Das ganze menschliche Empfindungsleben muss sich unter dem Einfluss der neuen Weltanschauung ändern. Der Mensch sieht, dass er ein Höheres, ein Vollkommeneres ist, als dasjenige, aus dem er sich entwickelt hat. Früher glaubte er: ein über ihm Stehendes hätte ihn ins Dasein verpflanzt. Sein Blick kann nun nicht mehr nach oben gerichtet sein. Er ist auf sich und auf das angewiesen, was unter ihm ist.
Jahrhundertelang hat sich das menschliche Herz daran gewöhnt, diesem nach oben gerichteten Blicke sich zu fügen. Seit Darwins Auftreten ist es bestrebt, sich eine solche Empfindungsrichtung abzugewöhnen.
Verhältnismäßig leicht ist es dem Verstande, die neue Erkenntnis sich anzueignen; unendlich schwer ist es dem Herzen, sich dieser Erkenntnis gemäß umzugestalten. In der Seele der besten Geister des letzten Halbjahrhunderts spielten sich deshalb die schwersten Kämpfe zwischen Verstand und Herz ab. In sich unklare, unharmonische, zweifelnde, suchende Naturen sind typisch für dieses Halbjahrhundert.
Die meisten, die heute mit einem ernsteren Gemüte unter uns wandeln, spüren diese Kämpfe noch in ihrem Innern. Und selbst die Besten haben nur das Gefühl, die Befriedigung werde noch kommen; nicht aber, sie sei schon da. Unzählige Fragen entspringen uns aus diesen Kämpfen; Antworten hoffen wir erst von der Zukunft.
Der künftige Geschichtsschreiber unserer Zeit wird von ringenden, von fragenden Menschen zu erzählen haben. Und wenn er eine einzelne Persönlichkeit wird schildern wollen, in deren Seele sich alle die Kämpfe gespiegelt haben, die fünf Jahrzehnte bewegt haben, wird er Henrik Ibsen schildern müssen. Alle die fragwürdigen Gestalten, die unser Halbjahrhundert hervorbringen musste: in Ibsens Dramen treten sie uns entgegen. Und alle die Fragen, welche diese Zeit aufgeworfen hat: in diesen Werken finden wir sie wieder. Und weil diese Zeit eine solche der Fragen ist, auf die erst die Zukunft antworten wird, deshalb schließen Ibsens Dramen mit Fragen; und deshalb musste er von sich sagen:
«Ich frage meist, antworten ist mein Amt nicht.»
Man muss der Wahrheit die Ehre geben und eingestehen, dass Ibsen nicht der Mann war, der auf die großen Zeitfragen die Antwort wusste. Mit aller Kraft zu fragen verstand er: zu antworten vermochte er nicht. Er empfand das selbst, als er sagte:
«Ich meinesteils werde mit dem Erfolg der Arbeit meiner Lebenswoche zufrieden sein, wenn diese Arbeit dazu dienen kann, die Stimmung für den morgigen Tag zu bereiten. Aber zunächst und vor allem werde ich zufrieden sein, wenn sie dazu mithelfen kann, die Geister für diejenige Arbeitswoche zu stärken, welche nachher folgt.»
Ich möchte es als ein Glück ansehen, dass Ibsen nur ein Fragender ist. Denn dadurch, dass er nicht vermag zu Antworten zu kommen, ist er imstande, tief und gründlich zu fragen. Und weil wir mit ihm den vollen, tiefen Ernst höchster Fragen durchkosten, werden die Nachfolgenden zu tiefern Antworten kommen. Die Zerrissenheit und Unbefriedigung, die wir heute in uns tragen, wenn wir von seinen Dramen kommen, wird sich in Glück wandeln bei denen, die lösen werden, was wir knüpfen.
So verstehe ich Ibsen. Mir ist er eine Natur, die stark genug ist, das Problematische unserer Zeit als eigenes Weh zu empfinden; die aber nicht kräftig genug ist, unsere höchsten Ziele zu verwirklichen.
Ein Baumeister ist mir Ibsen, der die Türme baut, von denen wir unsere Welt überschauen sollen; den aber Schwindel befällt, wenn er selbst auf den Gipfeln dieser Türme stehen soll.
Ich stelle mir vor, dass es schwer sein muss, in unserer Zeit alt zu sein. Wer heute jung ist, der glaubt, dass er mit seinem Herzen noch nachkommen kann der Verstandeskultur, in welcher wir leben. Als Unmögliches erscheint solches Nachkommen dem alten Manne von heute. Zu tief verwachsen ist das Herz Ibsens selbst mit den Empfindungen, die vergangene Jahrhunderte uns anerzogen haben, als dass er zufrieden leben könnte mit dem stolzen Turmbau der Erkenntnis, den er mitgeschaffen hat.
Das Bekenntnis, dass ihn Schwindel ergreift bei dem eigenen Werke, hat er in der Weise eines großen Menschen in seinem «Baumeister Solneß» abgelegt.
Ich denke, der alte Meister wird sich freuen, wenn wir ihm heute an seinem Geburtstage sagen, dass wir ihn verstanden haben. Zur Freiheit wollte er in fünfzigjährigem Wirken die Menschen führen. Und die Freiheit ihm selbst gegenüber wollen wir uns wahren. Nicht blinde Verehrung; verehrende Erkenntnis soll er bei uns sehen, wenn wir uns grüßend an diesem Tage an ihn wenden.
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Wir halten es nicht für überflüssig, weil heute schnell und dadurch oft oberflächlich gelesen wird, die Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, dass Dr. R. Steiner hier nicht seine eigenen Anschauungen wiedergibt, sondern diejenigen einer Zeit, die durch Darwins Brille Dinge anschaute, welche auch tiefer angeschaut werden können. Wenn es auch dieselbe Richtung ist, nach welcher der moderne Geistesforscher blickt - das Tor der Naturerkenntnis, so ist es eine andere Sache, vor dem geöffneten Tore stehen zu bleiben oder hindurchzuschreiten und neue Horizonte zu erblicken. Notwendig ist es, durch jenes Tor zu dringen, - dann aber muss weiter geschritten werden. (Anm. v. Marie Steiner.) ↩