4. Hoffmann von Fallersleben
Zu seinem hundertsten Geburtstage
Der 2. April ruft die Erinnerung an eine liebenswürdige deutsche Dichternatur wach. Der Sänger von «Deutschland, Deutschland über alles» wurde im Jahre 1798 an diesem Tage geboren. Nicht eine imponierende, große Persönlichkeit war Hoffmann von Fallersleben, dieser Sänger, nicht einer der tonangebenden, führenden Geister, die ihrer Epoche die Richtung gaben. Vielmehr hat er alles, was er war, seiner Zeit zu verdanken. Was sie bewegte, sprach er aus. Nicht energisch schritt er ihr voran, sondern hingebungsvoll brachte er zum Ausdruck, was sie bewegte. Kein Treibender war er, sondern ein Getriebener. Die Verhältnisse und die Menschen gaben ihm die Richtung.
In Fallersleben verlebte Hoffmann seine Kindheit; sein Vater und seine Brüder hatten Regierungsämter inne. Sie waren brave, maßvolle Menschen, von durchaus liberaler Gesinnung. Keine extreme Vorstellung war in Hoffmanns Familie heimisch. Wichtige politische Ereignisse spielten sich ab, während Hoffmann aufwuchs. Napoleons Taten gaben der Zeit das Gepräge. Hoffmanns Familie gehörte nicht zu denen, welche energisch nach der einen oder anderen Seite Partei ergriffen. Schwache Leidenschaften nur konnte der Knabe beobachten. Starke Sympathien und Antipathien konnten sich deshalb auch nicht seiner Seele bemächtigen. Sein Wollen ist deshalb immer ein schwaches geblieben. Er will 1816 Theologie studieren. Die Göttinger Professoren gefallen ihm nicht. Ohne viel Kampf geht er zur Philologie über. Er will eine Reise nach Italien und Griechenland machen, um Winckelmanns Werk fortzusetzen. Die Begegnung mit Jacob Grimm genügt, um ihn von dieser schwachen Leidenschaft zu befreien und für das Studium der deutschen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft zu gewinnen. Und eben weil er keine starke Persönlichkeit ist, leistet er auf diesem Gebiete Anerkennenswertes. Als schmiegsamer Geist vertieft er sich in die Äußerungen des Volksgeistes und liefert musterhafte gelehrte Untersuchungen über diesen Geist. Und als schmiegsame Natur gelingt es ihm, aus diesem Volksgeiste heraus eigene Dichtungen zu schaffen, in denen dieser Geist lebt.
Und als sich der revolutionäre Sinn in Deutschland zu regen beginnt, ist unser Hoffmann wieder schmiegsam und hingebungsvoll genug, in volltönenden Dichtungen den neuen Idealen, dem Trotz und der Unzufriedenheit Worte zu verleihen. In richtigster Selbsterkenntnis hat er sich selbst das Zeugnis ausgestellt, als er wegen seiner «Unpolitischen Lieder» seine Breslauer Professur verlor. Er entschuldigte sich dem gestrengen Ministerium gegenüber, das ihn wegen seines revolutionären Dichtens aus dem Amte trieb, damit, dass er doch nur dem Drange seiner Zeit Worte geliehen habe.
Eine weniger hingebungsvolle Persönlichkeit hätte sich auch nicht so tief in die Kindesseele versenken und sie zum Ausdruck bringen können wie er. Man muss deshalb dem charakterstarken Treitschke durchaus zustimmen, wenn er von dem charakterschwachen Hoffmann anerkennend sagt: «Wer konnte mit ihm rechten, der in guten Stunden seinem Volke so tief ins treue Herz blickte, der, selber ohne Haus und Herd, in seinen Kinderliedern das holde Dämmerglück der deutschen Kinderwelt so warm, so wahr, so einfältig ohne einen einzigen falschen Ton moderner Niedlichkeit besang?»