31. Das Mädchen von Oberkirch
Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von Goethe
Einleitung
In der Weimarischen Goethe-Ausgabe ist zum ersten Male das Dramenfragment «Das Mädchen von Oberkirch» gedruckt. Nur der erste Auftritt, den wir hier vorlegen, ist ausgeführt. Der zweite bricht mitten in einem Satze ab. Zu den beiden Personen des ersten Auftrittes tritt der Geistliche Manner. Wir erfahren, dass der Baron sowohl wie Manner ehedem sich der revolutionären Bewegung angeschlossen hatten, aber zurückgeschreckt worden sind durch die Gräuel der Schreckensmänner. Im Laufe des Gespräches zeigt sich, dass auch Manner Marie liebt. Der Baron erklärt, dass er das Mädchen schon früher, in den «Zeiten des blühenden Glückes» «unter Bedingungen» zu der Seinigen habe machen wollen. Jetzt stützt er sich in erster Linie auf den Vorteil, den ihm und seiner Familie die Verbindung mit einer der edelsten Töchter des Volkes bringen würde. Er glaubt mit diesem Vernunftgrunde cher bei der Gräfin durchzudringen, als wenn er bloß seine Liebe, den eigentlichen Beweggrund, sprechen ließe. Manner findet, dass der Pöbel sich durch die Verbindung keineswegs gewinnen lassen werde, ebenso wenig wie durch das Benehmen des Prinzen, der sich den Namen der «Gleichheit» gab. «Die fürchterlichen Jakobiner sind nicht zu betrügen, sie wittern die Spur jedes rechtlichen Menschen und dürsten nach dem Blute eines jeden.» Als Manner sieht, dass sein Nebenbuhler durch diese Vorstellungen nicht wankend zu machen ist, fragt er diesen noch, ob er denn mit Marie einig sei. Der Baron muss bekennen, dass er noch nicht einmal daran gedacht habe, sich dieser Einwilligung zu vergewissern. Das Fragment bricht ab in dem Augenblicke, wo die Gräfin sich geneigt erklärt, mit dem Baron zu beraten, was in der gefährlichen Lage, in der sich die Familie befindet, das nützlichste sei.
Für die Fortsetzung liegt nur ein ganz ärmliches Schema vor.
A. 1. Baroness (so wird die Gräfin in dem Schema genannt), Baron. 2. Baroness, Baron. 3. Baroness, Baron, Manner. 4. Baroness, Baron, die Sansculotten. B. 1. Baroness, Marie. 2. Baroness, Marie, Manner. 3. Municipalität. C. 1. Baroness, Baron. 2. Baroness, Marie. 3. Marie. 4. Marie, Manner. 5. Marie. D. 1. Marie (mit dem Blatt). 2. Die Municipalität. 3. Das Münster. 4. Menge, Zug. 5. Anrede als Vernunft. 6. Anbetung. 7. Angeboten, Gemahl. 8. Umwendung. 9. Gefangennehmung. 5. Marie, Baron, Manner (beratschlagen sie zu retten), Sansculotten dazu.
Gustav Roethe, der Herausgeber des Dramenfragmentes in der Weimarischen Ausgabe, hat in den «Nachrichten der K. Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen» (Philologisch-historische Klasse 1895, Heft 4) eine Abhandlung veröffentlicht, in der er seine Ansichten über die Entstehungszeit und den Inhalt des «Mädchens von Oberkirch», wie er Goethe vorgeschwebt hat, veröffentlicht. Die Entstehungszeit hat Roethe zweifellos richtig bestimmt. In dem Stücke ist von dem unglücklichen Fürsten Philipp Egalit& die Rede, der am 6. November 1793 hingerichtet worden ist; ferner von dem Vernunftkult, der am 10. November 1793 in Paris zum ersten Male gefeiert und noch in demselben Monate in Straßburg nachgeäfft worden ist. Die Idee zu dem Drama ist also nach dieser Zeit entstanden. Die andere Zeitgrenze ergibt sich aus der Erwägung, dass das «Mädchen von Oberkirch» vor der «Natürlichen Tochter» entstanden sein muss. Beide Dichtungen sind Spiegelungen der Revolutionsereignisse in Goethes Geist. Aber die «Natürliche Tochter» stellt eine reifere Stufe dar. Goethe behandelt nicht mehr die Äußerungen der revolutionären Bewegung in einer außerhalb des Ursprungsortes der Revolution gelegenen Gegend; er sucht die sozialen Strömungen, die der großen Umwälzung zugrunde liegen, in Paris selbst auf. An der «Natürlichen Tochter» fing Goethe im Dezember 1799 an zu arbeiten. Zwischen 1794 und 1799 ist also der Plan zum «Mädchen von Oberkirch» entstanden. Bis hierher hat Roethe gewiss Recht. Die Tagebücher Goethes geben keinen Aufschluss über die Entstehung des Fragmentes. Roethe geht noch weiter und möchte aus Untersuchungen über den Prosastil Goethes, aus der Vergleichung der Figuren in den «Aufgeregten» (1793 oder 94) und in den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» (1794-95) mit denen im «Mädchen von Oberkirch» schließen, dass das Fragment den erstgenannten Dramen nahestehe und bald nach ihnen entstanden sei. Auch meint er, die Auffassung der Revolution sei in «Hermann und Dorothea» geklärter als im «Mädchen von Oberkirch». «Hermann und Dorothea» ist vor dem 9. September 1796 konzipiert. Daher soll das Dramenfragment 1795 oder 96 niedergeschrieben sein. Erwägungen darüber, ob ein Dichter bestimmte Stilwendungen gebraucht oder nicht, ob eine Figur in einem Werke reifer erscheint oder nicht, rühren aber von einer zu mechanischen Auffassung von dem Entwicklungsgange her, wenn es sich nur um einen Zeitraum von 7 Jahren handelt.
Für die hypothetische Bestimmung des Fortgangs der Handlung zieht Roethe die Geschichte von Straßburg heran, ohne auf diesem Wege zu einem Resultate zu gelangen. Auch der Umstand, dass die Handlung der «Göttin der Vernunft» von Heyse mit der des Goethe’schen Stückes im Wesentlichen übereinstimmt, ergibt nichts. Denn Heyse hat auf eine Anfrage Roethes (siehe die genannte Abhandlung S. 510) geantwortet, dass es ihm bei seinen Quellenstudien «mehr um die Stimmung der Zeit, als um genauere historische Fakta» zu tun war, und dass sein Drama auf freier Erfindung beruhe. So sieht sich denn Roethe genötigt, die mutmaßliche Handlung dadurch zu konstruieren, dass er das Schema interpretiert. Solche Interpretation hat aber immer etwas Bedenkliches. Nichts spricht dafür, dass Goethe das hingeworfene Gedankenschema bei der Ausarbeitung nicht in wichtigen Punkten umgestoßen hätte. Wer da nachkonstruiert, setzt sich der Gefahr aus, etwas zu konstruieren, was in der vermeintlichen Form nie zum Dasein gekommen wäre. Und wollte er sagen: aber für den Augenblick der Abfassung ist die Konstruktion richtig, so ist darauf zu erwidern: niemand kann wissen, wie viele Möglichkeiten, einen der hingeworfenen Punkte auszugestalten, dem Dichter mehr oder weniger klar durch den Kopf gegangen sind. Wer versuchen will, das Dramenfragment nach dem Plane zu Ende zu denken oder zu dichten, mag es tun. Er muss sich nur klar darüber sein, dass er es nicht mit Goethes, sondern mit seinem eigenen Werke zu tun hat.