32. Ein Wiener Dichter
Peter Altenberg
Vor einigen Wochen fiel mir in Wien das damals eben erschienene Buch «Ashantee» von Peter Altenberg in die Hände. Ich kannte das erste Werk dieses Dichters, «Wie ich es sche». Als es erschienen war, ging unter den jungen Wiener Literaten ein Jubel los, wie wenn der Dichtung nun ein neues Land erobert worden wäre. Wie wenn aus den Tiefen der Seele Töne herauf klängen, die bisher noch von keinem Ohre gehört worden sind. Ich konnte den Jubel nicht recht begreifen. Das ist mir in den letzten Jahren oft so gegangen, wenn ich hörte, da oder dort sei wieder ein gewaltiges Genie erstanden. Alte bekannte Weisen fand ich oft, wo die unbedingteste Originalität verkündet wurde. Auch mit Peter Altenberg war es nicht anders. Ich fand in «Wie ich es sehe» eine wirkliche Dichtung. Etwa vier Fünftel des Buches waren für mich unverdaulich; aber der Rest führte mich in Seelentiefen, die mir zwar nicht neu waren, in die ich dem Künstler aber mit sehnsüchtiger Liebe folgte. Er sprach von vielem Alltäglichen; aber er wusste ihm einen seltenen Glanz zu leihen; das Gemeine wird vornehm, wenn es aus seinem Munde kommt. Einen wahren Dichter, aber keinen von den großen, glaubte ich in Peter Altenberg zu erkennen. Von den Tiefen der Natur, von den Abgründen, den großen Leiden und Freuden der Menschenseele weiß Peter Altenberg nicht zu singen. Was den Menschen, der sich in die ewige Weltharmonie vertieft, am meisten interessiert, scheint ihm fremd zu sein. Das Kleinliche, das Unbedeutende, was an der Oberfläche der Dinge lebt, verklärt er dichterisch. Für philosophische Naturen ist er ungenießbar. Er hat ihnen nichts zu sagen. Für sie ist gar nicht vorhanden, wovon er spricht. Es ist ihnen das Zufällige, das Wertlose, das sie nichts angeht. Von den «ewigen Ideen» dringt kein Licht in Altenbergs Augen. Aber das nicht Ewige, das Zufällige leuchtet in seiner Hand wie in der Platos die «ewigen Ideen». Man muss eine gute Stunde haben, wenn man an Altenberg Gefallen finden soll. Man muss in der Stimmung sein zu tändeln, wollüstig in dem Kleinlichsten, dem Unbedeutendsten zu schwelgen. Wenn man nichts Rechtes mit seiner Zeit anzufangen weiß, dann greift man am besten zu seinen Büchern. In einer solchen Stimmung nahm ich auch sein neuestes Werk «Ashantee» vor. Und fand wieder den kleinen Dichter, den ich in «Wie ich es sehe» gefunden hatte. Ich schwelgte wieder in den wollüstigen Empfindungen, die das Unbedeutende, die Oberfläche der Dinge erregen. Nicht ganz aufrichtig aber schienen mir diese Empfindungen zu sein. Altenberg macht sich zuweilen etwas vor. Wenn ein ganz Kleines doch kein Gefühl in ihm erregen will, dann wird er zum Komödianten der Seele. Er spielt sich Empfindungen vor, die er nicht hat. Denn Altenberg ist schr kokett. Und nicht nur die Koketterie erinnert bei ihm an die Empfindungswelt der entarteten Frauennatur. Er hat einen ausgesprochen weibischen Zug. Ja, ich finde einen noch größeren Mangel bei ihm. Ihm fehlt das Knochengerüste des Geistes. Wie ein Kind, das mit verkrüppelten Knochen zur Welt kommt, wirkt er auf mich. Er scheint zu glauben, dass auch nur der kleinste Gedanke den Dichter schändet. Bald nachdem ich Altenbergs Buch gelesen hatte, fand ich in der Wiener Wochenschrift «Die Zeit» einen interessanten Aufsatz von Hermann Bahr über die Dichtung. Ich kann nichts dafür, aber mir ist alles interessant, was Bahr schreibt. Er ist kein Kritiker wie andere. Er geht nicht um die Schöpfungen herum, über die er spricht. Er kann mit einer beneidenswerten Behändigkeit in ihr Inneres kriechen. Und wenn er dann drinnen ist, dann sagt er oft Dinge, die so aufklärend über die Kunstwerke sind wie Keplers Gesetze über die Natur der Planeten. Ich dachte mir, auch über Peter Altenberg wird Hermann Bahr etwas Lichtbringendes sagen können. Als ich seinen Aufsatz zu lesen anfing, war ich ganz beschämt. Solch einen Erfolg wie Peter Altenberg wünscht sich Bahr. «Gleich der Liebling der Kenner und bei den Leuten des bloßen Verstandes so verhasst zu sein. Selig wandelt er, vielgeliebt, so dahin und lacht die dumme Menge der «Gescheiten» aus, die ihn nicht begreifen dürfen, die ihn hassen müssen; denn er ist der reine Künstler, der nirgends die Region des bloßen Verstandes streift; diesem fehlen die Organe für ihn ...» Nun wusste ich, wie es mit mir steht. Zwar hasse ich Peter Altenberg nicht. Aber ich bekam doch die Empfindung, dass mich sein Kritiker zu der dummen Menge der «Gescheiten» rechnen wird, die Altenberg «nicht begreifen dürfen». Hermann Bahr will nun in seinem Aufsatz zu den dummen «Gescheiten» oder den «Barbaren, wie Barres sie genannt hat, über Herrn Peter» sprechen. Und was erzählt der Kritiker den Barbaren? Dass jeder Mensch in seiner Jugend von Posa und Max geschwärmt und später im Leben gefunden hat, dass es in Wirklichkeit, auf der Straße, im Kaffeehause keinen Posa und keinen Max gibt. Und dass ein Drama, dessen Personen naturwahr geschildert sind, uns nicht befriedigt. Dass wir nicht zufrieden sind, wenn wir die Wäscherin und den Kellner, die wir aus dem Leben kennen, auch auf der Bühne antreffen. Die Wirklichkeit will doch idealisiert sein, wenn sie künstlerisch wirken soll, so lehrt Hermann Bahr. Aber was müssen wir tun, so fragt er, da wir doch in der Wirklichkeit keine Idealfiguren wie Götz oder Posa antreffen? Was die «dummen Gescheiten» tun sollen, um die Kunst zu entdecken, das hat Hermann Bahr mit wenigen Worten gesagt: «Nun, da weiß ich ihnen einen Lehrer. Da brauchen sie bloß zu unserm Herrn Peter zu gehen. Er hat das Glück, die Menschen zu lieben. Er sieht jeden Kommis mit seiner Liebe an, und so kann er den Max und den Posa in jedem Kaffeehause finden. Er hat den großen Blick der ewigen Liebe. Ich hätte ihnen das eigentlich kürzer sagen können, ich hätte bloß sagen sollen: er ist ein Dichter.»
Als ich das gelesen hatte, da fühlte ich mich doch wieder nicht so ganz als Barbar. Im Gegenteil. Hermann Bahr muss die elementarsten Wahrheiten, die trivialsten Dinge sagen, um die «Barbaren» zu Herrn Peter emporzuheben. Wie Bahr über Herrn Peter könnte man über die unbedeutendsten Dichterlinge sprechen. Aber am Schlusse des Aufsatzes kommt Bahrs wahre Empfindung zum Durchbruch. «Aber er ist nicht der naive Dichter, der nicht Gemeines sagen kann, weil es doch unter seinem Blick immer gleich zum Edlen verwandelt wird. Nein, unser Peter hat das Gemeine oft erblickt. Dann scheint der Dichter in ihm zu schlafen, er hört die nichtigen Reden der Leute und schaut ihre irdischen Gebrechen an. Es sind Pausen in seiner Liebe. Wird sie endlich wach, dann schreit er auf so selig, als ob nun auf einmal alle mesquinen Dinge unter dem Strahl seiner Güte verklärt wären, und in ihrer Verklärung muss er sich immer verwundert erinnern, wie arm sie doch eben noch gewesen sind. Er hat die Eigenheit, es dem Gretchen niemals zu vergessen, dass sie eben noch, bevor seine Liebe erwachte, eine dumme kleine Wäscherin war. Er ist ein Dichter, der fortwährend darüber staunt, dass er ein Dichter ist. Dies macht ihn uns lieb wie ein gutes Kind.» Das ist ja dieselbe Meinung, die ich mir auch über Herrn Peter gebildet habe. Der Dichter erwacht in ihm, wenn er die mesquinen Dinge in einem schönen Lichte schimmern sieht, das von ihrer Oberfläche ausgeht. Aber diese Schönheit ist eine zufällige. Man geht einen Schritt weiter, und dasselbe Ding, das erst noch wie ein Kristall gestrahlt hat, erscheint in seiner matten Gemeinheit. Könnte Herr Peter das wahrhaft Ewige in der dummen kleinen Wäscherin sehen und erschiene sie ihm dann als Gretchen: er müsste die dumme kleine Wäscherin völlig vergessen. Was mich von Hermann Bahr unterscheidet, ist also nur, dass ich bei dem «reinen Künstler», dem Herrn Peter, nicht übersehen kann, dass er für das Ewige in den Dingen, für das Rückgrat des Lebens keinen Sinn hat. Ich kann einmal den Glauben nicht aufgeben, dass man ganz «gescheit» sein kann und doch künstlerisch empfinden, ja sogar künstlerisch schaffen kann. Warum sitzt denn die «dumme Menge der Gescheiten» andächtig im Theater, während Gerhart Hauptmanns «Versunkene Glocke» gespielt wird?