71. «Die Wiedergeburt des Menschen»

Abhandlung über die sieben letzten Paragraphen von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts. Abgefasst von Gustav Hauffe.

Preisgekrönt von der Aug. Jenny-Stiftung durch die Jury des allgemeinen Deutschen Schriftsteller- Verbandes in Leipzig. Borna 1891, A. Jahnke

Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts» ist eine Fundstätte tiefsinniger Gedanken. Am besten hat das auseinandergesetzt Gideon Spicker in seinem Buche über Lessings Weltanschauung. Die sieben letzten Paragraphen der «Erziehung» handeln nun bekanntlich von der Metempsychose, das ist dem Auftreten der menschlichen Seelenindividualität in fortschreitenden Entwicklungsformen auf immer höherer Stufe. Dieser Idee ist das uns vorliegende Buch gewidmet. Die ersten Seiten (1-27) enthalten eine brauchbare Auseinandersetzung des Hauptgedankens, wie er sich bei Lessing findet. Von der durchsichtigen Klarheit dieser «Vorbemerkungen» wird wohl jeder Leser befriedigt sein. Weniger gut ist es dem Schreiber dieser Zeilen mit dem folgenden Inhalt gelungen, der eigene Gedanken Hauffes über Metempsychose mit Aussprüchen bedeutender Denker und Künstler aller Zeiten darüber zusammenwebt, und dem Übersichtlichkeit und Klarheit ganz fehlen. Eine Folge davon sind die unzähligen Wiederholungen eines und desselben Gedankens in den verschiedensten Wendungen. Der Inhalt müsste auf ein Drittel des Raumes beschränkt werden und die Disposition sich auf die verschiedenen Seiten stützen, von denen aus die Sache im Laufe der Zeiten aufgefasst worden ist. In diesem Falle müssten selbst die Bekenner ganz entgegengesetzter Anschauungen, zu denen ich mich zähle, für das Buch dankbar sein. Ein moderner Denker wird natürlich die Sätze wie zum Beispiel den folgenden nicht verstehen: «Wenn schon im gegenwärtigen Dasein ein Abbilden unseres Innern in leiblicher Erscheinung stattfindet, warum sollte uns dies künftig entzogen sein, da wir doch keine der wesentlich[en] innern Bedingungen verlieren, und die äußern Mittel dafür wohl auch sich finden werden, der künftigen Daseinsstufe gemäß?» In Urteilswendungen wie: «warum sollte nicht?» zu denken, hat sich die gebildete Menschheit längst abgewöhnt. Man könnte mit demselben Recht wie obigen Satz auch den niederschreiben: Wenn die Pflanze Wachstum und Ernährungsfähigkeit hat, warum sollte sie nicht auch eine Seele haben? Das sind durchaus vage Gedanken. Ungenauigkeiten wie die in der Anmerkung ($. 183) sollten nicht vorkommen: «Auch Goethe - nach einem alten Philosophen - sagt: «Ins Innere der Natur dringt kein erschaff’ner Geist.» Mit Verlaub: dies sagt nicht Goethe, sondern er zitiert den Satz als einen philisterhaften, auf den er «zwanzig Jahre flucht» (vgl. den Aufsatz: Freundlicher Zuruf. Weimarer Ausgabe, II. Abt., 6. Bd., S. 244ff). Wer den Ausspruch für einen Goethe’schen hält, der hat für Goethes Weltanschauung kein Verständnis. Auch an anderen Orten sind Stellen aus philosophischen Schriftstellern zitiert, die mit der Metempsychose nicht das Geringste zu tun haben, und die nicht verstanden und aus dem Zusammenhange gerissen sind.

German original of “The Rebirth of Man” · ← Previous · Next →