72. Der neue «Kürschner»

Der neue «Kürschner» ist diesmal mit großer Verspätung eingetroffen. Immer ungeduldiger wurde, je weiter es ins neue Jahr hineinging, die Frage all der Tausende, denen Kürschners «Literatur-Kalender» längst das unentbehrlichste, weil täglich in allen möglichen literarischen Angelegenheiten um Rat zu fragende Nachschlagebuch geworden ist, ob der «neue Kürschner» denn immer noch nicht komme, und weshalb er nur so lange ausbleiben möge. Wenn das Jahr zu Ende geht, mag man der Zuverlässigkeit des alten Kalenders nicht mehr recht trauen, die Literatur ist wie ein rasch fließender Strom, jede Welle bringt Neues; und die Literaten selbst sind ein gar wandelhaftes Volk. Da veraltet in Jahresfrist viel, und nach dem fälligen neuen Jahrgang des Kalenders, der sich’s zur Aufgabe gestellt hat, die etwa fünfzehntausend in deutscher Zunge dichtenden und schreibenden Männlein und Weiblein nach Wohnsitz und Wirken nachzuweisen, wird die Frage mit jedem Tage, den er ausbleibt, eine brennendere. Und nun erst, mit dem hereinbrechenden Frühling, stellte er sich endlich ein. Weil er fortan ein Frühlingsbote sein will, mussten wir an [die] arge, unfassbare Verspätung glauben. Es ist vielleicht ganz richtig, dass der «Kürschner» nunmehr zum April statt zu Jahresbeginn erscheinen wird. Denn da es vor allen Dingen ein zuverlässiges Adressbuch sein soll und die meisten Wohnungsveränderungen auch unter den Männern der Feder mit dem bürgerlichen Ziehtermin zusammenfallen, so erscheint die Verlegung des Erscheinens von Kürschners Literaturkalender vom Jahres- auf den Frühlingsanfang durchaus gerechtfertigt. - Vollständiger und reichhaltiger wiederum als der frühere Jahrgang stellt sich der heurige dar, trotzdem, wie das Vorwort seines Herausgebers sagt, eine Reihe von «Xen» ausgemerzt sind —, gottlob! da sie als unnützer Ballast sich durch die Jahrgänge schleppten. Und dennoch, und trotzdem der diesjährige Band gegen den vorjährigen auch nicht unwesentlich dünner erscheint, hat sich die Seitenzahl wieder um zweiunddreißig vermehrt. Das Papier ist dabei nicht schlechter und nicht dünner geworden; die angenehme Schlankheit des «neuen Kürschners» ist also wohl dem Buchbinder der von Stuttgart nach Leipzig übergesiedelten Göschen’schen Buchhandlung zu verdanken.

German original of The New “Kürschner” · ← Previous · Next →