88. Marie Krestowski: «Der Sohn»

In der von Felix Heinemann herausgegebenen «Romanwelt» erschien vor kurzem eine Erzählung der russischen Schriftstellerin Marie Krestowski «Der Sohn», die eine ganz besondere Beachtung verdient. Ein Mann hat seine Frau verloren und lebt nach ihrem Tode von der Erinnerung an das Glück, das ihm das innig geliebte Weib einst gebracht, und von den Gefühlen, die er für den Sohn hegt, den sie ihm hinterlassen hat. In fesselnder Weise, mit seltener Seelendarstellungsgabe wird nun geschildert, wie gewisse Vorgänge dem Mann allmählich die Erkenntnis beibringen, dass der Sohn der Frau nicht auch sein Sohn, dass ihm die Frau die Treue gebrochen hat. Der Ehebrecher ist noch dazu ein Jugendfreund des Betrogenen, den er selbst ins Haus geladen hat, zu dem er restloses Vertrauen gehabt hat. Diese große Vertrauensseligkeit wird allerdings etwas unwahr; dafür ist die Wirkung der Erkenntnis auf das Gemüt des Mannes in hinreißender Weise erzählt. Der Blick des Geistes schweift beim Lesen weit über den einzelnen Fall hinaus. Wie viel ähnliche Unwahrheit mag im Leben walten, die nicht durch die Macht der Tatsachen enthüllt wird gleich diesem Eheglück! Es ist die Art wirklicher Dichter, den einzelnen Fall so individuell zu gestalten, dass wir einen zweiten nicht finden können, der ihm gleicht, und zugleich eine große Wahrheit auszusprechen, von der wir die Empfindung haben, dass sie sich unzählige Male in der Wirklichkeit zeigt.

German original of Marie Krestowski: “The Son” · ← Previous · Next →