Astronomy as Compared to Other Sciences
GA 323 — 2 January 1921, Stuttgart
Zweiter Vortrag
Ich habe gestern zwei nach unseren gegenwärtigen Anschauungen zunächst scheinbar weit auseinanderliegende Wissenschaftszweige in einer Art von Verbindung gezeigt. Ich versuchte nämlich zu zeigen, daß die Wissenschaft der Astronomie uns gewisse Erkenntnisse geben soll, welche verwertet werden müssen in einem ganz anderen Wissenschaftszweige, von dem man heute eine solche Betrachtung, die sich auf astronomische Tatsachen bezieht, gänzlich ausschließt; daß, mit anderen Worten, die Astronomie verbunden werden muß mit der Embryologie; daß man die Erscheinungen der Entwickelung der Zelle, insbesondere der Geschlechtszelle, nicht verstehen kann, ohne zu Hilfe zu rufen die scheinbar von der Embryologie so entfernt liegenden Tatsachen der Astronomie.
Ich habe darauf hingewiesen, wie eine wirkliche Umgruppierung innerhalb unseres wissenschaftlichen Lebens wird eintreten müssen, weil man heute ja vor der Tatsache steht, daß einfach der Mensch, der einen gewissen Bildungsgang durchmacht, sich nur hineinfindet in die heutigen abgezirkelten Wissenschaftskategorien und dann nicht die Möglichkeit hat, dasjenige, was nur so behandelt wird in abgezirkelten Wissenschaftskategorien, anzuwenden auf Gebiete, die der Sache nach naheliegen, die er aber eigentlich nur nach Gesichtspunkten kennenlernt, nach denen sie nicht ihr volles Antlitz zeigen. Wenn es einfach, wie im Verlauf dieser Vorträge sich zeigen wird, wahr ist, daß wir die aufeinanderfolgenden Stadien der embryonalen Entwickelung des Menschen nur verstehen können, wenn wir ihr Gegenbild verstehen, die Erscheinungen des Himmels; wenn das wahr ist - und es wird sich eben zeigen, daß das wahr ist -, dann können wir nicht Embryologie treiben, ohne Astronomie zu treiben. Und wir können auf der anderen Seite nicht Astronomie treiben, ohne gewisse Ausblicke zu schaffen in die embryologischen Tatsachen. Wir studieren mit der Astronomie ja dann etwas, was eigentlich seine bedeutsamste Wirkung zeigt bei der Entwickelung des menschlichen Embryos. Und wie sollen wir uns denn über Sinn und Vernünftigkeit der astronomischen Tatsachen aufklären, wenn wir dasjenige, worin sie gerade diesen Sinn und diese Vernünftigkeit zeigen, in gar keinen Zusammenhang mit ihnen bringen?
Sie sehen, wieviel heute notwendig ist, um zu einer vernünftigen Weltanschauung zu kommen heraus aus dem Chaos, in dem wir gerade im wissenschaftlichen Leben drinnen stecken. Wenn man aber nur dasjenige nimmt, was heute gang und gäbe ist, so wird es einem außerordentlich schwer, zunächst auch nur in einem allgemeinen Gedanken so etwas zu fassen, wie ich gestern charakterisiert habe. Denn es hat eben die Zeitentwickelung mit sich gebracht, daß man die astronomischen Tatsachen nur mit Mathematik und Mechanik erfaßt und daß man die embryologischen Tatsachen in einer solchen Weise registriert, daß man bei ihnen gänzlich absieht von alledem, was mathematisch-mechanisch ist, oder höchstens, wenn man das Mathematisch-Mechanische in irgendeine Beziehung zu ihnen bringt, dies in einer ganz äußerlichen Weise tut, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wo der Ursprung desjenigen ist, was sich auch als Mathematisch-Mechanisches ausdrücken könnte in der embryologischen Entwickelung.
Nun braucht man nur auf ein Diktum hinzuweisen, das Goethe aus einer gewissen Empfindung, Erkenntnisempfindung möchte ich es nennen, heraus gesprochen hat, das aber im Grunde doch auf etwas außerordentlich Bedeutsames hinweist. Sie können darüber nachlesen in Goethes «Sprüchen in Prosa» und in dem Kommentare, den ich dazugefügt habe in der Ausgabe in der «Deutschen National-Litteratur», wo ich über diese Stelle ausführlich spreche. Goethe sagt da, daß man die Naturerscheinungen so abgesondert vom Menschen betrachtet, daß man immer mehr und mehr bestrebt ist, die Naturerscheinungen nur so zu betrachten, daß man auf den Menschen gar keine Rücksicht nimmt. Er glaubte dagegen, daß die Naturerscheinungen ihre wahre Bedeutung erst dann zeigen, wenn man sie durchwegs im Zusammenhang mit dem Menschen, mit der ganzen menschlichen Organisation ins Auge faßt. Damit hat Goethe hingewiesen auf eine Forschungsart, die heute im Grunde genommen verpönt ist. Man möchte heute zur Objektivität dadurch kommen, daß man über die Natur ganz in Absonderung vom Menschen forscht. Nun zeigt sich ja das ganz besonders bei solchen Wissenschaftszweigen, wie die Astronomie einer ist. Da nimmt man ja heute schon gar nicht mehr irgendwie Rücksicht auf den Menschen, Man ist im Gegenteil stolz darauf geworden, daß die scheinbar objektiven Tatsachen das Resultat zutage gefördert haben, daß der Mensch nur solch ein Staubpunkt ist auf der zum Planeten zusammengeschmolzenen Erde, welche sich im Raume, zunächst um die Sonne, dann mit der Sonne oder sonst im Raume bewegt; daß man keine Rücksicht zu nehmen braucht auf diesen Staubpunkt, der da auf der Erde herumwandelt; daß man nur Rücksicht zu nehmen braucht auf das, was außermenschlich ist, wenn man vor allen Dingen die großen Himmelserscheinungen ins Auge faßt. Nur frägt es sich, ob denn wirklich auf eine solche Weise reale Resultate zu gewinnen sind.
Ich möchte noch einmal aufmerksam darauf machen, wie der Gang der Betrachtung gerade in diesen Vorträgen sein muß: Dasjenige, was Sie als Beweise empfinden werden, wird sich erst im Laufe der Vorträge ergeben. Es muß manches heute aus der Anschauung herausgeholt werden, um zunächst gewisse Begriffe zu bilden. Wir werden zunächst gewisse Begriffe bilden müssen, die wir erst haben müssen, und dann werden wir zum Verifizieren dieser Begriffe schreiten können.
Woher können wir denn überhaupt etwas Reales über die Himmelserscheinungen gewinnen? Diese Frage muß uns vor allen Dingen beschäftigen. Können wir dutch die bloße Mathematik, die wir anwenden auf die Himmelserscheinungen, über dieselben irgend etwas gewinnen? Der Gang der menschlichen Erkenntnisentwickelung kann schon enthüllen - wenn man nicht gerade auf dem Hochmutsstandpunkt steht, daß wir es heute «ganz herrlich weit gebracht» haben und alles übrige, was vorher gelegen hat, kindisch war —, wie die Gesichtspunkte sich verschieben können.
Sehen Sie, man kommt von gewissen Ausgangspunkten aus zu einer großen Verehrung desjenigen, was für die Himmelsbeobachtung geleistet haben zum Beispiel die alten Chaldäer. Die alten Chaldäer haben außerordentlich genaue Beobachtungen über den Zusammenhang der menschlichen Zeitrechnung mit den Himmelserscheinungen gehabt. Sie haben eine außerordentlich bedeutsame Kalenderwissenschaft gehabt. Und vieles, was heute uns wie eine selbstverständliche Handhabung der Wissenschaft erscheint, führt eigentlich in seinen Anfängen auf die Chaldäer zurück. Und dennoch waren die Chaldäer zufrieden damit, sich das mathematische Bild des Himmels so vorzustellen, daß die Erde eine Art von flacher Scheibe wäre, über die sich hinübergewölbt hat die halbe Hohlkugel des Himmelsgewölbes, an der die Fixsterne angeheftet waren, gegenüber welcher sich die Planeten bewegt haben - zu den Planeten haben sie auch die Sonne gerechnet. Sie haben ihre Rechnungen angestellt, indem sie dieses Bild zugrunde gelegt haben, und sie haben in hohem Maße richtige Berechnungen gemacht trotz der Zugrundelegung dieses Bildes, das selbstverständlich die heutige Wissenschaft als einen Grundirrtum, als etwas Kindliches bezeichnen kann.
Die Wissenschaft, oder besser gesagt die Wissenschaftstichtung, ist dann fortgeschritten. Wir können auf eine Etappe hinweisen, in welcher man sich vorgestellt hat, daß die Erde zwar stillsteht, daß aber Venus und Merkur sich um die Sonne bewegen, daß also gewissermaßen die Sonne den Mittelpunkt abgibt für die Bewegung von Venus und Merkur, die anderen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn, sich aber noch um die Erde bewegen, nicht um die Sonne, der Fixsternhimmel wiederum sich um die Erde bewegt.
Wir finden dann, wie fortgeschritten wird dazu, daß man nun auch um die Sonne sich herumbewegen ließ den Mars, den Jupiter, den Saturn, daß man aber immer noch die Erde stille stehen ließ und nun die Sonne mit den sich um sie herumbewegenden Planeten um die Erde herum sich bewegen ließ und den Sternenhimmel dazu. Im Grunde genommen war das noch die Ansicht des Tycho de Brahe, während sein Zeitgenosse Kopernikus dann die andere Auffassung geltend gemacht hat, daß die Sonne als stillstehend anzusehen wäre, die Erde zu den Planeten hinzuzurechnen sei und sich mit den Planeten um die Sonne herumbewege. Hart aneinander stoßen in der Zeit des Kopernikus eine Anschauung, die schon im alten Ägypten da war, von der stillstehenden Erde, von den um die Sonne sich bewegenden anderen Planeten, die noch Tycho de Brahe vertrat, und die Anschauung des Kopernikus, die radikal brach mit dem Annehmen des Koordinatenmittelpunktes im Mittelpunkt der Erde, die den Koordinatenmittelpunkt einfach in den Mittelpunkt der Sonne verlegte. Denn im Grunde genommen war das ganze Umändern des Kopernikus nichts anderes als dieses, daß der Koordinatenmittelpunkt verlegt worden ist von dem Mittelpunkt der Erde in den Mittelpunkt der Sonne.
Welches war denn eigentlich die Frage des Kopernikus? - Die Frage des Kopernikus war: Wie kommt man dazu, diese kompliziert erscheinende Planetenbewegung - denn so erscheint sie von der Erde aus beobachtet — auf einfachere Linien zurückzuführen? Wenn man von der Erde aus die Planeten betrachtet, muß man allerlei Schleifenlinien ihren Bewegungen zugrunde legen, etwa solche Linien (Fig. 1). Wenn man also den Mittelpunkt der Erde als Koordinatenmittelpunkt ansieht, hat man nötig, außerordentlich komplizierte Bewegungskurven den Planeten zugrunde zu legen. Kopernikus sagte sich etwa: Ich verlege einmal zunächst probeweise den Mittelpunkt des ganzen Koordinatensystems in den Mittelpunkt der Sonne, dann reduzieren sich die komplizierten PlanetenbewegungsKurven auf einfache Kreisbewegungen oder, wie später gesagt worden ist, auf Ellipsenbewegungen. Es war das Ganze nur ein Konstruieren eines Weltensystems mit dem Zwecke, die Planetenbahnen in möglichst einfachen Kurven darstellen zu können.

Nun, heute liegt ja eine sehr merkwürdige Tatsache vor. Dieses kopernikanische System, das läßt natürlich, wenn man es anwendet als rein mathematisches System, die Berechnungen, die man braucht, ebensogut auf die Wirklichkeit anwenden wie irgendein anderes früheres. Man kann mit dem alten chaldäischen, mit dem ägyptischen, mit dem tychonischen, mit dem kopernikanischen System Mond- und Sonnenfinsternisse berechnen. Man kann also die äußeren auf Mechanik, auf Mathematik beruhenden Vorgänge am Himmel voraussagen. Das eine System eignet sich dazu ebensogut wie das andere. Es kommt nur darauf an, daß man gewissermaßen mit dem kopernikanischen System die einfachsten Vorstellungen verbinden kann. Nur liegt das Eigentümliche vor, daß eigentlich in der praktischen Astronomie »1cht mit dem kopernikanischen System gerechnet wird. Kurioserweise wendet man, um die Dinge herauszubekommen, die man zum Beispiel in der Kalenderwissenschaft braucht, das tychonische System an! So daß man eigentlich heute folgendes hat: Man rechnet nach dem tychonischen System, richtig ist das kopernikanische System. Aber gerade daraus zeigt sich ja, wie wenig ganz Prinzipielles, wie wenig Wesenhaftes eigentlich bei diesen Darstellungen in rein mathematischen Linien und mit der Zugrundelegung mechanischer Kräfte in Betracht gezogen wird.
Nun liegt noch etwas anderes, sehr Merkwürdiges vor, das ich heute zunächst nur andeuten will, damit wir, möchte ich sagen, über das Ziel unserer Vorträge uns verständigen, über das ich schon in den nächsten Vorträgen sprechen will. Es liegt das Merkwürdige vor, daß nun Kopernikus aus seinen Erwägungen heraus drei Hauptsätze seinem Weltensystem zugrunde legt. Der eine Hauptsatz ist der, daß sich die Erde in 24 Stunden um die eigene Nord-Süd-Achse dreht. Das zweite Prinzip, das Kopernikus seinem Himmelsbilde zugrunde legt, ist dieses, daß die Erde sich um die Sonne herum bewegt, daß also eine Revolution der Erde um die Sonne vorhanden ist, daß dabei natürlich sich die Erde auch in einer gewissen Weise dreht. Diese Drehung geschieht aber nicht um die Nord-Süd-Achse der Erde, die immer nach dem Nordpol hinweist, sondern um die Ekliptikachse, die ja einen Winkel bildet mit der eigentlichen Erdachse. So daß also gewissermaßen die Erde eine Drehung erfährt während eines vierundzwanzigstündigen Tages um ihre Nord-Süd-Achse, und dann, indem sie ungefähr 365 solcher Drehungen im Jahre ausführt, kommt noch dazu eine andere Drehung, eine Jahresdrehung, wenn wir absehen von der Bewegung um die Sonne. Nicht wahr, wenn sie sich immer so umdreht und sich noch einmal um die Sonne dreht, ist das so, wie sich der Mond um die Erde dreht, der dieselbe Fläche uns immer zuwendet. Das tut die Erde auch, indem sie sich um die Sonne dreht, aber nicht um dieselbe Achse, um die sie sich dreht, indem sie die tägliche Achsendrehung ausführt. Sie dreht sich also gewissermaßen in diesem Jahrestag, der zu den Tagen hinzukommt, die nur 24 Stunden lang sind, um eine andere Achse.
Das dritte Prinzip, das Kopernikus geltend macht, ist dieses, daß nun nicht nur eine solche Drehung zustande kommt der Erde um die Nord-Süd-Achse und eine zweite um die Ekliptikachse, sondern daß noch eine dritte Drehung stattfindet, welche sich darstellt als eine rückläufige Bewegung der Nord-Süd-Achse um die Ekliptikachse selber. Dadurch wird in einem gewissen Sinne die Drehung um die Ekliptikachse wiederum aufgehoben. Dadurch weist die Erdachse stets auf den Nordpol (den Polarstern) hin. Während sie sonst, indem sie um die Sonne herumgeht, eigentlich einen Kreis beziehungsweise eine Ellipse beschreiben müßte um den Ekliptikpol, weist sie dutch ihre eigene Drehung, die im entgegengesetzten Sinne erfolgt - jedesmal, wenn die Erde ein Stück weiter rückt, dreht sich die Erdachse zurück -, immerfort auf den Nordpol hin. Kopernikus hat dieses dritte Prinzip angenommen, daß das Hinweisen auf den Nordpol dadurch geschieht, daß die Erdachse selber durch eine Drehung in sich, eine Art Inklination, fortwährend die andere Drehung aufhebt. So daß diese eigentlich im Laufe des Jahres nichts bedeutet, indem sie fortwährend aufgehoben wird. In der neueren Astronomie, die auf Kopernikus aufgebaut hat, ist das Eigentümliche eingetreten, daß man die zwei ersten Hauptsätze gelten läßt und den dritten ignoriert und sich über dieses Ignorieren des dritten Satzes in einer Art, ich möchte sagen, mit leichter Hand hinwegsetzt, indem man sagt: Die Sterne sind so weit weg, daß eben die Erdachse, auch wenn sie immerfort parallel bleibt, nach demselben Punkte immer zeigt. - So daß man also sagt: Die Nord-Süd-Erdachse bleibt bei dieser Drehung um die Sonne immer zu sich parallel. - Das hat Kopernikus nicht angenommen, sondern er hat eine fortwährende Drehung der Erdachse angenommen. Man steht also nicht auf dem Standpunkte des kopernikanischen Systems, sondern man hat, weil es einem bequem war, die zwei ersten Hauptsätze des Kopernikus genommen, den dritten weggelassen und sich in das Geflunker verloren, daß man das nicht anzunehmen brauche, daß die Erdachse sich bewegen müßte, um nach demselben Punkte zu zeigen, sondern der Punkt sei so weit weg, daß, wenn die Achse sich auch vorwärtsschiebt, sie doch auf denselben Punkt zeigt. Jeder wird einsehen, daß das einfach ein Geflunker ist. So daß wir also heute ein kopernikanisches System haben, das eigentlich ein ganz wichtiges Element wegläßt.

Man stellt die Geschichte der modernen Astronomie-Entwickelung durchaus so dar, daß kein Mensch diese Tatsache bemerkt, daß man eine wichtige Sache wegläßt. Nur dadurch aber ist man überhaupt imstande, noch immer die Geschichte so schön zu zeichnen, daß man sagt: Hier die Sonne, die Erde geht herum in einer Ellipse, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht (Fig. 2). Und nun ist man ja nicht mehr in der Lage gewesen, bei dem kopernikanischen Ausgangspunkt stehen zu bleiben, daß die Sonne stillstehe. Man gibt der Sonne eine Bewegung, aber man bleibt dabei, daß die Sonne fortrückt mit der ganzen Ellipse, daß irgend etwas entsteht, immer neue Ellipsen (Fig. 3). Man fügt einfach, indem man genötigt ist, die Sonnenbewegung einzuführen, zu dem, was man schon hat, ein Neues hinzu, und man bekommt dann auch eben eine mathematische Beschreibung heraus, die ja allerdings bequem ist, bei der man aber nach den Wirklichkeits-Möglichkeiten, nach den Wirklichkeiten wenig frägt. Wir werden sehen, daß man nach dieser Methode nur nach der Stellung der Sterne, der scheinbaren Stellung der Sterne, bestimmen kann, wie die Erde sich bewegt, und daß es eine große Bedeutung hat, ob man eine Bewegung, die man notwendig annehmen muß, nämlich die Inklination der Erdachse, die fortwährend die jährliche Drehung aufhebt, annimmt oder nicht. Denn man bekommt ja doch resultierende Bewegungen heraus, indem man sie zusammensetzt aus den einzelnen Bewegungen. Läßt man eine weg, so ist es schon zusammen nicht mehr richtig. Daher ist die ganze Theorie in Frage gestellt, ob nun gesagt werden kann, daß die Erde sich in einer Ellipse um die Sonne dreht.

Sie sehen einfach aus dieser historischen Tatsache, daß heute in der scheinbar sichersten, weil mathematischsten Wissenschaft, in der Astronomie, brennende Fragen vorliegen, brennende Fragen, die sich einfach aus der Geschichte ergeben. Und daraus entsteht dann die Frage: Ja, wodurch lebt man denn in einer solchen Unsicherheit gegenüber dem, was eigentlich astronomische Wissenschaft ist? Und da muß man weiter fragen, muß die Frage nach einer anderen Richtung lenken: Kommt man denn überhaupt durch eine bloß mathematische Betrachtung zu irgendeiner realen Sicherheit? Bedenken Sie doch nur, daß, indem man mathematisch betrachtet, man die Betrachtung heraushebt aus jeder äußeren Realität. Das Mathematische ist etwas, was aus unserem Innern aufsteigt. Man hebt sich heraus aus jeder äußeren Realität. Daher ist es schon von vorneherein zu fassen, daß, wenn man nun mit einer Betrachtungsweise, die sich heraushebt aus jeder Realität, an die äußere Realität herantritt, man unter Umständen tatsächlich nur zu etwas Relativem kommen kann.
Ich will im voraus bloße Erwägungen hinstellen. Wir werden schon hinkommen zur Wirklichkeit. Es handelt sich darum, daß vielleicht das vorliegt, daß man, indem man bloß mathematisch betrachtet und seine Betrachtung nicht genügend mit Wirklichkeit durchdringt, gar nicht genügend energisch Wirklichkeit in der Betrachtung drinnen hat, um an die Erscheinungen der Außenwelt richtig herantreten zu können. Das fordert dann auf, eventuell doch näher die Himmelserscheinungen an den Menschen heranzuziehen und sie nicht nur ganz abgesondert vom Menschen zu betrachten. Es war ja nur ein Spezialfall dieses Heranziehens an den Menschen, wenn ich sagte: Man muß dasjenige, was draußen am gestirnten Himmel vor sich geht, in seinem Abdruck in den embryonalen Tatsachen sehen. Aber betrachten wir die Sache zunächst etwas oberflächlicher. Fragen wir, ob wir vielleicht einen anderen Weg als denjenigen finden, der bloß auf das Mathematische losgeht in bezug auf die Himmelserscheinungen.
Da können wir in der Tat die Himmelserscheinungen in ihrem Zusammenhang mit dem irdischen Leben zunächst qualitativ an den Menschen etwas näher heranbringen. Wir wollen heute nicht verschmähen, scheinbar elementare Betrachtungen zugrunde zu legen, weil diese elementaren Betrachtungen gerade ausgeschlossen werden von demjenigen, was man heute der Astronomie zugrunde legt. Wollen wir einmal uns fragen: Wie nehmen sich denn die Dinge aus, die auch hineinspielen in das astronomische Betrachten, wenn wir das menschliche Leben auf der Erde ins Auge fassen? Da können wit in der Tat die äußeren Erscheinungen um den Menschen herum aus drei verschiedenen Gesichtspunkten heraus betrachten. Wir können sie betrachten von dem Gesichtspunkte, den ich nennen möchte den des solarischen Lebens, des Sonnenlebens, den des lunarischen Lebens und den des tertestrischen, des tellurischen Lebens.
Betrachten wir zunächst ganz populär, eben elementar, wie sich diese drei Gebiete um den Menschen und am Menschen abspielen. Da zeigt sich uns ganz klar, daß etwas auf der Erde in einer durchgreifenden Abhängigkeit ist vom Sonnenleben; vom Sonnenleben, innerhalb dessen wir dann auch jenen Teil suchen werden, der Bewegung oder Ruhe und so weiter der Sonne ist. Wollen wir aber zunächst vom Quantitativen absehen und heute einmal auf das Qualitative sehen, wollen wir einmal versuchen, uns klarzumachen, wie zum Beispiel die Vegetation irgendeines Erdengebietes von dem solarischen Leben abhängt. Da brauchen wir ja in bezug auf die Vegetation nur dasjenige, was allbekannt ist, uns vor Augen zu rufen, den Unterschied der Vegetationsverhältnisse im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und wir werden sagen können: Wir sehen in der Vegetation selber eigentlich den Abdruck des solarischen Lebens. Die Erde öffnet sich auf einem bestimmten Gebiet demjenigen, was außer ihr am Himmelsraum ist, und dieses Öffnen zeigt sich uns in der Entfaltung des vegetativen Lebens. Verschließt sie sich wiederum dem solarischen Leben, so tritt die Vegetation zurück.
Wir finden aber eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem bloß Tellurischen und dem Solarischen. Fassen wir nur einmal ins Auge, welcher Unterschied besteht gerade innerhalb des solarischen Lebens, wenn das tellurische Leben ein anderes wird. Wir müssen elementare Tatsachen zusammentragen. Sie werden dann sehen, wie uns dies weiterführt. Nehmen wir einmal Ägypten und Peru als zwei Gebiete in der tropischen Zone, Ägypten als Tiefebene, Peru als Hochebene. Nun, vergleichen Sie die Vegetation, dann werden Sie sehen, wie das Tellurische, also einfach die Entfernung vom Mittelpunkt der Erde, hineinspielt in das solarische Leben. Sie brauchen also nur die Vegetation über die Erde hin zu verfolgen und die Erde nicht bloß als Mineralisches zu betrachten, sondern das Pflanzliche dazu zu rechnen zur Erde, so haben Sie im Bilde der Vegetation einen Anhaltspunkt, um über die Beziehungen des Irdischen zum Himmlischen Anschauungen zu bekommen. Ganz besonders bekommen wir sie aber, wenn wir auf das Menschliche Rücksicht nehmen.
Da haben wir zunächst zwei Gegensätze auf der Erde: das Polarische und das Tropische. Die Wirkung dieses Gegensatzes zeigt sich ja deutlich im menschlichen Leben. Nicht wahr, das polarische Leben bringt im Menschen einen gewissen geistig-apathischen Zustand hervor. Der schroffe Gegensatz, ein langer Winter und langer Sommer, die fast Tag- und Nacht-Bedeutung haben, bringt im Menschen eine gewisse Apathie hervor, so daß man sagen kann, da lebt der Mensch in einem Weltmilieu drinnen, das ihn apathisch macht. In der tropischen Gegend lebt der Mensch auch in einem Weltmilieu drinnen, das ihn apathisch macht. Aber der Apathie der polarischen Gegenden liegt eine äußere spärliche Vegetation zugrunde, die auf eigentümliche Weise auch da, wo sie sich entfaltet, mager, spärlich ist. Der tropischen Apathie des Menschen liegt zugrunde eine reiche, üppige Vegetation. Und aus diesem Ganzen der Umgebung kann man sagen: Die Apathie, die den Menschen befällt in polarischen Gegenden, ist eine andere Apathie als diejenige, die den Menschen befällt in tropischen Gegenden. Apathisch wird er in beiden Gegenden, aber die Apathie ergibt sich gewissermaßen aus verschiedenen Untergründen. In der gemäßigten Zone ist ein Ausgleich vorhanden. Da entwickeln sich, möchte ich sagen, in einem gewissen Gleichgewicht die menschlichen Fähigkeiten.
Nun wird niemand daran zweifeln, daß das etwas zu tun hat mit dem solarischen Leben. Aber wie ist der Zusammenhang mit dem solarischen Leben? Sehen Sie, wenn man - wie gesagt, ich will zuerst einiges dutch Anschauen entwickeln, damit wir zu Begriffen kommen -, wenn man den Dingen zugrunde geht, findet man, daß das polarische Leben auf den Menschen so wirkt, daß das Sonnenleben zunächst stark sich da auslebt. Die Erde entringt sich da dem Sonnenleben, sie läßt ihre Wirkungen nicht von unten herauf in die Vegetation schießen. Der Mensch ist dem eigentlichen Sonnenleben ausgesetzt — Sie müssen nur das Sonnenleben nicht bloß in der Wärme suchen -, und daß er das ist, bezeugt das Aussehen der Vegetation.
Wir haben also ein Überwiegen des solarischen Einflusses in der polarischen Zone. Welches Leben überwiegt in der tropischen Zone? Dort überwiegt das tellurische Leben, das Erdenleben. Das schießt in die Vegetation hinein. Das macht die Vegetation üppig, reich. Das benimmt dem Menschen auch das Gleichmaß seiner Fähigkeiten, aber es kommt von einer anderen Seite her im Norden wie im Süden. Also, in polarischen Gegenden unterdrückt das Sonnenlicht seine innere Entfaltung; in den tropischen Gegenden unterdrückt dasjenige, was von der Erde aufschießt, seine inneren Fähigkeiten. Und wir sehen einen gewissen Gegensatz, den Gegensatz, der sich zeigt in einem Überwiegen des solarischen Lebens um den Pol herum; in einem Überwiegen des tellurischen Lebens in den tropischen Gegenden, in der Äquatornähe.
Und wenn wir dann hinschauen auf den Menschen und die menschliche Gestalt ins Auge fassen, dann werden wir uns sagen: Dasjenige, was — bitte nehmen Sie zunächst nur als Paradoxie das hin, wenn ich jetzt die menschliche Gestalt in einem gewissen Sinne ernst nehme - in der äußeren Gestalt nachbildet den Weltenraum, die Kugel, die Sphärengestalt des Weltenraumes — das menschliche Haupt -, das ist auch während des Lebens in der polarischen Zone zunächst, ist dem Außerirdischen ausgesetzt. Dasjenige, was Stoffwechselsystem im Zusammenhang mit den Gliedmaßen ist, das ist in der tropischen Zone dem irdischen Leben ausgesetzt. Wir kommen so zu einer besonderen Beziehung des menschlichen Hauptes zum außerirdischen Leben und des menschlichen Stoffwechselsystems zusammen mit dem Gliedmaßensystem zum irdischen Leben. Wir sehen also, daß der Mensch so im Weltenall drinnensteht, daß er mit seinem Haupt, der Nerven-Sinnesorganisation, mehr der außerirdischen Umwelt zugeordnet ist, mit der Stoffwechselorganisation mehr dem irdischen Leben, und wir werden in der gemäßigten Zone eine Art fortwährenden Ausgleichs zu suchen haben zwischen dem Kopfsystem und dem Stoffwechselsystem. Wir werden in der gemäßigten Zone vorzugsweise das rhythmische System im Menschen in Ausbildung begriffen haben.
Jetzt sehen Sie, daß ein gewisser Zusammenhang zwischen dieser Dreigliederung des Menschen - Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System, Stoffwechselsystem - und der Außenwelt vorhanden ist. Sie sehen, daß das Kopfsystem mehr der ganzen Umwelt zugeordnet ist, daß das rhythmische System der Ausgleich zwischen der Umwelt und der irdischen Welt ist und das Stoffwechselsystem zugeordnet ist der irdischen Welt.
Nun haben wir zugleich den anderen Hinweis aufzunehmen, der uns das solarische Leben in einer anderen Beziehung auf den Menschen zeigt. Nicht wahr, dasjenige, was wir jetzt betrachtet haben, diesen Zusammenhang des menschlichen Lebens mit dem solarischen Leben, das können wir ja schließlich nur beziehen auf dasjenige, was sich zwischen dem irdischen und außerirdischen Leben im Jahreslauf abspielt. Aber im Tageslauf haben wir es ja im Grunde genommen mit einer Art Wiederholung oder etwas Ähnlichem zu tun wie im Jahreslauf. Der Jahreslauf wird bestimmt durch die Beziehung der Sonne zur Erde, der Tageslauf aber auch. Wenn wir einfach mathematisch-astronomisch sprechen, so reden wir beim Tageslauf von der Umdrehung der Erde um ihre Achse, beim Jahreslauf von der Revolution der Erde um die Sonne. Aber wir beschränken uns dann beim Ausgangspunkt auf sehr einfache Tatsachen. Wir haben aber keine Berechtigung zu sagen, daß wir da wirklich ausgehen von etwas, das ein hinreichender Boden ist für eine Betrachtungsweise und uns hinreichende Unterlagen dafür gibt. Fassen wir beim Jahreslauf einmal alles das ins Auge, was wir jetzt gesehen haben. Ich will noch nicht sagen: Umdrehung der Erde um die Sonne, sondern daß der Jahreslauf, die Wechseltatsache des Jahreslaufes zusammenhängen muß mit der Dreigliederung des Menschen und daß, indem dieser Jahreslauf durch die irdischen Verhältnisse in einer verschiedenen Weise sich ausbildet im Tropischen, im Gemäßigten, im Polarischen, sich daran zeigt, wie dieser Jahreslauf mit der ganzen Bildung des Menschen, mit den Verhältnissen der drei Glieder des dreigliedrigen Menschen, etwas zu tun hat. Wenn wir das in Betracht ziehen können, dann bekommen wir eine breitere Basis und können vielleicht auf etwas ganz anderes kommen, als wenn wir einseitig bloß die Winkel abmessen, die die eine Fernrohrrichtung bildet mit der anderen. Es handelt sich darum, breitere Grundlagen zu gewinnen, um die Tatsachen beurteilen zu können.
Und wenn wir vom Tageslauf sprechen, dann sprechen wir im Sinne der Astronomie von der Umdrehung der Erde um ihre Achse. Nun zeigt sich da allerdings zunächst etwas anderes. Es zeigt sich eine weitgehende Unabhängigkeit des Menschen von diesem Tageslauf. Die Abhängigkeit der Menschheit vom Jahreslauf, namentlich von dem, was zusammenhängt mit dem Jahreslauf, die Bildung der Menschengestalt in den verschiedensten Gegenden der Erde, das zeigt uns eine sehr weitgehende Abhängigkeit des Menschen vom solarischen Leben, von den Veränderungen, die auf der Erde auftreten infolge des solarischen Lebens. Der Tageslauf zeigt das weniger. Wir können allerdings sagen: Es tritt auch in bezug auf den Tageslauf gar manches Interessante zutage, aber es ist verhältnismäßig nicht sehr bedeutend im Zusammenhang des menschlichen Gesamtlebens.
Gewiß, es ist ein großer Unterschied schon bei einzelnen menschlichen Persönlichkeiten vorhanden. Goethe, der ja schließlich schon in einer gewissen Beziehung für das Menschliche als eine Art Normalmensch, als eine Art Normalwesen angesehen werden kann, er fühlte sich am günstigsten zur Produktion aufgelegt am Morgen, Schiller mehr in der Nacht. Das weist darauf hin, daß dieser Tageslauf auf gewisse feinere Dinge in der menschlichen Natur dennoch einen gewissen Einfluß hat. Und derjenige, der für solche Dinge einen Sinn hat, wird ja die Tatsache bestätigen, daß ihm viele Menschen im Leben begegnet sind, die ihm anvertraut haben, daß die eigentlich bedeutsamen Gedanken, die sie gehabt haben, in der Dämmerung ausgebrütet worden sind, also auch gewissermaßen in der gemäßigten Zeit des Tageslaufes, nicht um die Mittagsstunde, nicht um die Mitternachtsstunde, sondern in der gemäßigten Zeit des Tageslaufes. Das ist aber doch sicher, daß der Mensch in einer gewissen Weise unabhängig ist von dem Tageslauf der Sonne. Wir werden auf die Bedeutung dieser Unabhängigkeit noch einzugehen und zu zeigen haben, worin dennoch eine Abhängigkeit besteht.
Nun, ein zweites Element ist aber das lunarische Leben, das Leben, das zusammenhängt mit dem Monde. Es mag sein, daß unendlich vieles, was in dieser Beziehung gesagt worden ist im Laufe der Menschheitsentwickelung, heute sich nur als Phantasterei herausstellt. Aber in irgendeiner Weise sehen wir ja, daß das irdische Leben als solches in den Erscheinungen der Ebbe und Flut ganz zweifellos mit der Mondenbewegung etwas zu tun hat. Aber auch das darf doch nicht übersehen werden, daß schließlich die weiblichen Funktionen, wenn sie auch zeitlich nicht mit den Mondphasen zusammenfallen, so doch ihrer Länge und dem Verlauf nach mit den Mondphasen zusammenfallen, daß also dasjenige, was mit der menschlichen Entwickelung etwas Wesentliches zu tun hat, in bezug auf die Zeitlänge mit den Mondphasen zusammenhängend sich zeigt. Und man kann sagen: Es ist aus dem allgemeinen Naturlauf dieser Gang der weiblichen Funktionen herausgehoben, aber er ist doch ein treues Abbild geblieben. Er vollzieht sich in derselben Zeit.
Ebensowenig darf übersehen werden - nur stellt man über diese Dinge keineswegs vernünftige, exakte Beobachtungen an, wenn man von vorneherein solche Dinge ablehnt -, es darf nicht übersehen werden, daß das Phantasieleben des Menschen tatsächlich außerordentlich viel zu tun hat mit den Mondphasen. Und wer einen Kalender führen würde über das Auf- und Abfluten seines Phantasielebens, der würde eben bemerken, wieviel das zu tun hat mit dem Gang der Mondesphasen. Das aber, daß auf gewisse untergeordnete Organe das Mondenleben, das lunarische Leben einen Einfluß hat, das muß eben an der Erscheinung des Nachtwandelns studiert werden. Und da können interessante Erscheinungen studiert werden, die überdeckt sind durch das normale Menschenleben, die aber in den Tiefen der menschlichen Natur vorhanden sind und die in ihrer Gesamtheit darauf hinweisen, daß das lunatische Leben ebenso zusammenhängt mit dem rhythmischen System des Menschen, wie das solare Leben mit dem Nerven-Sinnessystem des Menschen zusammenhängt.
Jetzt haben Sie schon eine Kreuzung. Wir haben gesehen, wie sich das solare Leben im Zusammenhang mit der Erde so entwickelt, daß für die gemäfßigte Zone schon auf das rhythmische System gewirkt wird. Nun tritt, sich kreuzend mit dieser Wirkung, das lunarische Leben als direkt beeinflussend das rhythmische System auf.
Und wenn wir auf das eigentliche tellurische Leben sehen, dann darf doch nicht außer acht gelassen werden, daß der Einfluß des Tellurischen auf den Menschen sich zwar in einer Region vollzieht, die gewöhnlich nicht beobachtet wird, daß aber der Einfluß auf diese Region durchaus vorhanden ist. Ich bitte Sie, doch nur einmal Ihr Augenmerk zu lenken auf eine solche Erscheinung wie zum Beispiel das Heimweh. Man kann über das Heimweh gering denken. Gewiß, man kann es aus sogenannten seelischen Gewohnheiten und dergleichen erklären. Aber ich bitte Sie doch zu berücksichtigen, daß durchaus im Gefolge des sogenannten Heimwehs auftreten können physiologische Erscheinungen. Bis zum Siechtum des Menschen kann das Heimweh führen. In asthmatischen Erscheinungen kann es sich ausleben. Und wenn man den Komplex der Erscheinungen des Heimwehs mit seinen Folgen, eben mit den asthmatischen Erscheinungen und allgemeinem Siechtum, eine Art von Auszehrung, studiert, dann kommt man auch dazu einzusehen, daß schließlich das Heimweh als Gesamtgefühl auf einer Veränderung des Stoffwechsels beruht, auf einer Veränderung des Stoffwechselsystems; daß dieses Heimweh nur der Bewußtseinsreflex ist von Veränderungen im Stoffwechsel und daß diese Veränderungen lediglich herrühren von der Veränderung desjenigen, was in uns vorgeht, wenn wir von einem Ort mit seinen tellurischen Einflüssen von unten auf an einen anderen Ort mit seinen tellurischen Einflüssen von unten auf versetzt werden. Bitte nehmen Sie das zusammen mit anderen Dingen, die einem ja gewöhnlich keine wissenschaftliche Betrachtung abnötigen, aber leider eben nicht. Goethe, so sagte ich schon, fühlte sich besonders angeregt zum Dichten, zum Niederschreiben seiner Sachen am Morgen. Brauchte er aber eine Anregung, so nahm er diejenige Anregung, welche ihrer Natur nach am wenigsten unmittelbar in den Stoffwechsel eingreift, sondern ihn nur vom rhythmischen System aus irritiert, das ist der Wein. Goethe regte sich mit Wein an. Er war in dieser Beziehung überhaupt eben ein Sonnenmensch. Er ließ auf sich namentlich die Einflüsse des solarischen Lebens wirken. Bei Schiller oder Byron wat das umgekehrt. Schiller dichtete am liebsten, wenn die Sonne untergegangen war, wenn also das solare Leben wenig mehr tätig war, und er regte sich an mit etwas, was gründlich in den Stoffwechsel eingreift, mit warmem Punsch. Das ist etwas anderes als die Wirkung, die Goethe vom Wein hatte. Das ist eine Einwirkung auf das gesamte Stoffwechselsystem. Durch den Stoffwechsel wirkt die Erde auf den Menschen. So daß man sagen kann, Schiller ist im wesentlichen ein tellurischer Mensch gewesen. Die tellurischen Menschen wirken auch mehr durch das Emotionelle, das Willenhafte, die solarischen Menschen mehr durch das Ruhige, Kontemplative. Goethe wurde ja auch immer mehr und mehr für diejenigen Menschen, die das Solarische nicht mögen, die nur das Tellurische, dasjenige, was an der Erde haftet, mögen, «der kalte Kunstgreis», wie man ihn in Weimar nannte, «der kalte Kunstgreis mit dem Doppelkinn». Das war ein Name, der Goethe in Weimar im 19. Jahrhundert immer wiederum gegeben worden ist.
Nun möchte ich Sie noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Bedenken Sie einmal, nachdem wir beobachtet haben dieses Hineingestelltsein des Menschen in den Weltenzusammenhang: Erde, Sonne, Mond - die Sonne mehr wirkend auf das Nerven-Sinnessystem; der Mond mehr wirkend auf das rhythmische System; die Erde, dadurch, daß sie dem Menschen ihre Stoffe zur Nahrung gibt, also die Stoffe direkt in ihm wirksam macht, wirkt auf das Stoffwechselsystem, wirkt tellurisch. Wir sehen im Menschen etwas, wo wir vielleicht Anhaltspunkte finden können, uns das Außermenschliche, das Himmlische zu erklären auf breiterer Grundlage als durch die bloße Winkelstellung des Fernrohres und dergleichen. Insbesondere finden wir solche Anhaltspunkte, wenn wir noch weitergehen, wenn wit nun die außermenschliche Natur betrachten, aber auch so betrachten, daß wir in ihr mehr sehen als bloß eine Registratur der aufeinanderfolgenden Tatsachen. Betrachten Sie das Metamorphosenleben der Insekten. Es ist im Jahreslauf durchaus etwas, was das äußere solare Leben widerspiegelt. Ich möchte sagen: Beim Menschen müssen wir forschend mehr nach innen gehen, um Solarisches, Lunarisches und Tellurisches in ihm zu verfolgen. Beim Insektenleben in seinen Metamorphosen sehen wir direkt den Jahreslauf in den aufeinanderfolgenden Gestalten, die das Insekt annimmt, zum Ausdruck kommen. So daß wir uns sagen können, wir müssen vielleicht nicht nur quantitativ vorgehen, sondern wir müssen auch auf das Qualitative sehen, das sich uns in solchen Erscheinungen ausdrückt. Warum immer bloß fragen: Wie sieht im Objektiv darinnen irgendeine Erscheinung da draußen aus? - Warum nicht fragen: Wie reagiert nicht bloß das Objektiv des Fernrohres, sondern das Insekt? Wie reagiert die menschliche Natur? Wie wird uns dadurch etwas verraten über den Gang der Himmelserscheinungen? Und wir müssen uns zuletzt fragen: Werden wir da nicht auf breitere Grundlagen geführt, so daß es uns nicht passieren kann, daß wir theoretisch, wenn wir philosophisch das Weltenbild erklären wollen, Kopernikaner sind und wiederum für Kalender oder sonstwie rechnend das tychonische Weltbild zugrunde legen, was heute praktisch die Astronomie noch macht; oder daß wir zwar Kopernikaner sind, aber das Wichtigste bei Kopernikus, nämlich seinen dritten Hauptsatz, einfach weglassen? Können wir vielleicht nicht die Unsicherheiten, die heute geradezu die astronomischen Grundfragen zu brennenden machen, dadurch überwinden, daß wir auf breiterer Grundlage arbeiten, daß wir auch auf diesem Gebiet aus dem Quantitativen in das Qualitative hineinarbeiten?
Ich habe gestern versucht hinzuweisen zunächst auf den Zusammenhang der Himmelserscheinungen mit den embryonalen Erscheinungen, heute mit dem fertigen Menschen. Da haben Sie einen Hinweis auf eine notwendige Umgruppierung des wissenschaftlichen Lebens. Aber nehmen Sie eines; was ich im Laufe der heutigen Betrachtung auch erwähnt habe. Ich habe Sie hingewiesen auf Zusammenhänge des menschlichen Stoffwechselsystems mit dem irdischen Leben. Wir haben im Menschen das Wahrnehmungsvermögen durch das Nerven-Sinnessystem vermittelt, das irgendwie zusammenhängt mit dem solarischen, dem Himmelsleben überhaupt; wir haben das rhythmische System zusammenhängend mit dem, was zwischen Himmel und Erde ist; wir haben das Stoffwechselsystem zusammenhängend mit dem, was mit der eigentlichen Erde zusammenhängt, so daß wir, wenn wir auf den eigentlichen Stoffwechselmenschen sehen würden, wir vielleicht dadrinnen nun wiederum näher kommen könnten der eigentlichen Wesenheit des Tellurischen. Was tun wir denn heute, wenn wir dem Tellurischen näher kommen wollen? Wir benehmen uns wie Geologen. Wir untersuchen die Dinge von der Außenseite. Aber sie haben doch auch eine Innenseite! Zeigen sie die vielleicht erst, wenn sie durch den Menschen gehen, in der wahren Gestalt?
Es ist heute ein Ideal geworden, das Verhältnis der Stoffe zueinander abgesondert vom Menschen zu betrachten und dabei zu bleiben, im chemischen Laboratorium die gegenseitige Wirkung der Stoffe zu betrachten durch Hantierungen, um hinter das Wesen der Stoffe zu kommen. Wenn es aber so wäre, daß die Stoffe erst ihre Wesenheit enthüllen in der menschlichen Natur, dann müßten wir Chemie so treiben, daß wir bis zur menschlichen Natur herangehen. So würden wir einen Zusammenhang zu konstruieren haben zwischen wirklicher Chemie und den Stoffvorgängen im Menschen, so wie wir einen Zusammenhang sehen zwischen Astronomie und Embryologie, zwischen Astronomie und der menschlichen Gesamtgestalt, der dreigliedrigen menschlichen Wesenheit. Sie sehen, die Dinge wirken ineinander. Wir kommen erst in wirkliches Leben hinein, wenn wir diese Dinge ineinandergehend betrachten.
Aber auf der anderen Seite werden wir ja wiederum den Zusammenhang zu sehen haben, da die Erde im Weltenraum sich befindet, zwischen dem, was tellurisch ist, und den astronomischen Vorgängen. Jetzt haben wir einen Zusammenhang zwischen der Astronomie und den Stoffen der Erde, einen Zusammenhang zwischen der Erde und dem, was menschlicher Stoffwechsel ist und wiederum einen direkten Einfluß der solarischen, himmlischen Vorgänge auf den Menschen selber. Im Menschen also gleichsam haben wir ein Zusammentreffen desjenigen, was aus dem Himmel kommt, sowohl direkt wie auf dem Umweg durch die Stoffe der Erde. Die Stoffe der Erde wirken auf den menschlichen Stoffwechsel. Und auf den Menschen als solchen wirken wiederum direkt die Himmelseinflüsse. Es begegnen sich im Menschen also die direkten Einflüsse, die wir dem solaren Leben verdanken, mit denjenigen Einflüssen, die indirekt durch die Erde durchgehen, also eine Veränderung erfahren haben durch die Erde. So daß wir sagen können: Das Innere des Menschen wird uns auch physisch-anatomisch erklärbar werden als Zusammenwirken direkter außerirdischer Einflüsse mit solchen außerirdischen Einflüssen, die durch die Erdenwirkungen durch gegangen sind und wiederum ineinanderströmen in dem Menschen (Fig. 4).

Sie sehen, wie sich uns, indem wir den Menschen in seiner Totalität betrachten, die gesamte Welt zusammenschließt und wie es notwendig ist, um zu einer Menschenbetrachtung zu kommen, diesen Zusammenschluß ins Auge zu fassen. Was hat daher die Spezialisierung in der Wissenschaft getan? Sie hat uns abgeführt von der Realität. Sie hat uns in lauter abstrakte Gebiete hineingebracht. Und wir haben gezeigt, wie sich die Astronomie, trotzdem sie als sichere Wissenschaft gilt, nur zu helfen weiß, indem sie bei der Kalenderrechnung etwas anderes vertritt als in der Theorie; wie sie kopernikanisch ist, aber bei Kopernikus das Wichtigste wegläßt; daß also überall Unsicherheit eintritt und daß in dem, was man da zutage fördert, nicht das enthalten ist, um was es sich handeln muß: das Herausbilden des Menschen aus dem gesamten Weltenall.