Current Social and Economic Issues

GA 332b — 11 March 1920, Stuttgart

Ansprache an der Orientierungsversammlung

Über Die Geplante Unternehmensgründung «Der Kommende Tag A.G.»

Protokollarische Aufzeichnung Stuttgart, 11. März 1920

Nach dem bereits hier Vorgebrachten werde ich ja nur zur Ergänzung das eine oder andere noch zu sagen haben. Vor allen Dingen habe ich vielleicht darauf hinzuweisen, dass ja wirklich die Überzeugung tief gegründet ist bei jedem, der den Nerv auch unserer anthroposophischen Bewegung kennt, dass in der Gegenwart auf dem Boden des sozialen Fortschrittes gearbeitet werden müsse. Aber trotz dieser Überzeugung, die ja, wie ich glaube, schon im Laufe unserer bald zwanzigjährigen anthroposophischen Arbeit genügend sich hätte ausbreiten können, trotz dieser Überzeugung würde ja ein solches Arbeiten wie das Ihnen heute charakterisierte und bereits — wenigstens vorläufig - in die Wege geleitete kaum notwendig geworden sein, oder sagen wir vielleicht besser, kaum in Betracht gekommen sein, wenn sich von irgendeiner anderen Seite her die Möglichkeit geboten hätte, dasjenige, was heute für die Menschheit notwendig ist auf dem Gebiete des Arbeitens, das den Zusammenhang betrifft zwischen wirtschaftlichem, rechtlichem und geistigem Leben, wenn sich gezeigt hätte, dass der Notwendigkeit der Zeit von anderer Seite wirklich Rechnung getragen worden wäre. Denn subjektive Gründe, sich um das alles irgendwie zu reißen, was jetzt beabsichtigt ist, subjektive Gründe, zu der notwendigen Arbeit in der geistigen Bewegung auch noch die Arbeitslast sich aufzuerlegen, die mit diesen Unternehmungen verbunden ist, subjektive Gründe liegen allerdings nicht vor. Gründen irgendwelchen persönlichen Charakters kann wahrhaftig das nicht entspringen, um was es sich hier handelt. Nicht einmal haben solche Gründe auch nur im Entferntesten mitsprechen können bei dem Hintreten vor die Welt, bei dem ideellen Hintreten vor die Welt mit dem, dessen Folgen die jetzigen Unternehmungen sind, mit dem ideellen Vertreten jener sozialen Ideen, die ausgesprochen sind in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Hätte man, ich möchte sagen, irgendwie die bisherige Tätigkeit nur auf das rein geistige Feld beschränken dürfen, hätte man nicht nötig gehabt, das soziale Gebiet hinzuzufügen, es wäre wahrhaftig viel mehr entgegengekommen dem, nach dem man hätte verlangen können gerade aus subjektiven Gründen heraus. Denn sehen Sie, das Befolgen der Notwendigkeit, die hier vorgelegen hat, lässt einen gerade nicht gute Erfahrungen machen. Und unsere Freunde wissen, ich rede viel lieber aus Erfahrungen, aus Symptomen als aus irgendwelcher Dogmatik heraus.

Aus den mancherlei Erfahrungen, die man in den letzten Zeiten hat machen können, möchte ich etwas Fernerliegendes hervorheben. Sehen Sie, die «Kernpunkte der sozialen Frage» sind ja bereits übersetzt in nordische Sprachen; sie sind vor Kurzem auch erschienen in italienischer Sprache; und sie haben gerade in italienischer Sprache gleich bei ihrem Erscheinen die Aufmerksamkeit eines — wie mir versichert wird —- bedeutsamen Soziologen hervorgerufen. Ebenso sind sie daran, bald herausgegeben zu werden in englischer Sprache in England selbst. Da hat sich dann etwas Merkwürdiges gezeigt, das recht symptomatisch ist für dasjenige, was in unserer allgemeinen Weltenlage heute noch immer drinnen ist und was so ungeheuer stark verbunden ist mit den Ursachen zu den Schreckensereignissen der letzten vier bis fünf Jahre. Die englische Übersetzung des Buches «Die Kernpunkte der sozialen Frage» lag im ganzen Satz vollständig korrigiert vor. Es handelt sich darum, bei den besonderen Verhältnissen, die bestehen zwischen England und Amerika für den Druck von Werken, einen Verleger auch in Amerika zu gewinnen für das Buch. Und es ergab sich der besonders günstige Umstand, dass der damals gewonnene englische Verleger des Buches gleichzeitig ein Geschäft in Amerika hat, das sogar von einem Manne desselben Namens dirigiert wird. Mit der englischen Firma war bereits der Vertrag geschlossen. Daran, dass die amerikanische Firma die «Kernpunkte der sozialen Frage» auch drucken werde in Amerika, ebenso, wie beabsichtigt war, in England sie zu verbreiten, daran konnte man aber überhaupt nicht denken. Und dennoch, schon als der vollständige Satz vorlag, als das Papier angekauft war für die englische Ausgabe, als es sich um nichts mehr anderes handelte, als das Buch herauszugeben, denn es handelte sich ja nur um eine Zweigfirma, da kam von der amerikanischen Firma die merkwürdige Nachricht, dass sie eben daran sei, von mir meine anthroposophischen Werke zu verlegen; namentlich sollten in den nächsten Tagen schon meine Mysteriendramen in englischer Sprache in Amerika erscheinen. Und man früge sich nun, wenn dieselbe Firma nun mit einem Werk von mir von einer ganz anderen Sorte komme, ob da die Leute nicht sagen werden: Nun, das kann doch nichts Gutes sein, denn einer, der Mysteriendramen schreibt und dann ein Buch über soziale Fragen, da müssen doch die Mysteriendramen nichts nutz sein, dann kaufen wir die auch nicht.

Mit dieser Motivierung, ich will nicht sagen aus diesen Gründen allein, aber mit dieser Motivierung durchkreuzte die amerikanische Zweigfirma den Plan, der schon bis zum Papier, das heute doch einigermaßen viel bedeutet, fertig war. Die englische Firma zuckte sogleich zurück und war bereit, das Buch nicht erscheinen zu lassen. Das Buch wird trotzdem in den nächsten Tagen in England erscheinen. Es ist ja nicht nötig, dass man auf allen Gebieten schläft. Und auch wenn sich zunächst eine amerikanische Firma nicht so schnell entschlossen hat - das Buch muss trotzdem so schnell als möglich erscheinen.

Ich führe das nur aus dem Grunde an, weil es Ihnen etwas Bestimmtes zeigen soll. Glauben Sie nur nicht, dass ich die Menschen der Gegenwart mit ihren schläfrigen Seelen für so gescheit gehalten habe, dass ich nicht gewusst habe: Wenn ein soziales Buch neben den Mysteriendramen auftritt, kommen solche Urteile zustande. Ich weiß, dass solche Urteile heute zeitgemäß und selbstverständlich sind. Also bei solcher Voraussicht glauben Sie nicht, dass es irgendetwas Verlockendes hätte, zu der bloß ideellen Vertretung dieser sozialen Ideen, um die es sich hier handelt, noch alles das hinzuzufügen, wovon gesprochen wurde heute Abend. Allein das kann überhaupt nicht in Frage kommen. In Frage kommt nur das, was notwendig ist. Und aus all den verschiedenen Tendenzen, aus denen sich alles das ergeben hat, was wir seit dem April 1919 hier, in Stuttgart besonders, gemacht haben, ergibt sich mit einer inneren Tatsachenkonsequenz die Notwendigkeit zu diesen eben durchaus auf praktischem Gebiete verlaufenden Unternehmungen, von denen Ihnen heute berichtet worden ist.

Man könnte vieles anführen, um das Urteil zu erhärten, dass solche Unternehmungen heute notwendig sind. Nicht nur diejenigen, von denen berichtet worden ist, sondern notwendig wären auf allen Gebieten solche Unternehmungen. Denn, meine lieben Freunde, unter all dem, was man sagen könnte für die Notwendigkeit dieser Unternehmungen, gibt es auch eines. Es wird nicht gleich in der richtigen Weise gewürdigt, es ist aber etwas, auf das man gar sehr den Blick wenden sollte, wenn man so mitgemacht hat alles dasjenige, was verlief in der Ereignisreihe, die dann zusammensertzte das, was da war in den letzten vier bis fünf Jahren und was dann zu dem furchtbaren mitteleuropäischen Niederbruch geführt hat. Unter all dem ist vielleicht nicht für jeden am leichtesten bemerkbar - aber nicht minder bedeutsam — das Getriebe derjenigen Routiniers, von denen ich gesprochen habe im öffentlichen Vortrage, die sich für ausgepichte Praktiker noch immer halten, trotzdem sie hätten lernen können. Denn, meine lieben Freunde, wenn man forschen will nach dem, was Mitteleuropas Niederbruch bewirkt hat, muss man nicht zuletzt schauen auf die geschäftlichen, namentlich industriellen Routiniers, die das große schnoddrige Wort führten, die zu sagen wussten, dass man das oder jenes zur Sicherung machen sollte oder nicht. Was sie alles gewusst haben aus Vorurteilen heraus, das war etwas Ungeheuerliches, wofür leider die wenigsten Menschen ein Urteil bewahrt hatten oder ein Ohr hatten. Der Ton, aus dem heraus die Geschäftswelt Mitteleuropas während dieser Kriegsereignisse gesprochen hat, der Ton darf nicht fortgesetzt werden, sonst erleben wir nicht nur so etwas, wie der Niederbruch war, noch einmal, sondern wir werden viel ärgere Dinge erleben. Aber das kann man selbstverständlich heute auch sagen: Die ganz Gescheiten werden ebenso gescheit alles dasjenige wissen, was für die Zukunft herbeizuführen ist, wie die ganz Gescheiten während der Glanzperiode gewusst haben, was zu tun ist, wo man gesagt hat: Wir werden siegen, denn wir müssen siegen. Ich habe oftmals gerade auf diese Worte hingewiesen, dieman unzählige Male tradiert hören konnte.

Alle diese Dinge, die liegen auch in schweren Entschluss, um den es sich hier handelt. Und manches Vorurteil muss überwunden werden. Es ist heute schon hingewiesen worden darauf, dass es ja vielleicht die Welt schockieren wird, dass die ganze Unternehmungsreihe heißt «Der Kommende Tag». Als dem Verleger Scherl einmal eingefallen ist, seine Zeitungen «Der Tag» zu nennen, er hätte es auch rücksichtslos getan. Aber ich sehe nicht ein, warum man dasjenige, was Scherl vielleicht aus innerer Verlegenheit heraus tun, nicht einmal auch aus der Wahrheit heraus tun dürfte. Wenn es Scherl getan hätte, wäre es sicher geglückt in gewissen Kreisen. Es handelt sich darum, dass einmal in der Wahrheit gearbeitet wird. Da kann man darauf keine Rücksicht nehmen, ob das die Welt schockiert oder nicht. Die Hauptsache ist, dass das getan wird, was getan werden muss.

Ich brauche Ihnen ja nicht, da ich fast zwanzig Jahre zu Ihnen gesprochen habe, über die großen Ziele zu sprechen. Bei Ihnen brauche ich ja nicht zu befürchten, dass gerade sehr viele Leute unter Ihnen sind, die nicht wissen, dass man erst nach langer Zeit ein Urteil darüber gewinnen kann, was eigentlich in der hier gemeinten Geisteswissenschaft drinnensteckt. Ich brauche nicht zu befürchten, dass sehr viele unter Ihnen sind, die etwa nach einem einzigen Vortrage sich ein Urteil bilden werden. Ich bin auch nicht in der Lage, in wenigen Worten über die Ziele, die für das praktische Leben gelten, offen zu sprechen. Diejenigen, die mit einiger Hingebung die Sache verfolgt haben, wissen ja, um was es sich in ideeller, geistiger Beziehung eigentlich handelt. Da würde man sehr, sehr geistig sprechen können, um diese Ziele so darzulegen. Aber das ist in diesem Augenblick nicht notwendig. Und auf der anderen Seite ist es auch nicht notwendig, dass ich in besonders breiter Weise ausführe, dass nun auf der andern Waagschale - denn um zwei Waagschalen handelt es sich hier - liegen muss alles das, was auf jedem Gebiet dem Dilettantismus und der Großsprecherei entgegengesetzt ist: bewusste Fachlichkeit und Sachlichkeit. Mit Programmen ist nichts zu machen, sondern mit der Arbeit - der Arbeit, die entsteht eben gerade aus dem hingebenden Leisten der Menschen, die an solchen Dingen beteiligt sind.

Sehen Sie, als Herr Molt damals, als man schon übersehen konnte: Unsere Bewegung muss auch zu solchen Dingen führen, in Dornach zuerst sprach von einer Zentralisierung der Finanzierung unserer Bewegung, da sagte ich im Anschluss an seine damals so warm und schön gesprochenen Worte: «Ich muss gestehen, weniger Sorge macht mir die Beschaffung von Geldmitteln, denn diese werden doch mehr oder weniger gerade von den verständigen Menschen gegeben werden, weil sie darauf kommen werden, dass nun doch heute einmal in einer rationellen Weise gearbeitet werden muss, sogar auf wirtschaftlichem Gebiet, dass Unzähliges verschleudert worden ist an nationalem Gut in den letzten Jahrzehnten, also darum habe ich nicht einmal so große Sorgen als um das Auffinden von denjenigen Persönlichkeiten, die nun diese Geldmittel in der richtigen Weise verwerten und ausnützen können.»

Wahrhaftig, mit diesen Worten durfte ich anknüpfen an etwas, was ich vor vielen Jahren gesagt habe. Sehen Sie, als wir damals begannen, dramatische Aufführungen zu machen, da hatten wir zuerst - vorher konnte man in dem Punkte recht idealistisch sein, was sich dadurch äußerte, dass man seinen Idealismus bezeugte dadurch, dass man die Hand fest, fest auf der Materie seines Geldbeutels hielt. Denn wenn man die Hand fest auf seinen Geldbeutel legt und nichts herauslässt, dann kann man, weil es nichts kostet, die schönsten idealistischen und mystischen Phrasen dreschen, aber die Materie ist im Geldbeutel drinnen und bleibt drinnen. Und man kann dann sagen, der Idealist macht es doch zu schofel, vom Gelde zu reden, und noch schofler, irgendetwas von seinem Gelde, diesem schrecklichen Mammon, den man besser in der Tasche behält, etwas für die Ideale hinzugeben, denn: «Die Ideale sind viel zu hoch, als dass man sie beschmutzen könnte mit diesem schoflen Mammon.» - Zuerst ging es ja. Da konnte man diskutieren darüber, ob man die 50 Pfennig damals in den ersten Jahren als Eintritt bezahlen solle für anthroposophische Vorträge. Denn überall hörten wir von lieben Freunden: Anthroposophische Vorträge stehen uns viel zu hoch, als dass sie uns nicht umsonst geliefert werden sollen. - Ich erzähle nur Tatsachen! Dann kamen allerdings die Jahre, in denen Dramen aufgeführt werden sollten. Da ging es nicht mehr, wirklich ein Auge zuzudrücken gegenüber diesem «hohen Idealismus», der die Ideale nicht beschmutzen will mit dem schnöden Mammon. Da musste schon manchmal appelliert werden an den Opfermut der Freunde. Aber dazumal sagte ich schon: Wir sind nun leider dazu verurteilt, an demjenigen Zipfel der Lebenspraxis anzufassen, den man uns noch übrig gelassen hat, dem Zipfel der Nachahmung beziehungsweise der künstlerischen [Repräsentation] des Lebens - das Bild des Lebens. Viel lieber - der Satz muss sich finden in Vorträgen von mir wiederum -, viel lieber, sagte ich dazumal, als ein Theater würde ich eine Bank gründen, nicht aus Vorliebe für das Geld, wahrhaftig nicht, sondern weil ich einsah, dass das ja doch kommen muss, dass einmal die alleräußerste Lebenspraxis nun wirklich in Angriff genommen werden muss für die Notwendigkeiten unserer Zeit. Jetzt ist dieser notwendige Zeitpunkt eben durchaus gekommen, und jetzt steht die Sache so, dass man nicht mehr herumkommt um die Begründung praktischer Dinge — aus dem Grunde, weil die Praktiker überall Schiffbruch erlitten haben.

Gewiss, man wird sehr groß angeschaut, wenn man das sagt, weil Praktiker es noch maskieren möchten - sogar vor sich selber -, dass sie es vor allen Dingen sind, die uns in unsere heutige Lage hineingebracht haben; aber sie möchten fortwursteln.

Nun, ich sagte dazumal in Dornach: Wir haben vor allen Dingen notwendig Persönlichkeiten, die das Geld verwerten können. Und dann kommt der Punkt - wenn man das bedenkt -, wo man die große Verantwortlichkeit fühlt. Denn unter der schrecklichen Mechanisierung des Lebens hat die Initiativkraft und Wachheit des menschlichen Seelenlebens in der Tat in den letzten Jahrzehnten so gelitten, dass es ungemein schwer ist, die geeigneten Persönlichkeiten zu finden. Wir schätzen uns wirklich glücklich, dass wir nun endlich so weit sind, für einzelne Zweige derjenigen Betätigungen, die uns notwendig sind, sich hingebende und in unserer Sache wirklich drinnenstehende, für unsere Sache als solche lebende und für die großen Ideale der Menschheit begeisterte Menschen zu finden, die sich Ihnen ja auch vorgestellt haben, die nun wirklich verbinden können mit idealistischem Sinn, wie wir ihn auffassen, die nötige Hingebung für nüchterne, praktische Erfassung der technischen Fragen auf jedem Gebiet. Denn darauf kommt es an, dass wir nicht nur die Mystik auf die eine Waagschale legen und darauf rechnen: Dann sinkt die Waagschale; nein, es handelt sich um Gleichgewicht. Wir müssen auf die andere Waagschale legen Fachlichkeit und Sachlichkeit. Wir müssen wirklich nüchterne Praktiker sein. Darauf muss gesehen werden.

Sehen Sie, unsere Aufgaben werden sein, wirklich in einer gewissen Weise zu errechnen die Zukunft aus der Vergangenheit mit feinem Instinkt. Denn im Leben lassen sich die Dinge nicht machen mit Programmen. Man kann die schönsten Programme machen auf geistigem, auf wirtschaftlichem, auf politischem Gebiete. Programme machen ist immer ein Unsinn. Dasjenige, worauf es ankommt, das ist, Wirklichkeiten ins Leben zu stellen, die solche Menschen umschließen, dass aus der gemeinsamen Tätigkeit dieser Menschen heraus ein Lebendiges kommt. Es ist sehr gut möglich, dass, wenn sich hier eine Anzahl von Menschen zu einem Kreise verbindet, in fünf Jahren noch etwas ganz anderes da ist, als sich die Menschen träumen lassen.

Damit aber auf diesem Wege überhaupt etwas zustande kommen kann, ist es nötig, dass die in diesem Kreise vereinten Menschen nun wirklich ideelle und praktische Arbeit leisten können und wollen. Da kommt es auf die einzelne Persönlichkeit an. Deshalb steht nicht als Phrase in dem Prospekt, dass eine der Aufgaben dieser Unternehmungen die ist, Menschen auf solche Posten zu stellen, dass ihre besonderen individuellen Fälligkeiten zutage treten können. Das ist dasjenige, was mit Füßen getreten worden ist gerade im wirtschaftlichen Leben der letzten Jahrzehnte: die Begabungen der Menschen. Was hat den Ausschlag gegeben? Das ganz Unpersönliche, das da oder dort zu Gesamturteilen über den Menschen zusammengeflossen ist aus Schulzeugnissen, Empfehlungen - alles Mögliche, das aus Großsprecherei, aus Programmworten herauskam.

Das, um was es sich handelt, das ist, dass wirklich einmal die Möglichkeit geschaffen werde in einem Kreis von Menschen, die fruchtbaren Begabungen zu erkennen, damit aus dem lebendigen Leben heraus, nicht aus Programmworten, aus Glauben, aus Dogmatik geschöpft werde. Man will Menschen zusammenbringen, die durchaus aus der immer fort und fort sich steigernden Einsicht in das Leben schaffen, kurz Menschen, zu denen man volles Vertrauen haben kann, weil man zu ihrem Wollen, zu ihrer Arbeit Vertrauen haben kann, weil man nicht nötig hat, ihnen etwas vorzuschreiben, sondern weil man sie kennt, sodass man weiß: Sie werden dasjenige, was sie gerade beizutragen haben, in voller Freiheit zu der Sache beitragen.

Das ist es, was ganz wesentlich verbunden ist mit dem, was hier geschehen soll. Und während immer weniger in den letzten Jahren das äußere Leben gebaut worden ist auf den Menschen, soll hier gerade auf den Menschen dieses äußere Leben gebaut werden - auf den Menschen und die Freiheit. Und gesehen werden soll, dass diejenige Freiheit - die zwar nicht nach dem Wunsche mancher unserer Freunde, aber nach der Wirklichkeit hier gerade in dieser Gesellschaft war, wo es keine Autorität gab, keine Autorität beansprucht worden ist -, dass dieses System, dieses Prinzip auch hineingetragen werde - so ist es beabsichtigt - in diese wirtschaftlichen Unternehmungen, sodass wirklich aus der vereinigten Kraft derjenigen, die zusammenwirken, das, was geschieht, lebendig geschieht, und überall da, wo produktives Leben ist, eben das Lebendige und nicht die Ausführung eines toten Programmes geschehen soll.

Vor einigen Tagen wies ich Sie hier auf etwas Lebendiges hin, das aber als Lebendiges sich eben aus sich selbst heraus entwickeln muss. Ich war etwas erstaunt, dass Freunde hier sich so viel Kopfzerbrechen machten, wie man dieses oder jenes Artikelchen, das zu unseren Gunsten spricht, in dieser oder jener Tageszeitung unterbringen könne. Darüber waren die Freunde nun endlich einig, dass man nicht mit den Parteien Kompromisse schließen könne, aber dass man auch nicht mit dem gegenwärtigen Journalismus Kompromisse schließen dürfe, war ihnen noch nicht klar. Da wollten sie noch da oder dort unterkriechen. Dass Einzelne untergekrochen sind, das hat sich recht gründlich gerächt, aber man hat wenigstens etwas gelernt. Man hat gelernt, dass dasjenige, was als sozialistische Richtung da ist, allerlei Blüten an die Oberfläche bringt, was nicht weniger korrupt ist als das, was in den Orkus hinabgefallen ist.

Und schließlich die äußeren Symptome, nun, wissen Sie! Sehen Sie, eine wirtschaftliche Partei soll die sozialistische sein. Aus dem wirtschaftlichen Leben soll sich alles ergeben. Diese sozialistische Partei hat allerlei Mitglieder jetzt sogar in die regierenden Kreise hineinbekommen. Eines der wichtigsten wirtschaftlichen Gebiete hat nun nicht ein handfester oder abgeschwächter oder irgendwie gearteter Marxist oder Sozialist in die Hand gekriegt, sondern sie haben sich gewöhnt, den jetzt wichtigsten Zweig des Lebens, der allen übrigen zugrunde liegt, von dem alles andere abhängig ist, von dem Erzberger besorgen zu lassen, der gewiss kein Marxist ist und über dessen Fähigkeit zu einer Neugestaltung der mitteleuropäischen Welt sogar erst Helfferich diese mitteleuropäische Welt aufklären musste. Nun kann es heute einem ganz gleichgültig sein, ob «Erzbergerisch» oder «Helfferichisch» geredet wird, aber dasjenige, was hier geschieht, ist eben auch nur ein Beweis, wie wenig die Welt zu lernen bereit ist. Ich glaube, sie wird - selbst auf «Helfferichisch» gesprochen - nicht viel lernen über die Qualitäten desjenigen, was auf «Erzbergerisch» gesprochen worden ist; denn dass beides zu dem gehört, was uns in das Unglück hineingeführt hat, scheint die Welt durchaus nicht verstehen zu wollen. Diejenigen Dinge, um die es sich handelt, sind heute tatsächlich nicht auf eine «kleinzügige» Weise zu begreifen, sondern sie können nur dann begriffen werden, wenn man ein wenig aus den Tiefen heraus schöpft. Und mit all diesen Dingen hängt das schon zusammen, wovon Ihnen heute hier gesprochen worden ist.

Ich hoffe, meine lieben Freunde, [dass] dasjenige, was ich hier wie ein paar ergänzende Worte angefügt habe an dasjenige, was Ihnen von verschiedenen Seiten mitgeteilt worden ist, nicht allzu sehr missverstanden wird. Es ist mir aus gewissen Gründen versagt, manches andere Wort noch zu sprechen, das ich gerne in Anknüpfung an diese Dinge gesprochen hätte. Ich hoffe, dass auch manches, was mir jetzt noch bedenkliche Seiten zeigt in dem Aufkeimenden - ich will nicht außer Acht lassen, dies zu erwähnen -, sehr bald überwunden werden wird. Allein ich glaube, wenn sich möglichst viele von Ihnen als fähig erweisen, sich jetzt in diesem Augenblick auf den wirklich praktischen Boden zu stellen, wird doch aus der Sache etwas Gutes herauskommen können.

Ich möchte nur noch hinzufügen, weil doch von vielen Seiten unter Umständen gesprochen werden könnte davon, dass man die Sache nicht verstanden hat, ich möchte nur noch hinzufügen, worüber ich eigentlich gar nicht selber sprechen wollte, dass es allerdings notwendig wäre, dass die wirklich zukunftssicheren Keime, die in der Waldorfschule gepflanzt worden sind, nach den verschiedenen Richtungen einen entsprechenden Ausbau erfahren. Nun, wir werden, meine lieben Freunde, ganz notwendigerweise unser Augenmerk auf das Wirtschaftliche richten müssen jetzt, denn das Wirtschaftliche soll unser Geistiges tragen. Aber man kann nicht tragen, wenn man nichts zu tragen hat. Die Hauptsache wird bei uns doch immer sein, dass das Geistige getragen werde. Wir werden versuchen, den Zusammenklang zu finden zwischen dem Wirtschaftlichen und dem Geistigen, werden das besonders versuchen bei der Propagierung durch unseren Verlag, wo wir am meisten aus dem Vergangenen das Zukünftige errichten. Denn wir haben mancherlei gelernt durch die Art und Weise, wie die anthroposophische Literatur in den letzten Jahren verbreitet werden musste, und wir wissen ganz gut, dass dieses Buch, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», in 40000 Exemplaren verbreitet worden ist — das ist immerhin für ein solches Buch ein ganz netter Erfolg - seit Anfang Mai letzten Jahres, also seit noch nicht einem Jahre. Die Leute sagen ja immer wieder und wiederum: Das Buch ist schwer und so weiter. Und doch liegt die Tatsache vor, dass das Buch das Wohlwollen fast gar keines Journals, fast gar keiner Zeitung erfahren hat und dass trotzdem dieses Buch in 40000 Exemplaren abgesetzt worden ist. Man weiß, worauf man nicht rechnen darf bei diesem Buch. Bei diesem Buch wurde in Bezug auf seine Verbreitung bisher auf das nicht gerechnet, worauf man nicht rechnen darf. In der nächsten Zeit werden die Mittel und Wege gesucht werden müssen, um das zu erreichen, was selbstverständlich zu erreichen ist. Von einem Buche, von dem eintausend abgesetzt sind, kann man nicht wissen, ob in den nächsten Jahren noch fünfzig abgesetzt werden; von einem Buche, von dem 40 000 abgesetzt worden sind, in kurzer Zeit, kann man ganz gewiss wissen, dass, wenn man nur die richtigen Mittel und Wege findet, 100 000 Exemplare in viel kürzerer Zeit abgesetzt werden können. Und in ähnlicher Weise werden wir auf den verschiedensten Gebieten wirklich aus der Vergangenheit das Mögliche für die Zukunft erraten müssen. Aber alles kommt eben doch darauf an, dass wir eben das Geistige als solches pflegen. So muss zum Beispiel darauf gesehen werden, dass das Geistige in seiner inneren Geschlossenheit wirklich vor die Welt auch hintreten könne. Wirklich nicht umsonst haben wir uns in der letzten Zeit angestrengt, so etwas wie die Eurythmie - ich möchte sagen von vier zu vier Wochen - um ein Stück weiterzubringen und auch, wo es möglich war, hier und in der Schweiz vor die Öffentlichkeit zu bringen. Es sollte aber das in viel umfangreicherer Art geschehen. So etwas gehört auch dazu, zu dem, was auf einem anderen Gebiete in der Waldorfschule geschieht; solch ein Eurythmeum als Mittelpunkt eines künstlerischen Wirkens, das brauchen wir, brauchen wir auch in seinem Repräsentieren durch ein selbstständiges Gebiet. Und es ist durchaus sicher: Wenn man zwar nicht abzieht dasjenige, was man für das Eurythmeum geben will, für die Pflege der Eurythmie, von dem, was man sonst auf die Scheine draufschreiben will, wird es nicht uneben sein, jetzt daran zu denken, dass das eine das andere tragen muss. Es werden sich ganz gewiss in der nächsten Zeit die Dinge zeigen. Es wird sich zeigen, dass dasjenige, was zum Beispiel durch eine solche Kunstanstalt geschaffen werden kann, im Verein andererseits mit dem, was durch den Verlag geschehen soll, auch getragen wird durch dasjenige, was nun finanziell, wirtschaftlich geschehen soll. Solch ein Gebäude kostet heute zehnmal so viel als vor verhältnismäßig kurzer Zeit. Gerade solchen Dingen gegenüber handelt es sich sehr darum, das Nötige zu tun, bevor es zu spät ist; sich wirklich vorzuhalten, dass unter Umständen in einem halben Jahr die Unmöglichkeit besteht, ein solches Gebäude für die Eurythmie zu errichten und daran sich bindende Kunstformen zu schaffen. Aber notwendig wäre es, gerade hier in Süddeutschland, hier in Stuttgart als einem Zentralpunkt für manches, was sich gerade dann ergeben würde, wenn man für diese eurythmische Kunst etwas tun würde, die ja eben durch die Art der Mittel, die sie wählt, die verschiedenen künstlerischen Strömungen, die in der Gegenwart eigentlich alle scheitern daran, dass sie heute noch ungeeignete Mittel wählen, nicht von dem Richtigen ausgehen, befruchten könnte. Sie kann nicht eine Universalkunst werden, aber sie kann wie an einem Modell zeigen, wie auch auf anderen Gebieten des künstlerischen Schaffens gearbeitet, gestrebt und gelebt werden muss, wenn man vorwärtskommen will.

Ich wollte diese paar Bemerkungen machen, um dasjenige zu erläutern und zu ergänzen, was unsere Freunde hier vor Ihnen gesprochen haben.

German original of Address at the Orientation Meeting Regarding the Founding of “The Coming Day” · ← Previous · Next →