Current Social and Economic Issues

GA 332b — 13 March 1920, Stuttgart

Prospekt über die Ausgabe von 5%igen Darlehensscheinen

Im Gesamtbetrage von M. 10.000000 der Gesellschaft «Der Kommende Tag», Aktiengesellschaft zur Förderung Wirtschaftlicher und Geistiger Werte

Die Aktiengesellschaft DER KOMMENDE TAG wurde durch Gesellschaftsvertrag vom 13. März 1920 mit dem Sitz in Stuttgart errichtet. Der Zweck der Gesellschaft ist der Betrieb und die Finanzierung von rein wirtschaftlichen und geistig-wirtschaftlichen Geschäften und Unternehmungen aller Art, die im Sinne der anthroposophischen Weltanschauung sowohl nach ihren Zielen wie nach Art ihrer Haltung orientiert sein werden, und die geeignet sein sollen, das wirtschaftliche Leben auf einen gesunden assoziativen Boden zu stellen und das geistige Leben so zu gestalten, dass berechtigte Begabungen in eine Position gebracht werden, durch die sie sich in sozial fruchtbarer Art ausleben können.

Die Gesellschaft wird sich von den gewöhnlichen Bankunternehmungen dadurch unterscheiden, dass sie nicht nur finanziellen Gesichtspunkten dient, sondern den realen Operationen selbst, die durch das Finanzielle getragen werden. Es wird daher die Zurverfügungstellung von Kapital an andere Unternehmungen nicht auf dem Wege zustande kommen, wie dies im gewöhnlichen Bankwesen geschieht, sondern aus den sachlichen Gesichtspunkten, die für eine Operation, die unternommen werden soll, in Betracht kommen. Die Gesellschaft wird also weniger den Charakter des Leihers als vielmehr den des in der Sache drinnenstehenden Kaufmannes haben, der mit gesundem Sinne die Tragweite einer zu finanzierenden Operation ermessen und mit Wirklichkeitssinn die Einrichtungen zu ihrer Ausführung treffen kann. Daraus wird sich ergeben, dass die durch die Gesellschaft zu finanzierenden Unternehmungen im Allgemeinen die Form von Zweigniederlassungen der Gesellschaft annehmen werden. Dabei wird es darauf ankommen, dass z.B. Unternehmungen entriert werden, die augenblicklich gut rentieren, um mit ihrer Hilfe andere Unternehmungen zu tragen, die erst in späterer Zeit und vor allem durch die jetzt in sie zu gießende Geistessaat, die erst nach einiger Zeit aufgehen kann, wirtschaftli‚che Frucht bringen können. Die leitenden Gesichtspunkte hierfür werden sich ergeben müssen aus der Einsicht darin, wie die Lebensansicht, die mit der Anthroposophie gegeben ist, sich in wirtschaftlich fruchtbare Wirksamkeit umsetzt.

Die Leitung der Gesellschaft wird ausgehen von der Erkenntnis, dass die wirtschaftliche Tätigkeit Zweige entfalten kann, die zwar für den einzelnen Unternehmer zeitweilig günstige Resultate liefern, die aber im Zusammenhange der sozialen Ordnung zerstörend wirken. In dieser Art waren viele Unternehmungen der neuesten Zeit orientiert. Man fruktifizierte sie, und gerade durch ihre Fruktifizierung untergrub man die soziale Ordnung. Dieser Art von Unternehmungen müssen solche gegenübertreten, die aus einem gesunden Denken und Empfinden heraus stammen. Diese können sich in wirklich fruchtbarer Art der sozialen Ordnung einfügen. Sie können aber nur von der durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft angeregten sozialen Denkweise getragen sein. Ohne Zweifel werden auch Unternehmungen wie die hier charakterisierten zunächst nur die sozialtechnischen und finanziellen Krisenmöglichkeiten überwinden können; dagegen werden ihnen die sozialen Schwierigkeiten so lange gegenüberstehen, als diese als eigentliche Arbeiterfrage noch die Gestalt an sich tragen, die aus der zu Krisen verurteilten alten Produktionsweise stammen. Die an den neuen Unternehmungen beteiligten Arbeiter werden z.B. in Lohn« ferenzen sich gerade so verhalten, wie sie sich den Unternehmungen alten Stils gegenüber verhalten. Allein man darf bei solchen Dingen nicht unterschätzen, wie bald bei richtiger Führung ein Unternehmen der hier charakterisierten Art auch sozial günstige Folgen haben muss. Das wird man sehen. Und das Beispiel wird überzeugend wirken. Wenn eine Unternehmung dieser Art stocken wird, dann wird man die Arbeiter, die daran beteiligt sind, schon mit ihren Überzeugungen bei dem Wiederinflussbringen haben. Denn nur dadurch, dass man durch eine auf alle Menschenklassen wirkende Denkungsart die Handarbeiter mit den geistigen Führern von Unternehmungen zu einem Interesse bringt, kann den sozialen Zerstörungskräften entgegengearbeitet werden.

Die Gesellschaft wird bestrebt sein, das ihr zur Verfügung stehende Kapital in produktiven Werten und in Erzeugnissen anzulegen, für die ein ständiger Bedarf vorhanden ist. Sie hofft, dadurch von den Wirkungen finanzieller Krisen möglichst wenig berührt zu werden.

Der Vorstand besteht aus den Herren Kaufmann Konradin Haußer, Kaufmann Hans Kühn und Kaufmann Wilhelm Trommsdorff, sämtliche in Stuttgart; er ist vom Aufsichtsrat ernannt.

Dem Aufsichtsrat gehören an die Herren Dr. Rudolf Steiner, Dornach, als Vorsitzender, Kommerzienrat Emil Molt, Stuttgart, als stellvertretender Vorsi zender, Direktor Emil Leinhas, Stuttgart, als Schriftführer, Fabrikant Jose del Monte, Stuttgart, und Fabrikant Dr. Carl Unger, Stuttgart. Die Mitglieder des Aufsichtsrates üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus.

Gründer der Gesellschaft sind die Herren
Konradin Haußer, Stuttgart
Hans Kühn, Stuttgart
Direktor Emil Leinhas, Stuttgart
Graf Otto von Lerchenfeld, Köfering bei Regensburg
Kommerzienrat Emil Molt, Stuttgart
Fabrikant José del Monte, Stuttgart
Graf Ludwig von Polzer-Hoditz, Gutau, Oberösterreich
Dr. Rudolf Steiner, Dornach bei Basel
Fabrikant Dr.-Ing. Carl Unger, Stuttgart

Bezüglich des Reingewinnes bestimmen die Satzungen, dass von demselben 5 % dem gesetzlichen Reservefonds zugeführt werden, bis dieser den zehnten Teil des Aktienkapitals erreicht hat; der Aufsichtsrat ist befugt, weitere Rücklagen in jedem Umfange anzuordnen. Sodann wird auf das Aktienkapital eine Dividende gewährt, die eine den jeweiligen Zeit-Verhältnissen entsprechende, angemessene Verzinsung vom Nennwert des Aktienkapitals darstellen soll. Über den alsdann noch verbleibenden Gewinnrest beschließt die Generalversammlung besonders.

Das Grundkapital ist vorerst M. 300000.-, eingeteilt in 300 auf Namen lautende Aktien zu je M. 1000.-. Es ist in Aussicht genommen, das Grundkapital nach Erteilung der gesetzlichen Genehmigung wesentlich zu erhöhen.

Bis dahin ist, gemäß dem Beschlusse des Aufsichtsrates vom 11. März 1920, die Ausgabe von Darlehensscheinen bis zu einem Betrage von Mk. 10000000.unter folgenden Bedingungen vorgesehen:

  1. Die Darlehensgeber erhalten auf die Aktien-Gesellschaft «Der Kommende Tag» oder deren Ordre lautende Darlehensscheine im Betrage von nicht unter M. 1000.-.
  2. Die Darlehensscheine sind zu 5 % auf den 1. April und 1. Oktober jeden Jahres zu verzinsen, seitens des Darlehensgebers nach besonderer Vereinbarung kündbar und durch Indossament an Dritte übertragbar. Die Übertragung wird der Gesellschaft gegenüber durch Eintrag in deren Register rechtskräftig.
  3. Die Gesellschaft hat jederzeit das Recht, die Darlehensscheine in beliebiger Reihenfolge derart in Aktien umzuwandeln, dass sie den Darlehensgebern für den auf tausend abgerundeten Betrag des Darlehensscheines neu zur Ausgabe gelangende Aktien im gleichen Nennwert zuteilt und den etwa überschießenden Rest bar ausbezahlt. Diese neuen Aktien sind im Dividendenbezug gleichberechtigt mit dem Grundkapital. Die Regelung des Verhältnisses des Stimmrechts alter und neuer Aktien wird derjenigen Generalversammlung vorbehalten, die über die Erhöhung des Grundkapitals beschließen wird.
  4. Soweit die Darlehensscheine bis 1. April 1922 auf Wunsch der Gesellschaft nicht in Aktien umgewandelt sind, steht der Gesellschaft das Recht zu, die Darlehen nach einem von der Generalversammlung festzusetzenden Tilgungsplan heimzuzahlen.

Die Gesellschaft lädt zur Übernahme von Darlehensscheinen hiermit ein und bittet um Rücksendung des ausgefüllten und unterzeichneten Zeichnungsscheines an die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag», Stuttgart, Champignystr. 17 (nicht einschreiben).

Stuttgart, 13. März 1920.

Konradin Haußer Hans Kühn Wilhelm Trommsdorff
(als Mitglieder des Vorstandes)

Dr. Rudolf Steiner Emil Molt Emil Leinhas
José del Monte Dr. Ing. Carl Unger
(als Mitglieder des Aufsichtsrates).

German original of Prospectus for the Issue of 5% Loan Certificates · ← Previous · Next →