Current Social and Economic Issues
GA 332b — 17 November 1920, Stuttgart
Ansprache zur Einführung von Eugen Benkendörfer als Generaldirektor des «Kommenden Tages»
Rudolf Steiner: Meine lieben Freunde! Wir haben Sie gebeten, heute hierherzukommen, weil wir Herrn Benkendörfer als Generaldirektor des «Kommenden Tages» vom Aufsichtsrat des «Kommenden Tages» aus einzuführen und Ihnen vorzustellen haben.
Die Verhältnisse, wie sie sich entwickelt haben, zum Teil die Verhältnisse im «Kommenden Tag» selber, namentlich aber auch die Verhältnisse zwischen dem «Kommenden Tag» und der anthroposophischen und der anderen Außenwelt, haben notwendig gemacht, dass die Stelle des Generaldirektors des «Kommenden Tages» geschaffen werde, und der Aufsichtsrat musste Umschau halten nach einer geeigneten Persönlichkeit. Und es ist von mir oftmals ausgesprochen worden, dass diese Aufgabe, geeignete Persönlichkeiten in diesen oder jenen Posten heute zu finden, der mit einem sehr, sehr weitgehenden Verantwortlichkeitsgefühl und einer sehr weitgehenden Notwendigkeit der Einsicht in die verschiedenartigen Verhältnisse verbunden ist, dass es eben außerordentlich schwierig ist, Persönlichkeiten für solche Posten zu finden. Wir schätzen uns glücklich, dass wir Herrn Benkendörfer für diesen Posten haben gewinnen können, und teilen Ihnen diese Freude und Befriedigung darüber mit, indem wir glauben, dass diese Befriedigung sich durch die Arbeit des Herrn Benkendörfer mit Ihnen allen im Laufe der Zeit auch für Sie im höchsten Maße ergeben wird.
Bei dieser Gelegenheit obliegt es mir aber, nachdem ich die verschiedensten Rücksprachen gerade über die fundamentalsten Aufgaben sowohl des «Kommenden Tages» wie der Bewegungen, aus denen der «Kommende Tag» hervorgegangen ist, mit Herrn Benkendörfer gelegentlich seiner Eingliederung in den «Kommenden Tag» durchgesprochen habe, es obliegt mir, nun auch Ihnen einiges über den Inhalt dieser Gespräche und Sonstiges, was im Zusammenhang damit heute notwendig gesagt werden muss, eben zu sagen.
Ein wirkliches, gedeihliches Entwickeln des «Kommenden Tages», so wie er gedacht war von uns, ist nur möglich, wenn der «Kommende Tag» wirklich dastehen kann als herauswachsend, fortwährend herauswachsend sowohl aus der gesamten anthroposophischen Bewegung wie aus der Dreigliederungsbewegung. Nun bitte ich Sie, doch eines zu berücksichtigen, dass sich wie von selbst eigentlich - sehr partiell zwar, aber doch eben partiell - ergeben hat hier in Stuttgart so etwas wie eine Art Vorbild, aber eben nur Vorbild, da ja bei den gegenwärtigen Zuständen viel Vorbildliches, vielleicht sogar viel Wichtigstes nicht vorhanden sein kann, aber doch, wenn eben auch nicht die erstrebenswerte Dreigliederung, so doch das Vorbild einer Dreigliederung. Wir haben hier die Bewegung, die wir in der Waldorfschule konzentriert haben, und sie steht wiederum in Zusammenhang mit der gesamten anthroposophischen Bewegung. Das ist gewissermaßen der geistige Teil eines dreigliedrigen Organismus. Wir haben dann den Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus, der heute im Wesentlichen natürlich erst zur Propaganda desjenigen da ist, nach dem er sich benennt, der für die Zukunft nur vorbereitende Arbeiten zu besorgen hat, aber den wir doch in einem gewissen Sinne als Vorbild auffassen müssen für dasjenige, was man den staatlich-rechtlichen Teil des dreigliedrigen sozialen Organismus nennen muss.
Nun ist ja oft betont worden, dass gerade durch die Dreigliederung des sozialen Organismus die wahre, konkrete Einheit wird, nicht diejenige abstrakte Einheit, die darzustellen hat der abstrakte Staat. Und so hat sich denn natürlich auch zunächst ein inniges Band ausbilden müssen zwischen alledem, was unser geistiges Glied ist, und dem politisch-staatlich-rechtlichen Gliede in der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», die gewissermaßen ihren Arm nach beiden Seiten hinstrecken muss. Es muss sich aber zu alledem, was sich hier ausgebildet hat in der Waldorfschule, in der Anthroposophischen Gesellschaft, im Bund für Dreigliederung, in der Verbindung [mit] der Dreigliederungszeitung, von dem muss sich wiederum die Strömung gerade zu dem eigentlichen wirtschaftlichen Teil unseres hiesigen Stuttgarter Organismus, zum «Kommenden Tag», bewegen. Eines kann im Grunde ohne das andere in Wirklichkeit nicht bestehen.
Ich habe, als unser Freund Kühne eingeführt worden ist, einiges über die unmittelbaren Aufgaben der Dreigliederungsbewegung von heute gesprochen. Wir dürfen, wenn wir heute uns Gedanken, die nun wirklich zu Taten führen sollen, über diese Dinge machen, wir dürfen eines nicht vergessen, dass wir doch immerhin heute in einer ganz besonderen Zeit leben, in einer Zeit, in der sich die Schnelligkeit des Geschehens ganz wesentlich gegenüber der schon früher, in verflossenen Jahren, bestandenen Schnelligkeit des Geschehens vergrößert hat. Und das Schädlichste bei uns ist unter allen Umständen dieses, wenn wir des Morgens aufstehen und uns mitbringen aus alter Gewohnheit die Gedanken des gestrigen Tages und dann aus diesen Gedanken des gestrigen Tages auch am Morgen des nächsten Tages noch fortwirken wollen. Wir sehen gerade zur Vergrößerung des furchtbaren Elendes der Zeit dieses ja überall außerhalb unserer Bewegung groß werden; wir sehen, die Angriffe gegen die anthroposophische Bewegung werden gemacht aus den Gedanken des gestrigen Tages heraus. Diejenigen Menschen, die zumeist die Gegner sind, können nichts anderes denken als das, was man bis heute getan hat, in Gedanken, die sie daraus konstruieren.
Aber diese Gedanken sind vorbei. Und wir müssen uns schon bekannt machen mit dem, dass wir durchaus gerade in unserer Bewegung auf dem Boden neuer Gedanken stehen müssen, ja, dass sich uns selbst unsere Gedanken in verhältnismäßig kurzer Zeit erneuern müssen. Ich werde nachher noch mit ein paar Worten berühren, was ich mit dem Letzteren meine.
Wir kommen jetzt eben von einer Betriebsversammlung in dem Betriebe, der bisher der Betrieb Jos€ del Montes war, dessen Teilhaber waren: Herr del Monte selber, unser Aufsichtsratsmitglied, Herr Emil Poch, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, und Herr Benkendörfer, der nunmehr der Generaldirektor des «Kommenden Tages» sein wird. Es haben zwei Arbeiter gesprochen, nachdem Herr Benkendörfer und ich selbst heute in der Betriebsversammlung gesprochen haben. Aber alles das, was diese beiden Arbeiter gesprochen haben, ist für denjenigen, der solche Sachen bewerten kann, wiederum etwas außerordentlich Gewichtiges für die Beurteilung der gegenwärtigen Weltlage. Man kommt eigentlich heute nicht weiter, wenn man solche Dinge nicht mit aller Schärfe bewerten kann. Dasjenige, was in den «Kernpunkten der sozialen Frage» auseinandergesetzt ist, dass eigentlich die Brücke zwischen den führenden Klassen der heutigen Menschheit und [den arbeitenden Klassen, dem eigentlichen Proletariat] abgebrochen, und zwar durch die Schuld der führenden Klassen abgebrochen ist, das wird man bei einer solchen Gelegenheit mit außerordentlich schwerem Herzen bemerken können. Man redet zu den Leuten, die Leute reden zu einem, und es wird im Grunde zumeist doch eine ganz verschiedene Sprache gesprochen. Und die Aufgabe, die schon in den «Kernpunkten» angedeutet ist, die Aufgabe, diese Brücke zu schlagen, sie muss gelöst werden. Denn es gibt keine Beantwortung der sozialen Frage, ohne dass diese Brücke geschlagen wird, ohne die Möglichkeit eines Verständnisses zwischen den ehemaligen führenden Klassen und dem Proletariat. Und diese Brücke zu schlagen, das gehört zu den allerallerschwierigsten Aufgaben. Das ist eine Aufgabe, die wir im Grunde genommen nicht nur keine Stunde, sondern keine Minute aus den Augen verlieren sollten. Selbstverständlich ist es bei diesen Menschen so, dass sie aus den urältesten Blüten sozialer Phrasen heraus reden, aber diese Phrasen sind ihnen natürlich, sind ihnen elementar geworden, sie sind ihr ganzes Sein. Sie sind gewissermaßen ausgehöhlt, sind nurmehr Menschenschemen, ausgehöhlt und vollgestopft mit marxistischen und ähnlichen, jetzt auch schon mit bolschewistisch gefärbten Phrasen. Die Leute tragen das mit sich, sind gepanzert durch dasjenige, was einem Menschen ähnlich sieht im Grunde, und bringen es vor.
Wir haben es im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung dazu gebracht, dass man nichts getan hat, ja dass, wenn sich der Einzelne bemüht hat - meine Bemühungen gingen zum Beispiel während meiner Lehrerschaft an der Arbeiterbildungsschule in Berlin dahin -, wenn sich der Einzelne bemüht hat, ist er insbesondere von den führenden Kreisen durchaus im Stich gelassen worden. Sie haben sich beschäftigt mit Theater, mit Zeitungslektüre, mit alledem, was nur in ihrer Klasse war, was vollständig eine andere Sprache sprach als dasjenige, was im Proletariat tagtäglich abends in Versammlungen gesprochen worden ist; was nicht nur eine andere Sprache spricht, sondern ein anderes Leben führt. Ich glaube, dass geistig doch durchaus das vorhanden ist, heute noch, heute sogar noch mehr als früher, was mir einmal in Berlin krass auch sinnlich-physisch entgegentrat, als man in früheren Jahren, wo diese Dinge noch wenig Bedeutung hatten, von der Möglichkeit einer kleinen Revolution sprach. Da haben sich im Berliner Westen einige Familien dazu veranlasst gefühlt, ihre Fensterläden einen ganzen Tag herunterzulassen und das Haus zuzuschließen. Das zugeschlossene Haus, das ist heute dasjenige, was im Grunde genommen die führenden Klassen einzig und allein in der sozialen Bewegung besorgen. Es ist heute durchaus noch so. Heute in diesem kleinen Kreise dürfen wir uns darüber keiner Illusion hingeben. Denn wir müssen, wir müssen als diese besondere Bewegung, wir müssen das Schlagen dieser Brücke als unsere besondere Aufgabe betrachten.
Und wir dürfen uns über unseren eigenen Weg absolut keiner Illusion hingeben. Wir dürfen uns vor allen Dingen einer Illusion nicht hingeben - ich halte sie ausdrücklich für die allerernsteste -, derjenigen, dass wir uns Zeit lassen können. Wir haben nicht viel Zeit! Denn derjenige, der die Dinge nicht abstrakt, sondern im Konkreten betrachtet, der weiß, dass wir für unsere Bewegung die allerhöchste Eile haben. Und dafür ist auch wiederum eine solche Betriebsversammlung außerordentlich charakteristisch. Was glauben Sie denn: Je mehr Betriebe wir uns für den «Kommenden Tag» angliedern, eine desto größere Arbeitergefolgschaft bekommen wir auch eben im Gefolge des «Kommenden Tages», und die fragen von ihrem Gesichtspunkt aus - mag die Frage nun in einem alten Ladenhüter oder in Sonstigem bestehen -, die fragen von ihrem Gesichtspunkte aus: Was will denn der «Kommende Tag»? - Wenn wir uns hier bloß auf unsere kurulischen Stühle setzen und uns Zeit lassen mit der ganzen Dreigliederungsbewegung, dann wächst uns in unsere eigene Bewegung das Proletariat so herein, dass wir gar keine Möglichkeit haben, mit ihm auszukommen, keine Möglichkeit haben, noch zu irgendeinem Verständnis zu kommen. Sondern dann kommen wir einfach zu dem, was ich Ihnen krass damit bezeichnen will, dass die Leute sagen werden: Mag der «Kommende Tag» auch betonen, seine Aufsichtsratsmitglieder bezögen keine Tantiemen, keine Gewinne, besser für die Arbeiter wird es auch nicht. - Wenn wir uns Zeit lassen, wenn wir nicht heute verstehen, dass wir keine Zeit haben, sondern dass wir so eilig wie möglich zu handeln haben, ist unsere Bewegung ganz vergeblich. Wir dürfen das nicht außer Acht lassen. Durch alles, was wir Neues machen gerade von solcher Art, legen wir uns eine neue Verpflichtung in der ernstesten Weise auf, schnell zu handeln. Denn die Brücke wird auf keine andere Art geschlagen als dadurch, dass wir diejenigen Menschen, die wir aus allen Klassen der Bevölkerung brauchen, so schnell wie möglich für unsere Ideen gewinnen.
Meine lieben Freunde! Lernen Sie es einmal, durch die Bank abzusehen von aller Kompromisslerei. Wir haben früher keine guten Erfahrungen gemacht mit den Kompromissen, die angesponnen werden sollten; wir würden in der Zukunft durch alle Kompromisslerei nur Zeit verlieren. Es ist notwendig, dass wir dasjenige, was wir zu sagen haben, mit einer solchen Strenge in der Welt vertreten, wie ich es gestern in Bezug auf den Grafen Keyserling getan habe im öffentlichen Vortrag. Wenn wir hören wollten auf diejenigen Stimmen, die uns da sagen, es wären solche über Anthroposophie wohlwollend urteilende Leute wie Graf Hermann Keyserling doch zu gewinnen, man könnte ihn gewinnen, dann bedeutet das, dass wir uns selbst aufgeben würden heute; heute ist die Sache schon so weit, dass wir uns selbst aufgeben würden. Andererseits zeigt Ihnen gerade dasjenige, was wir in Stuttgart erleben, dass unsere Ideen Tragkraft haben, schon viele Leute heranzuziehen. Wir müssen es nur verstehen, unsere ganze Persönlichkeit wirklich einzusetzen, denn wir dürfen nicht diejenigen Menschen, die sich zusammenfinden, wiederum einfach auseinanderlaufen lassen, sondern wir müssen die Menschen zusammenhalten. Und wir können keine anderen Menschen in unserer Gesellschaft brauchen, alle diejenigen, die so sympathisch tun, und immer sagen: Da ist der und der, wir wollen sehen, ihn zu gewinnen. — Das ist ja die Politik, die vielfach bei uns getrieben wird, die uns schon schädlich war, und eigentlich nicht fortgeführt werden darf. Jetzt sind wir in einem wichtigen Zeitpunkt, und wir dürfen keine Kompromisslerei treiben, sondern wir müssen auf dem Standpunkte stehen, den ich öfter in unserer Dreigliederungszeitung ausgesprochen habe: einfach unsere Ideen in möglichst viele Köpfe hineinzubringen, ganz unabhängig davon, wer die Leute sind; wenn sie kommen wollen, nehmen wir sie auf. Wir können uns auf keine Kompromisse einlassen. Wir lehnen einfach alles dasjenige ab, was die Leute hereinbringen wollen. Wir haben ja, als der Bund für Dreigliederung hier begonnen wurde - die Zusammenhänge habe ich öfters erklärt -, damit begonnen, unter das Proletariat zu gehen, haben im Grunde genommen zunächst auch wirklich ganz bemerkbare Erfolge gehabt. Wir haben dann aus diesen Bestrebungen heraus die Betriebsrätefrage ins Laufen zu bringen versucht, und wir mussten gewissermaßen die Betriebsrätefrage im Sand verlaufen lassen.
Nun will ich den Verlauf gerade dieser Bestrebungen nicht besonders kritisieren, das würde heute zu weit führen. Diese Dinge werden ja vielleicht zur Charakteristik der Notwendigkeit immerhin in der nächsten Zeit noch von verschiedenen Seiten aus beleuchtet werden müssen, aber ich will nur erwähnen, dass es aus inneren Gründen heraus im eminentesten Sinne schädigend für uns ist, wenn wir eine Bewegung, eine Bestrebung aufnehmen und sie wiederum im Sande verlaufen lassen. Die Zeitverhältnisse können uns da oder dort dazu nötigen, dann müssen wir aber sicher sein, dass eben die Zeitumstände uns genötigt haben. Aber wir selbst, wir müssen alles tun, damit eine Bewegung, die durch uns entfacht ist, nicht im Sande verläuft.
Aber wie gesagt, ich gebe niemand die Schuld, ich kritisiere nichts, ich mache nur darauf aufmerksam, dass wir die Kulturratsbewegung begonnen haben und im Sande haben verlaufen lassen. Ich mache darauf aufmerksam, dass wir genötigt waren, in die Wege zu leiten eine Sache - mag sie so oder so ausgehen - zur Sammlung von Sympathiekundgebungen - sie ist im Sande verlaufen. Mit ziemlich starken Worten ist betont worden, man müsse die Dreigliederungszeitung so schnell wie möglich in eine Tageszeitung verwandeln - es ist die Bewegung als solche bisher im Sande verlaufen.
Solange wir nicht das Gefühl haben, dass, wenn wir etwas tun, dieses, was wir tun, unbedingt Folge haben muss, verfolgt werden muss, solange wir nicht das Gefühl haben, wir dürfen nichts liegen lassen, wir müssen alles so schnell wie möglich vorwärtsbringen, wird trotzdem unsere ganze Bewegung im Sande verlaufen. Das müssen wir uns mit aller Klarheit vor Augen halten. Heute stehen wir durchaus vor der Notwendigkeit, vor allen Dingen in den Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus eine neue Initiative hereinzubringen. Der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus muss von sich aus dasjenige bewirken, was die vorhin genannte Brücke schlägt. Dazu muss er tatsächlich in diesem Sinne die moderne Diplomatie vorstellen, von der ich bei der Einführung des Herrn Kühne gesprochen habe. Heute ist es ziemlich fruchtlos, von allen möglichen utopistischen Ideen zu sprechen, wie es in der Zukunft sein müsse auf diesem oder jenem Gebiet, wie man Assoziationen gestalten soll und dergleichen. Gewiss, über diese Dinge kann auch gesprochen werden, sie sind aber nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist heute, die realen Begebenheiten des Tages anzufassen, sich mit diesen realen Begebenheiten des Tages zu befassen.
Wir haben es ja nicht zu tun damit, viele solche Dinge einzurichten, wie der «Kommende Tag» ist. Wenn wir ein solches Ding einzurichten haben, werden wir schon wissen, wie wir es aus den Verhältnissen heraus einrichten sollen. Aber viel daran herumzudozieren, wie ein Geschäft ausschauen soll, wie das Proletariat behandelt werden muss und dergleichen, dazu ist keine Zeit heute. Heute haben wir es zu tun mit den verschiedensten Bestrebungen. Sie sind real da. Wir haben es zu tun mit den Bestrebungen zum Beispiel derjenigen Arbeiterschaft, welche durchaus auf der Seite steht, welche man in Deutschland nennt die Mehrheitssozialisten, wir haben es mit allen möglichen anderen Schattierungen zu tun. Aus diesen Schattierungen heraus entstehen die heutigen Verhältnisse des öffentlichen Lebens. Dies auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen die Bestrebungen des öffentlichen Lebens und denjenigen Strömungen, die zum Beispiel durch das Ideal von Stinnes charakterisiert werden. Er hat es ausgesprochen, von vielen gehört wurde es, was er tut, in aller Freiheit tut, und sie können die Tätigkeit Stinnes’ auf vielen Gebieten verfolgen. Das ist nichts irgendwie Vertracktes von seinem Gesichtspunkt aus, sondern etwas sehr klar Durchdachtes und etwas von ihm auch klar Definiertes. Stinnes will Verhältnisse herbeiführen, durch welche die gesamte Arbeiterschaft Deutschlands einstmals kniefällig vor seinen Toren rutschen und um Arbeit bitten wird. Er will die Verhältnisse vertrusten. Er will solche Zusammenhänge hervorrufen, durch welche das Proletariat genötigt ist - sei es durch grandiose Riesenaussperrungen und dergleichen, die vorangehen werden -, die Verhältnisse dringen durch, durch welche das Proletariat um jeden Preis um Arbeit bitten muss. Das ist das von Stinnes ausgesprochene Ideal, dasjenige, was er bewusst von Tag zu Tag durchführt. Andere sind nicht so geniale Menschen wie Stinnes, aber sie führen ähnliche Dinge durch, und sie wissen, was sie wollen.
Innerhalb dessen, was geschieht, müssen wir uns bewegen. Wir müssen die Verhältnisse anschauen. Ich werde demnächst, wenn nicht für die allernächste, so doch für die zweitnächste Nummer der Dreigliederungszeitung einen kurzen Artikel liefern, in dem ich zeigen werde, wie charakteristisch ist für die internationalen sozialen Verhältnisse, welche Natur angenommen haben die Erste Internationale, die Zweite Internationale und die Dritte Internationale. Diese Erste, Zweite und Dritte Internationale der Arbeiterschaft zu studieren ist für die Beurteilung desjenigen, was heute im Proletariat rumort, im höchsten Maße bedeutsam. Das sind die Realitäten der Gegenwart. Es ist interessant, und ich werde nachweisen, dass sich die Erste, Zweite und Dritte Internationale so zueinander verhalten, wie wenn die Erste Internationale, in der sich die [Anhänger von Bakunin] von Marx getrennt haben, noch etwas gefärbt gewesen wäre vom geistigen Wesen, die Zweite war lediglich politisch-parlamentarische Arbeit, und die Dritte ist lediglich wirtschaftliche Arbeit, mit Hinauswerfung alles Parlamentarischen und alles Geistigen. Sodass man geradezu studieren kann an dem Fortschreiten vom Geistigen zum Parlamentarischen, zum Anlangen beim bloß wirtschaftlichen Denken, indem man die Erste, die Zweite und die Dritte Internationale studiert.
Aber meine lieben Freunde, dasjenige, was ich da schildere, das lebt ja in dem, was heute geschieht, und man kann doch nicht in die Welt hineinsprechen wie in eine Wand, sondern man muss so sprechen, dass man weiß, was da eigentlich lebt. Man muss den Leuten dasjenige erzählen, was an sie «anschlägt». Man darf nicht von dem reden, von dem man vor zehn oder vor zwei Jahren geredet hat. Man muss zum Beispiel reden, wenn man von der Unwirklichkeit redet, von so etwas wie dem englischen Bergarbeiterstreik, und muss darauf aufmerksam machen, wie an dem Verhalten dort sich zeigt, wie an hervorragendster Stelle einmal so unwirklich gedacht worden ist, dass man einen Riesenstreik beilegen wollte, indem man einfach vorläufig ihn unterdrückt und die Keime zu fortdauernden, sich periodisch wiederholenden, neuen Streiks legt. Das kann man heute schon nachweisen aus dem seitherigen Verlauf.
Heute handelt es sich nicht darum, Utopien darüber auszudenken, wie es in einem fertigen dreigegliederten sozialen Organismus beschaffen sein soll. Davon sprechen auch die «Kernpunkte der sozialen Frage» nicht, und wo es geschieht, nur beispielsweise. Wir müssen uns heute tatsächlich mit den konkretesten Realitäten ganz genau bekannt machen, und wir müssen lernen, zu den Menschen so zu sprechen, dass wir sie treffen. Aber, meine lieben Freunde, das können wir nur, wenn wir nicht Vereinzelte sind, wenn in demjenigen Rahmen, in dem es mir selbst heute noch möglich ist- ich kann ja eigentlich nur an wenigen Orten sprechen -, wenn Herr Kühne und Herr Dr. Wachsmuth sprechen werden, dann ist das zu wenig, ganz und gar zu wenig! Dasjenige, worauf es ankommt, das ist, unsere neue Initiative vor allen Dingen dahin zu entwickeln, dass wir ein ganzes Korps von Sprechern vor die Welt hinstellen können, denn wenn wir nicht ein Korps von Sprechern haben, werden die wenigen auch aufgefressen, das heißt ihre Tätigkeit nützt nichts. Heute liegen die Verhältnisse so, dass die wenigen Redner aufgefressen werden, wenn nicht ein Korps von Rednern da ist. Wir müssen durch unsere Reden es dahin bringen, dass im Krisenfalle in den Köpfen auch zum Beispiel des Proletariats und auch des Bürgertums schon Gedanken darinnen leben, die einfach dahin gehen, dass man selbst über so etwas hinwegkommen könnte, was sich ergeben könnte, sagen wir, wenn wir jetzt den del Monte’schen Betrieb haben, den Unger’schen Betrieb haben, dass es eines Tages so läge, dass [die] von den Arbeitern ja oftmals heute einzig und allein verstandenen materiellen Verbesserungen den Leuten nicht gegeben werden könnten. Wir müssen es dahin bringen, dass dann die Leute, die bei uns sind, sagen: Was die uns gesagt haben, das leuchtet uns so ein, dass wir lieber mit ihnen gehen als mit den proletarischen Führern. - Wenn wir es nicht dahin bringen, uns so weit zu verständigen, so weit die Sprache [der Arbeiter] sprechen zu können, dass wir uns [mit ihnen] verständigen können, dann ist unsere Arbeit zunächst vergeblich. Wir müssen es dahin bringen können - es geht nicht anders, als dass wir ein Geisteskörper werden. Denn es nützt nichts, wenn wir vereinzelt, sporadisch unsere Angelegenheiten vertreten. Im Großen müssen wir wirken. Es hängt alles daran, dass in verhältnismäßig kürzester Zeit eine große Anhängerschaft, eine an Menschenzahl große Anhängerschaft gewonnen wird. Und wir müssen sie auch halten. Wir müssen sie nicht wiederum auseinanderlaufen lassen. Zum Beispiel dürfen wir nicht vergessen, eine Lehre zu ziehen aus einer solchen Tatsache, dass unsere Dreigliederungszeitung vor vielen Monaten genau dieselben 3000 Leser hatte, die sie heute noch immer hat. Es ist die Aufgabe des Dreigliederungsbundes, dafür zu sorgen, dass es eine solche Tatsache überhaupt nicht gibt. Wir müssen diese Aufgabe ernst nehmen. Dazu müssen wir uns aber ganz besonders hüten davor, in irgendwelchen Dingen aufzugehen, die noch von gestern sind. Wir müssen hinein uns stürzen ins ganze gegenwärtige Leben und unmittelbar aus der Gegenwart heraus wirken. Wir dürfen uns heute nicht den Luxus eines Theoretisierens erlauben, das allgemeingültig sein will. Wir müssen uns klar sein darüber, dass dasjenige, was wir heute mit vollem Werte sagen, morgen schon nicht mehr wahr sein kann, wenn wir nicht arbeiten.
Was müssen wir denn heute tun? Eine solche Betriebsversammlung, wie die ist, in der wir gerade waren - selbstverständlich müssen wir da etwas sagen, wir können nicht Phrasen reden, was sich bewahrheiten soll. Es wird sich aber nicht bewahrheiten lassen, wenn wir nicht so arbeiten, dass wir als geschlossener Körper dastehen. Es liegt an uns, nicht nur etwas zu sagen, denn damit, dass wir eine Wahrheit aussprechen, ist sie noch keine Wahrheit, sondern eine Wahrheit von solcher Art wie diejenige, die im sozialen Leben gesagt wird, die ist erst dann eine Wahrheit, wenn man hinterher auch tun kann, was gesprochen wird. Die Wahrheit fordert jetzt Taten. Sie ist nicht - auf dem Gebiete des Willens liegend - eine Wahrheit von solcher Art wie die naturwissenschaftlichen Wahrheiten; sie kann heute Wahrheit sein und in acht Wochen eine Lüge sein, wenn man nicht imstande ist, sie zur Wahrheit zu machen. Wenn man dieses innere Leben des sozialen Geschehens nicht ins Auge fasst, kann das nicht geschehen, was durch die Dreigliederung des sozialen Organismus unbedingt geschehen muss.
Durch den Verlag ragt unmittelbar das geistige Leben wiederum in den Wirtschaftsorganismus des «Kommenden Tages» hinein. Und so verquickt sich bei uns alles.
So ist es eigentlich notwendig, dass dasjenige, was hier in Stuttgart wirkt und dann hinausgeht, im Grunde genommen als eine große Einheit angesehen wird, und dass wir uns in keiner Weise zersplittern, sondern alles in unser Interesse einfassen.
Vor allen Dingen möchte ich auf eines aufmerksam machen: Dasjenige, was hier in Stuttgart aus bestem Willen heraus inauguriert worden ist, konnte von Anfang an nicht so getrieben werden, dass es draußen in der Welt in entsprechender Weise verstanden werden konnte. Statt dass wir draußen in der Welt diejenigen Proletarier, zu denen wir die Möglichkeit gehabt haben zu sprechen, immer geführt hätten — was uns durchaus notwendig gewesen wäre -, haben schon die Ortsgruppen [des Bundes] durchaus es oftmals für ihre Aufgabe gehalten, solche Dinge zu entrieren, die dazu geführt haben, dass unsere Ortsgruppen mehr oder weniger zeitweilig - später wurde es wieder zurückgezogen — «zerzaust» in den proletarischen Körperschaften aufgegangen sind. Das müssen wir uns abgewöhnen. Wir können nur eine ganz neue Bewegung fruchtbar gestalten, wenn es uns unmöglich ist, mit irgendetwas einen Kompromiss zu schließen. Wenn wir unter Proletariern geredet haben, war das nur so gemeint, dass wir unter Proletariern redend die Proletarier für uns gewinnen wollen. Ich habe das dadurch angedeutet, dass ich im Grunde genommen keinen einzigen Kompromiss geschlossen habe unter Proletariern, auch in der Zeit nicht, als sie uns zugelaufen sind. Und die Fehler, die gemacht worden sind, sind auch da aus dem hervorgegangen, was an Kompromisslerei auch unter uns getrieben worden ist.
Ich habe Ihnen eigentlich am meisten gesprochen von dem, was ich immer denke, dass [es] für die Dreigliederung im Allgemeinen zu geschehen hat. Ich habe auf Punkte hingewiesen, die in irgendeiner Form wiederum aufgenommen werden müssen. Die ganze Bewegung der Dreigliederung muss in einer so intensiven Weise in die Hand genommen werden, dass wir in der kürzesten Zeit aus der Zeitung eine Tageszeitung machen können. Die Bewegung der Dreigliederung muss so intensiv gefördert werden, dass eine Anzahl - ich habe oftmals gesagt fünfzig - Agitatoren ausgebildet werden, ganz im Konkreten mit jenem Wissen ausgestattet werden, das man heute braucht, um nicht Parteiphrasen oder politische Phrasen unters Volk zu bringen, sondern von der Wirklichkeit zu sprechen. Dann kann man die Gegnerschaft aushalten, wenn dies alles entwickelt werden kann. Dasjenige, was von Wirklichkeit gesättigt ist, wirkt doch, wenn es auch zunächst missverstanden wird. Bei uns kommt es nur darauf an, zu wissen: Irgendetwas ist wirksam. Auf den Erfolg, den unmittelbaren Erfolg kommt es nicht an. Aber wir müssen tun, was notwendig ist.
Und dann ist es doch notwendig, dass wir vor allen Dingen uns selbst mit der kleinsten konkreten - denn das Kleinste ist manchmal der Keim eines Größten - politischen oder wirtschaftlichen Bewegung in jeder Klasse heute bekannt machen. Wir müssen uns bekannt machen mit den Zielen, die heute wirken. Und die Ziele wirken heute in einer ungeheuer großen Anzahl [von Menschen]. Man muss überall beachten unsere Auseinandersetzungen, sodass allmählich ein Urteil ausgestreut, ausgestrahlt wird von unserer Bewegung, das dahin führt, dass sich jeder Kommunist oder wer auch [immer] sagt: Die Dreigliederung denkt über die Sache so und so, das und das sagen die Leute von der Dreigliederung dazu. - Aber das muss wirksam vertreten werden vor der Welt, dass es gehört wird. Das sind die Grundbedingungen unserer Gesellschaft, und wir müssen tatsächlich auf etwas hinweisen können, was in der Richtung liegt, die sichtbar macht dasjenige, was wir zum Beispiel mit so etwas wie dem «Kommenden Tag» wollen.
Wir brauchen so rasch wie möglich wissenschaftliche Institute, und wir müssen begreiflich machen, wie diese wissenschaftlichen Institute oder künstlerischen Institute zusammenhängen mit der ganzen sozialen Bewegung. Ohne dass wir angliedern an unseren «Kommenden Tag» wissenschaftliche und künstlerische Institute, deren Inhalt wir den breitesten Kreisen der Menschheit verständlich machen können, ohne das kommen wir nicht weiter. Wir müssen doch etwas hineinfüllen in die Köpfe auch der Proletarier, damit das, was drinnen ist, sie abhält, dass sie nur so zu uns reden wie heute. Selbstverständlich kann man sich mit ihnen auseinandersetzen. Warum hat man denn zur Zeit der Ersten Internationale selbst die Programme des Proletariats anders aufgestellt? Weil es noch gemeinsame Ideen gab, die alle Klassen der Menschen hatten. Diese Ideen sind heute längst zur Phrase geworden, so wie die deutsche Verfassung eine Phrase war. Sie hatte das allgemeine, geheime gleiche Wahlrecht; die deutsche Wirklichkeit war: Der einzige Mensch, der etwas zu sagen hatte, war Bismarck. So weit war dasjenige, was Idee war, von der Wirklichkeit entfernt. Und so ist es im Grunde genommen auch heute noch.
Versuchen Sie zu studieren, welches die Wirklichkeit war, die ausgekocht wurde, als in Deutschland die Revolution ausbrach. Versuchen Sie das mit den Ideen, die dazumal geherrscht haben, zu vergleichen, und Sie werden sehen, dass es im November 1918 nicht anders war. Und heute ist es noch schlimmer in Bezug auf die allgemeinen Ideen, die wirken sollen.
Wir müssen uns klar sein darüber, dass die alten Ideen verbraucht sind und dass wir gar keine Kompromisse mit den Trägern der alten Ideen eingehen können, bevor die Leute zu uns kommen. Man muss selbstverständlich seine Pflicht tun, muss, wenn sich die Gelegenheit ergibt; selbst wenn solch ein Mann wie der Außenminister Simons, der ja selber betont, dass er nur mit Unwillen auf seinem Stuhle sitzt, der immer davon spricht, dass er möglichst bald erlöst werden will, selbst bei einer solchen Persönlichkeit, die die Aufgabe der Zeit missversteht, wenn so etwas vorkommt, wie es bei Simons vorgekommen ist, muss man seine Pflicht tun. Aber man darf sich keine Illusionen machen. Es ist wichtiger, dass man in einem solchen Falle sagen kann, man hat seine Pflicht getan, als dass man sagen muss, man hat sich Hoffnungen hingegeben. Man muss vieles tun, gegenüber dem man sich keiner Hoffnung hingeben darf, weil aus den Dingen heute etwas ganz anderes entsteht als das, was man unmittelbar daran tun kann. Man muss seine Pflicht tun bei solchen Gelegenheiten.
Bei uns handelt es sich darum, dass wir die Augen aufmachen, dass wir erwachen am Morgen mit dem, was der Tag bringt, nicht mit dem, was wir gestern gedacht haben.
Und nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich so frisch und frei von der Leber weg gesprochen habe, aber es ist dasjenige, was Herr Benkendörfer und ich in den letzten Tagen wiederholt durchgesprochen haben. Und es sollte nur etwas Außerordentliches charakterisieren, dass Herr Benkendörfer es notwendig hat, da er nun wirklich - das kann Ihnen versichert werden - mit allem guten Willen, mit einer großen Umsicht, mit einer außerordentlichen Geschäftstüchtigkeit, mit voller Hingabe an die anthroposophische und die sonstige Sache sein Amt antritt, dass er es aber notwendig hat, dass er von allen unterstützt werde. Von der Anthroposophischen Gesellschaft, vom Bund für Dreigliederung, von der Waldorfschule, von allem, was für uns in Betracht kommt, muss derjenige, der hier so verantwortlich steht, wie Herr Benkendörfer verantwortlich stehen wird, unterstützt werden; sonst kann er wirken wie ein Engel, und er erreicht nichts. Wenn wir gewisse Disharmonien, wie sie bisher bestanden haben, weiterwirken lassen, dann wird auch Herr Benkendörfer hier keine Wunder wirken können. Dann wird dasjenige, was sich so vielfach zeigt in unserer Bewegung, was aber ausgerottet werden muss, voll ergreifen unsere Bewegung, dann wird sie weiter verfaulen.
Dasjenige, was notwendig ist, das ist, dass wir uns gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte darauf besinnen, jeder Einzelne für sich, dass wir Herrn Benkendörfer auf das allertatkräftigste unterstützen. Umsicht muss hier walten und Verantwortlichkeitsgefühl. Aber verbunden damit muss wirken gegenseitiges, sich verständnisvoll auslebendes Verhältnis, Zusammenwirken. Jeder muss in der heute so schwierigen Zeit, für uns insbesondere schwierigen Zeit, tatsächlich sein Bestes entgegenbringen, wenn eben eine Persönlichkeit, der es so schwer geworden ist, sich zu entschließen, aus den heutigen Verhältnissen heraus diesen Posten zu übernehmen, wenn eine solche Persönlichkeit zuletzt doch diesen Posten übernommen hat. Ich weiß, wie es ihm schwer geworden ist. Er hat es getan lediglich aus der Erkenntnis, dass unsere Sache eine notwendige ist. Diese Erkenntnis, dass unsere Sache eine notwendige ist, die ragte bei ihm turmhoch über das andere hinweg, über den Glauben, dass es aus den Verhältnissen heraus auch gelingen könne. Denn dieser Glaube war zunächst nicht sehr stark, dass es aus den Stuttgarter und sonstigen Verhältnissen heraus gelingen könnte. Aber zuletzt kam doch die Erkenntnis der Notwendigkeit, und das besagt sehr viel. Und aus dieser Erkenntnis der Notwendigkeit unserer ganzen Sache für die Gegenwart, aus dieser Erkenntnis heraus hat Herr Benkendörfer in sich selber alle Bedenken besiegt und wird unter den Modalitäten die Generaldirektion des «Kommenden Tages» leiten, die ich vor allen Dingen, als auf die Initiative des Herrn Molt Herr Benkendörfer gebeten wurde, den Posten zu übernehmen unter den Modalitäten, die ich sofort als die absolut notwendigen ausgesprochen habe, und die ich zusammenfassen kann in die Worte: Der Generaldirektor hat die absolute, volle Verantwortlichkeit für dasjenige, was im «Kommenden Tag» geschieht, übernommen. Es ist die Aufgabe des Aufsichtsrates, dasjenige, was im «Kommenden Tag» geschieht, nach außen hin, zunächst nach der Anthroposophischen Gesellschaft und nach der sonstigen Außenwelt hin, zu vertreten. Dasjenige aber, was offizielle Angelegenheiten des «Kommenden Tages» sind, das ist nicht möglich, so wie die Dinge liegen, dass es anders geordnet werde, als dass hier ein Generaldirektor steht, der mit seiner ganzen Person die volle, schwere Verantwortlichkeit trägt, weil er sie tragen will, weil er die Notwendigkeit dieses Tragens erkennt. In diesem Sinne werde ich selbst als Vorsitzender des Aufsichtsrates Herrn Benkendörfer stets gegenüberstehen. Ich werde niemals ermangeln, dasjenige, was für irgendeinen Zweig unserer Bewegung notwendig ist, aus meiner Initiative heraus zu erdenken, zu suchen die Gelegenheiten, welche sich ergeben können, das oder jenes zu tun, aber ich werde niemals etwas wirklich irgendwie tun, ohne es zuvor mit allen Einzelheiten, insofern es werden soll offizielle Angelegenheit des «Kommenden Tages», mit Herrn Benkendörfer durchzusprechen. Damit gebe ich von meiner Seite Ihnen die Richtung an, die jede einzelne Angelegenheit nehmen muss. Jedes Einzelnen Initiative kann nicht gelähmt werden, sondern erst recht entfaltet werden, wenn wir uns bewusst bleiben, dass der, der mit voller Verantwortlichkeit an dem Posten steht als Generaldirektor, unter allen Umständen darauf rechnen kann, dass wir auch mit dieser Verantwortung rechnen, dass wir keine Schwierigkeiten mit Teil- oder sonstigen Aktionen ihm bereiten, sondern in unverhohlenster Weise das, was wir aus eigener Initiative herausfinden, gewissermaßen auf seine Verantwortlichkeit aufrichtig abladen.
Das muss die Richtung werden, denn das ist die Modalität, unter der ich selber Herrn Benkendörfer gebeten habe, einzugehen auf den Vorschlag, den unser lieber Freund, der Kurator des Bundes für Dreigliederung, Vizepräsident des Aufsichtsrates des «Kommenden Tages», Protektor der Freien Waldorfschule, Herr Emil Molt, gemacht hat. Aus der Initiative des Herrn Molt ist der Vorschlag hervorgegangen. Nachdem Herr Benkendörfer überhaupt auf diesen Vorschlag des Herrn Molt zunächst nur einging, um darüber zu sprechen, war die erste Modalität diese: Aber es darf in der Zukunft nicht anders sein, als dass dieser Generaldirektor die volle Verantwortlichkeit übernimmt und dass er diese Verantwortlichkeit durch die besondere Bewährung alles desjenigen, was im Bereiche all unserer Einzelunternehmungen liegt, dass er diese Verantwortlichkeit auch tragen kann. Ich bitte, das Letztere ganz besonders zu überlegen, denn auch ohne das kommen wir nicht vorwärts.
Ich selber bin persönlich Herrn Benkendörfer auf das allerintensivste dankbar, dass er mir versprochen hat, dass er gerade in diesem Sinne die Verantwortung übernehmen will. Und ich hoffe, dass es möglich ist, dass er diese Verantwortung tragen kann dadurch, dass diese besonderen Verhältnisse in der richtigen Weise verstanden werden in den weitesten Kreisen unserer anthroposophischen Bewegung, des Bundes für Dreigliederung, der Freien Waldorfschule und alles dessen, was sich sonst anschließt, dass er die Verantwortung tragen kann.
Das war es, was ich Ihnen als Vorsitzender des Aufsichtsrats sagen wollte in dieser wichtigen Stunde der Einführung des neuen Generaldirektors.
Ich begrüße unseren lieben Freund Benkendörfer als Generaldirektor des «Kommenden Tages»!