Current Social and Economic Issues
GA 332b — 31 October 1920, Dornach
Prospekt der «Futurum A.-G.»
Ökonomische Gesellschaft Zur Internationalen Förderung Wirtschaftlicher Und Geistiger Werte) Dornach Bei Basel Über Die Emission Von 5,350,000 Franken Nominell Neuen Aktien
Prospekt, 31. Oktober 1920
Serie A: Vorzugs-Aktien zu Fr. 1,000.
Serie B: Aktien zu Fr. 500.
Serie C: Aktien zu Fr. 1,000.
Zuschriften dieser Art wandern gewöhnlich in den Papierkorb. Der Verständige begreift das. Denn zumeist versprechen sie Dinge, deren Nichterfüllung die entsprechenden Interessenten oft genug erlebt haben. Hier aber liegt eine Zuschrift vor, die von einer wirtschaftlich-finanziellen Gründung besonderer Art sprechen will. Von einer solchen, die so stark und ernst in der sozialen Notlage unserer Zeit wurzeln will, dass die Begründer gerne einen wirksameren Weg der Mitteilung wählen möchten als den eines Prospektes. Aber zunächst ist kein anderer Weg möglich, und so möchte man doch auf die Einsicht derer bauen, die zu lesen beginnen und dann durch den Ernst der Sache bestimmt werden, weiterzulesen. Die heute immer schwieriger werdende Weltwirtschaftslage, die ganze Gebiete Europas dem Niedergang entgegenführt (siehe Anhang I über die Weltwirtschaftslage), verlangt neue Anschauungen und neue wirtschaftliche Unternehmungen, welche im positiven Aufbau ebenso durchgreifend wirken wie diejenigen Kräfte, die sich heute im Abbau unserer Kultur zeigen. 1. Die Tätigkeit der Futurum A.-G.
Die am 16. Juni 1920 mit Sitz in Dornach gegründete Firma FUTURUM A.-G. (Ökonomische Gesellschaft zur internationalen Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte) will ihre wirtschaftliche Tätigkeit im Sinne eines solchen positiven Aufbaues aufnehmen, auf den im Vorhergehenden hingewiesen wurde. Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, ist es notwendig, dass sich die FUTURUM A.-G. unbegrenzt vergrößert und sich allmählich zu wirtschaftlichen Assoziationen ausbildet, wie sie in einer kommenden Wirtschaft angestrebt werden müssen.1
Die FUTURUM A.-G. soll als einzelne Unternehmung so arbeiten, wie es im weitesten Umfange geschehen muss, wenn eine Gesundung unseres kranken Wirtschaftslebens erfolgen soll. Dies ist nur dann möglich, wenn die Unterlassungssünden der gegenwärtigen Wirtschaft unbefangen durchschaut werden, und wenn man sie bewusst in einer Unternehmung vermeidet, die einer unbegrenzten Vergrößerung fähig ist.
Die heutige Produktionsweise baut sich auf dem reinen Ertragsinteresse auf. Sowohl der Unternehmer (Kapitalist) als auch der Lohnempfänger widmen sich der Produktion nur unter diesem Gesichtspunkte des Gewinnes. Daher wird die Befriedigung des allgemeinen Bedarfes in Wirklichkeit immer mehr von dem Streben nach Ertrag abhängig, währenddem es die Konsumbedürfnisse sind, welche das geistig-moralische Moment in das soziale Leben hineintragen. Sie allein geben dem gesamten Wirtschaftsleben eine sinngemäße Grundlage. Man produziert heute um des Ertrags willen und berücksichtigt die Bedarfsinteressen der Konsumenten nur insofern, als sie dem persönlichen Gewinnstreben dienstbar gemacht werden können. Wirtschaften im Sinne von Bedarfsdeckung wird als veraltet bezeichnet. Die Rücksichtnahme auf die sozial schädlichen Folgen einer willkürlichen Geschäfts- und Produktionstätigkeit des Kapitalisten wie des Lohnarbeiters wird als unbequem betrachtet, weil diese schädlichen Folgen erst später in Erscheinung treten. Wir stehen heute mitten in solchen sozialen Erbfolgen darinnen und sollten daher ein Verständnis aufbringen können für die wirklichen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung im Wirtschaftsleben. Infolge der Nichtberücksichtigung der Konsumbedürfnisse bei der Produktion wurden dieselben gleichsam vogelfrei. Dieses Freiwerden erleben wir heute in dem Revolutionsbedürfnisse der Massen, das sich in Streiks usw. auslebt. Man produziert auf Erträgnis und erzeugt als Rückwirkung die Revolte derjenigen Bedürfnisse, die als möglichst hoher Geschäftsgewinn und als hoher Arbeitslohn aus dem Ertragsinteresse entstehen. Einer gesunden neuzeitlichen Wirtschaft muss ein praktisches Geistesleben zur Seite stehen, das nicht zu einer Produktion raten wird, die aus dem Erträgnis allein errechnet ist, sondern zu einer Produktion, die aus der Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen Konsuminteressen und sozialen Verhältnissen hervorgeht. Derartige Unternehmungen werden nicht weniger ertragreich sein als die gegenwärtigen. Sie werden jedoch Produktionsmethoden vermeiden, die im sozialen Leben schädlich wirken. Unsere heutige Volkswirtschaft ist unpraktisch, weil ihr die naturwissenschaftlich orientierte Erkenntnis der Gegenwart zum Verständnis der sozialen Zusammenhänge keine Gesichtspunkte liefert. Die vom Goetheanum in Dornach ausgehenden Anschauungen bringen eine solche praktisch-wirtschaftliche Denk weise hervor, weil sie das individuelle und soziale Wesen des Menschen erfassen. Die bisherigen Unterlassungssünden der Volkswirtschaft drücken sich aus in der Zunahme des Streikbedürfnisses um 90% in den Jahren 1913-1919 (siehe Beilage I).
Die FUTURUM A.-G. will aus solchen Anschauungen heraus ihre wirtschaftliche Tätigkeit aufnehmen. Die Statuten schen als Gesellschaftszweck vor: «die Gründung, Finanzierung und den Betrieb von rein wirtschaftlichen und wirtschaftlich-geistigen (Lehranstalten, wissenschaftliche Forschungsinstitute, usw.) Unternehmungen, sowie die Beteiligung an solchen. Es können auch Einzelgeschäfte auf eigene oder fremde Rechnung abgeschlossen werden. Die Gesellschaft ist berechtigt, Zweigniederlassungen im In- und Auslande zu errichten». Diese in allgemeiner Form gehaltene, statutarische Zweckbestimmung kann natürlich nichts aussagen über die Art und Weise, wie sich die FUTURUM A.-G. in das praktische Wirtschaftsleben hineinstellt, und wie sie sich von anderen Produktions- und Finanzierungsunternehmungen unterschieden wissen will.
- Sie ist keine Gesellschaft, die zu dem ausschließlichen Zwecke gegründet worden ist, um im heutigen Wirtschaftskampfe in einer möglichst vorgeschobenen Reihe mitzukämpfen und auf diese Weise eine besonders hohe Dividende herauszuwirtschaften. Es ist oben ausgeführt worden, wie solche Unternehmungen dem Wirtschaftsleben und mittelbar sich selbst nach und nach den Boden entziehen. Der $ 29 der Gesellschaftsstatuten bestimmt daher unter anderem:
«Auf das Aktienkapital wird eine Dividende gewährt, welche, den jeweiligen Geldverhältnissen entsprechend, eine angemessene Verzinsung des Nennwertes des Aktienkapitals darstellt.»
Diese Bestimmung ermöglicht es der Geschäftsleitung, das Hauptaugenmerk auf einen wirtschaftlich soliden Aufbau ihrer Unternehmungen zu richten, der die Erzeugung sozialer Spannungen vermeidet. Die Unterordnung aller Geschäftsfragen unter eine maßgebende Dividendenpolitik fällt damit dahin.
Die FUTURUM A.-G. will alle diejenigen einsichtigen Persönlichkeiten als Aktionäre zu einer wirtschaftlichen Arbeitsgruppe in Form einer Aktiengesellschaft zusammenfassen, die aus dem praktischen Leben heraus zu der Überzeugung gelangt sind, dass ein Aufbauversuch in dieser Krisenzeit auch im Wirtschaftsleben nur aus neuen Anschauungen heraus erfolgen kann, wie sie die Dreigliederung des sozialen Organismus vertritt.
Die Gesellschaft will sich von den gewöhnlichen Finanzierungsinstituten dadurch unterscheiden, dass sie bei ihren Finanzierungen sachlich-wirtschaftliche und nicht Ertragserwägungen in den Vordergrund stellt. Im heutigen Bankwesen werden Kapitalien nur gegen hohe Rendite und umfassende Sicherstellungen (Bürgschaften, Verpfändungen usw.) zur Verfügung gestellt. Der Kreditgeber nimmt dabei keine Rücksicht darauf, ob diese Rendite eventuell durch ungesunde Wirtschaftsmethoden erreicht wird. Auch wenn die Betriebsleiter finanziell unterstützter Unternehmungen infolge mangelnder Tüchtigkeit keine Gewähr für eine sachgemäße Verwendung der beanspruchten Kapitalien bieten, so wird ein Kredit heute trotzdem gewährt, sobald die verpfindeten Objekte oder die vorliegenden Bürgschaften die Leihbeträge genügend sicherstellen. Die FUTURUM A.-G. kann daher nicht den Charakter eines Geldleihers haben. Sie will vielmehr als aktiver Kaufmann in den ihr angegliederten Unternehmungen darinnenstehen und an der Geschäftsleitung teilnehmen. Daraus ergibt sich zunächst die Notwendigkeit einer engen geschäftlichen Verbindung zwischen der FUTURUM A.-G. und den finanzierten Unternehmungen. Die Letzteren werden daher im Allgemeinen die Form von Zweigniederlassungen oder Tochtergesellschaften annehmen.
Es handelt sich hauptsächlich um die Finanzierung solcher Unternehmungen, die geeignet sind, das Wirtschaftsleben auf einen gesunden assoziativen Boden zu stellen und das geistige Leben so zu gestalten, dass berechtigte Begabungen in eine Position gebracht werden, in der sie sich in sozial fruchtbarer Art ausleben können. Außerdem müssen aus sozialen Notwendigkeiten heraus auch Unternehmungen wie Laboratorien usw. übernommen werden. Dieselben können erst nach einiger Zeit und vor allem durch die jetzt in sie hineinzutragenden gesunden Anschauungen wirtschaftliche Früchte tragen. Dies bedingt, dass andere Betriebe angegliedert werden, die augenblicklich gut rentieren und den vorläufigen Ausfall der Ersteren zu decken vermögen.
Bei einem Unternehmen wie der FUTURUM A.-G. sollen die Geschäftsleiter in Beratung mit den Vertretern des geistigen Lebens Aufschluss erhalten über die allseitigen sozialen Folgen wirtschaftlicher Handlungen. Die Beurteilung dieser sozialen Wirkungen wird dann gemeinsam mit den wirtschaftlichen Gesichtspunkten maßgebend sein für die Verwirklichung oder Verwerfung einer vorgesehenen Geschäftsoperation. Dadurch wird das heutige Wirtschaftsprinzip, das ein Unternehmen nur nach dem Gewinn beurteilt, und das in die schwere Krisis hineingeführt hat, überwunden.
Die Erkenntnis, dass die wirtschaftliche Tätigkeit Zweige entfalten kann, die zwar für den einzelnen Unternehmer zeitweilig günstige Resultate liefern, die aber im Zusammenhang der sozialen Ordnung zerstörend wirken, ist für die Zukunft von außerordentlicher Bedeutung. Es durfte daher im Zusammenhang mit den Angaben über die heutige Weltwirtschaftslage (Beilage I) einleitend gesagt werden, dass sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts aus den herrschenden Kulturzuständen und Anschauungen Spannungen heraufentwickelt haben, die zum Weltkriege und zu sozialen Krisen führen mussten.
Nach solchen sozial schädlichen Gesichtspunkten sind viele der heutigen Unternehmungen orientiert. Der Unternehmer wirtschaftet aus ihnen auf der einen Seite einen Gewinn heraus und erzeugt auf der anderen Seite einen Verlust in Form sozialer Zerstörungskräfte, welche die Gewinne im ganzen volkswirtschaftlichen Organismus vernichten. Dieser Art von Unternehmungen müssen daher solche entgegengestellt werden, die aus einem gesunden wirtschaftlichen Denken und sozialen Empfinden heraus sich in wirklich fruchtbarer Weise der sozialen Ordnung einfügen.
- Eine Unternehmung wie die FUTURUM A.-G. kann zunächst nur die sozi altechnischen und finanziellen Krisenmöglichkeiten überwinden. Aber auch die sozialen Schwierigkeiten, die in Form der Arbeiterfrage aus der gegenwärtigen Wirtschaftsweise noch hereinwirken, werden in einem Unternehmen der charakterisierten Art bei richtiger Führung verschwinden.
Die sozial günstigen Folgen werden sich praktisch ergeben und das Beispiel wird überzeugend wirken. Wenn eine Unternehmung dieser Art ins Stocken gerät, werden die daran beteiligten Arbeiter mit ihren Überzeugungen an dem Wiederinflussbringen mitwirken. Denn nur dadurch, dass man durch eine auf alle Menschenklassen wirkende Denkungsart die Handarbeiter mit den geistigen Führern von Unternehmungen zu einem Interesse vereinigt, kann den sozialen Zerstörungskräften entgegengewirkt werden. Dabei ist es eine Grundbedingung, dass die geistigen Bestrebungen mit allen materiellen Absichten innig verbunden werden.
II. Der Kapitalbedarf der Futurum A.-G.
Um an eine Aufgabe heranzutreten, wie sie hier charakterisiert worden ist, und um als praktisches Beispiel aufbauende Kräfte in die heutige Krisenzeit hineintragen zu können, bedarf die FUTURUM A.-G. geeigneter Mitarbeiter und einsichtiger Unternehmer, die mit ihren Betrieben in irgendeiner Form Anschluss an unsere Aktiengesellschaft suchen. Vor allem aber bedarf es großer Mittel, um der Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, ihre Aufgabe in richtiger Weise in Angriff zu nehmen. Erst wenn sie sich unbegrenzt zu vergrößern vermag, kann allmählich die breite Wirtschaftsgrundlage geschaffen werden, aus der das Netz wirtschaftlicher Assoziationen herauswachsen muss, welches die Menschen in sozial gesunder Weise in den Wirtschaftsorganismus hineinstellt. Das Grundkapital der FUTURUM A.-G. im Betrage von 650,000 Franken wurde von den Gründern innerhalb eines Monats aufgebracht. Es sollte damit eine konkrete Grundlage geschaffen werden, um die Werbung des eigentlichen Ausgangskapitals von 6,000,000 Franken von einer im Handelsregister eingetragenen Firma ausgehen zu lassen. Der Einwand: ein einzelner Unternehmer sei nicht imstande, gestaltend in das Wirtschaftsleben hineinzuwirken, ist nicht begründet. Die FUTURUM A.-G. hat sich unmittelbar in das praktische Wirtschaftsleben hineingestellt, um durch eine rasche Ausdehnung das ökonomische Instrument zu schaffen, mit dem diese Einwirkung geltend gemacht werden soll. Wer mit seinem Gelde weitsichtig arbeiten will, wird sich an der Zeichnung von Aktien zukunftversprechender Unternehmungen wie der FUTURUM A.-G. beteili‚gen und dadurch am ökonomischen Neuaufbau mitarbeiten. Wenn kurzsichtige Menschen glauben, solche wirtschaftliche Ansichten können keine finanziellen Früchte tragen, übersehen sie, dass ein Festhalten an den bisherigen Wirtschaftsmethoden gleichbedeutend ist mit einem zunehmenden sozialen Niedergang, von dem ihr Kapital früher oder später vernichtet wird. Während der Konsum an Waren ununterbrochen andauert, vermindert sich die Produktion infolge der sozialen Konflikte immer mehr. Diese Verminderung an Fabrikaten wird in absehbarer Zeit auf Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte übergreifen, die heute noch als Reserven bestehen. Da die vorhandenen Bodenschätze dem sozialen Organismus aber nur durch Arbeitsleistungen zugeführt werden können, bedeutet die Zunahme des Arbeitsunwillens eine ständige Abnahme der Reserven. Wie sich die Gestaltung der nächsten Zukunft entwickelt, hängt davon ab, ob in den einzelnen Unternehmungen ein neuer Geist die führende Stellung einnehmen wird. Der Aufruf der FUTURUM A.-G. zur Zeichnung neuer Aktien erfolgt daher aus der Notwendigkeit heraus, dem Unternehmen die nötige Stoßkraft zu geben, um diesen Geist in das Wirtschaftsleben hineinzutragen.
Verwaltungsratsbeschluss über die Neuemission von Aktien.
Die FUTURUM A.-G. kann ihre gewollte Tätigkeit nur bei einer raschen und unbegrenzten Entwicklung entfalten. Der Verwaltungsrat hat daher beschlossen, die Vermehrung des Gesellschaftskapitals etappenweise vorzunehmen, sodass eine erste Kapitalerhöhung von 650,000 Franken auf 6,000,000 Franken sofort nach der am 27. Oktober 1920 erfolgten Eintragung im Schweizerischen Handelsregister vorgenommen werden soll. Um die Durchführung des von den Gründern gewollten Gesellschaftszweckes sicherzustellen, wird das Stimmrecht der 650 Gründeraktien mit Wirkung ab 15. Januar 1921 pro Stück von einer Stimme auf 20 Stimmen erhöht. Gleichzeitig wurde die Ausgabe von 350 neuen Aktien zu 1000 Franken mit gleichem Stimmrecht beschlossen, die nur von den Gründeraktionären gezeichnet oder durch diese an neue Zeichner vermittelt werden können.
III. Geschäftstätigkeit der FUTURUM A.-G.
Seit der am 16. Juni 1920 erfolgten Gründung hat die FUTURUM A.-G. bereits eine rege Geschäftstätigkeit entwickelt, indem sie die in vollem Betrieb befindlichen Unternehmungen G. Holzscheiter & Cie., Strickwarenfabrik in Basel, und die Minerva A.-G., Schirmgriff- und Stockfabrik in Bönigen (bei Interlaken), käuflich erworben hat und auf ihre Rechnung weiterbetreibt. Ferner beutet sie im Berner Seeland als Unternehmer ein Torffeld aus.
Außer diesen Produktionsunternehmungen besitzt die FUTURUM A.-G. eine eigene Handelsabteilung in Zürich und eine Großhandlung in Tabakprodukten. Die Bankabteilung am Zentralsitz der Gesellschaft in Dornach nimmt Gelder gegen Darlehensscheine, auf Sparhefte oder in laufende Rechnung entgegen und befasst sich außerdem mit Vermögensverwaltungen, Geldwechsel und Wertpapierverkehr.
IV. Auszug aus den Statuten der FUTURUM A.-G.
Die Gründung der FUTURUM A.-G. (Ökonomische Gesellschaft zur internationalen Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte) - FUTURUM S.-A. (Societé financière pour le développement international d’intérêts économiques, intellectuels et sociaux) - FUTURUM Co. Ltd. (Economic Association for the international advancement of industrial and cultural interests) - mit Sitz in Dornach bei Basel, erfolgte am 16. Juni 1920 mit einem Aktienkapital von 650,000 Franken.
Der Zweck der Gesellschaft laut Statuten wurde auf Seite 2 dieses Prospektes bereits genannt.
Die Dauer des Unternehmens ist unbeschränkt.
Das Grundkapital von 650,000 Franken ist voll einbezahlt. Es ist eingeteilt in 650 auf den Namen lautende Aktien zu je 1000 Franken nominal. Der Verwaltungsrat ist berechtigt, das Aktienkapital durch Ausgabe neuer Aktien bis auf den Betrag von 6,000,000 Franken zu erhöhen und die Emissionsbedingungen festzusetzen.
Dem Verwaltungsrat, der laut Statuten aus 3-12 Mitgliedern bestehen soll, gehören zurzeit folgende Herren an:
Dr. Rudolf Steiner, Dornach, als Präsident.
Dr. Roman Boos, Dornach, als Vizepräsident.
Ernst Gimmi, Zürich, Kaufmann, als Protokollführer.
Emest Etienne, Chaney-Genève, Chefingenieur der Schweizerischen Eisenbahnbank, Basel.
Joh. Hirter, Bern, Präsident des Verwaltungsrates der Schweizerischen Nationalbank, Bern.
Paul de Kalbermatten, Luchon (France), Chefingenieur.
Christian Krebs, Paris, Konsul und Industrieller.
Fred. Tharaldsen, Christiania, Industrieller.Die Mitglieder des Verwaltungsrates üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Sie haben während der Dauer ihres Amtes mindestens eine Aktie der Gesellschaft an einer vom Verwaltungsrat zu bestimmenden Stelle zu hinterlegen.
Die Direktion besteht aus einer oder mehreren Personen, die erstmals von der Gründungsgeneralversammlung, später vom Verwaltungsrat ernannt werden. Der Direktionsabteilung gehören zurzeit folgende Herren an:
Arnold Ith, Nationalökonom und Ingenieur von Schaffhausen in Basel.
Ernst Schaller, Dr. rer. pol. von Luzern in Dornach.
Adolf Padrutt, Kaufmann von Pagig (Graubünden) in Basel.Die Kontrollstelle besteht aus zwei Rechnungsrevisoren und einem Stellvertreter. Sie wird von der Generalversammlung gewählt.
Die Generalversammlung wird ordentlicherweise während der ersten 6 Monate nach Ablauf des Geschäftsjahres einberufen. Außerordentliche Generalversammlungen werden je nach Bedürfnis eingeschaltet. Die Einberufung erfolgt durch den Verwaltungsrat, die Direktion oder durch die Kontrollstelle. Eine Generalversammlung muss auch dann einberufen werden, wenn einer oder mehrere Aktionäre, deren Stimmen mindestens den zehnten Teil des Grundkapitals darstellen, dies in einer von ihnen unterzeichneten Eingabe an den Präsidenten des Verwaltungsrates oder dessen Stellvertreter unter Angabe des Zweckes verlangen. Die Einberufung erfolgt durch eingeschriebenen Brief.
Die Beschlussfassung der Generalversammlung über:
- die Abänderung der Gesellschaftsstatuten,
- die Herabsetzung des Aktienkapitals,
- die Auflösung der Gesellschaft,
bedarf zu ihrer Gültigkeit einer Mehrheit von zwei Dritteln des bei der Beschlussfassung vertretenen Aktienkapitals. Für eine Beschlussfassung über die Auflösung der Gesellschaft müssen außerdem mindestens drei Viertel des gesamten Aktienkapitals vertreten sein. Ist dies nicht der Fall, so muss eine zweite Generalversammlung mindestens einen Monat, spätestens aber vierzig Tage nach diesem Zeitpunkt einberufen werden. Der Beschluss der Zweidrittelmehrheit des vertretenen Aktienkapitals i ist in dieser zweiten Versammlung auch dann rechtsgültig, wenn weniger als drei Viertel des gesamten Aktienkapitals anwesend sind.
Bilanzierung: Das Geschäftsjahr ist das Kalenderjahr. Innerhalb der ersten vier Monate nach Ablauf des Geschäftsjahres hat die Direktion die Schlussbilanz, die Gewinn- und Verlustrechnung und einen, den Vermögensstand und die Verhältnisse der Gesellschaft entwickelnden Bericht nebst ihrem Vorschlag zur Verteilung des Geschäftsgewinnes einzureichen. Die Höhe der Abschreibungen und allfälliger Rücklagen werden vom Verwaltungsrat festgesetzt.
Der Reingewinn der Gesellschaft ist der Überschuss der Aktiven über die Passiven und wird in folgender Reihenfolge verteilt:
- Fünf Prozent werden dem Reservefonds zugewiesen, bis dieser den zehnten Teil des Aktienkapitals erreicht oder wieder erreicht hat.
- Der Verwaltungsrat ist ermächtigt, weitere Rücklagen in jedem Umfange anzuordnen.
- Auf das Aktienkapital wird eine Dividende gewährt, welche den jeweiligen Geldverhältnissen entsprechend eine angemessene Verzinsung des Nennwertes des Aktienkapitals darstellt.
- Über die Verwendung eines allfälligen bleibenden Gewinnes verfügt die Generalversammlung.
- Die Auszahlung der Dividende erfolgt, nachdem die Bilanz von der Generalversammlung genehmigt worden ist.
- Der Reservefonds ist arbeitendes Kapital der Gesellschaft und wird nicht verzinst. Er dient zur Deckung von Verlusten, welche nicht aus dem Jahresgewinn gedeckt werden können.
Die Bekanntmachungen der Gesellschaft an die Aktionäre erfolgen durch ein geschriebenen Brief und, soweit die Gesetzesvorschriften dies verlangen, im Schweizerischen Handelsamtsblatt.
Dornach, bei Basel (Schweiz), den 31. Oktober 1920.
FUTURUM A.-G.
Der VerwaltungsratBeilagen zu diesem Prospekt:
1. Die heutige Weltwirtschaftslage.
2. Die Wirtschaftslage einzelner Länder.
3. Emissionsbedingungen und Zeichnungsschein.Anhang I
zum Prospekt vom 31. Oktober 1920
der FUTURUM A.-G. Dornach (bei Basel)
(Ökonomische Gesellschaft zur internationalen Förderung
wirtschaftlicher und geistiger Werte)Die heutige Weltwirtschaftslage.
Die Hoffnungen, die man in weiten Kreisen auf die wirtschaftliche und politisch-rechtliche Gestaltung der Nachkriegszeit gesetzt hatte, sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Kulturzustände und Anschauungen des 19. Jahrhunderts erzeugten allmählich jene sozialen Spannungen, welche aus den politischen Krisen des Weltkrieges die wirtschaftliche Revolution hervorgehen ließen. Heute tritt diese Revolution in Form der sozialen Frage in immer drohenderer Gestalt vor die Völker hin. Die allgemeine wirtschaftliche Lage, wie sie im Folgenden anhand von Zahlen dargestellt wird, ist daher, ob sie als Auswirkung des Krieges oder anderer Ereignisse betrachtet wird, stets die unmittelbare Folge dieser Kulturzustände und Anschauungen, die sich in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausentwickelt haben. Ihre charakteristischen Symptome sind einerseits die Abnahme der Arbeitsfreude und der Produktion, andererseits die allgemeine Teuerung, die sozialen Konflikte und die zunehmende Verschuldung.
Die schwere Schuldenlast, die der Krieg den einzelnen Staaten gebracht hat, beläuft sich für:
die Entente-Staaten auf 24,845 Mill. £ oder 626,590 Mill. Fr.
die Zentralmächte auf 14,070 Mill. £ oder 354,845 Mill. Fr.
die Gesamtkriegskosten 38,915 Mill. £ oder 1000 Milliard. Fr.Staatsschulden verschiedener Staaten auf Ende 1919.
Die nachstehenden Zahlen sind aufgrund der Münzparitäten in Schweizer Franken umgerechnet worden.
Dieser Schuldenlast steht eine Produktionsverminderung der notwendigsten Nahrungsmittel und Bedarfsartikel gegenüber, die zu ernsten Bedenken Anlass gibt. So beträgt von 1913 bis 1919 die Verminderung der:
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Streik der spanischen Eisenbahnarbeiter im März.
Streik der spanischen Metallarbeiter im April.
Generalstreik in Spanien.
Streik des portugiesischen Eisenbahn-, Post-, Telegraph- und Telephonpersonals im März.
Große Arbeiterunruhen in Polen.
Generalstreik in Jugoslawien im April.
Streik der rumänischen Arbeiter der Eisenbahn- und Straßenbahn-Werkstätten.
Streik der norwegischen Hafen- und Dockarbeiter.
Streik der dänischen Matrosen und Heizer.
Streik der Hafenarbeiter in Holland.
Streik der Gruben- und Metallarbeiter in Belgien.
Streik der Eisenbahner in Frankreich.
Verschiedene Streiks der Industrie- und Bergwerksarbeiter in Frankreich.
Streik der Seeleute und Hafenarbeiter in Frankreich.
Generalstreik in Elsass-Lothringen.
Streik der Südbahnangestellten in Österreich.
Streik der von 70 000 Industriebeamten in Österreich.
Streik der italienischen Eisenbahner. Streik der italienischen Land- und Industriearbeiter.
Italienischer Generalstreik im Februar.
Italienischer Generalstreik im April.Bei einer mehr als zehnfachen Vermehrung der Schuldenlast der einzelnen Staaten hat die Produktion in allen Ländern abgenommen. Diese Tatsache begründet die Notwendigkeit einer gewaltigen Zunahme der Stenerbelastung der Bevölkerung, wenn die Amortisation und Verzinsung dieser Schulden durchgeführt werden soll. Auch das Verkehrswesen, als zudienender Faktor der Produktion, hat große Einbußen erlitten. Die Schiffsverluste des Krieges werden auf 15 Millionen Registertonnen im Werte von 40,000 Millionen Franken berechnet, und die Betriebs- und Vermögensrechnungen der Eisenbahnen in den verschiedenen Ländern haben in den letzten Jahren Milliardendefizite ergeben. Auf der einen Seite werden an den Einzelnen und an den Staat durch zunehmende Verschuldung steigende Anforderungen gestellt, während andererseits ihre Leistungsfähigkeit infolge abnehmender Produktion ständig verringert wird. Diese Schuldenvermehrung und Produktionsverminderung bewirkt erhöhte Lohnforderungen der Arbeiterschaft und wachsende Kapitalbedürfnisse der Unternehmungen, zu deren Befriedigung immer größere Kredite beansprucht werden müssen. Da hinter den gewährten Krediten infolge Produktionsabnahme immer weniger reale Werte in Form von Gütern stehen, stellen sie in steigendem Maße Scheinwerte dar (ungedeckter Papiergeldumlauf, Scheinkredite usw.). Die Zunahme des ungedeckten Notenumlaufes und der Staatsschulden zeigt deutlich, in welchem Maße solche Scheinwerte zur Deckung des Zahlungsmittelbedarfes herangezogen werden müssen.
Im Verlaufe dieses Jahres hat in den ehemals kriegführenden Staaten die Papiergeldausgabe weiter zugenommen. Die ununterbrochene Tätigkeit der Notenpresse in Zentraleuropa ist hinlänglich bekannt. Deutschland gibt neben Banknoten nun auch Kassenscheine aus, um die gewaltig ansteigenden Zahlen für die im Umlauf befindlichen Notenmengen in den Reichsbankausweisen dadurch verschleiern zu können, dass ein Teil davon auf diese Kassenscheine übergewälzt wird. Aber auch Italien konnte den Erfolg seines neuen Staatsanleihens nicht abwarten und musste zu Anfang dieses Jahres eine Milliarde neuer Banknoten ausgeben, um die laufenden Geldbedürfnisse zu befriedigen. Die Zunahme der Staatsverschuldung, die Vermehrung des Papiergeldumlaufes und die Abnahme der Produktion wirken zurück auf die allgemeine Lebenshaltung und verteuern dieselbe in erschreckender Weise. Die prozentuale Zunahme der Teuerung in den verschiedenen Ländern ergibt sich aus folgenden Zahlen. Als Berechnungsbasis 100 wurde das letzte Friedensjahr 1913 angenommen.
Die zur Berechnung der Teuerungszunahme von 1913 bis 1919/20 verwendeten Warengattungen sind für die obigen Länder verschieden. Die angegebenen Ziffern lassen sich daher untereinander nicht ohne Weiteres vergleichen.
Die folgende Tabelle enthält die auf gemeinsame Vergleichsbasis umgerechneten Zahlen der Teuerungszunahme in den einzelnen Staaten. Als Berechnungsbasis sind die schweizerischen Preiszusammenstellungen verwendet worden.
Für die Kleinhandelspreise der wichtigsten Lebensmittel beträgt die prozentuale Steigerung im Vergleich zur Vorkriegszeit als Berechnungsbasis (100%):
Wenn auch einzelne Länder wie zum Beispiel die Schweiz und die Vereinigten Staaten von Nordamerika verhältnismäßig günstige Zahlen aufweisen, so ist doch zu berücksichtigen, dass die weltwirtschaftliche Verflechtung stets für einen gewissen Ausgleich sorgt. Denn je nachhaltiger der wirtschaftliche Niedergang eines Landes ist, umso intensiver wird er auf wirtschaftlich gesundere Gebiete überzugreifen versuchen. So bedeuten die oben angeführten Staatsschulden in solchen Zeiten und Ländern, die im Zeichen wirtschaftlichen Niederganges stehen, die Unmöglichkeit, weiter zu wirtschaften. In Ländern, wie England, deren Volkswirtschaft im Aufstieg begriffen ist, fallen die großen Staatsschulden, die beispielsweise für Deutschland den wirtschaftlichen Ruin bedeuten, viel weniger ins Gewicht. Dennoch wird diese aufsteigende Entwicklung auch in England nur so lange andauern können, als nicht der wirtschaftliche Niedergang im übrigen Europa die Warennachfrage und die Zufuhr notwendiger Produkte auch für dieses Land untergräbt.
Die Handelsbilanzen in den einzelnen Staaten, die in ihrer überwiegenden Zahl einen zunehmenden Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr aufweisen, lassen ebenfalls gewisse Schlüsse ziehen über den Stand der verschiedenen Nationalwirtschaften.
Handelsbilanzen.
Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr in Millionen Franken!
Diese Zahlen zeigen deutlich, dass der Wert der exportierten Produkte immer kleiner wird im Vergleich zu dem Wert der aus dem Ausland eingeführten Waren. Es muss daher im Inlande selbst eine ständige, dem Überschuss der Einfuhr über die Ausfuhr mindestens gleichkommende Einkommenszunahme geschaffen werden, um diesen Ausfall zu decken. Wenn eine solche Deckung durch Schaffung des notwendigen Volkseinkommens nicht möglich ist, müssen die Zahlungsmittel durch das Angreifen des Volksvermögens (Ersparnisse) und durch Vergrößerung der Schulden (Anleihen und Banknotenausgabe) aufgebracht werden. Ein solches Wirtschaften muss folgerichtig dem Niedergang entgegenführen. Dass aber heute tatsächlich auf diese letztere Art gewirtschaftet werden muss, weil das Volkseinkommen nicht in entsprechendem Maße zunimmt, zeigen die angeführten Zahlen über die Abnahme der Produktion und über die Zunahme der Schuldenlast und des Banknotenumlaufes deutlich. Auf der vor Kurzem stattgehabten internationalen Finanzkonferenz in Brüssel wurde beispielsweise eindeutig festgestellt, dass das Volksvermögen der Schweiz, also eines Landes, das vom Kriege unmittelbar verschont blieb, seit der Vorkriegszeit beträchtliche Verluste erlitten hat. Die umliegenden Länder sahen sich nicht nur genötigt, über die gewaltigen Einkommenssteuern hinaus ungeheure Schulden zu machen, sondern sie mussten durch die gesetzliche Verfügung von Vermögensabgaben bereits das Volksvermögen selbst angreifen. Der Niederbruch ist damit in die Wege geleitet.
Dass auch Amerika, der gewaltige Gläubiger und Rohstofflieferant der europäischen Staaten, an der Wirtschaftslage dieser Länder ein Interesse hat, zeigt die Verschuldung Europas an Amerika auf Mitte 1920.
Das scheinbar festgefügte Wirtschaftsgebiet Amerika wird von der wirtschaftli‚chen Krisis aber auch direkt betroffen, indem die Arbeiterunruhen und Streiks auch in jenem Erdteil ständig zunehmen.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika belief sich die Zahl der Streiks und Aussperrungen im Jahre 1919 auf 3374 und betraf mehr als 4 000 000 Arbeiter. Die sieben größten dortigen Streiks waren:
- Streik der Chicagoer Schlachthofarbeiter 65 000 Mann
- Sympathiestreik mit den Metallarbeitern in Tacoma und Seattle 50000 Mann
- Streik der Hafenarbeiter an der atlantischen Küste 100000 Mann
- Streik der Arbeiter in den New Yorker Schiffsbauhäfen 100000 Mann
- Ausstand im Baugewerbe in Chicago 115000 Mann
- Riesenstreik der Stahlarbeiter 367000 Mann
- Riesenstreik der Kohlenbergleute 435000 Mann
Eine ziffernmäßige Vorstellung über die Abnahme der Arbeitsfreudigkeit und die Zunahme der sozialen Konflikte lässt sich annähernd gewinnen aus der Gesamtzahl der Streiktage in den hauptsächlichsten Ländern für die letzten Jahre:
1913 12 000 000 Streiktage
1918 5.000 000 Streiktage(Einschränkung der Streiks durch die Militärdiktatur während des Krieges und durch die Einreihung der männlichen Bevölkerung in die Kriegsheere.)
1919 1341 Konflikte mit 22 750 000 Streiktagen.
Die Gesamtzahl der Konflikte und Streiktage wird für das Jahr 1920 bedeutend größer sein als pro 1919.
Diese Zahlen drücken aus, dass das Streikbedürfnis 1919 um 89,8% größer war als 1913. Unter Streikbedürfnis ist zu verstehen das Bedürfnis der Streikenden nach Ausdrucksmitteln für die allgemeine Unzufriedenheit über die bestehenden sozialen Verhältnisse. Dass die entsprechenden Zahlen für das Jahr 1920 ein noch größeres Streikbedürfnis zum Ausdruck bringen werden als das Jahr 1919, zeigt die nachstehende Zusammenstellung, die nur Angaben über einige der größeren Arbeitskonflikte in der ersten Hälfte des Jahres 1920 enthält und keinen Anspruch auf Vollständigkeit macht.
Amerika:
Der 2 Monate dauernde Hafenarbeiterstreik in Buenos-Aires. Der 100000 Mann umfassende Eisenbahnstreik in Brasilien. Streik der Eisenbahner in den Vereinigten Staaten von Nordamerika.Asien:
Streik der Arbeiter in den japanischen Eisenwerkstätten. (Verlust 10 Millionen Yen.)
Streik von 200 000 Fabrikarbeitern in Indien während des Monats Februar. Verschiedene Streiks der eingeborenen Arbeiter und der indoeuropäischen Angestellten auf den Kaffee- und Zuckerplantagen.Europa:
Schweiz:
Streik der schweizerischen Bauhandwerker.
Angestelltenkonflikt im schweizerischen Hotelgewerbe.
Großer Streik in den von Roll’schen Eisenwerken.
Lohnbewegung in der Winterthurer Metallindustrie.
Verhängung der Sperre über die Firma Brown Boveri, Baden.
Heute ist die Bewegung in der gesamten Arbeiterschaft ernster als je.In Großbritannien brach nach erfolglosen Einigungsversuchen zwischen der Regierung und den Vertretern der Bergarbeiter am 17. Oktober der Grubenarbeiterstreik aus, dessen endgültige Beendigung erst nach langwierigen Verhandlungen möglich sein wird. Die Folgen dieses Streikes sind für das englische Wirtschaftsleben deshalb besonders schwerwiegend, weil zahlreiche Industrien infolge Kohlenmangels zu Arbeitseinstellungen gezwungen wurden. Die Schädigung für die gesamte europäische Wirtschaft lässt sich aus der Tatsache ermessen, dass nach authentischen Schätzungen der durch den Streik verursachte Produktionsausfall an Kohle auf rund 15 Millionen Tonnen geschätzt wurde.
Auch in Deutschland hat neben andauernden Arbeiterrevolten ein folgenschwerer Preiskampf der deutschen Grubenarbeiter begonnen, und im Ruhrgebiet wird bereits die Sozialisierung des deutschen Bergbaues verlangt.
In Frankreich werden die Streiks infolge der Massenentlassung von Arbeitern in verschiedenen französischen Industrien in der nächsten Zeit größeren Umfang und ernsteren Charakter annehmen. Sollten die französischen Bergwerkbesitzer die gestellten Forderungen der Grubenarbeiter nicht annehmen, so ist zudem auf Mitte November der Generalstreik der Bergleute in Frankreich vorauszusehen.
In Italien konnten die revolutionären Arbeiterunruhen in der Schwerindustrie vorläufig beigelegt werden, dieselben bedeuteten jedoch nur eine Episode in dem schweren Kampfe der italienischen bürgerlichen und sozialistischen Parteien. Dass dieser Kampf heute mit unverminderter Heftigkeit andauert, beweisen die fortwährenden Streikunruhen in allen Städten Italiens und die Ausarbeitung eines Projektes des italienischen Arbeiterbundes über die Kontrolle der italienischen Industrie durch die Arbeiterschaft.
Der belgische Gewerkschaftskongress in Brüssel beschloss letzter Tage die etappenweise Verstaatlichung der gesamten belgischen Industrie, wobei die Eisenbahnen, Kohlenminen, Banken, Kraftwerke usw. der Kommunalisierung zuerst anheimfallen sollen. Außerdem steht der Generalstreik der Bergleute unmittelbar bevor.
Die Streikunruhen in Amerika verursachen namentlich in New York fortwährend Störungen des Verkehrs und des Geschäftslebens überhaupt.
Neben der Gärung in der Arbeiterschaft aller Länder weisen auch die politischen Vorgänge darauf hin, dass das, was gegenwärtig im Kulturleben der einzelnen Staaten vor sich geht, keine aufbauende Entwicklung bedeutet, sondern ein Weitersanktionieren derjenigen Zustände und Anschauungen ist, die zum Weltkriege geführt haben.
Den Folgen des polnisch-russischen Krieges muss eine Bedeutung beigemessen werden, die tief in das gegenwärtige Verhältnis der europäischen Staaten eingreift. Im Süden harren das adriatische Problem und die Balkanfrage noch immer der Lösung. Bei der Beurteilung dieser Ereignisse und ihrer Auswirkungen spielen die persönlichen Sympathien und Antipathien keine Rolle. Bei dem russisch-polnischen Kriege kommt es vor allem auf die wirtschaftlich-zivilisatorischen Folgen an, die der Ausgang dieses Kampfes für Europa haben muss. Ebenso treten d’Annunzio und seine Gegner oder die wirtschaftlichen Streitigkeiten der Balkanstaaten in den Hintergrund gegenüber dem großen wirtschaftlichen Gesichtspunkt, was an der Adria und im Balkan geschehen soll, um den Orient und den Okzident in den fruchtbarsten Wechselverkehr zu bringen. Irland steht im Zeichen des offenen Aufruhrs. Im Orient breitet sich die bolschewistische Welle immer weiter aus und gefährdet bereits den dortigen englischen Besitz, den Hauptstützpunkt der großbritannischen Weltmacht. Alle diese Schäden unserer Zivilisation können nicht durch Maßnahmen im Sinne der bisherigen Gepflogenheit gelöst werden, sondern nur durch Schöpfungen, die eine Grundlage für ein gesundes Wirtschaftsleben bilden.
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Dr. Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. Verlag Geering, Basel. [Anm. im Prospekt] ↩

Streik der spanischen Eisenbahnarbeiter im März.