Current Social and Economic Issues
GA 332b — 13 October 1920, Dornach
Ansprache an der Orientierungsversammlung über die «Futurum» und den «Kommenden Tag»
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Gestatten Sie, dass ich ein paar Worte unserem heutigen Abend vorausschicke. Es wird sich heute darum handeln, dass ganz im Konkreten gesprochen werde über diejenigen Gründungen, welche als absolut praktische Ausflüsse unserer anthroposophischen Bewegung anzuschen sind: das «Futurum» auf der einen Seite, «Der Kommende Tag» auf der anderen Seite. Es darf vielleicht erinnert werden, dass diese beiden Begründungen nicht so aus dem Nichts heraus entsprungen sind, weil wir gerade gefunden haben, dass so etwas geschehen müsse jetzt in der Zeit der äußersten Not. Das ist richtig, dass es gerade jetzt hat geschehen müssen; aber auf der anderen Seite ist es auch richtig, dass so etwas längst sich verwirklicht hätte, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden gewesen wäre. Und es ist schade, dass es hat so lange warten müssen, bis eben die Not die Leute einiges über diese Dinge gelehrt hat und bis eigentlich auch die Schwierigkeiten, die solchen Dingen gegenüberstehen, fast unbezwingliche geworden sind. Es werden sich gerade die Basler Freunde nämlich erinnern an eine ihnen dazumal vielleicht grotesk vorkommende Bemerkung, die ich in einem längst hinter uns liegenden Basler Vortrage gemacht habe. Ich habe da gesprochen über die Untergründe, aus denen hervorgegangen sind unsere Mysterienspiele. Und ich sagte dazumal - natürlich ein Gedanke, der nicht ganz so paradox gemeint war, paradox, ankreidend -, ich würde noch viel lieber, als Mysterienspiele auf der Höhe aufzuführen, also in das Reich des rein künstlerischen Scheins zu gehen, lieber würde ich eine anthroposophische Bank begründen. — Wir lebten dazumal noch in der Zeit, in der es außerordentlich schwer war, begreiflich zu machen, dass eine solche gerade Linie von den höchsten spirituellen Heilerprozessen hinführt in das allerpraktischste Leben. Aber ich denke, die Basler Freunde, die dazumal den Vortrag gehört haben, werden sich erinnern, wie lange es her ist, dass ich von einer solchen ganz praktischen Gründung gesprochen habe.
Nun, es handelt sich dabei aber durchaus darum, dass wir, indem wir an eine solche Gründung gehen mussten, den Mut brauchten, wirklich aus der ganzen anthroposophischen Denkart und Gesinnung heraus so etwas zu machen und es auch der Welt begreiflich zu machen, dass so etwas heute hervorgehen muss aus der anthroposophischen Gesinnung, und namentlich aus derjenigen Erziehung des Denkens - auch des allerpraktischsten Denkens -, die sich ergibt aus dem Beobachten anthroposophischen Empfindens und Vorstellens heraus.
Nun liegen aber heute die Dinge so, dass auf der einen Seite die realen Tatsachen eine sehr beredte Sprache sprechen - für viele Länder schon eine allzu beredte Sprache, weil der Niedergang bereits so weit ist, dass man ihn sich eben einfach nicht eingestehen will. Und selbstverständlich kann man ja — da noch nicht alles gleich auf einmal zu Ende geht - den Niedergang sich eine Zeit lang nicht eingestehen. Nicht wahr, auch wenn der Mensch, der früher etwas zum Anziehen gehabt hat, kaum mehr die Möglichkeit hat, sich einen Anzug zu kaufen, so kann er eben noch die alten Anzüge tragen, bis sie schäbig sind. Und dadurch kann man den Glauben haben, dass der Untergang noch nicht da ist. Man wartet noch, bis der Beweis durch das Schäbigwerden des Anzuges, den man gerade noch trägt, eben erbracht ist. In diesem Zustande ist schon heute vieles in unserem Wirtschaftsleben und erst recht in unserem Geistesleben - vom Staatsleben gar nicht zu sprechen.
Nun handelt es sich darum, etwas zu schaffen, was nun wirklich so fundiert und so gedacht ist, dass es sich durch sein Wesen hindurch, durch den Willen, halten kann. Aber die Sache ist sehr schwierig, und die Arbeit derjenigen, die sich diesen Dingen widmen wollen, die ist wahrhaftig eine solche, die alle mögliche Hingebung fordert. Und ich möchte diese Worte vorausschicken, weil ich namentlich eines dann sagen möchte, was mir wichtig scheint.
Ich will nur hier einfügen, dass für das «Futurum» wir hier gleich von Anfange Herrn Ith gewonnen haben, der mit aller Hingebung dasjenige versucht zu verwirklichen durch das «Futurum», was eben durch dieses «Futurum» angestrebt werden soll. Und er wird Ihnen dann am heutigen Abend gerade von dem Gesichtspunkte aus über das «Futurum» berichten und über die Absichten und Ziele, über die nächsten Ziele, von dem Gesichtspunkte aus, von dem aus in diesem Augenblicke, also, ich möchte sagen, am 13. Oktober 1920, eben gerade gesprochen werden muss.
Es ist ja selbstverständlich, dass ein solcher Bericht nur Wert hat aus dem Munde desjenigen, der die Dinge ausführt. Denn ein Bericht als solcher oder gar ein Prospekt, den man herumschickt, ist ja nur ein kleiner Teil desjenigen, worauf es ankommt; ein Prospekt hat nur eine Bedeutung als der Ausdruck desjenigen, was getan wird. Deshalb wollten wir heute Ihnen den Bericht geben gerade von derjenigen Persönlichkeit aus, die hier das «Futurum» leitet.
Aber das eine möchte ich eben noch ganz besonders betonen. Sehen Sie, wir haben den Mut haben müssen, die ganze Begründung sowohl des «Futurums» wie die des «Kommenden Tages» eben auf anthroposophischen Grund und Boden zu stellen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Wir müssen der Welt begreiflich machen können, dass das alte ökonomische Denken abgewirtschaftet hat, weil dieses alte ökonomische Denken eben nur imstande war, seine Rechnungen auszuführen so weit, dass die Ansätze und Ergebnisse reichten von der Produktion bis zum Bringen der Waren auf den Markt, und weil in diese Rechnungen niemals eingespannt worden ist der Faktor, der hineingehört — das ist dasjenige, was vorgeht in denjenigen Menschen, die arbeiten an der Herstellung der Marktware von dem Rohprodukt bis zu dem fertigen Produkt, das auf den Markt gebracht wurde. Das ist dasjenige, was in den Seelen der Menschen vorgeht. Und das, was da vorgeht, das sah man nicht so an, dass es wirklich in einem, ich möchte schon sagen, ebenso rechnungsmäßigen Zusammenhang steht mit den Voraussetzungen, wie die Zahlen, die in den Büchern, in der Buchführung stehen. Das ist aber herausgefallen aus den Rechnungen. Unsere Industriewirtschaft ging nur bis zu der Fertigstellung der Marktwaren und ging hinweg über dasjenige, was einzuschalten war, ging hinweg über die Menschen.
Und wenn es sich heute darum handelte, bloß die Rechnung richtig zu stellen, die vom Rohprodukte bis zur Marktware geht, dann könnte man verhältnismäßig doch viel schneller zu irgendeinem Ende kommen.
Man brauchte nur ein wenig die Staatsfanatiker [?] zur Räson zu bringen und so weiter. Aber dasjenige, was immer aus der Rechnung herausgelassen worden ist, das macht sich heute als realer Faktor in den Wirren durch die ganze zivilisierte Welt bemerkbar und wird sich, wenn man nicht diesen Faktor einbeziehen will, immer weiter bemerkbar machen, trotzdem es die Leute nicht zugeben wollen, die immer wieder und wiederum die heute so laut tönende Sprache der Tatsachen übersehen.
Man muss ja immer wieder hinweisen auf die Art und Weise, wie geschlafen wurde innerhalb der führenden Kreise im Laufe des 19. Jahrhunderts. Was haben denn die führenden Kreise schließlich gemacht? Statistiken, und die auf eine ganz besonders unwirksame Weise. Womit haben sie sich beschäftigt, diese führenden Kreise? Sagen wir zum Beispiel, sie haben sich beschäftigt damit, Pansophien zu begründen, theoretisch zu sprechen von den übersinnlichen Welten, ganz allein; sie setzten sich zusammen, manchmal sogar in Salons mit Spiegelscheiben. Die waren gut geheizt. Aber woher stammten die Kohlen? Schon in den vierziger Jahren hat die englische Regierung — selbstverständlich durch eine Statistik, durch die es dann herausgebracht ist - festgestellt, wie diese Kohlen zutage gefördert werden. Da hat man zum Beispiel ganz merkwürdige Dinge schließlich auch in zahlenmäßigen Angaben herausgebracht, die aber einfach aus den Rechnungen fortgelassen worden sind -, zahlenmäßige Angaben, die zum Beispiel so sprachen, dass man sehen konnte, wie Kinder von neun, zehn, elf Jahren morgens, bevor die Sonne aufgeht, in die Kohlenschächte hinuntergelassen wurden, und abends, nachdem die Sonne untergegangen ist, heraufgeholt wurden; wie da Männer und Frauen zusammen, während die anderen über allgemeine sittliche und hohe Ideale konferierten, bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefördert wurden, saßen. Da unten standen die nackten Männer und nackten Frauen, was nicht gerade zur Hebung der Sittlichkeit viel beitrug, in den Schächten; die Kinder sahen die ganze Woche mit Ausnahme des Sonntags überhaupt das Sonnenlicht nicht!
Nun, diese Dinge sind in einer gewissen Weise besser geworden. Aber dasjenige, was in dieser Richtung zu tun ist, ist von denjenigen, die es tun könnten, nicht getan bis heute und müsste getan werden. Aber man verschläft die Sache. Man treibt über die Sachen Weltanschauungen bei den Öfen, die mit den Kohlen geheizt sind, die auf diese Weise zutage gefördert werden, und hat keine Ahnung davon, welche Diskrepanz man damit in die Welt stellt; hat keine Ahnung davon, wie da jener Faktor ausgeblieben ist, der heute in der Welt rumort. Das Moralisch-Geistige wurde ausgeschaltet, das aber in Wirklichkeit eine Einheit bildet mit dem anderen.
Daher handelt es sich nicht bloß darum, dass man mit einer gesunden Denkweise finanzielle Unternehmungen begründet und die vielleicht so durchdenkt, wie man sich an Anthroposophie heranerziehen kann zum praktischen Leben, sondern es handelt sich darum, dass solche Unternehmungen einen Rückhalt haben. Und dieser Rückhalt ist nur möglich, wenn diejenigen, die mit der anthroposophischen Bewegung zu gehen vermögen, diesen Rückhalt bilden; in all denjenigen Persönlichkeiten muss der Rückhalt sein, die zur anthroposophischen Bewegung gehören. Es muss gearbeitet werden daran, dass so etwas wie das «Futurum» durchaus bekannt wird in Bezug auf seine Tendenzen, in Bezug auf seine Ziele, dass es gehalten wird durch dasjenige, was zum Verständnis seiner Prinzipien verbreitet wird von denjenigen, die sich zur Anthroposophie bekennen wollen. Denn Anthroposophie bedeutet nicht bloß irgendeine Theorie, sondern Anthroposophie bedeutet eben die Kraft, die den ganzen Menschen umwandelt und ihn gerade bereiten kann, das Leben so zu tragen, wie es getragen werden muss, wenn wir einer möglichen Zukunft entgegengehen wollen, nicht der Barbarisierung unserer gesamten Zivilisation.
Das ist es, warum wir möchten, dass von Ihnen gehört werde dasjenige, was mit dem «Futurum» gemeint ist. Denn es hängt ebenso ab von dem Echo, das ihm aus der Welt entgegengebracht wird, wie es von der vernünftigen Haltung, von der vernünftigen Führung der Angelegenheiten des «Futurum» abhängt, ob etwas gedeiht.
Deshalb wollten wir Herrn Ith bitten, dass er uns heute Abend über die nächsten Ziele und über das ganze Wesen des «Futurum» aufklärt.
[Es folgen Beiträge von Arnold Ich über die «Futurum», Carl Unger über den «Kommenden Tag» und dessen Betriebe, Pieter de Haan über Erfahrungen in Holland, Francke Fadum aus Norwegen (Aufzeichnungen unleserlich), Eugen Benkendörfer zum Zeichnen von Aktien. Als keine Fragen gestellt werden, schließt Roman Boos die Versammlung mit den Worten:]
Roman Boos: Es scheint keine Frage mehr gestellt zu werden. Somit nehme ich an, dass jeder weiß, was er mit seinem Geld zu tun hat.