Current Social and Economic Issues
GA 332b — 27 December 1920, Dornach
Orientierungsvortrag über Dreigliederungs- und «Futurum» Propaganda I
Der Zweck der Besprechung ist die Verständigung über die Aufgaben, die man sich in der «Futurum AG» stellt und die sich die Herren selber stellen. Zugrunde liegt allem, was in äußerer sozialer Beziehung gemacht wird, die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese Idee ist keine Utopie, sie ist die praktischste Idee, die man in das Leben hineinwerfen kann, aber sie begreift das ganze Leben, und die ersten Vorbedingungen für das, was durch die Dreigliederung zu erreichen ist, ist, dass die in möglichst vielen Menschenköpfen Platz greifen muss. Vor dem Kriege mit der Dreigliederung hervorzutreten wäre eigentlich eine Unmöglichkeit gewesen; die Menschen dachten, es könne alles so weitergehen, wie es bisher ging. Das Ganze würde als Phantasterei angesehen worden sein. Während des Krieges treten dann auf die wirklich utopischen Ideen von Wilson, mit denen ein Mensch, der im Wirtschaftsleben wirklich drinnensteht, nichts machen konnte. Die Dreigliederung wurde während des Krieges besonders an Menschen Mitteleuropas herangebracht nach dem Bekanntwerden der Wilson’schen Ideen. Damals hatte man eigentlich nur ein Ohr für Sieg oder Niederlage. Soweit der Westen in Betracht kam, war der Krieg durchaus ein Wirtschaftskrieg. Man darf nicht glauben, dass man durch Wirtschaftsregeln im alten Fahrwasser irgendwie dem Wirtschaftsleben aufhelfen kann. Die Dreigliederung hatte während des Krieges einen viel internationaleren Charakter als jetzt. Der Krieg ist dadurch entstanden, dass die großen wirtschaftlichen Fragen nicht von Wirtschaftern, sondern von Politikern entschieden wurden. Die Grundfrage ist die: Wie ist das Wirtschaftsleben loszubekommen von den Eingriffen der Parlamente und der Regierungen? Wir müssen die Möglichkeit erreichen, die Landesgrenze wirtschaftlich zu überwinden. Es würde sich dann, trotz der Verschiedenheit der Sprachen, das Internationale sofort herausergeben. Während des Krieges hatte man daran denken können, eine solche Idee zu propagieren, unmittelbar als Wirtschaftsversuch. Nach dem Kriege ist die Sache wesentlich schwieriger, denn die Landesgrenzen sind durch die Valutaverhältnisse viel mehr verschlossen als vorher. Ich habe dann versucht, nach Schluss des Krieges zunächst von Stuttgart aus etwas in die Wege zu leiten. In Stuttgart war es so, dass nach der Revolution diese noch ein paarmal aufflackerte und dann versumpfte, nun chronisch, latent ist. Es wäre in Stuttgart gegangen, wenn es nur aus naheliegenden Gründen heraus hätte gehen sollen. Man braucht nämlich für die Propagierung der Dreigliederung wirtschaftlich geschlossene Gebiete. Aber man braucht selbstverständlich auch da die Bevölkerung dazu. In Württemberg ist es verhältnismäßig sehr schnell gegangen mit der Propagierung der Dreigliederung. Das haben zunächst die sozialdemokratischen Führer gehen lassen, aber als wir zu stark wurden, haben sie mit allen möglichen Mitteln gestoppt, sodass es uns unmöglich geworden ist, die Wirtschaftsräte, die aus einer Art konstituierender Versammlung, die aus Wirtschaftern bestehen sollten, herauswachsen sollten, durchzuführen. Wir sind nun gedrängt worden, den «Kommenden Tag» zu gründen. Die Waldorfschule ist eine Sache auf geistigem Gebiete. Hier wäre es unmöglich, eine Waldorfschule zu gründen, in Württemberg aber ging dies. Wir versuchten es mit dem «Kommenden Tag», diese Idee sollte auch in der «Futurum» durchgeführt werden. Nun ist diese eine rein provisorische Sache gegenüber der Dreigliederung, denn man kann die Dreigliederungsidee in so kleinem Rahmen natürlich nicht durchführen. In Stuttgart kann man ganz anders arbeiten. In Stuttgart hatten wir begonnen mit zehn Millionen Mark. Mit diesen zehn Millionen Mark konnten wir eine Anzahl von Betrieben erwerben, die eigentlich gute Betriebe sind. Nun handelt es sich darum, dass so etwas wie der «Kommende Tag» nicht solche Erträgnisse ausbezahlt, wie irgendeine andere Aktiengesellschaft, sondern nur Erträgnisse, die dem jeweiligen Prozentsatz entsprechen. Wenn sich ein Überschuss ergibt, wird er dazu verwendet, langfristig Unternehmungen auf die Weise zu helfen und geistige Institute zu kreieren. In Stuttgart denken wir daran, mehrere wissenschaftliche Institute zu bauen. Im Wirtschaftsleben ist es wichtig, dass man mit Dingen rechnet, die sich erst nach vielen Jahren rentieren können. Alle wirklich großen wirtschaftlichen Dinge sind aus solchen kleinen Dingen hervorgegangen, die vorher Geld aufgezehrt haben. In Deutschland arbeitet man deshalb unter anderen Bedingungen, weil selbst die Industriellen merken, was es heißt, nach der Umwandlung zu stehen, und man kann sagen, dass schon in ganz kurzer Zeit Erfolg da ist. Der «Kommende Tag» kann, wenn er unterstützt wird und richtig geführt wird, ein großes Wirtschaftsunternehmen werden. Wenn es uns gelingt, gewissermaßen vorbildlich zu arbeiten, dann rechne ich auf die Wirkung des Beispiels. Ich glaube nämlich, unsere Ideen werden, sobald man sieht, dass sie praktisch realisiert werden können, sich sehr schnell ins Wirtschaftsleben hineinstellen können.
Wenn man das Wirtschaftsleben seit dem Jahre 1810 verfolgt, dann sieht man, dass alle Kalamitäten damit zusammenhängen, dass das Geldwesen emanzipiert worden ist vom eigentlichen Wirtschaftsleben. An die Stelle des produktiven Wirtschaftslebens ist immer mehr das Bankwesen getreten. Wir können aus der wirtschaftlichen Kalamität nicht herauskommen, wenn es so weitergeht. Es handelt sich darum, dass man selbstverständlich das Geldwesen beibehalten muss, dass man die alten Erfahrungsmethoden respektive deren schlimme Seiten überwindet, und das kann man im Kleinen durch die Aufhebung der Trennung vom Banksystem und dem übrigen Wirtschaftsleben. Hier muss, wenn einmal die «Futurum AG» das ist, was sie sein sollte, eine Verwaltung der einzelnen Unternehmungen sein.
Die «Kernpunkte» sind im Mai ins Englische übersetzt worden. Diese Ausgabe ist in allen ernst zu nehmenden englischen Zeitungen besprochen worden. Hätte man damals die Sache in England schnell betreiben können, hätten wieder Redner dorthin reisen können, dann hätte man etwas machen können. Uns fehlt es hauptsächlich an Menschen. Sie sehen zugleich, dass in England absolut eine Stimmung für eine solche ökonomische Neugründung vorhanden ist.
Das Wichtigste ist für den Augenblick für die «Futurum» die Realisierung der Emission. Wir haben einfach nötig, dass diese sechs Millionen Franken so schnell wie möglich hereinkommen, damit wir nicht ein sogenanntes «Schnackerlunternehmen» bleiben, damit wir vor allen Dingen die Idee der «Futurum AG» verwirklichen können. Dafür ist nötig, das man den Menschen klarmacht: «Wenn ihr Geld habt, dann müsst ihr das Geld fruchtbar machen.» Es hat die Welt ruiniert, dass jeder nur entsprechende Zinsen aus seinem Besitz herauswirtschaften wollte. Das bewirkt wirtschaftlich die Interesselosigkeit gegenüber den Konsumenten. Es interessiert den Wirtschafter heute nur der Konkurrent. Das hat der Weltkrieg hervorgerufen. Solange das Wirtschaftsleben darauf gebaut ist, dass man nur die Marktseite sieht, so lange geht es bergab. Hört das bloße Geldsystem auf, [so] fängt man sich an zu interessieren für das Wirtschaftsleben, so geht es wieder bergauf. Das heißt, sobald man anfängt, die Banken wieder zusammenzuschieben mit dem übrigen Wirtschaftsleben, so kommt wieder das Interesse für den Bedarf an irgendeinem Artikel, man rechnet wieder mit dem Konsumenten.
Wenn einer von uns hinausgeht, so muss er auch wirtschaftliche Erfahrungen machen. Das Wirtschaftsleben kann man eigentlich nicht kennenlernen durch das, was vorliegt, man kann es nur kennenlernen dadurch, dass man sich Einblick zu verschaffen sucht, in die einzelnen Geschäftszweige. Das sind die zwei Hauptaufgaben: die Realisation der Emission und die Sammlung von Erfahrungen.
Das Wirtschaftsleben hält heute noch zusammen wie ein Rock, den man eine Zeit lang tragen kann, aber dann verlumpt er, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch die Entente-Länder von diesem Verlumpen ergriffen werden, in den Länder Mitteleuropas hat dieses Verlumpen ja schon Platz gegriffen. Es handelt sich darum, dass man gar nicht sagen kann, was will im Einzelnen die «Futurum AG». Treten der Herr X und der Herr Y in die «Futurum AG» ein, so wird die «Futurum AG» eben wollen, was der Herr X und der Herr Y wollen.
Rudolf Steiner bittet um Angabe von Fragen. Hans Haas bittet um Aufschluss über die Verbreitung der anchroposophischen Bewegung in den verschiedenen Ländern.
Rudolf Steiner: In Deutschland ist die Bewegung ziemlich verbreitet —
— siehe die 10000000 Mark des Kommenden Tags; man kann das auch am Absatz der Bücher von Herrn Dr. Steiner bemerken -,
die Bewegung breitet sich sehr stark aus. In Deutschland ist das Interesse sehr groß, dann kommt Holland. Ich habe die Absicht, nach Holland zu gehen, nach den eigentlichen Entente-Ländern kann ich ja natürlich nicht selbst gehen. Aus Holland ist sehr viel herauszuholen. In England arbeitet seit sehr kurzer Zeit eine kleinere Gruppe von unseren Leuten. Es geht vorläufig langsam, die «Kernpunkte» sind aber doch mit Ernst aufgenommen worden. Man wird dort vieles finden können, was Vorbereitung ist. Ich wäre sehr glücklich, wenn einer oder zwei der Beteiligten hinfahren könnten. In Amerika könnte man viel machen. In Frankreich hängt es von Imponderabilien ab, ob man dort etwas machen kann. Wenn ich aber von Frankreich absehe, in Spanien glaube ich, dass man eventuell etwas machen könnte. Aber ich weiß es nicht genau, wenn ich aber von den romanischen Gebieten absehe, so scheint es mir in der Schweiz am schwierigsten vorwärtszukommen. Die Schweiz leidet nämlich an einem Konservativismus. Die Leute haben hier keinen Willen, auf etwas Neues einzugehen. Der Schweiz sind die sachlichen Dinge gleichgültig, das Wichtigste ist ihr das Geldwesen.
Arnold Ith frägt, wie die Propagandatätigkeit nach Eigenart der verschiedenen Länder auszuführen wäre. Rudolf Steiner erklärt, diese Frage morgen beantworten zu wollen. Herr Padrutt frägt, in welcher Form die leitenden Gesichtspunkte zum Aus druck kommen müssten, bei den verhältnismäßig kleinen Betrieben der «Futurum AG».
Rudolf Steiner: Man wird einen gewissen Überblick über die Konsumentenschaft erlangen, wir versuchen also den Konsumentenkreis erstens zu vergrößern und zweitens zu beherrschen. Wir können im gemeinsamen Konsumentenkreis für alle unsere Unternehmungen sorgen. Es ist durchaus gut, landwirtschaftliche Betriebe auf der einen Seite und Industriebetriebe auf der anderen Seite zu haben. Man kann dann erreichen, dass sich die Nutzeffekte ausgleichen. Gedacht ist eine Reihe von verschiedenen Betrieben, die sich nach dem Assoziationsprinzip in allen Seiten halten. Das Ideal wäre, dass die Herren, wenn sie jetzt hinausgingen und sich umsehen, was für Bedürfnisse vorhanden wären, und danach würde man dann den Ankauf der Betriebe richten. Bis jetzt können wir natürlich noch nicht handeln.
Auf eine diesbezügliche Frage von Adolf Padrutt erwidert Rudolf Steiner,
dass es keinen Wert habe, sich nur auf eine Industrie zu verlegen. Man hat in der bisherigen Wirtschaft die eigentlichen wirtschaftlichen Ge setze viel zu wenig beobachtet. Eines dieses Gesetzes ist, dass man im Wirtschaftsleben möglichst wenig auf eigene Rechnung arbeiten soll. Siehe Stinnes.