Current Social and Economic Issues
GA 332b — 6 September 1921, Stuttgart
Dreigliederungsabend im Rahmen des Kongresses «Kultur-Ausblicke der anthroposophischen Bewegung»
Meine lieben Freunde! Wenn man in einem solchen Kreis über die Angelegenheiten der Dreigliederungsbewegung und was damit zusammenhängt, verhandelt, so muss man sich doch wohl bewusst sein, dass die ganze Dreigliederungsbewegung doch nur so gedacht sein kann, dass sie sich hineinstellt in die Notwendigkeiten der Gegenwart, in dasjenige, was von dem Wesen unserer gesamten Bewegung in die allgemeine Kultur hineingehen kann und hineingehen soll. Nun ist es ja ganz selbstverständlich, dass in unserer außerordentlich schnelllebigen Zeit man die Methode des Arbeitens anpassen muss an die veränderten Zeitverhältnisse. Es ist ganz selbstverständlich, dass es allgemeine Programme nicht geben kann, dass wir heute ganz anders arbeiten müssen in Deutschland als etwa im Jahre 1919 und so weiter.
Aber eines, meine lieben Freunde, ist doch notwendig, zu bedenken, und das ist: Wir können nicht fruchtbar arbeiten auf einem solchen Gebiet, wie es die Dreigliederungsbewegung ist, wenn wir gewissermaßen uns eingrenzen in den Dreigliederungsimpuls, den wir ja vielleicht nach den verschiedenen Seiten hin abstrakt diskutieren, und Gruppen gründen, da die Dreigliederungsfrage besprechen, etwa utopieähnlich besprechen, was sie ganz gewiss nicht sein soll. Wenn solch eine Bewegung fruchtbar getrieben werden soll, so muss sie getrieben werden unter fortwährender Berücksichtigung der Verhältnisse, der engeren und weiteren, also der deutschen und auswärtigen Weltenverhältnisse überhaupt. Man muss versuchen, einen offenen Blick zu haben für dasjenige, was vorgeht.
Und da möchte ich zwei Apergus, möchte ich sagen, zusammenstellen, durch die ich eigentlich dasjenige sagen möchte, was ich zu sagen hätte. Gestern wurde versucht, aus einem kleineren Kreis heraus etwas zu tun, in einer Konferenz, wobei in Frage kam, in verschiedenen Ländern - man fand, dass das so richtig ist - sich an Persönlichkeiten zu wenden, die, wie man so sagt, einen Namen haben, sodass eventuell ein gewisser Teil unserer Bewegung durch so etwas propagiert werden könnte. Man müsste sich überzeugen von der Tatsache, dass, wenn man heute [so] eine Frage aufwirft: Persönlichkeiten, die einen Namen haben, soll man finden, wenn man so eine Frage heute aufwirft, dass eine solche Frage sich ganz anderes stellt zur Beantwortung, als wenn man sie vor acht Jahren aufgeworfen hätte. Vor acht Jahren fielen einem alle möglichen Leute ein - mit Recht -, heute fällt einem niemand ein, weil die Leute im Laufe der letzten sechs, acht Jahre, die als Namen genannt werden konnten, vollständig verbraucht sind, sie sind eben keine Namen mehr. Aus Gewohnheit halten die Menschen noch fest an dem Glauben, dieser oder jener habe einen Namen; man sehe es sich nur etwas konkret an, sehe sich heute zum Beispiel die Zeitungen durch, Leute, die als Politiker reden: Entweder findet man immer wieder und wiederum Stresemann oder Helfferich immer wieder und wiederum, oder irgendjemanden, der nun wahrhaftig nichts anderes sagen und tun kann als ein nicht ganz minderwertiger Mensch an dem betreffenden Posten, wie der gegenwärtige Kanzler - nicht wahr, ist er ja, glaube ich -, also es gibt heute nicht eine Möglichkeit, dieselben Fragen so zu behandeln, wie man sie vor acht Jahren behandelt hat, sobald man auf die konkreten Verhältnisse eingeht, und eine solche Bewegung muss auf die konkreten Verhältnisse eingehen, kann nicht bloß programmatisch wirken.
Nun, im Zusammenhang mit diesem Aperçu, das ich eben gesagt habe, will ich ein anderes nennen. Sehen Sie, es ist, glaube ich, eine ganz konkrete Tatsache, dass am 28. August 1921 hier der Anthroposophenkongress begonnen hat, dass er morgen schließen wird; es ist zunächst eine für uns hier, glaube ich, sehr konkrete Tatsache. Dieser Anthroposophenkongress hat - und Sie haben heute Abend bei einer Verkündigung gesehen, wie es mit den Raumverhältnissen steht -, er hat also eine ganze Reihe von Leuten hierher nach Stuttgart gezogen.
Sie sind zu unserer großen Befriedigung Arbeitende auf diesem Gebiet. Ja, was können Sie denn wirklich als in der Zeitgeschichte stehend Arbeitende Besseres tun, als die konkretesten Verhältnisse benützen? Man muss doch von Tatsachen ausgehen, wenn Tatsachen einmal geschaffen sind. Nun möchte ich dasjenige, was ich sagen will, nur illustrativ sagen, als Beispiel gewissermaßen, ich bitte also, wenn ich zwei Beispiele auswähle, das nicht so aufzufassen, als ob nicht die anderen auch alle Beispiel wären, aber es soll niemand irgendwie, der nicht genannt wird, nicht deshalb nicht genannt werden, weil er nicht auch genannt werden könnte, sondern ich muss irgendwelche Beispiele schon auswählen.
Sehen Sie, wir haben heute Nachmittag einen Vortrag gehört über Wilbrandts «Ökonomie». Zunächst, es war eine Anknüpfung an Wilbrandts Ökonomie. Aber dieser Vortrag ist ein solches Ereignis, dass, wenn es ausgenützt wird, wenn es wirklich gebraucht wird, wie es gebraucht werden kann, eine ungeheure Bedeutung haben kann und ein ungeheures Agitationsmittel sein kann. Würde dieser Vortrag im Kreise von irgendeinem Wirtschaftskongress oder Professorenkongress oder irgendwo gehalten worden sein, so würde nicht nur in jeder größeren Zeitung ein ausführlicher Bericht von diesem Vortrag erscheinen, sondern es würde wochenlang darüber diskutiert werden, spaltenlang. Es könnte sein, dass es Anthroposophen gibt und Dreigliederer, die von diesem Kongress weggehen und von diesem Vortrag zu Hause zu den anderen Mitgliedern, die nicht da waren, überhaupt nicht als von irgendetwas, was sie erlebt haben, erzählen. Ja, das bedeutet, dass wir erstens wenige Menschen haben, die nun heute schon produktiv schöpferisch arbeiten, aber auf der anderen Seite, dass ungeheure Arbeit einfach unter den Tisch fällt, nicht ausgenützt wird. Wir verstehen es noch nicht, die konkreten Tatsachen von Tag zu Tag zu benützen, wir denken nach, wie können wir Einführungskurse halten und so weiter, und so weiter; sehr schön, aber selbstverständlich, darüber haben wir auch schon vor zwanzig Jahren gesprochen. Für uns müssen die Dinge, die vorgehen, auch wirklich vorgehen, das ist das Wichtige, meine lieben Freunde.
Das andere Beispiel, das ich erwähnen möchte, ist - es sind doch auch Mitglieder aus der Lehrerschaft da gewesen - nun ist von Fräulein Dr. von Heydebrand ein Vortrag gehalten worden, der nun tatsächlich so radikal eingreift in etwas, was seinerseits im eminentesten Sinne kulturschädigend, kulturzerstörend ist, dass wir wiederum mit diesem Vortrag gestern eine epochemachende Tat haben. Man soll sich nur vorstellen, dass dieser Vortrag auf irgendeiner Lehrerversammlung gehalten worden wäre, was der in der Lehrerschaft für ein Aufsehen gemacht hätte, geradeso, wie Universitäts-Nationalökonomie heute in ihrer ganzen Hohlheit und Nichtigkeit entlarvt worden ist, so ist gestern die ganze Torheit der experimentellen Psychologie und der experimentellen Pädagogik so interessant und noch dazu in einer humoristischen Weise dargestellt worden, dass das wiederum etwas ist, was ausgenützt werden muss.
Ja, meine lieben Freunde, wir haben es gerade seit der Revolution erlebt, dass unendliche Arbeit einfach unbenutzt gelassen wird, unter den Tisch fällt; wir müssen verstehen lernen, unsere Dinge voll auszunützen. Wir müssen uns ein offenes Auge aufsetzen, wir können es erleben, dass hier auf dem Gebiet der Pädagogik, der Ökonomie kritisch (pädagogischen, der ökonomischen Kritik) Epochemachendes getan wird und dass das als Selbstverständlichkeit von unseren Leuten hingenommen wird. Ja, so ist es gegangen den Dornacher Hochschulkursen bis heute. Es liegt ungeheure Arbeit darinnen, aber es wird hingenommen wie etwas Selbstverständliches, das man eben auch als Sensation hinnimmt, dass sich so ein paar Leute alle mögliche Mühe geben, ungeheure Arbeit leisten, man hört sich das an, aber es hat keine Wirkung.
Nicht wahr, gewiss, es ist mit Recht diskutiert worden, wie müde die Leute sind, wie schwer sie es aufnehmen, aber wir sagen ihnen ja nichts davon! Sie würden schon Dinge aufnehmen, wenn wir es aus einem offenen Sinn für das, was geschieht, und aus einem offenen Herzen heraus vor die Leute hinbrächten, es wäre dann schon Verständnis, wenn wir gerade [das] aktuelle, das unmittelbar Konkrete vor die Leute hinstellten.
Was ist das alles, was die Stresemanns, was die Wirths und so weiter reden gegenüber dem, was hier auf diesem Kongress geredet worden ist; wenn es niemand anderes sagt, es muss schon einmal ausgesprochen werden, es muss jemanden einfallen, die ganze Bedeutung dieser Bewegung doch nicht fortwährend unter den Tisch fallen zu lassen und nachzudenken über abstrakte Programme, wie sollen wir am besten Einführungskurse halten, aber kein Herz und keinen Sinn zu haben für dasjenige, was eigentlich unter uns vorgeht. Das ist das, was so ungeheuer schmerzt und was anders werden könnte; die Dreigliederungszeitung, welche unendliche Arbeit liegt in der Dreigliederungszeitung! Ich habe schon einmal über die Sachen gesprochen. Nicht nur, dass die Dreigliederungszeitung nicht beachtet worden ist in ihrer Bedeutung, jetzt geht sie sogar zurück. Also nicht wahr, die Dinge, die ich sage, sind nicht, um zu keifen, wahrhaftig nicht, um zu keifen, sondern nur, [um] aufmerksam zu machen auf das, dass wir ja doch schließlich in unserer Bewegung eine ernstliche Verpflichtung hätten, die Dinge, die von den Menschen geleistet werden, entsprechend zu schätzen und vor die Leute wirklich in einer richtig geschätzten Weise zu bringen. Und was gäbe die Ausnützung desjenigen, was bei den Dornacher Hochschulkursen, was hier wieder geleistet wird, wenn es aktuell ausgenützt würde! Was gäbe das für Stoff zu arbeiten!
Das ist dasjenige, was man immerhin betonen muss, und das geht so-ich möchte tatsächlich das jetzt auch nur illustrativ sagen - durch unsere ganze Bewegung hindurch. Sehen Sie, ein Beispiel zu nennen: Es war wirklich etwas Einschlagendes, dass im Hibbert-Journal ein Dreigliederungsaufsatz erschienen ist an erster Stelle; das hat an sich eine Bedeutung, denken Sie aber, wenn die Freunde unmittelbar anknüpfen an diese Sache, diese Sache ausnützen, dann kann es ja das Fünfundzwanzigfache von dem bewirken, was es an sich bewirkt im Hibbert-Journal; es ist das angesehenste Blatt der englischen Intellektuellen. Und solche Dinge könnte ich auf allen Gebieten eben vorführen. Und dasjenige, was ich also am Sonntag mir zu sagen erlaubte, dieser lebendige Verkehr, dieses lebendige Interessieren jedes Einzelnen für die gesamte Bewegung, das ist etwas, woran wir uns ganz intensiv halten müssen.
Wie viele Mitglieder kennen denn, wie gut organisiert, wie stramm organisiert unsere Gegnerschaft ist, wie sehr wir brauchen ein aufmerksamstes Auge und ein energisches Auftreten mit Bezug auf diese Organisation der Gegnerschaft? Und da möchte ich auch wiederum eines sagen: Sehen Sie, zwischen Dornach und London existiert meines Wissens ein lebhafter Gedankenaustausch; es werden viele Briefe geschrieben mit allen möglichen Tratschgeschichten von Dornach. Diese Tatsachen habe ich vorgebracht jüngst bei einer Konferenz in Dornach und habe gesagt: Aber wenn so etwas vorkommt wie, dass eine Eurythmieaufführung, wie es in Baden-Baden geschehen ist, mit Dreck beworfen ist, was eine wichtigste Gesellschaftsangelegenheit ist, dann muckt niemand, es kümmert sich niemand darum, es wird nicht wirklich als ein aktuell Konkretes berücksichtigt. Darauf wurde mir gesagt, man hätte in London nichts gewusst von dieser Tatsache, trotzdem es in den «Basler Nachrichten» besprochen worden ist, wenn man nicht zufällig in Oxford (oder Regent) Street ein Blatt der «Basler Nachrichten» im Dreck gefunden hätte, und da hätte man erfahren von dieser Tatsache.
Also Sie schen, das hat schon Hand und Fuß, wenn ich sage, notwendig ist, dass jeder die Angelegenheiten der gesamten Gesellschaft zu seinen Angelegenheiten macht und dass man eine Empfindung dafür hat, was nun wirklich geleistet wird in der Gesellschaft. Denken Sie doch nur einmal, was es heißen würde, wenn irgendwo etwas Gleichwertiges mit dem Ihnen nur vom Kongress in zwei Beispielen Angeführten draußen in der Welt vor sich gegangen wäre. Man muss diese Dinge doch schätzen und von diesen Dingen - glauben Sie nicht, dass nun wirklich die Ortsgruppen es interessieren kann, wenn man ihnen in dieser wirklich aktuellen Weise berichtet von dem, was man hier in Stuttgart erlebt hat?
Meine lieben Freunde, also ich meine dasjenige, was man immer wieder und wiederum findet, das also - Herr Rektor Bartsch hat es mit einer gewissen Richtigkeit hervorgehoben - das Nacharbeiten, das Verarbeiten. Aber eben das sind richtige Lichtstellen der Bewegung, das ist dasjenige, was wir brauchen. Es müsste zum Beispiel gesorgt werden dafür: Das ist doch keine Kleinigkeit, dass hier 1600, also 1600 Personen zu einem Kongress versammelt waren und dass diese Dinge, die hier verhandelt worden sind, eben verhandelt worden sind, dass das hier alles vorgekommen ist, dass die eurythmischen kleinen Proben in einer solchen Weise eingeschlagen haben und so weiter, und so weiter, man muss doch wirklich nicht hier sitzen mit verschlafenen Köpfen, und nach Hause fahren mit verschlafenen Köpfen, sondern tatsächlich doch aus der ganzen Sache eine lebendige Bewegung machen. Temperament in die Seelen, Enthusiasmus in die Herzen, dann findet sich schon dasjenige, was man in den Einzelheiten braucht. Man kann nicht wiederum, also, programmatische Ratschläge geben, sondern man muss appellieren an Temperament, Humor, Enthusiasmus, Feuer.
Machen Sie recht viel Feuer, indem Sie es in einer enthusiastischen Weise aus den Tatsachen heraus anzünden, dann wird die Dreigliederungszeitung nicht zurückgehen, dann wird es diesem Kongress nicht so gehen, wie es den Dornacher Hochschulkursen gegangen ist und so weiter, und so weiter, sondern dann wird dieses Feuer doch auch irgendetwas nützen.