Current Social and Economic Issues
GA 332b — 10 September 1921, Stuttgart
Ansprache bei der Versammlung der Betriebsräte des «Kommenden Tages»
[Einleitend berichten die Arbeitnehmervertreter der verschiedenen Betriebe über Missstände und Diskrepanzen zwischen dem Ideal der Dreigliederung und der Realität in den Betrieben. Auf eine Rückfrage Rudolf Steiners wird das Beispiel eines unfähigen Werkmeisters genannt. Die Betriebsräte würden zu wenig einbezogen in Betriebsentscheidungen. Eine Diskussion über interne Betriebsfragen wird auf Wunsch Rudolf Steiners abgebrochen, da dies der falsche Ort für deren Besprechung sei.]
Rudolf Steiner sagt, dass vieles von dem Vorgebrachten seine Berechtigung habe, dass aber die Ideen der «Kernpunkte» erst dann sich voll ausleben können, wenn wir weiter sind. Bei diesen Dingen muss berücksichtigt werden, dass ehrliche Absichten da sind, aber man muss zusammenkommen und durch Aussprachen, nicht durch Aneinandervorbeireden, die ungeheuren Schwierigkeiten überwinden. Vom Standpunkte einer wirklichen Praxis sind wir alle in einer Zwangslage. Ordentliche Betriebsleiter können wir nur dann haben, wenn diese aus der Praxis erwachsen. Ein vielfaches Hindernis der Verständigung sind die verschiedenen Anschauungen, die nur durch eine gewisse Liberalität überwunden werden können. Häufig genug hindert die Intoleranz der Gewerkschaften ein vernünftiges Zusammenarbeiten. Die Institutionen können nicht von heute auf morgen geändert werden, ebenso wie der Unternehmer gewisse Verpflichtungen gegenüber seiner Organisation zu erfüllen hat. Bei dem Bau in Dornach war ein vernünftiges Zusammenarbeiten möglich, da der Bau nur aus der Opferwilligkeit heraus gebaut werden konnte. Seit 1918 ist das gegenseitige Verstehen sehr erschwert. Nicht ein Phantasieren auf beiden Seiten führt zur Verständigung, sondern die Brücken müssen gefunden werden durch ein liebevolles AufeinanderEingehen. Dazu müssen wir kommen. Man müsste sich gegenseitig verstehen. Auf beiden Seiten ist alles Mögliche berechtigt, es ist aber schwer, eine Verständigung zu finden. Die Schulbildung der Arbeiter hindert diese nicht daran, denn sie ist nach meiner Ansicht reichlich vorhanden gewesen. Es wäre notwendig, dass sie uns glaubten und dass die Leute uns entgegenkommen würden. Es ist heute noch so, dass man Schäden und Fehler erkennt, aber mit Rücksicht auf die bestehenden Hindernisse nur schwer über manches hinwegkommt, weil das dafür notwendige Verständnis fehlt.
[Weitere Diskussion: über das gegenseitige Verständnis, Forderung nach einem Existenz-Minimum, über Akkord-Arbeit.]
Rudolf Steiner nimmt dann das Wort zu seinen Schlussausführungen. Er hebt immer wieder hervor, dass es unbedingt notwendig ist, dass die Menschen, die in den Unternehmungen des «Kommenden Tages» zusammengeschlossen sind, durch Vertrauen und gegenseitige Verständigung die Brücke bauen müssen, die den Übergang aus den alten faulen Zuständen zu neuen und gesunden möglich machen soll.
Er spricht seine Freude darüber aus, dass die Aussprache mit den Betriebsräten zustande gekommen ist, und wünscht, dass in Zukunft derartige Aussprachen stattfinden möchten.
Rudolf Steiner führt ungefähr das Folgende aus: Grundlegend ist die Propaganda für die Dreigliederung, weil man darin die Rettung aus der Misere sehen kann. Die Meinung, die Dreigliederung sei infolge der mangelhaften Schulbildung von dem Proletariat nicht erfasst worden, ist nicht richtig. Die Idee ist in gewissen weiten Kreisen des Proletariats richtig verstanden worden. Aber anstatt nun die Idee bis in die letzten Konsequenzen zu verfolgen, hat die Arbeiterschaft sich an die alten Führer gewandt und die Dreigliederung zuletzt doch im Stich gelassen. Es ist nur möglich, weiterzukommen, wenn man als Mensch sich an die Arbeiterschaft wendet. Der Weg zum Verständnis war da, aber die Führerschaft ist uns in den Rücken gefallen.
Der «Kommende Tag» ist heute eigentlich nur ein Surrogat. Er wurde nicht gegründet, um die Gedanken der Dreigliederung festzuhalten, sondern um ein Zentrum zu haben, von dem aus weitergearbeitet werden kann. Heute kann der «Kommende Tag» vieles noch nicht befriedigen; aber als Ausgangspunkt hat er seine große Bedeutung. Wäre die Dreigliederung im Jahre 1918 zur Durchführung gekommen, dann wäre wirklich etwas anderes daraus geworden, als der «Kommende Tag» heute darstellt. Es wäre nötig, dass sich das assoziative Leben aus dem Verständnis der Einzelnen für ei solches entwickelte. Heute muss der Wille dafür so stark wie möglich werden. Wir müssen aber auch ganz anders reden, und die Konsequenzen müssen gezogen werden im Hinblick auf das, was in der Zukunft notwendig ist. Durch die Begründung des «Kommenden Tages» sind diejenigen Unternehmer, die sich mit dem «Kommenden Tag» zusammengetan haben, eigentlich boykottiert. Trotzdem muss weitergearbeitet werden, und es muss damit gerechnet werden, dass ein weitgehender Boykott einsetzen wird. Jetzt müsste man einen gemeinsamen Boden haben, wo man sich von Mensch zu Mensch nach großen Gesichtspunkten hin orientierte. Einzelschäden müssen getrennt von den großen Fragen behandelt werden. Es leben in vielen Köpfen gesunde Ideen, aber viele reden heute Kohl und bemerken nicht, dass wir jetzt in die großen Krisen hineinkommen, die noch viel furchtbarer werden als die gewesenen. Jeder hat soziale Impulse, aber man sagt Dinge, die Hoffnungen erwecken, oder man schweigt sich aus. Das Vertrauen von Mensch zu Mensch muss gesucht werden. Nur mit Vertrauen können wir weiterkommen. Vielfach kann das Vertrauen dadurch nicht zustande kommen, weil eine Zwischenperson ein gutes Zustandekommen unmöglich macht.
Der Weg muss gefunden werden zur sachgemäßen Behandlung der Fragen. Man müsste sich verständigen, gewissermaßen ohne zu reden. Wir sind gescheitert mit der Dreigliederung und stehen jetzt als Surrogat da. Bei den früheren Studienabenden hätte man Tagesfragen behandeln sollen anhand der «Kernpunkte», und nicht über die Kernpunkte selbst diskutieren sollen. Es wäre notwendig, diese Studienabende heute in der richtigen Weise weiterzuführen.
Derjenige, der dazu da wäre, die Schäden abzuschaffen, und es nicht tut, der erblickt dieselben viel deutlicher. Ändern wird sich nichts, wenn die Arbeiterschaft den «Kommenden Tag» nicht ernst nimmt und sich eng zusammenschließt. Wir müssen den Weg finden, ein dass sich unsere Arbeiterschaft zusammenschließt, und die anderen werden sich finden und sich bereit erklären zur Arbeit. Nur gemeinschaftlich können wir zu einem Ziele kommen. — Was ist das Existenz-Minimum? Man muss die Sache im Großen angreifen. Führt ein Betrieb das Existenz-Minimum ein, dann geht dieser Betrieb zugrunde, und die Arbeiter sitzen auf der Straße. Eine volle Befriedigung einzuführen ist dem Einzelbetrieb nicht möglich. Das Proletariat kann uns davor bewahren, dass wir ins kapitalistische System hineinkommen. Die Arbeiterschaft muss so auf uns halten, dass sich aus unseren Reihen ein fester Verband entwickelt, an dem man hängt mit derselben Zähigkeit, wie man heute noch teilweise an den Gewerkschaften hängt. Ein solcher Verband müsste unbedingt entstehen. Der Weg dazu müsste gefunden werden, dass sich die Arbeiterschaft zu einem solchen neuen Verbande zusammenschließt. Nur durch gegenseitiges Vertrauen ist es möglich, zu diesem Zusammenschluss zu kommen, und die Arbeiterschaft müsste die Initiative ergreifen hierzu.
Von dem Proletariat zu verlangen, es solle aus den Gewerkschaften austreten, das geht nicht von heute auf morgen und ist auch nicht meine Absicht. Die Gewerkschaften dürfen jedoch kein Hindernis sein, um zu dem assoziativen Zusammenleben zu kommen. Besser wird es nicht, wenn nicht möglichst viele gesunde Ideen in möglichst viele Köpfe hereinkommen.