Current Social and Economic Issues
GA 332b — 2 April 1922, Dornach
Zur Krise in der «Futurum»
Meine lieben Freunde, damit habe ich Ihnen, wie ich glaube, ein sehr wichtiges Kapitel der anthroposophischen [Geisteswissenschaft] angedeutet. Ich werde es dann morgen weiter ausgestalten.
Ich möchte Sie jetzt nur um eines bitten. Ich bin genötigt, Ihnen jetzt etwas Alltäglicheres zu sagen, und da ich ja eine andere Gelegenheit nicht habe, dieses Alltäglichere zu sagen, möchte ich Sie bitten, dasjenige, was ich jetzt «sub specie aeternitatis» sagte, nicht ganz zu unterschätzen neben demjenigen, was ich nun als Alltägliches zu sagen habe.
Ich möchte nämlich hinweisen auf einen Zeitungsbericht, der jetzt schon erschienen ist in den verschiedensten Schweizer Blättern über die Vorgänge bei der «Futurum»-Generalversammlung und demjenigen, was dann daraus hervorgegangen ist. Nun, wie gesagt, ich kann ja nicht eine andere Gelegenheit ergreifen, ich möchte Sie nicht etwa extra zusammenrufen. Ich bitte Sie alle sehr, einen Trennungsstrich zu machen zwischen den wichtigen Angelegenheiten, die wir soeben besprochen haben, und demjenigen, was ich eben zu sagen habe. Ich möchte nicht, dass das Erste durch das Zweite ausgewischt werde.
Aber ich möchte doch einiges hier bemerken, bevor Veranlassung genommen wird, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen, und das muss doch geschehen. Ich werde Ihnen die maßgebenden Sätze aus diesem Bericht lesen, die heißen:
Der Rechnungsbericht wurde mit Befriedigung entgegengenommen. Was aber die Auswirkung der aus der anthroposophischen Bewegung hervorgehenden Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus und der assoziativen Wirtschaft betrifft, wurde von mehreren Aktionären konstatiert, dass die Erwartungen nicht erfüllt worden sind. Es habe sich im Verlauf des Geschäftsjahres als unmöglich erwiesen, die Idee einer assoziativen Wirtschaftsweise innerhalb einer so kleinen Gruppe assoziierter Wirtschaftsunternehmungen zu verwirklichen. Dies wäre erst dann möglich, wenn in größerem Maßstabe an eine entsprechende Umgestaltung des Wirtschaftslebens geschritten werden könnte. Es wurde daher verlangt, die Gesellschaft solle die Tendenz der Offensive gegen das heutige Wirtschaftssystem verlassen und zunächst das Hauptaugenmerk auf die größtmögliche Wirtschaftlichkeit wenden. Da diese Richtung über die Mehrheit der Stimmen verfügte, ergab sich die Notwendigkeit personeller Änderung in der Verwaltung und einer Loslösung der Gesellschaft aus der bisherigen engen Verbindung mit der anthroposophischen Bewegung Herrn Dr. Rudolf Steiners. Es kam nicht zu Differenzen mit der geistigen Bewegung, wohl aber zu dem Beschlusse, diese reinlich zu scheiden von der «Futurum AG», um Letzterer die volle Entwicklungsmöglichkeit als wirtschaftlicher Unternehmung zu sichern. Dies hat zur Folge, dass die geistig-wirtschaftlichen Betriebe wie die Klinik, Laboratorien, Verlag und so weiter von der «Futurum» demnächst abgegliedert, bei der anthroposophischen Bewegung verbleiben sollen.
Meine lieben Freunde, ich glaube, wenn Sie nachdenken über den Inhalt dieser Sätze, so werden Sie sich sagen müssen: Der schlimmste Feind, der hier auftreten könnte gegen die anthroposophische Bewegung in der Schweiz, könnte nicht schlimmere Sätze schreiben als diejenigen, die hier geschrieben sind. Denn hier ist vor allen Dingen die Albernheit hingeschrieben, dass der Vorwurf, der dem «Futurum» gemacht werden kann, der ist, dass es seine Erwartungen nicht erfüllt hat, weil es nicht dasjenige erfüllt hat, was von der anthroposophischen Bewegung von der «Futurum» verlangt wird. Und nachher wird gesagt - wie gesagt, dass diese Dinge nebeneinandergestellt werden, ist weiter nichts als eine riesige, eine kapitale Albernheit -, nachher wird gesagt: Also muss das «Futurum» sich von der anthroposophischen Bewegung trennen, muss aufgeben die Offensive gegen das heutige Wirtschaftssystem.
Meine lieben Freunde, ich selbst muss ganz selbstverständlich diese Ausdrucksform als eine der schlimmsten Attacken auf meine eigene Persönlichkeit betrachten. Das werden Sie fühlen, wenn Sie sich die Dinge überlegen. Denn hier wird ja nichts Geringeres gesagt als: Dr. Steiner wird mit seiner anthroposophischen Bewegung, weil er zur Offensive gegen das moderne Wirtschaftssystem vorgeht, ja sehr gefährlich; also müssen wir es anders machen, wir müssen abrücken von ihm.
Meine lieben Freunde! Das ist der ganz gerade Weg, um die anthroposophische Bewegung vollständig zugrunde zu richten. Aber außerdem, wer versteht, was von mir selbst in Bezug auf das Wirtschaftliche auseinandergesetzt worden ist in den letzten Jahren, der wird finden, dass es eine gewissenlose Unwahrheit ist, wenn gesagt wird, es müsse doch, weil man nicht offensiv sein will, abgerückt werden von der Anthroposophischen Bewegung und danach von mir.
Als ob diese Offensive von mir ausgegangen wäre! - Diese offensive Form haben sich ganz andere Leute geleistet!
Meine lieben Freunde! Als ich das zunächst gelesen habe, da konnte ich denken, das haben irgendwelche ungeschickten Redakteure geschrieben, die ja der anthroposophischen Bewegung als solcher nicht grün sind. - Heute wurde mir aber das Original vorgelegt, die Originalzuschrift an die Redaktionen, und diese Originalzuschrift an die Redaktionen für diese schon Anthroposophie-feindlichen Taten geht von der gegenwärtigen Direktion des «Futurum» aus.
Das ist also geschickt worden an die sämtlichen Schweizer Redaktionen von der gegenwärtigen Direktion des «Futurum», das heißt von derjenigen Seite, die gerade in einer unerhörten Weise diese sogenannte Offensive eigentlich immer betrieben hat. Wenn in vernünftiger Art von dort geschrieben würde, so müssten sie eigentlich sich selbst zugeben, dass sie in der ganzen Sache, indem sie in dieser Weise vorgegangen sind und den Leuten die dümmsten Dinge fortwährend in öffentlichen Vorträgen an den Kopf geworfen haben, die Dinge selbst in der dümmsten Weise verdorben haben.
Das erlebt man, meine lieben Freunde, eben heute. Und es ist eigentlich im Grunde genommen eine schlimmere Beschimpfung der anthroposophischen Bewegung bisher nicht geleistet worden als hier von der jetzigen Direktion des «Futurum» aus. Ich habe es, wie gesagt, erst heute vorgelegt bekommen, dass dies von der gegenwärtigen Direktion des «Futurum» ausgegangen ist.
Ich muss hier ausdrücklich betonen, und das kann nicht genug betont werden, dass ich es als eine unwahrhafte, lügenhafte Attacke betrachte, wenn gesagt wird, dass man sich zu wenden habe gegen die Offensive, welche gegen das heutige Wirtschaftssystem getrieben worden ist, um nun zurechtzukommen. Es ist eine Unwahrhaftigkeit, die, wenn sie nicht aus Dummheit, sondern aus Absicht geschehen wäre, keinen anderen Zweck haben könnte als dasjenige, was sich hier abspielt, endlich darinnen gipfeln zu lassen, dass die gesamte anthroposophische Bewegung künftig so gestaltet wird, dass man mich aus dieser anthroposophischen Bewegung hinauswirft, um sie für sich zu haben. Ich sage nicht, dass diese Absicht bestehen muss, aber wenn man diese Absicht erreichen wollte, könnte man es nicht raffinierter machen, als es durch solche Schriften gemacht worden ist.
Das, meine lieben Freunde, ist notwendig zu sagen, nachdem mir heute klar vor Augen getreten ist, dass diese Schrift von der gegenwärtigen Direktion des «Futurum» ausgegangen ist. Ich meine damit natürlich nicht das, was ich auseinandergesetzt habe in Bezug auf die gegenwärtige Gestaltung des Verwaltungsrates des «Futurum» und so weiter, was irgendwie in einer noch wohlwollenden Weise [gesagt wurde]. Aber die gegenwärtige Direktion des «Futurum» hat ihre Tätigkeit damit begonnen, dass sie die eiligsten Schritte macht zur Untergrabung der anthroposophischen Bewegung in der Schweiz. Sie können sich ja denken, welche Folgen solch eine Sache in der nächsten Zeit haben muss.
Da haben wir es ja: Diese anthroposophische Bewegung ist eine gefährliche Bewegung, sie untergräbt das heutige Wirtschaftssystem; die eigene «Futurum» muss sich lostrennen, damit man nicht in diesem gefährlichen Fahrwasser ist!
Ich weiß nicht, ob in der richtigen Weise so etwas gelesen worden ist. Es muss offenbar gelesen worden sein, auch von Anthroposophen. Wenn es aber in der richtigen Weise gelesen und empfunden wird, so muss es auch so gefühlt werden, wie ich es eben jetzt ausgesprochen habe. Dann aber kann das nicht abgehen, ohne dass man die Öffentlichkeit darüber aufklärt, dass das ein durch und durch unwahrhafter, objektiv unwahrhafter, unwürdiger Angriff ist gegen die anthroposophische Gesellschaft vonseiten der heutigen Direktion des «Futurum». Ich kann nicht anders, als die Sache in dieser Weise zu charakterisieren.
Ich bitte Sie nun, die Sache wirklich zu überdenken, denn die Sache steht schon so, dass es nicht möglich ist, bei der Art und Weise, wie man von allen Seiten angegriffen wird, sich alles Mögliche gefallen zu lassen. Das ist nicht möglich. Ich gebe das zunächst nur in dieser Form Ihnen allen zu einer Überlegung, aber zu einer reiflichen Überlegung.
Morgen wird um 5 Uhr eine Eurythmievorstellung sein und um 8 Uhr wird die Betrachtung von heute hier fortgesetzt werden.
Es ist notwendig, dass ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass nicht von der anthroposophischen Bewegung jene tollen Dinge in die Welt hinausposaunt worden sind, sondern von derselben Seite aus ist das gemacht worden, die es jetzt der anthroposophischen Bewegung in die Schuhe schiebt.